Monthly Archives: May 2014

All you can read


Vorweg: Wer ein Buch sucht, das tippsicher seine Bücherschränke und seinen Horizont in Sachen Büchern erweitert, ist hier sicher eher fehl am Platze – wer ein Buch sucht, dass die Lust (und teilweise auch den Frust) am Lesen wunderbar unversnobt zelebriert und dabei mit allerlei Komik, Selbstironie und Erzählgeist punkten kann, dem wird dieses Buch eine kurze Freude zwischendurch bescheren.

Man kann sich einen Schriftsteller wie Nick Hornby schwerlich dabei vorstellen, wie er sachliche, ernste Prosa schreibt und ein Buch mit den klassischen Maßstäben der Erörterung oder des Essays bespricht, Pros und Contras aufeinanderprallen lässt und abschließend eine Empfehlung oder eine Literaturverortung nach Art von 1-5 Sterne vornimmt. Und Gott sei Dank hat er das auch nicht getan.

Stattdessen bespricht er in 14 Kolumnen (aus der Zeit vom Februar 2005 bis zum Juli 2006, veröffentlicht in der der Zeitschrift “Believer” – die Reihe erscheint seit September 2003 bis heute – Link http://www.believermag.com/contributors/?read=hornby,+nick) Bücher, die er in den Monaten davor gelesen und gibt an, welche er gekauft hat. Jedem 7-8seitigen Text ist eine Liste der gekauften und der gelesenen Bücher vorangestellt.

Hauptsächlich handelt es sich dabei um Romane und Hornby schafft es dieses Genre immer wieder mit einer unproblematischen Eleganz zu umgeben und uns mehr als eines dieser Bücher auf Umwegen ans Herz zu legen.
Aber auch Briefsammlungen, Lyrik, Biographien, Sachbücher kommen am Rande vor, wobei alle diese Bücher von Hornby als Einzel-/Sonderfälle behandelt werden.

Wenn jemand über Bücher schreibt, kommt es oft nicht darauf an, ob er die Bücher durch und durch verstanden hat und sie uns jetzt erklären kann (das ist eine ganz andere Baustelle), sondern ob er uns ihre Vorzüge, ihre Schönheit und ihre Einzigartig nahebringen kann und sehen lässt. Ein Buch kann nun mal nie durch einen anderen Text aus zweiter Hand ersetzt werden, deshalb muss ein guter Rezensent Appetit machen und Menüs und Speisen empfehlen, wenn er denn Hunger auch nicht stillen kann.

Hornby tut das, mit schräger, beinahe mutwilliger Eigensinnigkeit und dabei sehr erfolgreich. Letztendlich kann man das Buch auch lesen, ohne sich auch nur einen der Buchtipps zu merken, denn es ist wirklich amüsant geschrieben und mit vielen Ansichten und Einsichten, die das Leserlebnis allein schon rechtfertigen würden – und einer kleinen Prise literarischer Anarchie.

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Unser blauer Planet: Was er leistet und kann – wie er wurde, was er ist


Da sind wir nun, auf diesem kleinen, blauen Planeten, in einem unendlichen Universum, das uns voller Rätsel präsentiert wurde und dessen Lebensraum für uns zum größten Teil als lebensfeindlich einzuordnen ist und mit dem Leben wahrscheinlich auch nicht viel am Hut hat. Dieses uns zugefallene Wunder, das Leben, entstanden aus Zusammenspielen von Kohlenstoffen, Wasser und einigen zirkulierenden Prozessen, ist für uns bisher gesichert nur auf der Erde vorhanden. Und trotzdem gehen wir mit der einzigen Heimat, dieser unserer Grundlage, nicht gerade sorgsam um und haben ihre uns freundlich gesonnene Art bereits so stark belastet, dass sie sich einst oder bald zu unseren Ungunsten entwicklen könnte – und das, obwohl wir gerade mal einen winzigen Bruchteil seiner Geschichte miterlebt haben. Denn dieses blaue Kugel hatte schon mehrere Milliarden Jahre an Veränderungen hinter sich als wir die Bildfläche betraten und uns unsererseits daran machten, die Dinge zu verändern.

