Die Gedichtauswahl von Ludwig Greve “Sie lacht und andere Gedichte”

“Die dunkle Stunde
macht das Unscheinbare gewaltig;
es schöpft Atem.”

Kaum ein Ton ist in der Literaturkritik ein größeres Wagnis, als das Anstimmen der Lobeshymne. Und das noch nicht einmal, weil in unserem Zeitalter der Superlative jedes Lob und jedes freundliche Worte scheinbar und ambivalent bleibt, der Skepsis leichte Beute und der Reflexion ein willkommenes Versuchstier, sondern vor allem, weil ein Verriss aus dem subjektiven Missfallen schöpfen kann, unverhohlen oder nicht; ein Lob dagegen, das ja meist auch eine Empfehlung sein soll, muss versuchen, das subjektive Vergnügen so zu erweitern und darzustellen, dass auch ein anderer potenzieller Leser für die Anziehung/Wirkung des Werkes empfänglich wird; man versucht also, eine allgemeine Ahnung von der Schönheit/Wirkung/Bedeutung/Transzendenz des Werkes zu konstruieren, hervorzurufen, zu beschwören, zu vertiefen.

“Birnbaum, Apfelbaum, immer noch streift ihr
unserer Augen Joch
mit spielenden Blättern, die feucht und gewölbt
wie Zungen die Sonne schmecken,
wir aber haben die Stirn,
dem Heer Gedanken blindlings zu folgen –
zerstreut es in eure Fülle!”

Ludwig Greve, geb. 1924, gest. durch Ertrinken 1991, ist einer dieser unpolitischen, urteilsfreien, langsam ins Vergessen wandernden Dichter, von denen es in der deutschen Literaturlandschaft zugegebenermaßen nicht viele, aber doch einige gibt. Ja, man kann sogar, mit vorsichtigen und keineswegs eine feste Deutung bringenden Fingern, eine dünne Tradition ausmachen, die sich um Namen wie Peter Huchel, Marie Luise Kaschnitz, um Karl Krolow und Sarah Kirsch und bis in heutige Tage um Johannes Kühn windet. Es ist eine stille Tradition, eine Tradition der leichten Wiedergabe, der Naturerscheinungen und lebensländlichen Eingängigkeit, gekrönt von minimalpoetischen, aber sehr intensiven, nahen Dimensionen.

“Auf einmal gerinnt die Welle
und schwillt aus dem grauen Meer ein Hai,
der schiefen Maules mich anfällt –
aber vorm Ufer langsam sich bäumend,
wirft sie schaumige Mähne, neigt
den Körper dann wie zur Tränke
und auf der Wölbung des nassen Rückens
funkelt ihr Reiter, Tag.”

Doch wäre es eine verhängnisvolle Vereinfachung, würde ich Greve nur als einen Lyriker dieser Tradition und ihrer unscheinbaren Existenzialität ausstellen; denn Greve war auch Jude und viele seiner Gedichte haben auch das zeitweilige Exil und die Auseinandersetzung mit den Lebensschatten seiner Vergangenheit (u.a. starben seine jüngere Schwester und sein Vater während der Flucht in Italien) zum Thema. In diesen Gedichten geht Greve nie auf Konfrontationskurs, sein Ton wirkt wie immer berufend unaufgeregt, mit einer Leichtigkeit nach der Ode, dem Schema jeder Zeile greifend, egal wie schwer das Thema ist. Doch jede Zeile wiegt dann trotzdem schwer, nicht in Sachen Gemüt, sondern rein physisch. Als wären die Zeilen Balken auf Balken ein Bau, in dessen Inneren ein Stück Erfahrung zusammengeballt wird, dass Stück für Stück, in Luftzügen, aufleuchtenden Bildern und dumpfen bis hellen Tönen, aus den Lücken zwischen den Brettern erscheint.

“Verlor vor ihnen, die sie erinnern,
Zeit das Erobererrecht?
Sie fügt sich zur Oberfläche,
auf der die Vertriebenen einander bewohnen.”

Zum Einstieg eignet sich der Sammelband “Sie lacht und andere Gedichte” sehr gut. Er enthält Gedichte aus allen Perioden und außerdem hält er eine gute Balance zwischen den Daseinsgedichten Greves und den Gedichten, die auch Dokumente sind. Abgerundet wird das Ganze durch eine Rede, die er 1979 vor Studenten gehalten hat, mit dem Titel “Warum schreibe ich anders”, in dem er wunderbar profan und doch mit vielen kleinen, erhellenden Gedanken, seinen Werdegang als Dichter beschreibt, die Arbeit mit seinem persönlichen Erleben verknüpft und auch ein paar Ideen zu seiner Poetik, völlig undogmatisch, preisgibt.

“Sonntags führen die Straßen zu nichts;
die große Maschine, von Haaröl glänzend,
läuft leer und die Pause füllt Sonne –
der Bodensatz zwischen den Häusern ergrünt.”

“Aber die Trümmer sind noch Schatten: nicht
erleuchtet, blinzle ich ins Licht.”

Neben dieser Rede schätze ich persönlich vor allem Greves Gabe bei der Abwandlung von Beobachtung in Erlebnis, was bei Naturmomenten, und -schauspielen, aber auch ganz allgemein bei Betrachtungen, Momentaufnahmen, die ein Ding einen Tick tiefer erschließen und in ein poetisches, dem Erlebnis geweihtes Objekt verwandeln, großartige Eindrücke hervorruft. Es ist eine Eindrücklichkeit, die über die bloße Ausschmückung hinausgeht und zu einem Moment von Erkenntnis führt; man erkennt die Schönheit des Gegenstandes und seinen Mangel an Selbstverständlichkeit, den wir ihm so blindäugig immer wieder aufladen. Das funktioniert bei Schultern

“Die Schultern, gewölbt, den Stolz zu beirren,
sind kühl wie Steine, die lange im Wasser lagen,
doch, hebst du den Arm, dein eigen.”

… Bäumen …

“Die Bäume, nackt wie Liebende,
breiten die Arme;
Verlassene, die im Wind der Fülle
die Treue halten; doch wachsen
die Städte schneller.”

der sogar beim Schnee:

“Noch ist Tag, sein Hauch bewölkt
den kalten Spiegel, er ruft sein Bild aus der Tiefe
und lautlos antwortet Schnee,
rieseln Flocken, geistern im Rauch,
wie schöner Tage Asche,
doch am Lebendigen, wenn sie es schwärmend berühren,
erlischt die winzige Helle.”

Ich kann Ludwig Greve nur jedem ans Herz legen der ein reifes, dichtes und doch ohne viel poetisches Kalkül gewachsenes Werk lesen will. Er wird die Versenkung finden, aber auch die Aufklarung und wird sich immer zwischen diesen beiden Aspekten bewegen, der Dunkelheit und dem, was zu Tage tritt, immer wieder, nicht von der Hand zu weisen; zwischen Worten, ganz nah an Schmerz und Dokumentation, aber auch fern, in eine, Blick liegend, der sich nicht enthält, aber auch nicht näher herangeht, einfach schaut. Es ist ein Werk, dass wenig Raum für Fragen lässt, für Antworten, aber viel für die Enterhaken von Bildern und auch viel für Unauslotbarkeit, dazwischen schwingt es hin und her.

“Aller Erinnerung
sind jetzt die Gärten gewachsen.”

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