Zu Thomas Bernhards “Wittgensteins Neffe”

“denn machen wir uns nichts vor, die Köpfe, die uns die meiste Zeit erreichbar sind, sind uninteressant, wir haben nicht viel mehr davon als wenn wir mit ausgewachsenen Erdäpfeln zusammen wären, die auf wehleidigen Körpern in mehr oder weniger geschmacklosen Kleidern ein kümmerliches, leider gar nicht erbarmungswürdiges Dasein fristen.”

(Seite 46)

Freundschaft beginnt mit dem Interesse, der Sympathie und findet ihre Vollendung in einem Wohlgefühl, einer Vertrautheit und dem Wunsch, sich so oft wie möglich austauschen zu können. Freundschaften sind kein Amboss auf dem wir unsere Gedanken und unser Rüstzeug für das Leben schmieden, aber sie sind Oasen für uns Menschen, die wir stets dazu gezwungen sind, unterwegs zu sein.

Manche Menschen suchen in der Freundschaft die Bestätigung, andere den Austausch, die Inspiration. Freunde können uns darüber trösten wer wir sind oder es uns erst wirklich vor Augen fühlen, im schönsten Fall: beides zugleich. Für Thomas Bernhard war Paul Wittgenstein so ein Freund; ein Freund, in dem er sich selbst und sein Leiden erkannte, aber mit dem er auch die Liebe zur Musik und der Philosophie, die Abscheu vor der Heuchelei und manch anderen wertvollen Moment teilte.

Natürlich kann ein Thomas Bernhard keinen Liebesbrief schreiben, wie andere ihn schreiben würden, denkt man sich. Er wird nicht mit Rührung kommen, nicht mit Schwüren und Schwulst, vielleicht am ehesten noch mit Superlativen.

Was Thomas Bernhard unter anderem sehr stark auszeichnet ist sein Unverständnis. Und darunter möchte ich nicht Ignoranz verstanden sehen, oder Vorurteil oder schlichte und stupide Härte. Nein, ich rede von einem Unverständnis, welches direkt auf die Akzeptanz abzielt, die die “normalen” Menschen um viele Dinge aufgebaut haben. Konventionen, Institutionen, Trägheiten, etc. Ein Thomas Bernhard zeigt wenig Verständnis.

Auch dieses Buch ist kein Buch des Verständnisses. Aber es enthält viel davon. Neben all den Tiraden, Relativierungen und Offenheiten, ist es Thomas Bernhard hier gelungen uns einen Menschen, Paul Wittgenstein, bei all dem, was gegen ihn sprechen mag, durch die Augen eines Freundes zu zeigen; der Stil und das Objektiv, durch welches wir die Erzählung aufnehmen, enthält diese besondere, nicht nachsichtige, aber zugeneigte Tönung der Freundschaft.

Ich lese aus vielen Gründen gerne Thomas Bernhard und es wäre albern zu behaupten, dass dieses Buch eine große Ausnahme in seinem Werk darstellt. Warum ich trotzdem nicht umhin komme, es großartig zu nennen? Letzten Endes, neben Eindringlichkeit, Stil und Darstellung, besitzt dieses Buch eine ungeheure Menschlichkeit. Egal wie sehr man in Thomas Bernhard einen Misanthropen, Vernichter oder apathischen Geist sehen will – in diesem Buch spürt man dann und wann zur Gänze, dass sein Schreiben, sein Artikulieren und seine Erregung von dem Thema der Menschlichkeit nie ganz abweichen. Womit ich ihn nicht zum Heiligen oder Gutmenschen machen will, eben gerade nicht. Aber der Konfrontationskurs, auf dem Bernhard sich befindet, nicht nur mit der Gesellschaft oder der Existenz, sondern hier auch mit sich selbst, mit dem Freund Paul Wittgenstein: er offenbart meiner Meinung nach eine große menschliche Dimension.

Gerade weil es ein Buch ist, das alle anderen Verwandtschaften außer der geistigen leugnet. Gerade weil es ein Buch ist, das ehrlich mit seinem Objekt und seinen Emotionen sein will, ohne Tragik und perdue.

Wittgenstein Neffe ist ein großartiges Buch. Ich kann nur jedem empfehlen, sich in seinen Bann zu begeben, meine Meinung zu widerlegen oder eine Spur davon wiederzufinden. Beides wäre mir mehr als willkommen.

2 thoughts on “Zu Thomas Bernhards “Wittgensteins Neffe”

  1. saetzebirgit

    Die Empfehlung kann ich nur unterstützen…auch ich empfand die “Empathie”, von der man Thomas Bernhard so oft unterstellt, er habe sie nicht gehabt, als ganz deutlich wahrnehmbar in diesem Buch!

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