Zu Mircea Eliades Buch “Das Heilige und das Profane”

“Es ist das höchste Ziel des Religionshistorikers, das verhalten des homo religiosus uns sein geistiges Universum zu begreifen und es anderen begreiflich zu machen. Das ist nicht immer leicht. Für die moderne Welt ist die Religion als Lebensform und Weltanschauung kaum zu trennen vom Christentum. Ein westlicher Intellektueller hat im besten Falle die Möglichkeit, sich mit einer gewissen Anstrengung mit der religiösen Schau des klassischen Altertums oder auch bestimmten großen, östlichen Religionen wie Hinduismus oder Konfuzianismus, vertraut zu machen. […] Diese Mythologien sind schon zu sehr geprägt durch die lange Arbeit der Gelehrten […] Doch für den Religionshistoriker, der alle existentiellen Situationen des homo religosus verstehen und verständlich machen will, ist das Problem noch komplexer. Eine ganze Welt noch liegt vor den Ackerbaukulturen, die wirklich primitive Welt […] der Völker auf der Stufe des Sammelns und Jagens.”

Mit seinem Buch “Das Heilige und das Profane” hat Mircea Eliade auf ein Themengebiet begeben, dass weitab jeder heutigen menschlichen Vorstellung liegt (womit ich nicht das “daran denken” meine, sondern das Gefühl, die Essenz der Atmosphäre zu können, sie in flüssiger Konsistenz durch das eigenen Empfinden rauschen zu fühlen.) Zwar stößt man ab und zu (in Büchern von Dan Brown, Büchern über die ersten Weißen in Südamerika etc.) auf eine minimale Dosis archaischer Religionskultur und -mythen, jedoch ist das weite Feld dieser verschiedenen kulturellen Lebens- bzw. Mythenwelten bis heute, 54 Jahre nach Eliades Buch, immer noch relativ unbekannt. Die meisten von uns kennen zwar mit den Göttern der alten Griechen und den Kulten der alten Ägypter ein paar Beispiel für vorchristliche und globalisierten Relgionsideen, jedoch sind sie nur die Spitze des Eisbergs und außerdem staatlich organisiert worden und in Hochkulturen entstanden.

“Der religiöse Mensch kann nur in einer geheiligten Welt leben, weil nur eine solche Welt am Sein teilhat und somit wirklich existiert.”

In diesem Buch geht es nicht um die monotheistischen und auch nicht die größeren etablierten Religionen im Osten, sondern um Beispiele aus Zivilisationen, die vor der Zeit des Ackerbaus lebten und wirft ein differenziertes, jedoch an einem Punkt fixiertes, Bild des Spirituellen und seine Ausrichtung in diesen Gesellschaften auf.

Nahezu alle diese Völker glaubten an eine von Gott geschaffene Welt, in der jeder profane Gegenstand ein Symbol der Transzendenz darstellte (Eliade schreibt hierzu : “Und das Symbol spielt eine wichtige Rolle im religiösen Leben der Menschheit; durch die Symbole wird die Welt transparent, fähig Transzendenz zu zeigen.”) Das heißt, dass jede Sache, die man tut und der ganze Kosmos um einen herum, nach einer bestimmten göttlichen Ausrichtung geordnet ist. In dieser Ordnung zu leben bedeutet wahrhaft zu sein – es ist sehr interessant, dass das fast alle frühen Völker in irgendeiner Weise praktiziert haben. Der Menschen als ein Wesen mit Bewusstein, oft von Furcht und anderne Gefühlen überwältigt und geprägt, stand damals noch am Anfang seiner Entwicklung, war noch sehr von Kollektiven abhängig und in ihnen beheimatet und es gab noch so gut wie keine Fixierung auf das Ego.

“Das Verlangen des religiösen Menschen, ein Leben im Heiligen zu führen, ist das Verlangen, in der objektiven Realität zu leben, nicht in der endlosen Relativität subjektiver Erlebnisse gefangen zu bleiben, in einer wirklichen und wirkungskräftigen – und nicht in einer illusorischen – Welt zu stehen. (das Heilige offenbart die absolute Realität und ermöglicht dadurch eine Orientierung […])”

Eliade führt viele Beispiele aus zahlreichen Erdteilen und Kulturen an und natürlich gibt es noch zahlreiche Facetten; so gibt nicht nur heilige Räume, sondern auch eine heilige, immer wiederkehrende Zeit, bestimmten Riten um sich zu lösen von Zuständen, Übergänge und Mythen von Tod und Neugeburt.
Was sich erstmal bekannt anhört, erweist sich bei direktem Kontakt, auf einer bestimmten Ebene, als für uns heute fast unzugänglich; am Besten sieht man es im Vergleich:

“Für den unreligiösen Menschen sind alle vitalen Erlebnisse – Sexualität, Ernährung, Arbeit uns Spiel – desakralisiert. Das bedeutet vor allem, dass es allen diesen physiologischen Akten an einer geistigen Bedeutung und damit an der wahrhaft menschlichen Dimension fehlt.”

Der Autor beantwortet nicht die Frage, ob der desakralisierende Prozess ein Übel oder schlicht unausweichlich ist; dies sei, so sagt er, auch vielmehr die Frage der Philosophie und der Psychologie. Doch weißt er uns mit dem Fingerzeig auf die vorzeitlichen Kulturen und Religionen, unbewusst auch einen Weg zu einem zweigeteilten Verständnis der Welt, wie es immer mehr zu verschwinden droht, jedoch auch immer wieder aufkommt.

Denn obgleich der religiöse Mensch sich sozusagen bindet, um näher an ein Zentrum zu gelangen, alle Ausrichtungen seines Handelns so nah als möglich ans Göttliche verlegt, so ist doch auch der profane Mensch im Profanen auf der Suche nach einem Zentrum – sei es Wissen, Macht oder Besitz – welches gleichsam heilig sein soll, weil es direkte Verbindung zur Transzendenz (Unsterblichkeit, Ruhm, Glück, Wissen um die Metaphysik) ist. Ohne Zentrum scheint es, kann der Mensch nicht sein und wir alle heiligen irgendetwas oder wir verlieren oft vollständig den Glauben.

Sich vorzustellen, dass alles lebendige auf Erden ein Symbol ist, ist keinem Menschen völlig unverständlich oder fremd. Auch die kultische Begehung von Ritualen, ebenso wie eine besondere Behandlung von Tod, Geburt oder Sexualität (die Liebe ist eine Art Ritus, die Transzendenz errichtet) und bestimmte, wiederkehrende Festlichkeiten und Daten sind jemals ganz aus unserer Vorstellung verschwunden. Die Sehnsucht ist geblieben, suchte zwar alle Götter zu vernichten, doch es bleibt die Frage nach dem Gott in einem selbst und in der Welt, die uns umgibt.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s