Monthly Archives: July 2014

“the ivory perfoming rose of you”. Mit erotischen Gedichten von E.E. Cummings auf allen Sinnen ins Spiel der Sinne


“press easily (drück leicht)
at first, it will be leaves (am anfang ist da laub)
and a little harder (und etwas fester dann)
for roses (für Rosen)
only a little harder (nur etwas fester)

last we (am ende wir)
on the groaning flame of neat huge (auf der stöhnenden flamme niedlichen gewaltigen)
truding kiss (trägen kusses)”

Den meisten dürfte der amerikanische Dichter E. E. Cummings (wenn überhaupt) aufgrund einer einzigen Zeile bekannt sein: “nobody, not even the rain, has such small hands”. Das 8zeilige Gedicht mit dieser Schlusszeile kommt nämlich in Woody Allens Film “Hannah und ihre Schwestern” vor, was für mich den Film zeitlebens mit diesem Dichter verbinden wird und mir des Weiteren die Entdeckung eines der schönsten Poeten englischer Sprache bescherrt hat.

Denn ebenso wie den Übersetzer dieses Buches, hatte auch mich diese Zeile damals so verzaubert und ich tat viel dafür, einige Gedichte von Cummings in Anthologien aufzutreiben oder direkt auf Englisch zu lesen – das scheiterte schnell an meinem damals begrenzten Wortschatz, aber ich nahm mir vor mich irgendwann einmal genau mit ihm auseinanderzusetzen.

Bis heute ist die Lyrik des Amerikaners, vielleicht wegen ihrer experimentell anmutenden Ansätze, für Übersetzer und unbedarfte Leser eine Herausforderung. Viele seiner Gedichte leben von Stimmungen und Bildern, die das Englische wie von Zauberhand, häufig allein aus Betonungen, Leerstellen & Pausen und sehr speziellen Adjektivketten und – verbindungen, beschwört – der Dichter Louis MacNeice schrieb einmal, Cummings habe “die englische Sprache an ihren Fingerspitzen magisch gemacht”. So könnte man es ausdrücken. Dies gilt speziell für seine erotischen Gedichte, die hier, in diesem Band der C.H. Beck Textura, aus den verschiedenen Epochen seines Gesamtwerks zusammengetragen wurden.

“your smiles accuse (deine lächeleien klagen)
the dusk with an untimid svelte subdued (die dämmerung an mit unzaghaftem anmutigem gedämpftem)
magic (zauber)
while in your eyes there lives (während in deinen augen ein)
a green egyptian noise. (grüner ägyptischer lärm lebt.)”

Cummings war immer ein leicht erotischer, oder vielleicht besser: sinnlicher Dichter, da seine Gedichte oft alle Sinnesorgan ansprechen. Als drücke man die Worte hinein in die Welt und sie nehmen sofort alles auf: Eindrücke, Gedanken, Berührungen, Gerüche, Bilder, Namen, Farben.
Es ist ein Balanceakt, sich dem völlig hinzugeben, darin einzutauchen und einen eigenen roten Faden zu finden. Man sollte nicht denken, dass diese Poesie in irgendeiner Form “kompliziert” ist, überhaupt nicht – Cummings gehört wahrscheinlich sogar zu den unprätentiösesten Dichtern aller Zeiten. Aber er ist vielschichtig, facettenreich und manchmal verschlüsselt er seine Ideen bis sie so dicht werden, dass man nicht mehr weiß, was Metapher ist, was Anspielung, was Bild, was Ahnung, was Ausdruck, was Eindruck.

Facettenreich ist auch die Palette an Themen, um die sich seine erotischen Gedichte drehen. Da sind die ganz persönlichen Erlebnisse, da sind die poetisch-sinnlichen Verschleierungen, die Liebkosungen, die Resignation des erotischen Alltags, Nutten, Stripperinnen, feine Damen und alberne Mädchen, Erlebnisse und Fantasien. So können Ton und Ausdruck dieser Lyrik eine efeuartige Glückseligkeit und frühlingshafte Lebendigkeit einfangen, voller erster Liebe und Verlangen:

“du batest mich zu kommen: es regnete ein wenig,
und der frühling; eine tolpatschige helligkeit der luft
stolperte wunderbar über den platz,
kleine verliebt-kaulquappige leute zappelten […]
blätter rüttelten
zum schüttelnden duft des neuen
– und dann. // Meine verückten Finger mochten dein Kleid
…. dein kuss, dein kuss war eine klare zerbrechliche
blume”

oder auch die lieblose Vereinigung und die burleske Seite des Eros:

“die schmutzigen farben ihres kusses haben eben
abgedrosselt
mein sehnendes blut, ihr herzgeplapper

hat einen weinenden wolkenkratzer vernietet
in mir.”

Bei all dem kann es mit wortloser Zärtlichkeit zugehen oder mit überschäumender Lust an Sprache und sprachlichen Zuspitzungen; Präzision kommt unter der Hand ins Spiel, denn es gefällt cummings meist, nicht von Lust oder Begierde zu reden, sondern der Faszination nachzugehen, die in diesen Gefühlen liegt – eine Art, das Erotische eher in seiner Beispiellosigkeit als in seiner Blöße zu beschreiben; trotzdem können die Gedichte auf Umwegen auch einigermaßen deutlich werden, ohne einen Funken Rohheit, eher mit einem Funken Gänsehaut:

“there is between my big legs a crisp city. (es liegt zwischen meinen großen beinen eine feste stadt)
when you touch me (wenn du mich berührst)
it is spring in the city; the streets beautifully writhe, (ist frühling in der stadt; die straßen winden sich wunderschön;)
it is for you; do not frighten them (es ist für dich; ängstige sie nicht)
all the house terribly tighten (all die häuser straffen schrecklich sich)
upon your coming: (bei deinem kommen)
and they are glad (und sie sind froh)
as you fill the streets of my city with children. (wenn du die straßen meiner stadt mit kindern füllst.)”

