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Zu Charles Simmons wunderbarem Roman “Salzwasser”


Geschichten lesen, Romane lesen, gibt es da einen Unterschied? Ich behaupte ja, denn für mich ist ein Roman mehr als eine Geschichte: um sein Erzählen windet sich mit der Zeit eine immer dichter werdende Ahnung der Verwerfungen, die Figuren und Menschsein, Taten und Gefühle, Leben und Denken durchziehen. Der Roman ist das Gegenteil einer Parabel, einer Geschichte mit Moral, oder vielmehr deren Zerrspiegel. Es gibt innerhalb des Romans keine übergreifende moralische Gewissheit. Es gibt Stellen an denen man eine Moral ansetzen könnte, es gibt ein moralisches Pendel, das mal hierhin, mal dorthin ausschwingt, aber festmachen lässt es sich nicht, es bleibt in Schwingung.

Diese Unbestimmtheit macht den Roman aus und setzt ihn sehr nah an die Wirklichkeit. Wo die Moral herrscht ist die Botschaft schon beschlossen, die Geschichte ein Vollzug, eine Übung in Anschaulichkeit, gleich der schlichten malerischen Metapher. Im Roman bleibt die Botschaft eine komplexe widersprüchliche Wesenheit, geädert und durchdrungen von Bewusstsein, Ungewissheit, Emotionen, Konstrukten. Der Roman ist deutlich bei dem was er dir an die Hand gibt, aber er es gibt keinen magnetischen Mittelpunkt, zu dem es seine Themen hinzieht; stattdessen gibt es viele magnetische Strömungen, die jeden Roman durchziehen.

In diesem Sinne muss man bei Charles Simmons Buch Salzwasser wahrhaftig von einem Roman sprechen, auch wenn er, in Form, Ton und Setting wie eine Novelle daherkommt. Er bleibt begrenzt auf einen kurzen Zeitraum und eine ebenso überschaubare Umgebung, es gibt einige wenige zentrale Entwicklungen, Anfang und Ende schließen einen Bogen.

“Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank.”

Schon im ersten, kühnen Satz, lässt sich erahnen, was dieses Buch zu einer besonderen Leseerfahrung machen wird. Hier klingt vieles an, was das Geschehen von Seite zu Seite durchziehen wird: Spannung, Ambivalenz, Zusammenhänge, gleichsam angedeutet und doch voller Gefälle, dazu Knappheit und Eindrücklichkeit in einem heruntergeschraubten, vollen Stil ineinandergeglegt. Diese feine, undurchsichtige Offenheit liegt in dem Buch und schickt einen mehr als einmal mit ihrer Nähe und szenischen Wucht in die Seile. Beim ersten Mal habe ich Salzwasser in einem Zug gelesen und ich kann mir nicht vorstellen, dass es anders konsumierbar ist, so sehr packt es einen, obwohl es nichts Reißerisches hat und die Spannungsbögen mehr wie Linien auf einem Herzschlagmonitor, dann und wann ausschlagen, dann wieder wie unmerklich werden (wobei der nächste Ausschlag trotzdem erwartet wird.)

Für mich wird es ewig eine Kunst bleiben über die erste Liebe zu schreiben. Nicht, weil ich die Liebe generell, mit irgendeiner Theorie untermauert, über alles stellen möchte oder sie verherrlicht sehen will, sondern weil die erste Liebe eine der elementarsten Erfahrung des Menschseins ist. Es lassen sich ungewöhnliche Umstände für diese Erfahrung finden, doch ich bin immer wieder verblüfft, wen ich wieder mal eine vermeintlich “gewöhnliche” Geschichte über die erste Liebe lese und feststelle, dass ich sie ungeheuer außergewöhnlich finde, sowohl in der Art wie sie geschildert wird, aber auch in ihrem Setting. Nicht jede Geschichte über erste Liebe ist gut, aber es gibt einige wirklich grandiose, von Madalyn über Das also ist mein Leben bis zu Schilderungen in Romanen von Philp Roth, John Irving oder Angelika Klüssendorf, Thomas Mann oder Carmen Laforet.

Es ist natürlich nicht nur eine Liebesgeschichte und sie mit dieser fixierten Erwartung zu lesen, nimmt ihr eigentlich die Wucht, die im Puls ihres Mikroskosmes steckt. Oder, um es anders zu sagen: Salzwasser zählt in seiner Schlichtheit zu den ganz und gar unter die Haut gehenden Romanen. Schilderung, Arrangement, Perspektive, Erzählfluss, alles in diesem Buch legt sich ganz nah an die Lesewahrnehmung, exzerpiert sich nicht selbst, glänzt kaum, liegt vor einem wie ein Strand, an dem die Wellen brechen, auslaufen, zurückgezogen werden und für kurze Zeit Flächen auf dem Sand einfärben; über allem die Sonne, so heiß, die Flächen trocknend, oder dunkle Wolken, mit ihrem Regen selbst alles färbend.

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