Die Kunst des Hungers und Amelie Nothomb. “Biographie des Hungers”

Wenn Literatur tiefenwirksam ist, gleichsam lacht und spielt, leicht obsessiv und rasant ist, dann ist nicht selten Amelie Nothomb am Werk!

Nur wenige wissen es: Die Bewohner von Vanuatu kennen keinen Hunger. Regionaler Überfluss und fehlende Kolonisation haben für dieses Phänomen gesorgt. Doch das ist nur eine kleine subtile Einleitung, denn: “Was mich an Vanuatu fasziniert, ist, dass es in so hohem Maße die geographische Manifestation meines Gegenpols ist. Denn ich bin der Hunger.”

Die nachfolgende autobiographische Geschichte führt uns rasant um den Globus und in kindlich-lebendige Welten, die sich in Birma, New York, China und Japan austoben, in denen die kleine Amélie wegen der Botschaftertätigkeit ihres Vaters aufwächst. Eine Biographie des Hungers, das sind Farben, die nun gleichsam kosmologisch durch unsere Adern pochen, während wir außer Atem durch die Sprache der geistreichen, witzigen und launischen Erzählerin gleiten. Wohin? – “Weg von hier”, nach Kafkas Credo? An ein Ziel? Zu einem Lustgewinn? Eigentlich ist die ganze Geschichte wie ein einziger Atemzug, immer präsent und es kommt einem vor als sei manches davon genau zwischen Phantasie und Wahrhaftigkeit geborgen …

Man sagt Amélie Nothomb gelegentlich die vielschreiberische Dilletanz nach und spricht ihren Büchern literarische Größe ab (wenn man jenes mit den Werken von Georges Simenon täte, wäre es genauso Unrecht). Doch zum ersten Mal hat es mich nicht gestört, das einer meiner Lieblingsliteraten von einer solchen Schmähung betroffen ist.

Denn dieser Vorwurf, verblasst, ja, scheitert, an der Lesefreude, die mir jedes kleine biographische Buch dieser Autorin gegeben hat. Ihr Ausdruck hat ein wunderbares Gespür für das Natürliche, ihr treffsicherer Witz lebt von Slapstick ebenso wie von schlichter Sympathie und pflant eine schmale Verrücktheit direkt unter unter die Haut des Lebens; ihre Geschichten sind so genial in Szene gesetzt wie phantastische Erzählungen; immer wieder stolpert man über Mythen, Anspielungen und einen leichten Hang zur Übertreibung, der Hals über Kopf das Subjektive der Realität zu betonen weiß und alle kleinen Details ebenso herausstreicht, wie relativiert.

Bei solchen Qualität, kann mir Kritik gestohlen bleiben. Es war Heinrich Böll, der einmal richtig gesagt hat: Es kommt darauf an, was man einem Autor verzeihen, nicht, was man ihm vorwerfen kann. Ich verzeihe Amelie Nothomb die Kürze und literarische Nonchalance, denn ihre Romane passen meiner Leselust wie ein schönes Paar verrückter Engelsflügel; wenn mir die Schokolade am besten schmeckt, kümmere ich mich nicht darum, ob eine andere mehr Kakao enthält.

Mehr zu Amelie Nothomb bei meiner Rezension zu Quecksilber.

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