Zur Übersetzung:
Ich habe bei den Beispielen meist die deutsche Übersetzung dazugeschrieben, da ich finde, dass Ich hier keine Meinung über die Übersetzung vorfertigen sollte – jeder sollte zuerst die Chance haben sich selbst einen Eindruck zu verschaffen, um sie dann mit meinen Ansichten zu vergleichen …
Ich persönlich finde, dass die Übersetzung sehr ambivalent und zwiespältig zu betrachten ist, im höchsten Maße geradezu. Man spürt oft die Intention des Übersetzers, ganz nah, also wörtlich, bei Cummings zu bleiben und hier und da merkt man dann wiederum, dass die Übersetzung gerade dann glückt (und der Übersetzter das wohl auch wusste), wenn er sich eine kleine Freiheit erlaubt, die letztendlich gar keine echte Freiheit ist, sondern eine perfekte Übersetzung, die die Stärken der deutschen Sprache ausspielt, wo Cummings es im Englischen tat. Um das einmal zu illustrieren:

“how beautifully swims (wie wunderschön schwimmt)
the fooling world in my huge blood, (die flausenwelt in meinem riesigen blut,)
cracking brains (und knackt hirne) ”

Flausenwelt ist hier eine etwas freie, aber geniale Übersetzung, die den Charakter der Zeile einfängt – dagegen ist riesig für das Blut hier etwas kar, zu nah, zu einfach aus der Wörterbuchdefiniton von “huge” hergeleitet. Es ist auch gewiss keine “schlechte” Übersetzung, keinewegs. Aber schließlich muss man einmal ganz klar sagen: Wenn man will, dass die Magie eines Gedichts erhalten bleibt, muss man nicht nach dem Motto “was soll das Wort bedeuten” übersetzen, sondern nach der Frage “was will der Autor sagen und wie kann ich es in meiner Sprache sagen ohne vom Text abzufallen”. Vielleicht ist riesig sogar die beste Kompromisslösung – Es gibt einfach im Deutschen wenig Worte die von Größe sprechen und doch zärtlich sein können wie “huge”, unsere klingen mit “gigantisch” oder “gewaltig” oder “riesig” immer nach “zu hoch hinaus”. Trotzdem fällt es deutlich ab.

Die Zärtlichkeit und Ungebremstheit der Worte, in denen Taten, Haltung und Sinne verschwimmen, ist das, was einen in diesem Band erwartet. Manche Momente darin gehen eher in Richtung “sensation”, manche in Richtung “love”. Und die Bezeichnung “erotisch” kann man bei dem ein- oder anderen Gedicht ruhig wörtlich nehmen; bei anderen ist es nur der Kern und nicht der Rezeptor, nicht der Inhalt. Da geht es dann meist eher um die Liebe und die Anziehung und was sie mit Erotik zu tun hat – etwas, das man bei Cummings gut lernen kann.

“Do you believe in always, the wind
said to the rain
I am too busy with
my flowers to believe, the rain answered”

“Der Wald der Liebe in uns” – Liebesgedichte von Adonis


der-wald-der-liebe-in-uns   “Die Bäume haben das Geheimnis überliefert
Heute ist das Geheimnis aus Luft
Und seine Weisheit ein Obstgarten.”

Vor fast 2000 Jahren schrieb der römisch. Dichter Ovid seine Amores/Liebesgedichte, in denen es jedoch nicht um Liebe als etwas zu Besinngendes ging, als vielmehr um die “Situationen” der Liebe. Seither ist die Kategorie des “Liebesgedichts” zweigeteilt: in jene Dichtungen, die das Geliebte direkt anreden und illuminieren und jene, die in Situationen und Gedanken den wahren Kern und die wahren Elemente von Liebe freizulegen versuchen.

Der syrisch-libanesische Schriftsteller Adonis, der seit 1985 im frz. Exil lebt und als einer der wichtigsten arabischen Dichter des 20. Jahrhunderts gilt, hat in seinen Liebesgedichten diese Differenz quasi aufgelöst, die Liebesdichtungen wieder miteinander verbunden und sie wie Saiten auf ein Minimum an Sprache und ein Höchstmaß an Brisanz, Schönheit und Dichte gespannt.

“Zeit – Flötenspiel und tödliche Schlinge
Raum, in dem wir Erkenntnis gewinnen
Hoffnung für die Wurzeln im Erdreich
Und das Wasser fließt herbei aus einer Quelle
Fließt glitzernd vorbei”

Sicherlich haben die Verse im Arabischen einen noch viel sehnsuchtsvolleren, lichteren Klang, doch möchte ich hier sofort anmerken, dass die deutschen Übersetzungen zumindest insofern sehr gelungen sind, als dass die leichte, schmetterlingsferne Sprachkraft in ihnen noch spürbar ist.

Aus den mehr als 140 unbetitelten, im Durchschnitt 6- bis 8-zeiligen Gedichten spricht auf den ersten Blick ein reiner Träumer, ein lächelnder Geist, ein zaubernder Wegelagerer der Schönheit und ein Bewunderer von Körperlichkeit und Liebessüße.
Doch bald schon fallen einem nicht nur Zwischentöne und metaphysische Betrachtungen auf, sondern auch das starke Element der Frage, des Widerspruchs und des Zweifels, das sein dunkles Licht zwischen den Wangen der Liebenden aufblitzen lässt. Wo sich im folgenden Vierzeiler das lyrische Ich noch beinahe wie vom Tode befreit sieht und jede Zeile aus dem Bersten ins Lächeln übergeht:

“Gestern, bei unserer Begegnung
Erlöste ich meine Seele vom Dunkel ihrer Ketten
Ich lehrte ihre Wimpern
Die Art, dich anzusehen”

sind es bald danach schon aufkommende Unsicherheiten, die Gedankenumlaufbahnen der Angst, die in der Stille der Zeilen ihren Ton abgeben – und die Liebe wird nicht bloß als Wagnis, sondern als herabsinkende Münze in eine tiefe dunkle See gesehen. Und sie vor diesem Schicksal zu bewahren ist eine schwere Aufgabe:

“Ist es die Sprache, die mich beseelte in deinem Namen – die
Ihr Blut strömen lässt in mir, in deinem Namen –
Die unsere beiden Körper verzaubert und das, was war zwischen dir
und mir – was bedeuten
Die losen Lettern, der Wald der Liebe in uns?”
[…]
Mein Leib ist zweifach und du bist zwischen meinen beiden Körpern
Woher komme ich, und wie all die Herrlichkeit
Aufschreiben

Im Buch des Staubs?”

