“Der Wald der Liebe in uns” – Liebesgedichte von Adonis

“Die Bäume haben das Geheimnis überliefert
Heute ist das Geheimnis aus Luft
Und seine Weisheit ein Obstgarten.”

Vor fast 2000 Jahren schrieb der römisch. Dichter Ovid seine Amores/Liebesgedichte, in denen es jedoch nicht um Liebe als etwas zu Besinngendes ging, als vielmehr um die “Situationen” der Liebe ging. Seither ist die Kategorie des “Liebesgedichts” zweigeteilt in die Dichter, die ihre Liebe direkt anreden und illuminieren und jene, die in Situationen und Gedanken den wahren Kern und die wahren Elemente von Liebe freizulegen versuchen.

Der syrisch-libanesische Schriftsteller Adonis, der seit 1985 im frz. Exil lebt und als einer der wichtigsten (wenn nicht der wichtigste) arabische Dichter des 20. Jahrhunderts gilt, hat in seinen Liebesgedichten diese Differenz quasi aufgelöst, die Aspekte der Liebesdichtung wieder miteinander verbunden und sie wie Saiten auf ein Minimum an Sprache und ein Höchstmaß an Brisanz, Schönheit und Dichte gespannt.

“Zeit – Flötenspiel und tödliche Schlinge
Raum, in dem wir Erkenntnis gewinnen
Hoffnung für die Wurzeln im Erdreich
Und das Wasser fließt herbei aus einer Quelle
Fließt glitzernd vorbei”

Sicherlich haben die Verse im Arabischen einen noch viel sehnsuchtsvolleren, lichteren Klang, doch möchte ich hier sofort anmerken, dass die deutschen Übersetzungen zumindest insofern sehr gelungen sind, als dass die leichte und doch schmetterlingsferne Sprachkraft in ihnen noch spürbar ist.

Aus den mehr als 140 unbetitelten, im Durchschnitt 6- bis 8-zeiligen, Gedichten spricht auf den ersten Blick ein reiner Träumer, ein lächelnder Geist, ein zaubernder Wegelagerer der Schönheit und ein Bewunderer von Körperlichkeit und Liebessüße.
Doch bald schon fallen einem nicht nur Zwischentöne und metaphysische Betrachtungen auf, sondern auch das starke Element der Frage, des Widerspruchs und des Zweifels, das sein dunkles Licht zwischen den Wangen der Liebenden aufblitzen lässt. Wo sich im folgenden Vierzeiler das lyrische Ich noch beinahe wie vom Tode befreit sieht und jede Zeile aus dem Bersten ins Lächeln übergeht:

“Gestern, bei unserer Begegnung
Erlöste ich meine Seele vom Dunkel ihrer Ketten
Ich lehrte ihre Wimpern
Die Art, dich anzusehen”

sind es bald danach schon der aufkommende Zweifel, die Gedankenumlaufbahnen der Angst, die in der Stille der Zeilen ihren Ton abgeben – und die Liebe wird nicht bloß als Wagnis, sondern als herabsinkende Münze in eine tiefe dunkle See gesehen. Und sie vor diesem Schicksal zu bewahren ist eine schwere Aufgabe:

“Ist es die Sprache, die mich beseelte in deinem Namen – die
Ihr Blut strömen lässt in mir, in deinem Namen –
Die unsere beiden Körper verzaubert und das, was war zwischen dir
und mir – was bedeuten
Die losen Lettern, der Wald der Liebe in uns?”
[…]
Mein Leib ist zweifach und du bist zwischen meinen beiden Körpern
Woher komme ich, und wie all die Herrlichkeit
Aufschreiben

Im Buch des Staubs?”

