Flüchtige Betrachtung zu Patrick Modianos “Eine Jugend”

“Und doch war die Luft durchwirkt von einer besonderen Gegenwart.”

Dieser Satz auf Seite 31 von “Eine Jugend” – in seiner Schlichtheit und seinem Festhalten an einer Atmosphäre, die ein Erlebnis zu einem Moment zu verdichten sucht, kann er ein wenig als Wesenszug für das ganze sacht-turbulente Buch von Patrick Modiano herhalten. Erinnerungen als Präsenz und Essenz eines Textes. “Vergangen” als zentrale Eigenschaft des Bleibenden.

In erster Linie ist “eine Jugend” ein Paris-Roman und wer sich in Paris ein wenig auskennt, wird sicherlich eine noch größere Freude an den Spaziergängen und Aufenthaltsorten der Protagonisten entwickeln – für die anderen ist es ein dauerhaftes Schweifen durch eine farbige, lichtasphaltierte und geheimnisvolle Stadt, die Erinnerungen mit Wörtern und Sehnsuchtsausdrücken beschwört:  Jardin … Café … Universite … Rue & libérte …

Es geht um Jugend und gleichzeitig geht es auch um das nicht mehr jung sein. Louis und Odile, ein Ehepaar, das sich an ihre Jugend erinnert, trafen schon damals Menschen, die ebenfalls Erinnerungen hatten und alt geworden waren. Hier ist der Schnittpunkt und der Gedanke um den Modiano kreist: die ewige Erneuerung der Jugend und des Alters und das faszinerende und dichte Phänomen der Erinnerung im Gefüge menschlicher Existenzen. Leben – ein nie endender Fluss voller vergessener Empfindungen, voller Nächte die man an die Decke blickte, Nächte über Nächte, Tage über Tage, die wir zurücklassen – oder lassen sie uns zurück?

“Louis` Augen zuckten im Blitzlicht zusammen. […] Und zugleich wiederholte er im stillen Bauers kleinen Satz:… Wellen, die sich brechen, jetzt die, dann die nächste.” Bauer würde ihr Photo samt Datum in sein Album kleben, und auch Odile, er und der Hund wären dann eine Welle nach vielen anderen.”

Modiano übereugt nicht durch Seitenstärke oder eine beladene Handlung, sondern durch Poesie und Wehmut, durch das Unvermeidliche und das, was ganz nah an unsere innere Uhr herangeht, bis sich das Ticken der Uhr mit dem Rascheln der Seiten, den Buchstaben vermischt. Man schwankt irgendwo zwischen Intensität und warmer, ruhiger Dämmerung. Man scheue nicht ein oft genanntes Wort umso deutlicher und liebevoller zu sagen, auf das es hier seine eigentliche, nie verlorene Schönheit entfalte, in diesem Buch: Melancholie … die Kraft, die beim richtigen Autor genau die richtige Wirkung entfaltet.

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