Auf dunkel-farbenprächtige, sanfte Weise, führt uns jedes Gedicht zu einer neuen Liebesgeschichte, die etwas anders ist als die vorherige, ein weiteres Puzzlestück, anders als alle anderen. Gesichter sind es, Schemen einer Frage nach Liebe, die uns alle quält, zuschnürt und tief tauchen und hoch freuen lässt. Da ist einer der sich in der Liebe noch vieles fragt – und ist Er nicht der wahre Liebende, der Liebende, der wir auch sind, die wir ständig uns fragen statt einfach zu lieben? Da ist ein anderer, der liefert sich bestimmten Stunden aus, der flüchtige Liebende – aber ist Liebe nicht immer flüchtig, ist das nicht ihr Element? Da ist ein weiterer, der immer noch zu fassen sucht, was war oder werden könnte, der noch nicht weiß warum, aber der schon liebt. Aber ist nicht Liebe unerklärbar, trifft sie uns nicht genau da, wo wir kein Wissen haben und wo sich sofort tausend Ahnungen entwickeln, die nur sehr selten zum Wissen werden?

“Unsere Körper –
Ein Wald aus Knospen
Und die Zeit
Entströmt ihren Kelchen
Wie ein Parfum”

Begegnungen, Berührungen – sparsam geht Adonis mit ihnen um und auch etwas verschwommen dann und wann, wenn auch nie hermetisch. Bilder wiederholen sich ab und zu; der Wortschatz der Liebe hat feste Kreise und die Liebenden sind immer auf demselben Meer unterwegs. Doch das Wetter ist niemals gleich und Adonis lässt es stürmen, zeigt Sternenhimmel und ferne Küsten, führt uns die Landschaft dieses Gefühls wie eine Oase und eine Wüste vor Augen, beides zugleich. Dabei bringt er uns nicht nur unwiderrufliche Schönheit und poetische Ewigkeiten nahe, sondern auch eine sensible, dichte Weisheit.

“>>Jeder Körper ist ein Gemenge aus Sprachen, aber nicht Alphabet<<, sagt sie.”

Und doch, trotz allem, wird die Liebe hier gefeiert und in sofern ist dieses Buch seinem Titel sehr gerecht geworden. Auch ein Wald ist ein sehr vielschichtiges Konstrukt und seine Schönheit ergibt sich nicht aus seinen Einzelteilen, sondern aus dem Gesamtgefüge, das mythische Züge erreicht, wann immer wir daran denken, in Geräusch, Geruch, Bild, in Oberfläche und Untergrund, wenn alles zusammenfließt zum Erlebnis “Wald” – oder eben zur Beanspruchung: “Liebe”.

Und so ist dieses Buch auch kein Alphabet der Liebe, aber eine Menge an Sprachen, mit denen sich das Alphabet der Gefühle zwar nicht deklinieren, aber hier und da aussprechen, formulieren lässt; die überwältigende Dankbarkeit und der leise, mondgroße Zweifel gehören auch zu unserer Wahrheit von Liebe, egal wie leicht Adonis sie hinter einer lyrischen Frage oder einem ungemein schemenhaften Bild versteckt.

“Traum und Wirklichkeit sind zweierlei Kinder:
Das eine ist Raum
Das andere Zeit”

Da die Gedichte wegen der fehlenden Titel quasi ohne Identität sind, ist ihre flüchtige und doch allgegenwärtige Botschaft noch viel klarer und direkter. Und deswegen kann man das Buch einfach auf irgendeiner Seite aufschlagen, immer wieder, in die Wörter abtauchen und mit einem völlig neuen Eindruck aus diesem oder jenem Text hervorkommen – das Buch setzt sich in jeder Zeile unendlich fort. Wie kleine Botschaften und äonische Namen, haben sie alle Qualitäten von Traum und von Wirklichkeit – den auch hinter dem Traum steht letztlich die Wirklichkeit als demütige Gewissheit und der Traum kann keine höhere Gewissheit, aber eine höhere Wahrheit sein.

Es lohnt sich sehr diese in den “Stamm des Windes” geschnitzten Verse zu lesen und auf jeden Fall lohnt es sich, dieses Buch zu besitzen. Es könnte irgendwann die Nacht kommen, wo der Ölbaum vor dem Fenster steht und man sich fragt, was aus der Rose wurde, die die Perle eines Tautropfens wie die Ewigkeit trug … oder man will einfach mal wieder erfahren, was schöne, dichte, kurze Poesie ist …

“Die Abwesenheit hat ein Bildnis,
ein allerletztes Bild.”

Silke Scheuermanns Lyrik, 2001-2008, in “Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen”


Ich finde, dass Silke Scheuermann eine der bedeutendsten Lyrikerinnen deutscher Sprache ist – doch zu erklären aus welcher Gewissheit diese Empfindung entspringt, fällt mir schwer. Vermutlich, weil ihre Gedichte so wunderbar zu wirken verstehen, ohne dabei für Erklärungen verfügbar zu sein; es gibt kaum Ansätze in diesen Texten, es gibt bloß die Gedichte, die für sich selber stehen. Scheuermanns Lyrik ist etwas besonderes und sehr lesenswert. Eine Lyrik, die mir sehr am Herzen liegt.

“Du stehst in einem Winter aus sehr kleinen Stimmen
die sagen da ist kein Begehren mehr
nicht mehr
obwohl wir jetzt die Zeit dazu hätten.”

Eine der einfachsten Assoziationen zu Lyrik ist die von Licht, das nicht auf, sondern in dich scheint, das wahrhaftig die Armaturen deiner Gefühle, die Gewölbe deiner Seele auszuleuchten versteht und eine bisher ausgelassene Sicht auf die Wirklicht andeuten kann, wie ein Streif Mondlicht, der durch den engen Spalt eines verdunkelten Fensters fällt.

Dieses verdunkelte Fenster ist die Sprache: Als Fenster gebaut, zur Kommunikation gedacht, ist sie gerade im Gedicht oftmals ein Ort des Zwielichts. Dass jedoch das Licht draußen nicht nur da ist, sondern dass wir es auch sehen können, ohne das Zimmer zu verlassen, ist der Glaube hinter beinahe jedem Gedicht.

“Obwohl unsere Städte ständig versuchen
uns den Himmel vertrauter zu machen
indem sie Aussichtspunkte
Balkone Terrassen bereitstellen
Obwohl sie behaupten man sehe von oben
den womöglich zärtlichsten
Punkt im All
[…]
hören wir manchmal das Flüstern der Dörfer
und manchmal glauben wir etwas davon.”

