“Am Robbenkap” mit Robin Robertson

“Regen, sagtest du, ist verstärkte Stille.
Seit Tagen regnet es,
und selbst wenn es aufhört,
ist da noch immer ein Geräusch
von Regenwasser, das sich müht
auf irgendeinem Weg ins Erdreich zu dringen.”

Schottische und irische Dichtungen enthalten stets eine leichte Heimatverbundenheit; dieses Gefühl, oder besser: diese Regung ist nicht unbedingt zentrales Thema ihrer Gedichte, aber wo sie es nicht ist, hat ihre Lyrik dennoch einen Schatten dieser Verbundenheit inne, eine Art mit der Umgebung umzugehen und ihre Thematiken zu gestalten; kurz gesagt: sie bleibt als Einfluss auf der Ebene des Schreibens selbst. Das kann man in vielen Gedichten von Seamus Heany oder Paul Muldoon und auch bei Don Paterson, Robin Fulton oder John Burnside sehen. Und eben auch bei Robin Robertson.

“Stell dir mich als Wind vor – die Kraft,
von der Tiere und Vögel wissen,
dass es sie gibt, aber nicht bedrohlich ist:
Teil ihrer Welt, doch fremd.
Der Gott, der kommt; die Gottheit, die verschwindet.”

Beinahe die ganze große Dichtung der Moderne, von Ingeborg Bachmann über Robert Frost, Borges, Neruda, Hughes, Brodsky, Heany, Gustafsson, bis Tranströmer und Simic, bewegt sich zwischen dem fragilen Persönlichen, dem Erinnerten und Erlebten, und der allumfassenden Wirklichkeit (oder Unwirlichkeit) des Augenblicks und kreist um die Eindringlichkeit, mit der das eine um das jeweils andere wirbt; dabei wird, im Gegensatz zur deutschen Gegenwartspoesie, die ihr Heil allzu oft in einem funktionellen Reduktionsoverflow, mit Anklängen an englische Sprachmodalität sucht, weniger mit den definierten, als mit dem assoziativen Aspekt der Sprache (als Deuter, Kenner, Überbringer oder Überträger) experimentiert (wobei experimentiert hier ein allzu hartes Wort ist; vielleicht wäre “gearbeitet”, hätte es nicht einen allzu einfachen Terminus, fast besser). Ausdruck geht dabei nicht immer simultan mit dem einzelnen Begriff, dem einzelnen Wort einher, sondern mit einem langsam herausgebildeten Überbegriff, der sich aus allen Sätzen und Wörtern durch ihr Ineinandergreifen zu einer herauskristallisierten Botschaft verdichtet.

“Was der Schnee mit Pelz verbrämt hat bis hin
zu Stille und Gleichförmigkeit,
hebt der Frost heraus, macht es einzigartig;
gibt jeder Form einen Klang,
eine Umgrenzung,
als wollte Frost wissen
was Schnee zu vergessen sucht.”

Im Großen und Ganzen stehen Robertsons Gedichte auf den ersten Blick, wie die vieler moderner Dichter, außerhalb jeder Tradition, mal abgesehen von dem inhärenten Versuch, poetische Kontemplation zu betreiben. Und doch ist natürlich eine Tradition vorhanden – sie ist wie das Grundwasser für allerlei Arten von Pflanzen und Bäumen, die scheinbar unbeeinflusst von ihr aus der Erde sprießen.
Die moderne Poesie hat sich stärker auf einen Punkt konzentriert (und ihn erstmals vollständig erreicht), der eine der großen Möglichkeiten der Lyrik seit jeher darstellt: den persönlichen Ausdruck einer Existenz im Angesicht der aus allen Wortschöpfungen und ihrer Bedeutung zusammensetzbaren Abbildung von Abläufen, Beobachtungen, Zusammenhängen der Welt auf einem Blatt Papier, auf dem die Linien einiger Augenblicke, seien sie nun Geschehen oder Denken, seien sie oberflächlich, transzendental, wissend, unwägbar, hintergründig, inhärent, in- oder deduktiv, geistig oder physisch, aufeinandertreffen und, wenn das Gedicht gut ist, sich sofort wieder in alle Richtungen entfernen, ohne das man ihre Überschneidung vergessen kann.

Von diesem zentralen Punkt aus, schlugen die modernen Dichter dann verschiedene Wege ein. Manche vollzogen den Weg zu einem eigenen Sprachsatz, einer Chiffrierung ihres Seins in Buchstabenform (Celan, Bachmann, Sachs) andere machten sich die Präzision oder die Schwere und Leichtigkeit zu nutze (Neruda, Frost) und wieder andere verschmolzen ihr Wissen und ihr mythologisches oder mystisches Interesse mit ihrem eigenen Wesen und ihren Versen (Borges, Brodsky, Hughes) und natürlich gab es noch die, die aus der reinen Natürlichkeit ihrer Erfahrung kombiniert mit signifikanter Vorstellungskraft dichte(te)n (Simic, Gustafsson, Zagajewski). Und eine der wesentlichen, fast noch traditionellsten, Strömungen verband wiederum ihre persönlichen Erfahrungen, Gedanken und Interessen um die Komponente der zärtlich-ästhetischen Sprachblüten und, dies weiterentwickelt, der rein sprachlichen Illumination. (all diese Bestimmungen sind rein konstruktiver Art und nicht als Eingrenzungen oder alleinige Aussage über das Werk der Dichter zu verstehen, da eigentlich viele von ihnen mehreren Gruppen angehören müssten und diese Aussagen sich, wenn überhaupt, auch auf die Physis der Werke beschränken müssen und nicht ihren Gehalt oder ihre innere Ausrichtung.) Zu diesen gehören Zbigniew Herbert, aber auch Tomas Tranströmer und, um endlich zu diesem Band überzuleiten, die Gedichte von Robin Robertson.

