Das Leben ist anderswo …

“Das Leben ist anderswo”, der berühmte Ausspruch Rimbauds, ein Traumruf, der wohl nie verhallen wird, Bestandteil von André Bretons Surrealismus-Manifest und auch Titel von Milan Kunderas Roman über Dichtung und Jugend.

Jaromil ist ein sensibler Junge mit einer dominanten Mutter. Er wächst in den Wirren des zweiten Weltkriegs auf und seine Jugend und Berufung zum Dichter ereignen sich genau zu der Zeit, als Dichter dringend gebraucht werden: während der sowjetisch eingeleiteten Sozialismusrevolution in Tschechien, sucht man Leute, die mit ihrer neuen Kunst das Staatsystem stützen können und die entartete Kunst hinter sich lassen. Jaromil, ein durch und durch seinen Stimmungsschwankungen unterworfener Sonderling, der schon immer bereit war sich für etwas zu begeistern (auch für den Surrealismus), solange es ihn ins rechte Licht rückte und ihm scheinbar die Chance auf ein erwachsenes Leben verspricht, lässt sich gerne einspannen. Wie ein heinrichmannscher Untertan, schwingt er sich zum eisenharten Kämpfer für seine Bewegung auf.

Milan Kunderas Buch ist ein mehrdimensionales Werk. Obwohl der Autor selbst eine beinahe klare und dennoch verwirrende Nachwortaussage macht, dahingehend, dass es nicht um die Zeit gehe, in der Jaromil lebe und auch nicht wirklich um Dichtung, sondern um Jugend und in Verbindung mit der Jugend um die Dichtung und ihre damalige, schreckliche Ethikverfassung unter dem sozialistischen Regime, wird man das Gefühl nicht los, dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht: Um das Monster in jedem Menschen.

Denn so wie Kundera Jaromil beschreibt, lässt er nicht ein einziges gutes Haar an ihm. Auch wenn er betont Jaromil sei kein schlechter Dichter und dass dies eine zu einfache Erklärung seines Scheiterns sei und Jaromils Fehler, Pannen und Sensibeleien durchaus menschliche Züge tragen, so bleibt doch am Ende die Heftigkeit der Dämonisierung im Gedächtnis und im Wesentlichen eine Frage offen: Wie kann man so misanthropisch an ein Thema herangehen, dass zwar oft zu sehr von der hellen, aber in diesem Buch doch allzu sehr von der zerstörerischen Seite gezeigt wird: Die Jugend.

Kundera webt sich ein in eine Idee vom Fanatismus und Despotismus, der Jaromil und seiner Mutter so ureigen ist, wie dann wohl dem Rest der Menschheit auch. Leidenschaftlich zerstören sich Mutter und Sohn selbst und gegenseitig ihr Leben und ihre Beziehungen, zwar eifersüchtig-verständlich und sicherlich auch ähnlich schon oft gesehen, jedoch ohne einen Funken Reflektion, ihrer Obsession nach Gedeih und Verderb folgend, zwischendurch legt Kundera auch noch süffisant all ihre Schwächen gegen sie aus; eine realitisch-schmerzliche Darstellung, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Mutter will an allen den Dingen des Sohnes teilhaben, der Sohn will sie möglichst ausschließen.

Das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit, auch dieses Buch hat seine poetischen Momente und hält eine Fülle wichtiger, wenn auch bereits bekannter Einsichten, einen moralischen Zerrspiegel bereit, mit dem uns das Kunstwerk in die Bizarrheit einer falsch verstandenen Mutter – Sohn Beziehung blicken lässt. Nach Kundera ist ein Roman nur dann etwas wert, wenn er einen neuen Blickwinkel auf die Existenz oder gar eine neue Art der Existenz wirft. Nun Kunderas Roman ist etwas wert – die Frage ist nur, ob er neben seinem Realismus, auch Wirkung zeigen kann; ob er die Realität und den Kern seines Existenzprojektes “Jugend” nicht trotz großartiger Sprache und Konzeption eben gerade deshalb verfehlt, weil die Wirkung in der furchteinflößenden Schilderung versinkt. Vielleicht wird die Wirkung auch aus dieser Furcht geboren, wer weiß …

Es fällt schwer einen Schlussstrich unter das Buch zu ziehen, man müsste es eigentlich noch mal von vorne lesen, man müsste ihm 5 und doch nur einen Stern geben; man müsste die Wahrheit darin suchen und sie nicht einfach aus jedem Satz nehmen. Man kann es auch ganz “einfach” formulieren: Die Ambivalenz dieses Werkes ist sein hervorstechendstes Merkmal, sie dirigiert unsere Empfindungen darin.

Das Buch ist großartig konstruiert; es ist grausam und zweifelhaft; poetisch und einfach; erfassend und pedantisch. Es ist ein Leseabenteuer, denn Kundera hat die Gabe, echtes Leben zu schreiben. Aber vielleicht ist das Leben trotzdem anderswo.

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