Sprache als das zu begreifen (und zu erfassen), was Wirkliches, Erfahrenes, Erinnertes aus einem neuen Impuls heraus abbildet und erweitert, gehört zu den Dingen, die man lernen muss, wenn anfängt Gedichte zu lesen. Ich bin der Meinung, dass es sich sehr schnell ergibt, doch kann oft schon das bloße Überfliegen eines lyrischen Textes einem den Mut nehmen, wenn man versinkt in den mannigfaltigen Ansätzen zeitgenössischer Lyrik, aufeinander aufbauenden Kombinationen von Elementen, die ein Thema über eine bestimmte Form von fremdem, hermetischen Ausdruck zu erreichen versuchen.

Gedichte werden ja zumeist wegen den Momenten geschätzt in denen sie in der Erlangung von flüchtiger Schönheit oder Erkenntnis brillieren – doch der Sinn mancher Gedicht hat mehr mit dem Erreichen eines breiteren Zustands zu tun, einem fremden Seinskonsens, buchstabiert oder zusammengebaut aus sprachlichen Ausläufern; ein Moment, eine Regung, die vom Kern bis zur letzten, ausgleitenden Welle abgebildet wird, bis hinab zur Konsequenz, gedanklich und sprachlich. In diesen Gedichten wird nicht Verständnis zelebriert, sondern ein Treffen von Sprache und Ideen, bei dem das Augenmerk auf der Dehnungsabstraktion der Sprache liegt, um die Ideen möglichst komplex fächern und abbilden zu können und nicht nur zu komprimieren; als würde ein Maler nicht wissen, was am Ende auf der Leinwand ist, sondern Stück für Stück malen, was noch fehlt, was noch zu ergänzen ist – weil eben die Aspekte ungeheuer wichtig sind und nicht allein das Abbilden eines bestimmten Gefühls. Die Aspekte sind es, die Lyrik so bemerkenswert machen.

“uns dran erinnern dass wir Helden sind
das heißt bewohnt von vielen Wunden”

Zärtlichkeit. Sie fällt mir immer, beinahe unbedacht ein, wenn ich an Scheuermanns Gedichte denke. Es ist nicht die Zärtlichkeit der rosaroten Liebe, nicht die Zärtlichkeit des Windes, auch wenn dies beides unter ihren Zeilen schlummert, versteckt im Verlassenen ihrer Landschaft.

Die Gedichte haben eher etwas von der Zärtlichkeit jener Momente, in denen wir versagen und das Versagen in diesem Moment akzeptieren können (dies soll in keiner Weise eine Relation zu den thematischen Gründen von Scheuermanns Gedichten herstellen; es geht dabei nur um die Stimmung, die Abwärme in der Art der Sprache). Eine Zärtlichkeit, beinahe ohne Stimme, aber unglaublich heilsam, in ihrer unaufgeregten, vielfältigen Kommunikation.

Neben dieser Zärtlichkeit steht die (vor allem in den Gedichten des ersten Bandes Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen vorherrschende) Kraft der Bilderwelten im Zentrum. Eine Kraft, die man auf den ersten Blick eine enigmatische Distanz nennen würde, als hätte jemand einige persönliche Geschichten geschrieben und sie dann mit verschiedenen Metaphern-Code-Schlüsseln chiffriert.

Aber da irrt, wer hier bereits in seinem Kopf die “Print”-Taste zum Drucken eines Urteils drückt. Denn wirft man einen zweiten Blick in diese Sprache hinein, lässt den Ereignissen und Ausdrücken Zeit, zusammenzukommen, nimmt man bald die Gedichte nicht mehr als sprachliche Kohorten wahr, die einfach über die Seiten marschieren, sondern als einen ganz eigene Art des Urbarmachens, eine Art sich einen sprachlichen Weg entlang einer abgelegenen Route zu suchen, wo die Realität einer Empfindung nicht bloß in etwas Erhebendes eingeschlagen wird, sondern wo sie sich wahrhaft ausleben kann, interstellar, mythologisch, abstrakt, wahrgenommen als ein Notenblatt voller Begriffe, eine Melodie, die wir lernen können zu spielen.

“Mit allem, was vom Indikativ in den Konjunktiv wechselt, legt die Nacht sich auf den Tag und kettet seine Hände oben ans Bett.”

Sicher ist, dass die Gedichte von Silke Scheuermann in keinem der hier eingefügten Zitate oder Anleitungen meinerseits wirklich einen Ansatz ihrer Poesie finden würden, oder dieser Hinweise bedürften, um sich beim Leser zu entfalten. Da ihre Kosmologie bar jeder Illusion ist und sie dennoch nie den Traumhänden des Wortes Lyrik zu entgleiten scheinen und weil ihr Abstand zum Leser stets groß ist und doch dieser Abstand auf beeindruckende Weise immer wieder plötzlich überwunden wird, ist es schwer eine Definition dieser Poesie auch nur in Betracht zu ziehen.

Sie lebt, wie im Nachwort richtig angesprochen wird, viel aus den Metaphoriken, die in jedem Gedicht einen neuen Fixstern haben, aber wenn man hinter diese Strömungen gelangt, lässt sie diese Spielchen weit hinter sich und man erkennt ihr sehr aufrichtigere Stimme, die nicht in Rätseln, sondern eben in Ausdrücken spricht, die wir zunächst für Rätsel halten, die uns aber ein höheres Verständnis geben wollen und nicht ein solches voraussetzen – ein besonderes Geschenk der Lyrik, das kaum einer so aufgefächert beherrscht wie Silke Scheuermann.

“Als hätten wir ewig die Hände von
Kindern oder halbblinde Augen die immer
nur schwach gezimmerte Rahmen
um alles ziehn
reflexartig”

Ich kann wohl nicht bis ins letzte bewusst erklären, warum ich Scheuermanns Gedichte so sehr schätze, obwohl es mir unbewusst in jedem zweiten Gedicht, dass ich von ihr lese, passiert, dass ich genau das tue, dass ich mir etwas halb gewohntes, halb vertrautes besser erklären kann, es mehr spüren kann, als ginge ich hindurch.