Dieses Buch ist gewiss keine Liebeserklärung oder Ermahnung, wie man jetzt nach dieser Einleitung denken könnte. Aber gerade weil es in diesem Werk schlicht um die Ursachen, Auswirkungen und Abläufe in den verschiedenen geologischen, atmosphärischen und sonstigen Zonen unseres Planeten geht und dadurch ein Portrait unseres Planeten entsteht, habe ich es als eine Bewusstseinerweiterung empfunden, die auch die Ehrfurcht und die Sympathie für unseren Planeten wieder stärkte. Selbstverständlich muss man für die Schönheit der vielfältigen Prozesse im Erdinneren, für Vulkan- und Entwicklungsfragen und die Geschichten über die Lebensweise der Erde empfänglich sein, um es so sehen zu können.

Für alle anderen Leser bietet sich ein kompakter erster Einblick in die Architektur unseres Planeten, von Aufbau & Inhalt, über Plattentektonik, Sedimentschichten und Magnetfelder, bis zu Vulkanen und Erdbeben. Martin Redfern ist dabei zwar dann und wann etwas fachlich, aber stets informativ – mehr als einen hier und da vertieften Abriss kann natürlich auch er auf knapp 190 Seiten nicht leisten, doch auf diesen 190 Seiten findet sich wenig Uninteressantes oder Unmaterielles, nur ein-zwei Wiederholungen schleichen sich ein. Es ist, das sei klar gesagt, kein Text zum einfach drüber hinweg lesen. Gerade zu Anfang der einzelnen Kapitel, wenn ein neuer Bereich erschlossen und die zentralen Begriffe für die nachfolgenden Erklärungen geprägt werden, muss man schon aufpassen und sich in die Vergleiche und Ideen einlesen, mit denen der Autor die Systeme erklärt und die den Fokus für ansonsten sehr komplexe Themen bilden.

Das Buch ist mittlerweile über zehn Jahre alt – sicher gibt es einige neue Erkenntnisse, andere von Redforn angesprochene Themen haben sich noch verschärft oder es wurden neue Wege zur Erforschung entwickelt. Die klimatische Erwärmung, die er bereits mit ein paar Worten am Rande erwähnt, verliert ein wenig ihren Schrecken, wenn man die riesigen Zeitläufe bedenkt, in denen die Erde existiert. Allerdings führt Redforn seine Ausführungen auch immer wieder auf den Menschen und die Auswirkungen der Erdprozesse auf seine Existenz zurück; obgleich also vieles in diesem Buch sich den Dimensionen des menschlichen Zeitempfindens und Verstehens enthebt, macht er klar, dass keiner dieser Prozesse uns wenig angeht, und bringt gute Beispiele dafür, die nachhaltig zu Denken geben.

Als Einführung ist dieses Buch für vielseitig Interessierte und Neugierige sehr zu empfehlen. Man sollte keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, denn so etwas kann ein solches Buch einfach nicht leisten. Doch in seinen Grenzen leistet es Erstaunliches.

 

Link zum Buch

Jan Skácels wunderbare Poesie in “Wundklee”


“die laubigen laubfrösche bitten laut
(der morgen stellt sich häufig taub und blind)
mit laub auf den stimmen mit zungen betaut
für alle die im herzen barfuß sind”

Gedichte haben mir gezeigt, dass das Unspektakuläre oft sehr viel höher in unserem Empfinden Nachhall und Gleichsinn findet, als das Spektakuläre, das allein für den Moment uns als winzig in sein Ebenbild stellt. Auch das Gedicht tut dies, aber mit dem Zusatz, dass es wiederum einen kleinen Teil seiner selbst von diesem Ebenbild ausschließt und uns zukommen lässt – dieser Funken, der uns Gedichte mit Bereicherung lesen lässt, ist nicht leicht zu beschreiben . Er liegt irgendwo zwischen Erinnerung und Erfahrung und verbindet uns auf einer ganz speziellen Ebene der Sprache mit unserer innersten Wahrnehmung, einem vielschichtigen Gefühls- und Bilderkatalog, in diesem Moment zugänglicher als wir es sonst je erfahren.