“Der wilde Wein hat seine Kirche
im Apfelbaum errichtet: Scharlachrote
Spitzenarbeit, Wimpel, Ranken
aus Purpur und Bernstein,
hingen wie Adern in ihrem Wirt.
Funklend, jaspisfarben, von Rot durchschossen,
ist der sonnendurchflutete Baum eine Glasmalerei:
Kathedrale von Blut und Gold.”

All das, was ich zwischendurch über die Einschätzung dieser Gedichte angemerkt habe, also das sie eine heimatverbundene Unterströmung haben und eine durch Sprachblüten vorangebrachte Art (als ginge hinter jedem Gedicht die Sonne auf wie über einer Kathedrale — um Gutes und Schlechtes zu bescheinen), mag als EIN Ausgangspunkt für eine Beschäftigung mit Robertsons Poesie herhalten. Denn letztlich sind diese Gedichte als Wesenheiten schwer zu fassen, weswegen ich auch den sehr langen Umweg genommen habe.
Beim Lesen des Bandes habe ich mich oft gefüllt, als ginge ich durch ein Bilderlabyrinth in dem viele der Bilder ebenfalls Labyrinthe sind – nicht, weil sie wirklich verschachtelt sind oder formal diesen Eindruck erwecken, sondern weil man oft das Gefühl hat, dass sie einen in die Irre führen, trotz all ihrer aufblitzenden Schönheit und ihren offenkundigen Verweisen auf eine Freude, ein Dilemma, einen Moment oder einen Anschein. Geometrisch dargestellt würde man sagen, dass man es für inhärent logisch hält, dass ein Gedicht sich normalerweise in einem rechten Winkel vollzieht oder zumindest einer anderen geometrischen Figur, die seinem Wesen entspricht, sei es auch ein Parallelogramm, ein 10²²eck oder ein Kegel, gleicht. Aber die Linien in Robertsons Gedichten halten oft plötzlich inne und es bleibt ein halbgezeichnetes Dreieck. Dieses Dreieck ist jedoch wiederum von einer Perfektion, als hätte jemand genau bis hierhin gezeichnet, filigran und sauber und dann mit einem Lächeln vorsichtig Stift und Lineal beiseite gelegt. Anders gesagt: die Perfektion liegt nicht in der Vollendung der Form, sondern in der Unverwischtheit der Linien, der klaren Art des Fragments auf dem Papier.

“Das Sonnenscharnier am verbrannte Horizont
hat den versiegelten See geweckt,
einen Schlauch aus Klang geschaffen. Kein Wind
nur gewölbte Platten aus Luft,
die sich unterm Falleneis verformen,
nachgeben wollen; ein Ächzen und Grollen,
als würden weit unten schwere Tische geschoben.”

Wie soll man solche Gedichte empfehlen, wenn man doch nicht mal selber weiß, ob ihre Erweckung möglich oder lediglich ansatzweise möglich ist? Man könnte umständlich sagen: Für jeden, der Kunst nicht als Vollendung, sondern als Wunsch, als Kunstansatz, als eine Ahnung von Kunst schätzen kann, die dem Leben in ihrer Form und Ausrichtung gleichzuziehen versucht, sind diese Gedichte sicherlich eine Wahl. Aber wem wäre mit so einem Satz geholfen, der ja irgendwie zwischen den Stühlen sitzt.

Also sage ich einfach, dass diese Gedichte im hohen Maße ein poetisches “Gespür” beweisen. In wie fern dies ein Gedicht zu einem “brauchbaren” Erlebnis macht, ist sehr ungewiss – ich bilde mir ein, dass es trotzdem in diesem Buch sehr viel auf (und unter) der Oberfläche zu entdecken gibt (was wiederum vielleicht allzu leicht als Tarnung für Unterschwelliges gedeutet wird). Oder noch und noch mal anders gesagt: Wer mal eine richtige poetische Nuss knacken will, wer ein Buch einmal gegen Morgen, dann gegen Mittag, Abends und Nachts lesen will, um es wieder und wieder zu in einem anderen Licht zu sehen, weil man spürt, dass irgendwie in diesem Buch mehr als die Seiten zweier Münzen schlummern, dem sei “Am Robbenkap” sofort als ein Begleiter ans Herz gelegt. Es ist eine tröstliche Vorstellung, dass in all dieser Zeit noch Bücher existieren, die sowohl geistiges, ästhetisches, als auch, kurzweilig, ein metaphysisches Potential besitzen – wahre Objekte der Faszination.

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