Über einen Museumsbesuch schreibt sie, wie immer leicht zu- und abgewandt:

“Nur die Besucher sind noch schlechter dran
nachdem sie solange Schlange gestanden
haben tragen sie bloß eine Erkenntnis fort
dass sie das Museum verlassen ohne Spuren
genauso wie sie auch die Welt verlassen werden.”

Klarheit, die das Fatalistische mit dem Verbinden, was Brodsky als eine der Definitionen von Schönheit ansah: nämlich etwas, das uns nicht gehört, uns nie eigen sein wird, aber dessen wir Gewahr sind, allein schon weil wir leben, existieren. Als wären sie ganz dünnes Glas vor diesen Dingen, das man kaum berühren kann, weil sonst nicht nur das Glas, sondern auch die Dinge zerbrechen (stehen wir vor Fenstern oder vor Spiegeln?) – dieses Gefühl durchfiebert viele von Scheuermanns Gedichten, macht sie einzigartig.

Brodsky war es auch, der von einem Gedicht als dem besten Mittel zur geistigen Beschleunigung sprach. Bei Silke Scheuermann müsste man eher von einer geistigen Aufrichtung sprechen, einem Stück für Stück-Annehmen, das die innere Zusammensetzung der Gedichte langsam offenlegt, zu einer Sprache werden lässt, auf die sich etwas in dir am Ende sehr gut verständigen kann.

Aber zuletzt noch: Zärtlichkeit. Lässt man alles außer Acht, was ich mit dilettantischer Hand über diese Lyrik hier und da vielleicht angestoßen habe, damit es irgendwann die Richtige Erkenntnis erreicht, bleibt sie: diese unnachahmliche Zärtlichkeit, die, abseits der inneren Kreise, die die Gedichte im Leser ziehen, ihren Namenszug schon allein mit dem Stil im Gedächtnis hinterlassen hat. Zeilen, die sich nicht zitieren lassen, die man zögert aufzusagen, die man monatelang nicht ansieht – und doch sind sie da. Als zärtlichste Punkte im All. Für sie lohnt sich alles. Es gäbe noch sehr viel mehr zu sagen, aber irgendwann hintert das viele Reden ja am Lesen.

“Schlaf nie mit einem Fotografen/ sie haben schon zu viel gesehen”

Diese Sammlung, die den gleichen Titel wie Scheuermanns erster Gedichtband trägt, enthält selbigen, zusammen mit den Gedichten aus “Der zärtlichste Punkt im All”, außerdem die nie als Einzelband veröffentlichten “Vogelflüge”, eine Abfolge von sonettähnlichen Gedichten, wobei das nächste immer mit dem Endsatz des letzten anfängt. Außerdem ein paar unveröffentlichte Gedichte. “Über Nacht ist es Winter” ein Buch mit Prosagedichten, ist nicht enthalten. Ihr allerneuster Gedichtband, “Skizze vom Gras”, erscheint am 5. August und sie wurde, unter anderem für diesen Band wie auch für ihr Gesamtwerk, vor kurzem mit dem Hölty-Preis ausgezeichnet.

“Aber was kommt wenn wir uns alle Geschichten erzählt
haben zehntausend heiße Geschichten

das Lexikon unserer Luftschlösser durchbuchstabiert
ist und wir unseren Stern durchgesessen haben wie das Sofa

auf dem wir uns sehr genau kennenlernten
wenn wir da stumm am Fenster sitzen und rauchen”

Hier noch ein Ausschnitt aus einem ihrer Kurzprosastücke:

“Wer jetzt nicht mehr schläft, dem näht das Licht Perlen auf die Stirn, zum Schutz, denn japsisfarben im Licht des Türspalts kommen die Fratzen mit dem ewigen, bösen Lächeln der Sieger. Es könnte die Katze sein, die Kommode, der Fernseher, irgendetwas Bekanntes, das sich Sekunden später wieder in seine Bestandteile löst.
Es versetzt dich, für Sekunden, im Übergang, in einen frei schwebenden Raum, von außen bewachsen mit winzigen Blüten, gemacht aus diesem Licht, das es nur zwischen fünf und sechs Uhr in der Frühe gibt.
Für diesen Raum lohnt sich alles.”

Anna Achmatowa – Gedichte aus “Im Spiegelland”


spiegelland   “Wie tief im Brunnen weiße Steine liegen,
Liegt ein Erinnern tief in meinem Herzen.
Ich kann nicht und ich will es nicht bekriegen:
Es bringt mir Freude und es bringt mir Schmerzen.”

Die russische Dichtung des 20. Jahrhunderts kennt viele große Namen, von denen sich viele auch untereinander kannten und gegenseitig inspiriert haben und selbst ihre Schicksale weisen ähnliche Komponenten auf, darunter oftmals Exil, Lagerhaft, Bespitzlung, Schreibverbot und sogar Ermordung. Die Grande Dame dieser verlorenen Generation russischer Dichter (das als silbernes Zeitalter gilt – das goldene war die Zeit von Puschkin) war ohne Zweifel die Dichterin Anna Achmatowa, deren Schicksal es war, die meisten ihrer Freunde und Zeitgenossen um manchmal viele Jahre zu überleben. So Mandelstam und Zwetajewa, aber auch Pasternak und Alexander Blok.

“Die einen Scherzen in der Nacht und küssen,
Die andern trinken, bis der Tag anbricht.
Mit mir verhandelt nächtens mein Gewissen,
Das klar und unerbittlich zu mir spricht.

Ich sag zu ihm: Wie lang soll ich noch tragen
Die Last von dem, was längst Vergangenheit?
Doch es erwidert: So darfst du nicht fragen,
Denn weder Raum gibt es für mich noch Zeit.”

Nachdem sie vor der Revolution (1912-1917) bereits einige Bände mit Liebes- und anderen Gedichten veröffentlicht hatte, wurde sie in Sowjetrussland schnell mit einem Publikationsverbot belegt (1923). Ihre bereits geschriebenen Verse überlebten die lange Zeit des auferlegten Schweigegebots – das, bis auf winzige Ausnahmen, bis zu Stalins Tod (1953) gelten sollte – vor allem dank ihrer Eingängigkeit und Lebensnähe in den Köpfen der Menschen; ihre Gedichte erreichten teilweise eine große Sprichwörtlichkeit.

