Kurz zu Peter Handke und seinem Torwart

“Bloch war ziemlich betrunken. Alle Gegenstände schienen außer seiner Reichweite zu sein. Er war so entfernt von den Vorgängen, dass er selber in dem, was er sah oder hörte, gar nicht mehr vorkam.”

In Handkes Novelle geht es zwar um einen ehemaligen Torwart, doch damit hat sich die Verbindung zum Fußball auch schon, es sei denn, man bemüht die Metaphorik. Denn eigentlich geht es in der 106 Seiten langen, spröde, bildhaften Geschichte um eine einfach und doch groteske Daseinsverzerrung – Bloch, der ehemalige Torwart, wird gleich zu Anfang des Textes als Form aus der Welt hinaus geschlagen und taumelt in eine abseitige Ebene der Realität – gleich der erste Satz vernichtete alle Festigkeit die der Protagonist irgendwann einmal besessen haben könnte:
“Dem Monteur Josef Bloch, der früher ein bekannter Tormann gewesen war, wurde, als er sich am Vormittag zur Arbeit meldete, mitgeteilt, dass er entlassen sei. Jedenfalls legte Bloch die Tatsache, dass bei seinem Erscheinen in der Tür der Bauhütte[…], nur der Polier von der Jause aufschaute, als eine solche Mitteilung aus und verließ das Baugelände.”

Bloch erscheint uns auf diese Weise sofort wie ein Fetzen, wie aus einer Zeitschrift herausgerissen, ein Stück, dass für sich sprechen kann, dem aber trotzdem seine eigentliche Umwelt fehlt. Und so nimmt sich Bloch von da an auch selbst war; ständig versucht er eine neue Definition von sich zu bekommen, versucht all die Gesetzmäßigkeiten seiner Umwelt und Gesellschaft zu durchleuchten und zu verstehen. Dabei stößt er sich vor allem an der Sprache, aber auch an den Umgangsformen und den Kausalitäten menschlicher Handlungen, die plötzlich auf den einfachsten Ebenen wie unbegreiflich sind. Gleich einem zweiten Mersault (Siehe: Albert Camus, der Fremde) wandert er ziellos und von allem unangetastet umher, ohne sich selbst zu finden – stattdessen versucht er die Welt zu finden um sie als Spiegel zu benutzen, um sich endlich doch wieder selbst sehen zu können. Für den Leser wird diese Reise ein irritierendes und doch erfahrungsträchtiges Ringen mit Handkes Figur, mit seiner sperrigen Erzählung, mit der ohnmächtigen Atmosphäre.

Handkes Sprache und auch seine Gedankenspiele sind äußerst beeindruckend und üben wohl auf jeden Literatur- und Sprachbegeisterten eine bleibende Wirkung aus. Daran das der Text inhaltlich äußerst belanglos bleibt (es kommt ein Mord vor – sehr am Rande; quasi nur als stechender Schmerz, der durch den Text pulsiert) kann man sich stoßen, aber die große Kraft und Bildhaftigkeit, die Handke mit Bloch auf die Welt wirft, hat zumindest mir einige sehr schöne, flüchtige Lesestunden beschert; dennoch: ganz abschließend kann man auch kritisch hinterfragen, ob die autistische Prosa Handkes neben ihren vielen kleinen Ideen wirklich etwas Handfestes zu bieten weiß, was man wohl verneinen muss. Es bleibt eine Prosa ohne Ansicht, denn für Handkes Sprache ist alles durchsichtig.

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