“kindheit ist das was irgendwann
gewesen ist und aus dem Traum nun hängt
ein faden fesselrest den man
zersprengen kann und nie zersprengt”

Es gibt ganz unterschiedliche Weisen, auf welche ein Gedicht gelingen kann – doch oft ist es leider nur eine zentrale Komponente, mit der ein Dichter sein Werk zusammenhält. Groß muss man daher wohl die Dichter nennen, bei denen sich teilweise diese einzelne Komponente nicht findet, dafür aber zahllose sehr individuelle Komponenten.

Jan Skácel hat das beinahe klassische Schicksal der osteuropäischen Dichter des 20. Jahrhunderts erlitten, wie auch Joseph Brodsky, Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam und unzählige andere. Seine Werke durften nach dem Ende des Prager Frühlings nicht mehr gedruckt werden, obwohl er – trotz Engagement und humanistischen Prinzipien – kein politischer Dichter war; erst gegen Anfang der 80er Jahre, als auch in der Tschechoslowakei das Tauwetter einsetzte, wurde das Verbot aufgehoben. In Deutschland hat sein Werk durch Rainer Kunze eine sehr beeindruckende und filigrane Übersetzung erhalten, die auch einige geniale Nachdichtungen enthält. Skácel starb 1989.

“und wie eine unerbittliche seltenheit
wird erinnerung auf erinnerung gelegt werden
ins nichtgedächtnis der welt”

“und nicht wahr ist`s dass das schicksal uns betrügt
weil das schicksal eine münze ist die lange fällt
ob der adler fällt oder der kopf
wird sich zeigen wenn sie auf der erde liegt”

Als ein Dichter der zu unterlassenen Schwermut, der einsamen Hoffnungskerze, ist die Atmosphäre in Skácel’s Versen nah bei den Werken des deutschen Dichters Peter Huchel oder auch bei denen seines russisch-amerikanischen Kollegen Brodsky zu verorten. Nachdenklich, jedoch vollkommen unabstrakt, arbeitet er in seinen längeren Gedichten (die meist auch über eine Seite nicht hinausgehen) mit uneindringlichen, langsam in das Thema seines Gedichts überschwappenden Bildern, die sich mit einer Welt aus Schemen und Lichtmomenten, einer gewissen Armut des Lebens und einer Fülle des Lebendigen verbinden.

“die häuser am holunder tun mir leid
all ihre Wunden möchtest du verbinden
nacht ist’s in den höfen duften die linden
wie eine ratte nagt am putz die zeit”

Auf der anderen Seite sind da die kreisrund anmutenden Vierzeiler (aus denen hier am meisten zitiert wurde). In Ihnen hält Skácel Dialog mit dem Leser, wie es nur wenige Dichter ohne Übergriff oder Mahnung vermögen. Mich haben diese Vierzeiler am meisten beeindruckt, auch wenn Skácel ansonsten ebenfalls ein filigraner Poet ist. Aber man sucht ja immer das, was einen selbst mit neuer Stimme und doch mit ewiger Erkenntnis, die man schon leise in sich hält, anspricht.

“vor der für immer letzten pforte
wenn man hinübersieht
kehrt zurück die kinderträne
und kullert unters Lid”

Beobachtend, dabei mit einem Gespür für das Verflossene, das uns noch in den Ohren rauscht, das wir wiedersehen dann und wann, ohne es zu sehen, auf das man aufmerksam machen muss, weil seine Essenz für das Verständnis unabdingbar ist; weil wir damit dem Bemühen eine flüchtige Schönheit entgegenstellen können, die die Wirkung des Daseins auf uns für einen Moment beweist und jeden Todeseindruck widerlegt, wenn auch nicht jede Verlorenheit, der man so aber kurz (mit einer Annäherung) widersteht

Die Kunst, mit den Worten die Dunkelheit zu vertreiben, ist möglicherweise nicht zu erreichen. Die Kunst, mit Worten die Dunkelheit zu erhellen und in diesem Lichte die Dinge wieder neu ansehen zu können, ist etwas, für das ich immer wieder dankbar bin – ich persönlich finde dieses Licht oft in Gedichten, auch vielfach in diesen Gedichten von Jan Skácel.

“Noch glauben wir’s einander nicht dass aus dem nahen dickicht
der herbst tritt
Immerzu liegen die bäume vor anker in wurzeln wie glocken
Sicherheit überkommt
Und wunderschön das überflüssigsein der klage”

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