Dieser Traum eines jeden Dichters, er war für Achmatowa gleichsam ein Alptraum, aus der düsteren Quelle der Umstände gespeist. Dieser Zwiespalt überschattete ihr ganzes Leben, auch nachdem sie wieder publizieren konnte und findet sich auch als wiederkehrendes, unterschwelliges Motiv, als eine Stimmung von Grau, in ihren späten Versen wieder.

“Verließ’ uns schlichtes Fühlen, frisches Wort –
Wär’s nicht als nähm’ dem Maler man das Sehen,
Dem Schauspieler das Sprechen und das Gehen,
Und einer schönen Frau die Schönheit fort?

Doch such nicht zu behalten deinerseits
Die Gaben, die der Himmel dir verliehen:
Wir sind verdammt – wir wissen es – zum Blühen
Und zur Verschwendung – nicht zum Geiz.”

Schlicht, bisweilen mit einem Anflug Spott, und auch manchmal nahe am Schmachten, Verzieren und Verzehren, doch eigentlich immer nur leicht bewegt, nur träumend oder weisend, kommen ihre Verse daher; ihr lyrisches Credo ist eine dünner Frist, die auf alle Worte gestrichen ist. Spürbar, unter der Oberfläche, liegen darin Sehnsucht, Abneigung, Angst und Furcht: glattgestrichen; weder Feuer, noch Eis, sondern eher Rauch, Brunnenplätschern, Schifffahrtswellen, die ungefähren Wesenheiten ihrer Dichtung. Blinzelnd vor dem Aufragen und Verschwinden betonen sie das Flüchtige, aber auch das Bleibende, das Matt-werdende.

Ihre Liebesgedichte sind heute noch lesenswert; im Spätwerk sind es jene Verse, die sich um das Schicksal drehen, ihre eigenen Händel mit dem Staat (ihr Sohn saß über 15 Jahre in einem Lager, manchmal drohte ihm sogar die Exekution) und die Portraits der Personen, Dichter und Denker, die sie schätzte, dazu die Gedicht-Zyklen und die vielen, meist unbetitelten, nach innen gekehrten Beobachtungen und Betrachtungen; letztere schwanken oft zwischen vollendeter und angeknackster Beherrschung.

“Aus Stein scheint des Himmels Bogen,
Verwundet von gelbem Glühn.
Oh, sei mir endlich gewogen,
Send ein einziges Wort über ihn.

Der mit Tau Du benetzest die Triebe,
Beleb mit der Kunde mein Herz –
Nicht für Leidenschaften und Scherz,
Für die große irdische Liebe.”

Liebe, Liebe, als ein Ding, so groß wie eine Welt, aber so abgewandt und versunken wie deren tiefste Schluchten und entlegenste Gegenden – und doch auch wieder schön; ein magischer, unfehlbarer Fall. Kaum ein Dichter hat die Liebe in so ambivalente, entsprechende und gleichsam schlichte, in so tiefe und doch so unbewegte Verse gekleidet, wie Anna Achmatowa. Jedes der Gedichte über diese Thema hat seinen eigenen Herzschlag, seine eigene Vorstellung von der Liebe, aus der Momentaufnahme der damaligen Empfindung entsprungen und wie darin gefangen; die Atmosphären in diesen Zeilen können sanft wie Wasser oder schwer wie Brokat sein, aber immer sind sie Oberfläche und Inhalt zugleich – ein schwieriger Balanceakt und ein sehr kontrastiertes Leseerlebnis.

“O zerknülle nicht, Liebster, mein Schreiben.
Nein, mein Freund, ließ es bis zum Schluss.
Ich bin’s Leid, dass ich unbekannt bleiben,
Stets die Fremde dir bleiben muss.
[…]
Dieses Lächeln schenk bewahr ich mir,
Das die Lippen kaum sichtbar bewegt;
Liebe selbst hat es in mich gelegt,
Und ich schenke es keinem als dir.”

Wenig Licht herrscht in diesen Gedichten, viel Dunkelheit, aber eine Dunkelheit, die wiederum viele ferne Lichtquellen auf sich zieht wie Sterne; als wäre sie Wein, auf den man blickt, während die Lichter eines Saales sich auf Glas und Flüssigkeit brechen und spiegeln.

“Unausgesprochene Sätze
Und Worte, nie gesagt.
Die Blicke, die sich nicht trafen,
Wissen nicht wohin.”

Man kann es heikel nennen, Gedichte aus einer Sprache (und dann noch aus der russischen Sprache, die sehr viel mehr natürliche Reime und vielfältigere Kadenzen kennt als die deutsche) in eine andere zu übertragen und dabei den Reim halten zu wollen. Immerhin hat diese Ausgabe insofern einen interessanten Mittelweg gefunden, dass sie ab und an mehrere (von 2 bis manchmal 4) Varianten einer Übersetzungen anbietet (jedoch alle gereimt).

Ansonsten ist es, im Falle von Anna Achmatowa, auf jeden Fall das kleinere Übel, denn ihre Lyrik lebt elementar von Reimen, von dem Kranz- und Kreischarakter des Verses, der sich in seinen Windungen immer wieder mit dem Ursprung verbindet. Das mag im Deutschen manchmal etwas herunterkonstruiert wirken, hat aber auch den Vorteil, dass man, trotz der Komplexität, die manchmal in der Einfachheit von ihren Zeilen liegt, über den Rhythmus und Klang doch leichter Zugang zu ihren Werken erhält.

“Weil er den Rauch Laokoon verglichen,
Die Distel an der Friedhofswand besang,
Weil alles seinem neuen Klang gewichen,
Mit dem er einen neuen Raum errang,

Ward er belohnt mit kindlichem Erfassen,
Mit der Gestirne weitem, scharfem Blick,
Die Erde ward als Erbteil im gelassen,
Doch er gab allen andern sie zurück.”
(Aus einem Gedicht über Pasternak)

Anna Achmatowa zu lesen hat viel mit Wiederlesen, mit Genaulesen und auch mit Empathie zu tun. Doch es steckt einfach auch eine Größe in ihr, unübersehbar, gleich einem riesigen Schiff, welches glatt, schwarz und langsam durch eine Landschaft in einen Hafen einfährt, vielleicht umjubelt, aber selber still, bis auf das leise Rauschen der Schiffsschraube. Innerliche und doch auch nach außen getragene Größe und aufrechte Haltung, hinter der die zarte Sehnsucht schlägt wie das Herz eines Wurmes im Kerngehäuse des Apfels. Man spürt den Herzschlag in den Zeilen.