Auf dunkel-farbenprächtige, sanfte Weise führt uns jedes Gedicht zu einer neuen, kurzen und weiten, Liebesgeschichte, die etwas anders ist als die vorherige, ein weiteres Puzzlestück, anders als alle anderen, aber dasselbe im Ganzen ergebend. Gesichter sind es, Schemen einer Frage nach Liebe, die uns alle quält, zuschnürt und tief tauchen und freuen lässt. Da ist einer der sich in der Liebe noch vieles fragt – und ist Er nicht der wahre Liebende, der Liebende, der wir auch sind, die wir ständig uns fragen statt einfach zu lieben? Da ist ein anderer, der liefert sich bestimmten Stunden aus, der flüchtige Liebende – aber ist Liebe nicht immer flüchtig, ihr einziges Existenzrecht, ist das nicht ihr Element? Da ist ein weiterer, der immer noch zu fassen sucht, was war oder werden könnte, der noch nicht weiß warum, aber der schon liebt. Aber ist nicht Liebe unerklärbar, trifft sie uns nicht genau da, wo wir kein Wissen haben und wo sich sofort tausend Ahnungen entwickeln, die nur sehr selten zum Wissen werden?

“Unsere Körper –
Ein Wald aus Knospen
Und die Zeit
Entströmt ihren Kelchen
Wie ein Parfum”

Begegnungen, Berührungen – sparsam geht Adonis mit ihnen um und auch etwas verschwommen dann und wann, wenn auch nie hermetisch. Bilder wiederholen sich ab und zu; der Wortschatz der Liebe hat feste Kreise, wie fast kein anderer und die Liebenden sind immer auf demselben Meer unterwegs. Doch das Wetter ist niemals gleich und Adonis lässt es stürmen, zeigt Sternenhimmel und ferne Küsten, führt uns die Landschaft dieses Gefühls wie eine Oase und eine Wüste vor Augen, beides zugleich. Dabei bringt er uns nicht nur unwiderrufliche Schönheit und poetische Ewigkeiten nahe, sondern auch eine sensible, dichte Weisheit.

“>>Jeder Körper ist ein Gemenge aus Sprachen, aber nicht Alphabet<<, sagt sie.”

Und doch, trotz allem, wird die Liebe hier gefeiert und in sofern ist dieses Buch seinem Titel sehr gerecht geworden. Auch ein Wald ist ein sehr vielschichtiges Wesen und seine Schönheit ergibt sich nicht aus seinen Einzelteilen, sondern aus dem Gesamtgefüge, das mythische Züge erreicht, wann immer wir daran denken, in Geräusch, Geruch, Bild, in Oberfläche und Untergrund, wenn alles zusammenfließt zum Erlebnis “Wald” – oder eben zur Beanspruchung: “Liebe”.

Und so ist dieses Buch auch kein Alphabet der Liebe, aber eine Menge an Sprachen, mit denen sich das Alphabet der Gefühle zwar nicht deklinieren, aber hier und da aussprechen lässt; die überwältigende Dankbarkeit und der leise, mondgroße Zweifel gehören auch zu unserer Wahrheit von Liebe, egal wie leicht Adonis sie hinter einer lyrischen Frage oder einem ungemein schemenhaften Bild versteckt.

“Traum und Wirklichkeit sind zweierlei Kinder:
Das eine ist Raum
Das andere Zeit”

Da die Gedichte wegen der fehlenden Titel quasi ohne Identität sind, ist ihre flüchtige und doch allgegenwärtige Botschaft noch viel klarer und direkter. Und deswegen kann man das Buch einfach auf irgendeiner Seite aufschlagen, immer wieder, in die Wörter abtauchen und mit einem völlig neuen Eindruck aus diesem oder jenem Text hervorkommen – das Buch setzt sich in jeder Zeile unendlich fort. Wie kleine Botschaften und äonische Namen, haben sie alle Qualitäten von Traum und von Wirklichkeit – den auch hinter dem Traum steht letztlich die Wirklichkeit als demütige Gewissheit und der Traum kann keine höhere Gewissheit, aber eine höhere Wahrheit sein.

Es lohnt sich sehr diese in den “Stamm des Windes” geschnitzten Verse zu lesen und auf jeden Fall lohnt es sich, dieses Buch zu besitzen. Es könnte irgendwann die Nacht kommen, wo der Ölbaum vor dem Fenster steht und man sich fragt was aus der Rose wurde, die die Perle eines Tautropfens wie die Ewigkeit trug … oder man will einfach mal wieder erfahren, was schöne, dichte, kurze Poesie ist …

“Die Abwesenheit hat ein Bildnis,
ein allerletztes Bild.”

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