“We take love in all its seasons.” Beeindruckende Gedichte um die Liebe von Anne Sexton.

“Bis Gestern war mein Körper nutzlos.
Nun zerrt er an allen Ecken und Enden.
[…]
Einst war ein Boot, ganz aus Holz, ohne Aufgabe,
ohne Salzwasser unter ihm, konnte etwas Farbe brauchen.
Er war nicht mehr als eine Ansammlung von Brettern.
Doch du hast es ausgesetzt, es aufgetakelt.
Es ist auserwählt worden.”

Immer wieder gerne wird Anne Sexton, gebürtige Amerikanerin, geb. 1928, gest. durch Freitod 1974, zu den “confessional poets” gezählt (andere z.B.: John Berryman, Robert Lowell) und noch näher scheint oft der Vergleich mit Sylvia Plath zu liegen, obwohl die beiden nur einige wenige Begegnungen hatten. Allerdings gibt es in der Tat auffällige Parallelen in ihren poetischen Werken; z.B. ihre sehr ambivalente Einstellung zu Liebe, Sex und Institution wie Kinderkriegen, Ehe und Erfüllung und die leicht abseitigen Bilderwelten und Verschlüsselungen, die beide erfunden haben, um diese Dinge in Gedichten zu verarbeiten.

“I cried and then you held me just as you must
and of course we’re not married, we are a pair of scissors
who come together to cut, without towels saying His. Hers.”

Die Liebesgedichte Sextons liegen zwischen zwei Lagern und da liegen sie genau richtig. Auf der einen Seite ist immer noch Klassisches zu finden, die (Üb-)Erhöhung der Liebesakte, die Vervielfältigung des Träumens und die Sehnsucht, die man dem geliebten Menschen und seiner Berührung und am meisten seiner Abwesenheit angedeihen lässt. Mit diesem Teil geht Sexton sehr sparsam um, was man aber kaum bemerkt, weil sie es manchmal so schmerzvoll und greifbar tut, dass es über dem ganzen restlichen Gedicht hängt wie ein Schatten. Auf der anderen Seite ist da ihre ganz eigene lyrische Stimme: ihr persönliches Verständnis, ihre Erfahrungen und Anschauungen zu Liebe und Beziehung. Die sind manchmal nicht weniger zärtlich oder zerrissen als das Klassische. Aber in Ihnen steckt eine Komponente, die die Facetten der ganzen Sache leuchten lässt, das Klassische zum Persönlichen hin aufbricht.

“Während zwanzig Zentimeter Schnee
herunterkamen wie Sterne
in kleinen Kalkstücken
waren wir in unseren Körpern
(diesem Raum, der uns begraben wird)
und du warst in meinem Körper
(dieser Raum, der uns überdauern wird)”

“So tell me anything but trake me like a climber
for here is the eye, here is the jewel
here ist the excitement the nipple learns.
I am unbalanced – but I am not mad with snow.
[…]
I burn the way money burns.”
Wenn man kann sollte man die Gedichte auf Englisch lesen, denn Sexton hat ein unglaubliches und unkompliziertes Gefühl für Sprache. In einem Gedicht namens “The Ballad of the lonely masturbator” gibt es zum Beispiel diese Strophe:

“Finger to Finger, now she’s mine.
She’s not too far. She’s my encounter.
I beat her like a bell. I recline
in the bower where you used to mount her.
You borrowed me on the flowered spread.
At Night, alone, I marry my bed.”

Also auch darum geht es, um Selbstliebe und Einsamkeit, die einen wesentlichen Bestandteil der Liebe ausmachen. Das letzte große Gedicht in der deutschen Ausgabe der Liebesgedichte, ein Zyklus, beschreibt die 18 Tage die Sexton von einem ihrer Liebhaber getrennt ist. Überhaupt sind Liebhaber die beherrschenden Figuren des Buches.

Unsäglich schön sind manche Gedichte, fast schon wieder traurig, weil selbst das Vergehen, der Verzug der Liebe, in ihrer Erfüllung schon eingeplant ist:

“Seien wir ehrlich, ich war nicht von Dauer.
Ein Luxus. Eine hellrote Schaluppe im Hafen.
Mein Haar stieg wie Rauch aus dem Autofenster.
Junge Venusmuscheln, nicht billig zu haben.”

schreibt sie an einen Mann, der sie verlassen hat und zu seiner Frau zurückgekehrt ist.

“Das Meer trägt eine Glocke am Nabel.
[…]
Die Brandung ist eine Droge und ruft
die ganze Nacht lang
ich bin, ich bin, ich bin.”

“Take my looking glass and my wounds
and undo them. Turn off the light and
then we are all over black paper.”

Die “Liebesgedichte” sind ein fulminantes Werk über die Liebe, das Unfaire und das Gelungene an ihr, das Ertragen und das kurze Besitzen. In seinen vielen unterschiedlichen Ansätzen bringt er es zustande, dass seine vielen Richtung langsam die Form eines Satzes annehmen, eine großartigen Satze, wie man sich ihn auf die inneren Augenlieder schreiben will, in ein kleines Büchlein der Wahrheiten des Lebens: “We take love in all its seasons”. Wer wirklich Gedichte über die Ausmaße der Liebe und ihrer Unterströmungen lesen will, muss zu Anne Sextons Gedichten greifen

Als letztes noch ein Ausschnitt aus den Gedichten “Nacktschwimmen” und “4th December”:

“Water so clear you could
read a book through it.
Water so bouyant you could
float on your elbow.
I lay on it as on a divan.
Water was my strange flower.”

“Als der Bibermond die Erde erhellte,
raschelten Eichenzweige wie Mäuse in einem Karton.”

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