“Man gräme sich nicht so unendlich
Und sei nicht so verschlossen, o nein! –
Um denen, die leben, verständlich
Und angelweit offen zu sein.
[…]
Das wenige, was uns gegeben,
Ist eng von der Zeit umzäunt,
Doch er wird unwandelbar leben,
Des Dichters verborgener Freund.”
(Aus einem Gedicht über den Leser)

Hans-Ulrich Treichels gesammelte Gedichte in “Gespräch unter Bäumen”


“Noch ist alles möglich.
Wir haben uns flüchtig gestreift.
Der Rest: wahrscheinlich tödlich.
Die Kunst: Das man es begreift.

Wir sollten es dabei belassen.
Ein Hauch ist fast wie ein Kuss.
Sich lieben heißt auch sich verpassen.
Auf andere Art. Und Schluß.”

Wenn man die Auslese aus dem lyrischen Gesamtwerk von Hans-Ulrich Treichel zum ersten Mal liest, könnte man auf die Idee kommen, hier habe sich ein sehr stummer, ein schweigsamer zu Wort gemeldet. Viele Gedichte erscheinen nur als Nuancen viel größerer Bilder; wirken wie das Ende größerer Aufzüge; sind Ausgangspunkte viel umfangreicherer Gefühle, wie einzelne Szenen aus einem längeren Film, voller Eindruck.

Gerade deswegen sind es gute Gedichte, sehr gute. Aber auch Gedichte, die man öfter lesen muss, um ihre innere Brisanz und Magie zu begreifen, zu erreichen. Es ist eine Lyrik, die das Verstehen zurückerlangt wie ein entfallenes Wort, eine entfallene Idee – oder anders: wie etwas, das es wirklich will.

“So viel vergessen, die
schreiende Lust. Mein Herz in
den Wolken und ein Stein
in der Brust.”

Aber es gibt auch Verse, die ganz schlicht und einfach und von offensichtlicher Qualität sind, von einer beiläufigen Dichte und Klarheit, gepaart mit einem Schuss Tucholsky oder Fried oder Brecht. Es entsteht Lyrik, wie man sie sich leise auch nach dem Lesen noch aufsagt, in Gedanken, immer wieder.

“Schlimmstenfalls wird aufgeräumt
In Herz und Seele, Aug und Ohren

Schlimmstenfalls ist ausgeträumt
Was wir wollten längst verloren

Schlimmstenfalls geht alles schneller
Auf jeden Biss ein leerer Teller

Schlimmstenfalls fehlt uns der Mut
Schlimmstenfalls wird alles gut”

Auch diese scheinbar einfach gereimten Verse habe eine schwere Leichtigkeit, darin man die einzelnen Aussagen der Sätze und deren Stimmhöhe noch erkennen kann. Treichel heischt nirgends in diesen Gedichten um Aufmerksamkeit und es bleibt dem Leser überlassen, das potenzielle Wahrheitsverhältnis seiner Reime und Gedanken in ihren Wendungen zu erkennen.

Es wird viel erinnert in diesen Gedichten, viel kreist um die Diskrepanz aller Welt zum eigenen Ich. Während die Gedichtauswahl des ersten Bandes Ein Restposten Zukunft noch sehr fixiert ist auf eine offensichtliche Wirkung, zeichnet sich von beim zweiten Band Tarantella ab, dass Treichel die Wirkung losgelassen hat. Sie treibt von da an in seinen Versen wie ein weißes Blatt auf dunklem Wasser; sie ist das, was ist und nicht das, was wir mit Worten hinzufügen, das, worum die Worte kreisen, ohne sich jemals zu nähern. Man kann es von hier aus sehen, aber es ist nicht direkt da.

In den Gedichten aus Liebe Not provoziert er dann noch mal stärker den Unmut, so wie er es immer ein bisschen tut. Den vorletzten “Seit Tagen kein Wunder” und den letzten Band “Der einzige Gast” halte ich für seine gelungensten Einzelbände. Hier betreibt er eine Form des Auslassens und Anreicherns, die mir einzigartig scheint in ihrer Kürze und Stille; manche dieser Gedichte wirken wie knappe Kohlezeichnungen auf einem großen Blatt Papier:

“-Vaterbild-

Dieser stumme
und schwere Mann,
der mit Hut
und Mantel
durch meine
Kindheit ging,
wie über ein
schneegraues Feld.”

Diese kleine Poesie, die sich fast immer im Schatten hält, die auch nicht singt, sondern summt, die auch nicht winkt, sondern einfach nur hinsieht. Nicht immer gelingt es Treichel, eine lyrische Präsenz in den Worten aufzubauen, doch wenn es dann doch geschieht, haben die Wörter und Verse in ihrer Kürze und Einfachheit etwas Eindrückliches, etwas Unantastbares. Diese, ihnen eigene, Filigranität, macht die Lektüre dieser Gedichte geradezu unverzichtbar.

“Blätter vor unseren Füßen
Wir nannten sie Blätter
Als die Wälder noch standen
Als der Wind noch hindurchfuhr
Was für Umwege wir machten
Wie viele Worte es gab”

Insgesamt bleibt Treichels Lyrik in einem schmalen Kreis, aber sein Repertoire ist deswegen nicht klein. Es liegt vielmehr in jedem Gedicht eine letzte Zurückhaltung, die verschiedene Themen unterschiedlich wirken lässt. Ein Liebesgedicht zum Beispiel kleidet dieser Stil ganz wunderbar und unnachahmlich.

“Mit der Ich Mozzarella aß
Ihr Federbett war grün wie Gras
Die in der großen Stadt verschwand
Die Schuhe trug sie in der Hand
Der Mond fiel in den grauen Fluß
An die ich immer denken muss”

6 Zeilen voller schneller Rückblicke, voller Sehnsucht.

Treichel ist ein moderner Lyriker und doch ist er ein Lyriker der zeitlos ist. Denn seine Worte sprechen für sich, sind wenig an Konventionen oder ästhetische Prinzipien geknüpft, sie verbindet das das Einfassen eines schlichten Aspekts, der lyrisch intoniert wird, aber nur bis zu einer Frequenzhöhe, die sich der Musik erinnert und sie noch nicht hören kann. Sie sprechen für einen Schweigenden, der das Schweigen als wichtigen Teil des Erlebens kennt, den im Schweige kann sich innerlich ausbreiten, was im Außen oft untergeht, wenn man es weitläufig aufzeigen, sagen, fassen will.

