Zu Vladimir Vertliebs Roman “Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur”

Es ist eine Geschichte von der Schwierigkeit der jüdischen Existenz und ein Blick auf und in das große Land Russland und seine zerrissene Geschichte im 20. Jahrhundert. Es ist die Geschichte einer Frau, die überlebt, was kaum zu überleben war: Verfolgungen, Kriege, Entbehrungen und Verluste. Es ist eine Geschichte schwerer Zeiten, mühseligen Lebens, ununterbrochenen Überlebens und sehr sehr zager Hoffnungen. Es ist aber noch mehr als das, es ist ein gelungener Roman.

Ich misstraue allgemein der Idee, dass ein Buch, das eine längere Erzählung beinhaltet, automatisch ein Roman sei. Zu einem Roman gehört etwas mehr; eine aufdeckende, aufschlüsselnde Gesamtwirkung, eine übergreifende Stimmigkeit; eine Art sich im Ganzen als etwas zu ergeben, das eine transzendente und nicht nur narrative Dimension hat.

Trotzdem schätze ich gelungene Erzählungen, zumal wenn sie unser Verständnis über Zustände, Zusammenhänge, Fakten und Ideen erweitern können und spannende und/oder epische Züge aufweisen, kurzum: eine gute Geschichte um ein interessantes Thema erzählen. Vladimir Verliebs Buch über Rosa Masur ist eine Mischung aus dem, was ich an Erzählungen schätze und von Romanen erwarte.

Es wäre nicht ganz falsch, aber letztlich zu einfach, wenn man diesen Roman eine Lebensgeschichte nennen würde. Zu einfach, weil es vermuten ließe, dass alle in diesem Buch aufgearbeiteten und anklingenden Konflikte nur etwas mit der Protagonistin zu tun haben. Aber Vertlieb hat wahrhaftig einen Roman geschrieben, was auch bedeutet, dass sich Konfliktfäden durch ihn ziehen, dich nicht am Anfang des Buches anfangen und nicht auf seiner letzten Seite verschwinden. Sie tauchen in der Geschichte auf, werden Teil der Romanwelt, sind aber eigentlich Konflikte, die uns ebenso etwas angehen wie die Figuren in der Geschichte. Der Roman wird hier zum Beispiel des Lebens, dem Spiegel seiner Zeit, zum Gedächtnis der Gesellschaft.

Der Blick, den Verlieb uns auf das 20. Jahrhundert und die russische Gesellschaft eröffnet, ist zweischneidig. Zum einen hat er dem Historischen zugestanden, sehr viel Raum und Umgebung für die Erzählung zu beanspruchen. Die Sorgen der jeweiligen historischen Situation sind die Sorgen der jeweiligen Menschen, miteingeschlossen die Protagonistin. Das will ich nicht geringschätzen, denn es gibt den anderen Passagen eine größere Prägnanz und Kontur und dem ganzen Buch eine große Glaubwürdigkeit – kein Mensch kann immer aus der Masse hervorragen und Einzigartiges erleben; den meisten Menschen ist dies ja wahrlich nur dann und wann vergönnt. Trotzdem drückt diese Gewichtung eine gewisse Haltung aus, die ich nicht problematisch finde, die einen aber das Buch streckenweise schlicht konsumieren lässt.

Interessanter ist es, wenn sich Rosa auf ihre eigenen Pfade begibt. Vertlieb hat seiner Figur eine sehr ausbalancierte Persönlichkeit eingehaucht und hat den Mut sie ins Ausweglose zu steuern, eines der großen Charakteristika des Jahrhunderts und des menschlichen Daseins schlechthin. Wie sie damit umgeht, welche Geschichten sich an diesen Punkten entwickeln: das sind die großen Glanzlichter dieses Buches. Sie geben ihm eine ungeheuer greifbare Dimension, Tiefe und Anschaulichkeit. Sie machen das Schicksal der Figur individuell und doch stellvertretend.

Rosa Masur ist ein Buch, das schneller endet, als man gedacht hätte. Es liest sich sehr flüssig, trotzdem weiß der Autor die Sprache feinzujustieren, wenn es drauf ankommt. Es ist eine große Erzählung und letztendlich ein gelungener Roman.

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