Dichtungen einer Lebenden – Gedichte von Halina Poswiatowska

“Sie kommt in mein Haus
wie ein verfrorener Storch
ich frage – Poesie was hast du?”

Polen hat uns im zwanzigsten Jahrhundert einige wunderbare Literaten geschenkt, darunter auch Romanciers, doch vor allem sind es die Dichter und Denker wie Stanislaw Jerzy Lec, Zbigniew Herbert und Wislawa Szymborska, Czeslaw Milosz oder auch Tadeusz Różewicz – nicht umsonst bemerkte Joseph Brodsky, dass die interessanteste Lyrik des 20. Jahrhunderts aus Polen komme. Auch eine sehr tragische und nahezu unbekannte Gestalt hat dieser Zweig der polnischen Kultur uns beschert: Die Dichterin Halina Poswiatowska.

“Ich bin wie ein Stern
jederzeit bereit
vom Himmel zu gleiten
ins Weltall zu stürzen”

Halina wird am 9. Mai 1935 in der Tschechoslowakei geboren. Ihre Kindheit ist vom zweiten Weltkrieg geprägt und auch ihr Körper wird nach diesem Krieg für immer gezeichnet sein: mit einem Herzmuskelfehler, den sie sich durch einen langen, kalten Aufenthalt in einem dunklen Keller zugezogen hatte.

In einem Essay schrieb Samuel Taylor Coleridge einmal: “Es ist nicht schlimm zu wissen, dass man stirbt, solange zwischen einem und dem letzten Sekunde noch das nicht zu deutende Herz der Unendlichkeit schlägt.” Will heißen: Solange der Countdown noch nicht begonnen hat, ist der Tod nichts, was man wirklich fassen kann. Hanila Poswiatowska wusste früh, dass ihr Leben niemals lang sein würde und ein früher Tod das wahrscheinlichste war; für sie hatte der Countdown sehr früh begonnen und das unausweichliche des Todes wurde für sie zur täglichen Realität. Also beschloss sie das bisschen zu leben, was sie leben konnte: sie ging nach Amerika, um dort zu studieren; sie stürzte sich in ihre Liebesabenteuer, um sie mit der vollendeten Gewissheit zu erleben, dass es die bleibenden, weil letzten, sein könnten; die wichtigsten. Denn Liebe und Tod sind für die Menschen letztlich (vielleicht nicht wirklich, aber im Leben regieren die Symbole und das Gefühl, nicht die Logik) wie Weiß und Schwarz.

“und wenn ich an dich denke
ist es
als flatterte ein Schmetterling in der Hand
gefangen und blind”

Weiß und Schwarz, Tod und Liebe, das sind die Eckpunkte dieser aufs Leben gerichteten, darin schlagenden und doch überall leis vom Tod umgebenen Dichtung. Diese wenigen Motive überkreuzen sich häufig, und auch, wenn kaum ein Gedicht mit einem frontalen Spiegelfechten gegen den Tod, mit der Liebe an der Hand, aufwartet, ist es doch genau das, was unterschwellig in jeder Zeile vermutet werden muss, wenn man um die Umstände weiß, unter denen diese Dichtung entstanden ist. Herzschlag bestimmt die kurzen, allerhöchstens zwei Seiten langen Gedichte, von denen die meisten auch ohne Titel geblieben sind, Herzschlag und die drängende Flüchtigkeit der Bilder. Sie beginnen einfach, fallen mit deb Worten ins Leben, mit dem Leben ins Wort.

“der schrei eines sterbenden Vogels,
durch verstreute Stäbe aus Haar
eisige Stille lehnt
am schwankenden Arm der Melodie

der braune Tag läuft
mit nassen Füßen über Dächer
Regenfinger irren umher

einen Schatten im Schlepptau
durch die windtrunkene Straße
ging die Liebe fort”

Kann einen noch die Einfachheit, die liebend-naiv zerrissene Stimme beeindrucken, wenn man weiß, wie demütig man sie eigentlich sezieren müsste, um den Schmerz ganz unverhüllt zu finden und zu spüren? Denn er ist verhüllt dieser Schmerz, schön verhüllt, zu etwas Leuchtendem verwandelt.
Natürlich lautet die Antwort Ja und sie muss ganz deutlich in den Mund von jedem finden, der diese Gedichte lesen will: Ja, ich lese hier Gedichte, die geschrieben wurden, um das Leben zu erreichen und nicht, um vom Leben aus schon den Tod zu verstehen. Wer den Tod wirklich schon vor sich hat, der kennt ihn wohl und ihm wird wenig daran gelegen sein, noch etwas darüber zu erfahren – im Gegenteil wendet er sich wohl ganz dem Leben zu.

Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Dichtungen lesen durfte und das, gerade weil sie nicht den Tod erklären können oder ihn in die Nähe einer Erkenntnis rücken; sondern weil es jedem der Liebesgedicht gelingt ein Liebesgedichte zu sein, weil es jeder Zeile gelingt zu dem Gedicht zu gehören. Ja, vielleicht ist das überhaupt das größte: Dass diese Gedichte keine Brüche enthalten, keine Spiele, keine Verzerrungen – sie sind einfach poetisch und ihre Bangigkeit und Kraft sind ein unvergleichlicher Tenor.

“du fragst – was schleppen Wanderkamele
in ihren Höckern

sie tragen mein Herz
durch die Wüste”

Wenn wir uns wieder mal, vor einem neuen Gedichtband, fragen warum wir Gedichte lesen, dann wissen wir, dass die Antwort nicht in allen Büchern liegt, sondern nur in ein paar ganz bestimmten. Ich glaube, ich kann garantieren, dass dies eines dieser Bücher ist; – nicht nur weil niemand anders diese Gedichte hätte schreiben können, sondern vor allem, weil niemand anders sie hätte schreiben müssen.

“diese Worte hat es immer gegeben
im offenen Lächeln der Sonnenblume
im dunklen Flügel der Krähe
und auch
im Rahmen der angelehnten Tür”

Die Dichtungen von Halina Poswiatowska sind, wie eine anderer Rezensent einmal sehr trefflich bemerkte, eine Art Seelenkartographie; die Versuche einer totkranken Frau, ihre Liebe und ihren Schmerz in poetische Vorposten umzuwandeln, sich der Lebendigkeit in Gedichten zu öffnen. Bangigkeit und Kraft herrschen gleichsam in ihnen vor, bestimmen die erst rasch und flüchtig anmutenden Bilder und Metaphern, die jedoch im Einzelnen einem fast schon sinnbildlichen Gefühlsausdruck entsprechen.
Ich empfehle dieses Buch jedem, der gerne kurze, bilderstarke Lyrik liest.

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