Die “Aufsätze” von Robert Walser

Als Robert Walser nach einem friedlichen, beinahe 25jährigen Aufenthalt in zwei Heil- und Pflegeanstalten, 1956 auf einem Weihnachtsspaziergang starb, war er ein Unbekannter, ein Unerkannter, und doch hatte er sich bereits zu seinen Lebzeiten die Sympathie und Verehrung von Künstlern wie Robert Musil, Franz Kafka, Hermann Hesse, Richard Dehmel, Max Brod, Stefan Zweig, Alfred Polgar und Walter Benjamin erworben.

Heute, da eine umfangreiche Ausgabe seiner Werke vorliegt und seine Romane in die Reihen aufgenommen wurden, die die große Literatur des 20. Jahrhundert rekapitulieren, scheint seine gediegene, einmalige Prosa endlich die ihr zustehende Geltung zu bekommen.
Doch weiterhin sind es gerade seine Hauptwerke, diese hunderten, kleinen, nahezu winzigen, Prosastücke, denen der Ruhm und die breite Leserschaft verwehrt bleibt, obwohl sie sowohl romantische, als auch intellektuelle, als auch ästhetische, ja sogar essayistische Vorzüge und Anteile haben und in ihrer komprimierten Form das vollbringen, was sonst nur ein selbst erlebter Moment vermag: die unmittelbare Konfrontation mit dem nicht nach Außen zu verlegenden Ich, mit der Welt ohne Ich, in der dieses Ego seine Wege beschreitet und von Walser, mit einem Mal, damit zusammengebracht wird. Eine Begegnung, bei der beide Akteure sich unklar und undeutlich gegenüberstehen.

Der schmale Band “Aufsätze” (dritter Band der Walser Werkausgabe) – welcher im Titel an sein erstes Buch “Fritz Kochers Aufsätze”, die philosophisch, träumerischen Schulaufsätze eines angeblich verstorbenen Jungen erinnert, was eher irrig ist, da dieses Werk kein Rückgriff auf diese Idee ist – ist in den Jahren 1908-1912 in Berlin entstanden, eine Stadt, die den Inhalt einiger Texte in diesem Band nachhaltig inspiriert und geprägt hat – vor allem insofern, dass die geseschaftlichen und städtischen Züge auf die Gestalt der Betrachtungen einwirkten.

Ansonsten geht es in den zahlreichen Miniaturen vor allem um das Theater und um Personenskizzen; verschiedene Schriftsteller (u.a. Schiller, Kleist, Brentano, Stendhal, Büchner) werden in Szene gesetzt und kurze Teile ihrer Werke eingebaut, umgeschrieben, neu interpretiert; auch freudige, warme Natur und Liebesmomente sind, sind enthalten und auch für kleine philosophische Skizzen und Anmerkungen mit ihren feinen Satzbögen voll “schauerlustiger” Wahrheiten findet Walser inmitten seiner Ausführungen und Abschweifungen, einen konzentrierten kleinen Platz.

Wie Jochen Greven im Nachwort ganz richtig bemerkt, ist der für sich allein stehende Titel “Aufsätze” etwas irreführend, da sich in diesem Band Epik und Dramatik und kein rechtes Feuilleton findet und Walser den Titel wohl in einem anderen Sinn verstand – ich zitiere Greven: “er dachte an -Aufgesetztes- ganz allgemein, literarische Improvisationen beliebigen Inhalts und freiester Gestalt.”

Und so kann man diese Ansammlung von Geschichten, Personen, Philoromantik, Dialogen und Nachdichtungen als eine Art Lesebuch sehen, in dem Walser gleich einem Metamorph durch äußere Anlagen seiner selbst schleicht, Gesellschaft und Umgebung, Lektüre und Empfindung unter Masken geschliffener Prosa auftreten lässt und in aller Vielfalt sein virtuoses Plappern, seine kunstvolle Marmorierung und sein unschuldiges Hinterfragen praktiziert – oder um es ihn selbst in Worte fassen zu lassen: “Es kommt mich Lachen/ Und Lächeln an./ Was liegt daran!/Das sind so Sachen…”

Man könnte noch vieles aus diesem Buch zitieren; man könnte auch darauf hinweisen, dass es zwar inhaltslos scheint, gewöhnlich, und doch nach dem Lesen mehr wesentlich mehr zurücklässt als viele andere Bücher; der Zauber von Walsers tief gelegenem Schreiben besteht nun auch zum großen Teil aus seiner Art, keine Wasserfläche in Fluten und Stürmen zu verwandeln, sondern die Schönheit ihres Anblicks immer neu zu beloben, den großen Spiegel, den sie darstellt, zu füllen und die Tiefe darunter, ohne sie anzutasten, aufzuzeigen.

Doch am Ende lässt sich meine Betrachtung zu diesem Werk am Besten mit einem Absatz von Walser selbst schließen; er zeigt die nicht eben direkte, aber doch feinsinnige und intelligente Klarheit, mit der Walser die Empfindungen, die die Dinge ihrem Wesen nach für ihn bereithalten, beschreibt, diese dünne Poetik, unterhalb jedes Staunens, aber doch nicht ohne Sehnsucht oder Wunsch – und in welchem er, so bilde ich mir ein, uns auch ein wenig die Geste seines Schaffens offenbart: “Eine Welt glatt wie Glas, ein Leben sauber wie eine Stube am Sonntag. Keine Kirchen und keine Gedanken mehr. Puh, mich friert. Es sollte doch wohl immer noch allerlei in der Welt geben. Mich würde nichts bewegen, wenn nicht allerlei mich bewegte.”

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