Monthly Archives: January 2015

Fantastische Fabeln von Ambrose Bierce


Ambrose Bierce gehört allgemein zu den Autoren, die man schwerlich einordnen kann. In der amerikanischen Literatur ist er eine Art halber Klassiker, fällt aber hinter solche Größen wie Poe, Melville oder Mark Twain zurück. Seine journalistische Tätigkeit und seine hauptsächlich in Zeitungen veröffentlichten Geschichten lassen sein Werk eher unübersichtlich, teilweise auch etwas beliebig wirken. Immerhin: sein “Aus dem Wörterbuch des Teufels” ist immerhin als eine Art Bibel des Zynismus weithin bekannt.

Ich war eher zwiegespalten, als ich den Diogenes Band der “Meistererzählungen” von Ambrose Bierce las. Dieser Mann, der von sich behauptete “Mein Ruf als unbekannter Autor ist weltweit” machte keinen großen Eindruck auf mich. Doch ganz hinten im Buch, fast am Ende, stieß ich auf einige sehr kurze Prosatexte, betitelt mit “Fantastische Fabeln”. Beinahe sofort war ich begeistert von diesen anekdotischen, mit Witz und Biss angefüllten Bonmonts. Ein wenig fühlte ich mich an das geniale Buch von Augusto Monterroso, “Das gesamte Werk und andere Fabeln” erinnerte, aber das hier war noch fieser, gleichzeitig aber in Teilen ungeheuer geistvoll, dann wieder geradezu brachialpointiert.

Ich machte mich also auf die Suche nach einer separaten Sammlung der fantastischen Fabeln und fand dieses Buch. Da es pro Seite immer 2-3 Texte enthält, sind es insgesamt ca. 250-300 im ganze Buch. Überwiegen tun die politischen Gleichnisse, in denen es viel um spielerische Aufdeckung von Heucheleien, menschlichen Schwächen und menschlicher Dummheit geht, aber auch Parabelartiges und Weises ist zu finden.

-Der Präsident einer großen Aktiengesellschaft betrat ein Textilwarengeschäft und erblickte ein Plakat mit folgender Aufschrift: “Wenn sie das, was sie wünschen, nicht finden können, fragen sie danach.”
Er trat an den Ladenbesitzer heran, der ihn genau beobachtet hatte, während er das Plakat las, und als er zum Sprechen ansetzte, rief der Ladenbesitzer einem Verkäufer zu: “John, zeig diesem Gentleman die Erde.”-

Natürlich sind auch viele “Klassiker” des Witzes und der Posse bei Bierce vertreten:

-Zwei Frauen im Himmel erhoben Anspruch auf einen neu eingetroffenen Mann.
“Ich war seine Frau”, sagt die eine.
“Ich seine Liebste”, sagt die andere.
Der Heilige Petrus sagte zum Mann: “Geht hinunter zu dem Anderen Ort – du hast schon genug gelitten.”-

Im Ganzen ergibt ein Summa Summarum des Buches auch eine größere Menge an überflüssigen oder sehr geläufigen Geschichtchen, dennoch machen sie einem Freude, und es ist ein großer Spaß immer mal wieder einen besonders guten, satirischen Text zu finden:

-Ein Parteimanager sagte zu einem Gentleman, der sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte:
“Wie viel würden Sie für eine Nominierung bezahlen?”
“Nichts”, erwiderte der Gentleman.
“Aber sie würden doch etwas zum Wahlkampffonds beitragen, um Ihre Wahl zu unterstützen?”, fragte der Parteimanager augenzwinkernd.
“O nein”, sagte der Gentleman gewichtig. “Wenn das Volk wünscht, dass ich für es arbeite, muss es mich ohne Anstiftung ernennen. Ich fühle mich ohne öffentliches Amt sehr wohl.”
“Aber”, drängte der Parteimanager, “eine Wahl ist etwas Wünschenswertes. Es ist eine große Ehre dem Volk zu dienen.”
“Wenn das Dienen eine hohe Ehre ist”, sagte der Gentleman, “wäre es für mich unschicklich, mich darum zu bewerben; und wenn ich es durch eigenen Anstrengungen erreichte, wäre es keine Ehre.”
“Nun gut”, beharrte der Parteimanager,” aber sie unterschreiben doch wenigstens, hoffe ich, das Wahlprogramm.”
Der Gentleman erwiderte: “Es ist unwahrscheinlich, dass die Verfasser meine Ansichten zutreffend zum Ausdruck gebracht haben, ohne mich zu konsultieren; und wenn ich ihr Werk unterschriebe, ohne ihm zuzustimmen, wäre ich ein Lügner.”
“Sie sind ein abscheulicher Heuchler und Idiot”, schrie der Parteimanager.
“Selbst ihre gute Meinung über meine Eignung”, antwortete der Gentleman, “kann mich nicht umstimmen.”-