“Zuerst gehen die Väter
aus ihrem gewalttätigen Leben,
aus ihren jagenden Geschäften,
und lassen uns die steifen Hemden
und die Salzränder über
dem Herzen”

Zu Lars Reyers Gedichtband “Magische Maschinen”


“Auf der Hügelkette summt
das Trafohäuschen seine elektrische
Kantate. Es kommen
keine Engel. Kröten
schnarren durch die Nacht, vom Dorf
herauf, wo die letzten Bierstubengänger
miteinander tuscheln, die fahlen Birken
klappern-”

Es ist sicher kein Zufall, dass vorne auf dem Cover von “Magische Maschinen” eine Kassette abgebildet ist. Beinahe alle Gedichte in diesem Band haben einen gewissen “Tape”-Charakter, einen Anfang, der unvermittelt kommt und ein Ende, das sich selbst ausschaltet; man hört förmlich das Klacken zwischen den einzelnen Seiten, dieses Geräusch, welches der Recorder macht, wenn man die Kassette stoppt und das leisere Knistern, gefolgt von einem aufgescheuchten Surren, wenn man sie wieder in Gang setzt.

Und auch interessant ist, dass aus der Kassette auf dem Cover ein Teil des Bandes herausgezogen wurde – ein vertrautes Bild, ein vertrautes Gefühl. Es stellt sich sofort die Idee ein, das dünne Material zu berühren, daran entlang zu streichen, während man es doch eigentlich aufrollen und sollte. Ist dieses Knäuel aus Kassettenband nicht eine treffliche Metapher für das Leben? Für die Faszination? Und wollen wir nicht manchmal auch alles raffen, in der Hand halten – hoffnungslos und damit das Ganze vielleicht zerstörend – wo es doch eigentlich auch gar nicht uns gehört, sondern dem jeweiligen Moment?

“wir standen
uns immer selbst auf den Füßen & pissten
an den Elektro-Weidezaun, wir lagen
mit dem Ohr am Puls
des anderen & horchten
auf die Strömung, die noch kommen sollte.”

Grob, fast ohne Punkte ziehen sich die Textflüsse Lars Reyers über die Seite, wie der Bach aus der Kindheit unter der porösen, verwitterten und doch (vielleicht gerade wegen dieser Eigenschaften) immer gleichen, immer dagewesenen, quasi in einem Zustand des Zerfalls eingefrorenen Brücke, dahin floss – über dem man als Kind stand und über den man hinwegpubertierte, ohne das sich etwas änderte und es änderte sich doch alles.

Fein sind diese Ahnungen, gesponnen, betrachtet durch das filternde Gefühl des Erinnerten; das geradezu dinglich Präzise in der bis ins Kleinste an dir teilhaftigen Erinnerung. Reyers Gedichte kommen genau von daher und sind genau dort schon fast nicht mehr zu sehen, nur noch zu spüren, festzumachen an dem einen oder anderen, was nie verlorenging, was heute noch hinter uns herzieht und, wenn wir verharren, plötzlich in unsere Erinnerung schießt, durch den ganzen Spiegelpalast des Kopfes. Diese Erinnerungen, wie eine leise Didaktik der Jugend und Kindheit und welche Vorstellung von Lebendigkeit daraus erwächst.

“Ich lese nicht, ich schreibe nicht, ich schweiße nur.”

Dann wäre da noch das Kapitel “Magische Maschinen”, eine flüssig-verzahnte Lang-OP, um den Schwanz der Worte wieder an den Korpus des Lebens zu nähen. Eine wortreiche, virtuose Metamorphose, ein bisschen ohne Hand und Fuß, aber mit Schweiß und einer fühlbaren Lust am Rotieren der Sprache und dem unstillbaren Hand in Hand gehen ihrer Auswüchse, dabei aber auch erfreulicherweise nie zu überbordend oder außerordentlich hermetisch, mit einem kleinen Funkenschlag Mythos.

Insgesamt ein vor allem in seiner eigenwilligen und doch luziden Art beeindruckender Gedichtband. Man kann jedes Stück darin (ausgenommen die beiden Zyklen “Magische Maschinen” und das für mich etwas zu spezielle “Tracks von Jenseits der Auslaufrille”) lesen und ist sofort in einem Erinnerungsflash gefangen, der einen beinahe auf allen sinnlichen Ebenen anzusprechen versucht (und dem das meistens auch gelingt); dabei bewahrt der Autor eine bemerkenswerte Kontrolle. Selten habe ich Gedichte gesehen, die sich bei so freien Formen doch so sehr im Griff haben, die so unterkühlt sind und gleichsam so “lebensnah”.

“Aus dem abgeklemmten Kühlschrank neben der Werkbank
holt er sich den Klaren, die Flasche hat kein Etikett,
früher brannte er noch selbst, Holunderbeeren, weißen Klee –
er wusste wie man destilliert, die Kolben hielten länger
als sein schwarzes Haar.”

Ich würde mich schwertun damit, ein Gefühl in diesen Texten in den Vordergrund zu stellen. Melancholie? Sardonische Gleichgültigkeit? Eine Contraepiphanie des Vergänglichen?
Das alles wäre nur Treibgut auf dem Fluss, der diesen Gedichtband durchzieht. Es ist ein unauffällig dunkler, von Lichtschotter übersäter Fluß, eine aus Worten wie “Harn” und “Brackwasser” gemischte Maße, den man aber auch mit Wörtern wie “Nachtigall” und “Tuschen” beschreiben kann. Zwischen solchen Wortdivergenzen bewegt sich Lars Reyer, ohne dass man merkt, dass er sich bewegt. Er schwebt viel mehr, er teleportiert sich hin und her; nimmt das eine, taucht es ins andere; modelliert dies und versinkt danach in jenem. Daraus wird mit der Zeit eine kontrastreiche und doch einförmige Gestalt, vielleicht ein Abstrich des Lebens, vielleicht der Sprache, wer könnte das so ganz genau sagen … manchmal siehst es einfach nach etwas bestimmtem aus, wenn man es liest …

“stumm
lagen die Makrelen auf dem Papier, dem Schlafe nah,
so sah das aus”