Meisterwerk der Lakonie – Bernhards 31 düstre Skizzen

Kaum zu glauben, aber auch Thomas Bernhard hat eine Liebesgeschichte geschrieben, eine schöne sogar, eine ganz kurze und karg bilderlose, die ein seltsam tiefes Gefühl in sich trägt – mehr wird nicht verraten.

Nur, dass sie die erste ist, von 31 Prosaskizzen, die Bernhard in diesem ganz schmalen Band versammelt hat und die meistens aus nicht mehr als 5-10 Sätzen bestehen und im Durchschnitt zwei Seiten lang sind. Keine bernhardischen Tiraden, keine Monologe, der Erzähler dieser Geschichten ist vollkommen nüchtern, schon fast von den Geschichten abgewandt, bevor sie überhaupt erzählt werden.

Was sie erzählen liegt genau an der Grenze zwischen bürgerlichem-/städtischem Leben und kafkaesker Traumgebärde, die meist am Ende ihren Einbruch in die wirkliche Welt vollführt; doch wie bei Kafka sind uns diese Einbrüche nicht vollkommen suspekt, sondern seltsam vertraut; jeder Text beginnt so, dass wir beinahe erahnen wie er enden muss, als wäre dieser erste Satz schon der vorletzte; als wäre die Mechanik hinter Bernhards Szenen eine eigene, konkrete Auslegung der Wirklichkeit.

Manchmal gibt es keine differenzierte oder undifferenzierte Sache, an der man die Qualität eines Textes festmachen kann. Stilistisch ist Bernhard hier ganz oben, zwar untypisch, aber so minimalkonkret, dass einen jeder Text für eine Weile mitnimmt, stimmt, als würde er einen betreffen.

Auf dem Buchrücken steht die Texte hätten keine Moral – dem kann ich nur teilweise zustimmen. Sie haben gewiss nicht die Absicht bürgerliche Verfehlungen oder menschlische Schwächen zu offenbaren, auch nicht den Ehrgeiz den Leser zu schockieren oder in die Umnachtung zu geleiten, nein, jeder dieser Text hat eine sprachliche Dissonanz, die uns, so meine ich, moralisch auf einen Punkt bringen “kann”: Die Fehler der Menschen sind Teil ihrer Eigenschaften, sind Teil ihres Menschseins. Es gibt keine Vernunft, kein Wissen, keine Einsicht, keine Zeichen, keine genaue Beschreibung, keine geistige Gesundheit etc., die uns davor schützen könnte. Alles liegt in der Möglichkeit des Fehlers. Dadurch entsteht auch übrigens, was Bernhard verschweigt, die Möglichkeit zum Glück.

Und diese Botschaft, gewollt oder nicht, findet sich in jeder kleinen Skizze in diesem Buch. Jeder diese Geschichten ist genial und wurde von einem Meister auf einer Höhe seines werklichen Geschicks geschrieben. Jeder Text ist ein einzigartiges Wabern und Bestimmen, eine einzigartige Notiz des Verfehlens von Traum und Realität zugleich. Lakonisch, präzise, teilweise verstörend.

2 thoughts on “Meisterwerk der Lakonie – Bernhards 31 düstre Skizzen

  1. trishen07 Post author

    Ja, allerdings muss man lakonische, leicht bizarre Prosa mögen🙂 Und Thomas Bernhard ist natürlich ein sehr eigensinniger Literat

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