Monthly Archives: December 2014

“We take love in all its seasons.” Beeindruckende Gedichte um die Liebe von Anne Sexton.


“Bis Gestern war mein Körper nutzlos.
Nun zerrt er an allen Ecken und Enden.
[…]
Einst war ein Boot, ganz aus Holz, ohne Aufgabe,
ohne Salzwasser unter ihm, konnte etwas Farbe brauchen.
Er war nicht mehr als eine Ansammlung von Brettern.
Doch du hast es ausgesetzt, es aufgetakelt.
Es ist auserwählt worden.”

Immer wieder gerne wird Anne Sexton, gebürtige Amerikanerin, geb. 1928, gest. durch Freitod 1974, zu den “confessional poets” gezählt (andere z.B.: John Berryman, Robert Lowell) und noch näher scheint oft der Vergleich mit Sylvia Plath zu liegen, obwohl die beiden nur einige wenige Begegnungen hatten. Allerdings gibt es in der Tat auffällige Parallelen in ihren poetischen Werken; z.B. ihre sehr ambivalente Einstellung zu Liebe, Sex und Institution wie Kinderkriegen, Ehe und Erfüllung und die leicht abseitigen Bilderwelten und Verschlüsselungen, die beide erfunden haben, um diese Dinge in Gedichten zu verarbeiten.

“I cried and then you held me just as you must
and of course we’re not married, we are a pair of scissors
who come together to cut, without towels saying His. Hers.”

Die Liebesgedichte Sextons liegen zwischen zwei Lagern und da liegen sie genau richtig. Auf der einen Seite ist immer noch Klassisches zu finden, die (Üb-)Erhöhung der Liebesakte, die Vervielfältigung des Träumens und die Sehnsucht, die man dem geliebten Menschen und seiner Berührung und am meisten seiner Abwesenheit angedeihen lässt. Mit diesem Teil geht Sexton sehr sparsam um, was man aber kaum bemerkt, weil sie es manchmal so schmerzvoll und greifbar tut, dass es über dem ganzen restlichen Gedicht hängt wie ein Schatten. Auf der anderen Seite ist da ihre ganz eigene lyrische Stimme: ihr persönliches Verständnis, ihre Erfahrungen und Anschauungen zu Liebe und Beziehung. Die sind manchmal nicht weniger zärtlich oder zerrissen als das Klassische. Aber in Ihnen steckt eine Komponente, die die Facetten der ganzen Sache leuchten lässt, das Klassische zum Persönlichen hin aufbricht.

“Während zwanzig Zentimeter Schnee
herunterkamen wie Sterne
in kleinen Kalkstücken
waren wir in unseren Körpern
(diesem Raum, der uns begraben wird)
und du warst in meinem Körper
(dieser Raum, der uns überdauern wird)”

“So tell me anything but trake me like a climber
for here is the eye, here is the jewel
here ist the excitement the nipple learns.
I am unbalanced – but I am not mad with snow.
[…]
I burn the way money burns.”
Wenn man kann sollte man die Gedichte auf Englisch lesen, denn Sexton hat ein unglaubliches und unkompliziertes Gefühl für Sprache. In einem Gedicht namens “The Ballad of the lonely masturbator” gibt es zum Beispiel diese Strophe:

“Finger to Finger, now she’s mine.
She’s not too far. She’s my encounter.
I beat her like a bell. I recline
in the bower where you used to mount her.
You borrowed me on the flowered spread.
At Night, alone, I marry my bed.”

Also auch darum geht es, um Selbstliebe und Einsamkeit, die einen wesentlichen Bestandteil der Liebe ausmachen. Das letzte große Gedicht in der deutschen Ausgabe der Liebesgedichte, ein Zyklus, beschreibt die 18 Tage die Sexton von einem ihrer Liebhaber getrennt ist. Überhaupt sind Liebhaber die beherrschenden Figuren des Buches.