Je suis Charlie


09.01.2015

Blut klebt an unseren Händen, in unseren Haaren, streicht dünn
Ränder um unseren Mund. Wie tauchten in, wir umkreisten uns
für so wenig Blut, ein paar Herzspritzer, in der Ferne schmerzt
eine Wunde ohne uns; noch zu wenig Kraft
uns mit zu zerfetzen
hat der freilaufende Tod.

Wir haben einen freilaufenden Tod.

Gestern war er in Paris,
aber ich war nicht dort.
Ist das jetzt die Scham des Überlebenden, die Trauer
oder die Wut?

Wird man sich in ein paar Jahren noch an diesen Tag erinnern
oder wird es dieser Tragödie gehen wie den Tragödien
der alten Griechen, den Opfern vergessener
Völkermorde, den vergewaltigen Frauen, die sich nicht wehren konnten, können,
was schon immer der wichtigste Grund dafür war, übrigens,
jemand anderem NICHTS anzutun;

(ohnehin, wenn wir weiter von
„der Menschheit“ sprechen wollen.)

Jeder geht mit dem Schicksal, das die Welt gerad bewegt,
anders um.
Wir können nicht alle trauern,
mit einer Faust in der Brust
und einem Boxsack in den Augen.
Wir sind nicht alle voller Leid, wenn auch unser Vertrauen
von Neuem in die Zerstörung fiel und wir
es eine Weile nicht mehr finden werden.

Doch was da Trauer in uns ist, das will uns sehen lassen,
wo wir sonst blind sind: Justitia in uns
hört auf die Waagschalen zu halten und fast sich
mit der uralten Geste jedes Menschen auf der Erde
an den Kopf und bedeckt danach die Augen.
Wut zittert wie Espenlaub, das auf dem kalten See treibt, im Wind.
Die Frequenz der Liebe wandert schuldig durch die Brust,
umher.
Wir sahen schon so vieles, aber dies sehen wir nun.

Ohnmacht und gleich im Anschluss unverheilte
Versuche von Rührung und Solidarität
umgeben uns, durchdringen die Anmut, die wir sein woll‘n,
die uns aber unmöglich halten kann
in dieser Flut, die man das Leben nennt
und auch die Freiheit der anderen. Die Freiheit, mit der
niemand mithalten kann,
nicht du, nicht das Gesetz, keine Kapazität.

Die Verbindung zwischen dem Punkt im Kopf, mit dem wir leben
und dem Gefühl allein zu sein.
Wir füllen diese Verbindung mit Glauben, mit Zynismus,
mit Lethargie und Illusionen,
mit jedem Hang, den wir noch spüren können,
dann und wann mit Liebe, Hoffnung,
ein Leben lang geht es
nur so.

Jetzt im Moment spür ich nur die Verbundenheit,
wenn ich „Je suis Charlie“ lese;
die Tränen, mit denen ich kämpfe, das sind
Tränen die ich vergießen will,
weil ich weiß, dass jeder Leben möchte
und die ich nicht vergießen kann, weil ich nicht weiß
und nicht verstehe,
warum irgendjemand töten will.

(Achtung: dieses Gedicht will keine umfangreiche, allgemeine Bewertung der Ereignisse sein; das oft gewählte “wir” soll keine besitzergreifende Tendenz oder Deutungshoheit implizieren; dieses Gedicht ist eine Auseinandersetzung und will auf gar keinen Fall ein tragisches Ereignis selbstbezogen stilisieren; dennoch kann es hier und da so wirken, als würde einer dieser drei möglichen Vorwürfe zutreffen. Wichtig ist mir, dass man diesen Text als ein Gedicht und keine Wortmeldung im eigentlichen Sinne begreift. Nichts darin verlangt nach Zustimmung, auch wenn, wie bei jedem Gedicht, der Versuch gemacht wird, diese Zustimmung, die Berührung mit dem Leser, möglich zu machen; sie ist erhofft und erwünscht, aber wird nicht verlangt, denn ein Gedicht kann und darf nichts verlangen.)