Roman der obsessiven und doch besonderen Liebe: “Manon Lescaut” von Abbé Prévost

“Ein erfülltes Leben zu leben, ist eine Lebensaufgabe.
Es zu füllen, eine Obsession.”
Henry West

“Kein Mensch kann über die Grundsätze der Moral nachdenken, ohne sich zu wundern, dass sie gleichzeitig hochgeschätzt und doch vernachlässigt werden, und man forscht nach der Ursache dieser Eigenheit des Menschenherzens, das sich an den Ideen des Guten, Vollkommenen berauscht, sie aber nicht in die Tat umsetzt.”
Prévost im Vorwort

Tatsächlich deckte der Autor Prévost (1697-1763) damit einen urmenschlichen Konflikt auf, der sich bis heute nicht erschöpft hat. Die Mahnung an sich ist jedem von uns geläufih; auch die Geschichte und die Erfahrung gibt der Vorsicht eher Recht als dem Risiko, dem Traum von anderem. Doch stets ist der Mensch bereit alles zu opfern, alles leichfertig aufs Spiel zu setzten, alle Tugenden fahren zu lassen, um sein Leben zu erfüllen – mit Geld und Glück und natürlich: mit Liebe.

Der Chevalier des Grieux ist so eine Person. Nachdem er sich einmal in die schöne Manon Lescaut verliebt hat, ist er für immer von ihr gefangen genommen und kann, so meint er, ohne ihre Liebe nicht mehr leben. Nun ist Manon auch in ihn verliebt, doch ist sie einer dieser flüchtigen und wankelmütigen Geister, der naiv und risikofreudig zugleich, immer wieder beides will: Liebe und Luxus, Glück und Macht. In der steten Hoffnung eines Tages beides zu erreichen, schummeln sich die beiden durch die Welt, wobei Chevalier immer wieder unter Manons Leichtfertigkeit und ihren überschnellen Plänen zu leiden hat. Doch trotzdem können sie in ihrer innigen Liebe nicht voneinanderlassen …

Der Roman ist sehr doppeldeutig angelegt. Manon ist einerseits eine Frau, die jede Menge Aufmerksamkeit auf sich zieht und gleicht einer abgeschwächten Sirene, die Unglück für jeden verheißt, der sie erblickt; andererseits ist sie nicht böswillig und trotz ihrer vielen Vergehen kann man am Ende schwer an ihrer Liebe zu Chevalier zweifeln – obwohl viel Hinterlist in ihr zu stecken scheint, blitzt dann plötzlich wieder Zuneigung hervor. So gesehen hat Prévost es geschafft, das Bild einer Frau, die zwischen ihren Gefühlen und ihren Ansprüchen zerrissen ist, wunderbar ambivalent und ohne Scheuklappen darzustellen.

Von der Tragik, den starken Liebesschwüren und der Sprache hat mich der Text an viele Romane dieser Epoche erinnert; doch wohnt ihm dabei ein eigenwilliger, besonders durchdringender Effekt inne, eine Dichte, die ihn wieder besonder hervorhebt. Lesenwert auf jeden Fall; und wenn einem irgendwann das schiere Hin und Her darin, etwas übertrieben scheint – in dieser Übertrebung liegt eine menschliche Wahrheit, mon frère …

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