Unsäglich schön sind manche Gedichte, fast schon wieder traurig, weil selbst das Vergehen, der Verzug der Liebe, in ihrer Erfüllung schon eingeplant ist:

“Seien wir ehrlich, ich war nicht von Dauer.
Ein Luxus. Eine hellrote Schaluppe im Hafen.
Mein Haar stieg wie Rauch aus dem Autofenster.
Junge Venusmuscheln, nicht billig zu haben.”

schreibt sie an einen Mann, der sie verlassen hat und zu seiner Frau zurückgekehrt ist.

“Das Meer trägt eine Glocke am Nabel.
[…]
Die Brandung ist eine Droge und ruft
die ganze Nacht lang
ich bin, ich bin, ich bin.”

“Take my looking glass and my wounds
and undo them. Turn off the light and
then we are all over black paper.”

Die “Liebesgedichte” sind ein fulminantes Werk über die Liebe, das Unfaire und das Gelungene an ihr, das Ertragen und das kurze Besitzen. In seinen vielen unterschiedlichen Ansätzen bringt er es zustande, dass seine vielen Richtung langsam die Form eines Satzes annehmen, eine großartigen Satze, wie man sich ihn auf die inneren Augenlieder schreiben will, in ein kleines Büchlein der Wahrheiten des Lebens: “We take love in all its seasons”. Wer wirklich Gedichte über die Ausmaße der Liebe und ihrer Unterströmungen lesen will, muss zu Anne Sextons Gedichten greifen

Als letztes noch ein Ausschnitt aus den Gedichten “Nacktschwimmen” und “4th December”:

“Water so clear you could
read a book through it.
Water so bouyant you could
float on your elbow.
I lay on it as on a divan.
Water was my strange flower.”

“Als der Bibermond die Erde erhellte,
raschelten Eichenzweige wie Mäuse in einem Karton.”

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“Zähle nach wie Noah gezählt hat” – Das dichterische Werk von Rainer Brambach


“So einfache Sachen wie Kühe melken,
Begonien begießen, damit sie nicht welken
[…]
beim Überqueren der Straße auf Autos achten

und nachts den Mond wie Klopstock ihn sah
und nachts den Mond wie Goethe ihn sah
und nachts den Mond wie Claudius ihn sah
und nachts den Mond wie Hebel ihn sah
betrachten.”

“Ich schreibe keine Geschäftsbriefe
ich beharre nicht auf dem Termin
und bitte nicht um Aufschub.
Ich schreibe Gedichte.”

Eine der schönsten Dinge, die man meiner Ansicht im Leben tun kann, ist, sich mit einem guten Gedichtband, der einen zu nichts nötigt, sondern jede Vorstellungspore öffnet, irgendwo hinzusetzen und zu lesen; zu lesen und wieder zu lesen, als wäre jedes Gedicht eine Flaschenpost zwischen Menschen, eine Lebensweisheit, eine Offenbarung erlebnishafter Natur. Als wäre jedes Gedicht die Reinkarnation eines Gefühls, eines Eindrucks. Als sei das Büchlein in der Hand ein Schatz voller einzelner Schätze namens Seiten, Titel, Zeilen.

Es ist der große Vorteil von Gedichten, dass sie nicht einfache ein Abbild sind, sondern eine Wirkungsmacht. Jedes Gedicht kann auf seine Weise beeindrucken und tief treffen, weil das Element der lyrischen Vermittlung einen dazu bringt, mit jedem noch so winzigen Eindruck Berge an Bedeutung zu versetzen, Goldadern in den eigenen Erfahrungen und Vorstellungen zu finden, einen Blick auf die Gründe vieler Dinge zu erhaschen. Gedichte sind schon ihrer Art nach ein Erlebnis, das zwar Bewegungen vorgibt, doch der Tanz, den man aufgrund von einzelnen oder dem Ablauf dieser Bewegungen beginnt, der liegt ganz beim Leser. Ein gutes Gedicht hat eine Form, die schon viel in sich trägt, auf die aber noch mehr und noch höher aufgebaut werden kann.

“Diese Welt, die ich nicht mehr verstehe,
besucht mich in Gestalt einer Zeitung
jede Woche einmal,
und mehrmals täglich
schwirrt eine Schar von Spatzen ans Fenster.”

Faszinierend ist, auf wie viele unterschiedliche Arten lyrische Beschwörung gelingen kann. Rainer Brambach (1917-1983) zum Beispiel hat kaum ein Gedicht geschrieben, was länger als eine großbedruckte Seite lang wäre. Sie gehen von einfachen Umständen aus und entfernen sich auch nicht wirklich in ihrer Sprache davon; es sind Beobachtungen, Erlebnisse, kurze Vertiefungen, die er, manchmal sinnig, manchmal spielerisch, auftauchen lässt, bevor das Gedicht dann schon wieder vorbei ist. Das bemerkenswerte ist: in der Zwischenzeit geschieht dennoch etwas: Die Auseinandersetzung mit dem Gedicht fördert etwas in einem zu Tage; man selbst fördert es mithilfe des Gedichts zu tage.

“Dem Tod keine Zeile bisher.
Ich wiege achtzig Kilo und das Leben ist mächtig.
Zu einer anderen Zeit wird er kommen und fragen,
wie es sei mit uns beiden.”

Es sind nur kleine Botschaften. Aber gerade das Schmale an ihnen, macht sie gleichzeitig fest, eindrücklich. Man kann ihnen nicht ausweichen, denn ihre Präsens ist für die Dauer der Lektüre unausweichlich, alles darin gehört zusammen; sie sind ein untrennbares Geflecht, gleich einem Schild, das dich auffordert, etwas zu dem zu sagen, was du gerade empfindest, was du gerade von Leben verstehst, was du sehen kannst

“Vom Querschläger Regen nassgeprügelt,
glänzt der Asphalt sammetschwarz satt,
schwankt die Allee herbstlaubbeflügelt.”

Kopfkino, musiziert nach lyrischem Wortschatz. Die teilweise harmlos-instinktiven Naturepisoden und -veranschaulichung machen einen nicht unerheblichen Teil des Bandes aus; in dieser Naturverbundenheit liegt dabei erstaunlicherweise nicht der Versuch, die Natur zu überwinden. Vielmehr ist diese ländlich-lebensgegerbte Note eine authentische Verknüpfung zwischen dem Schreiben des Autors und seinem Lebensgefühl.

Aber das Zentrale ist letztlich nicht das Überwiegen einer Thematik, sondern die Art, wie Brambach die Form des sehr kurzen Gedichtes auf viele verschiedene Themen erstrecken kann (auch wenn er meist beim Natur- oder Ichgedicht bleibt), was diesen Band so wertvoll macht. Es geht vieles, es geht auch anders – als Beispiel das Gedicht “Paul”:

“Neunzehnhundertsiebzehn
an einem Tag unter null geboren,

rannte er wild über den Kinderspielplatz,
fiel und rannte weiter

das Gewehr im Arm über das Übungsgelände,
fiel, und rannte weiter

an einem Tag unter Null
in ein russisches Sperrfeuer

und fiel.”

Im Ganzen ist dieses Gesamtwerk von 170 sehr großzügig bedruckten Seiten, ein kleines Geschenk für jeden Poesieliebhaber. Es enthält Ernstes und Heiteres, aber vor allem viel Natürliches. Man kann dieses Band mit einem unverfänglichen Genuss lesen, der einem dann und wann auch zu denken gibt. Berührend ist auch ein Wort, was für die Gedichte Brambachs stehen kann, auf eine sehr dezente Weise, die sich nie innerhalb dieses Begriffes ausverkaufen will.

“Außer Poesie und mir
war niemand im Park.

Wer sich gerne mit Gedichten beschäftigt, die keinen großes Tamtam um Verschleierung und Tricksereien machen, sondern vielmehr am Poetischen, dem Sinnspiel, dem Kopfkino, dem Einfangen der Welt als Wortgeste(n), interessiert sind, dem kann man dieses Werk ohne große Gefahr ans Herz legen. Es sind einfache Gedichte, die hier zu lesen sind. Aber einfache Gedichte sind immer noch Gedichte.

“Ein Gedicht schreiben
ohne Ballast
zum Beispiel Spätherbst
leeres Schneckenhaus Spinnenweben
lautlos Fallendes
im Geflüster der Bäume.”