Zu Julian Barnes Roman “Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln”

Geschichten von der Sintflut finden sich nicht nur in der biblischen Mythologie, sondern tauchen auch in einigen anderen Kultur und Religionskreisen auf: Im babylonisch-akkadisch-sumerischen Gilgamesch-Epos etwa ist schon um 2500 v.Chr. von einer Zeit nach “der großen Flut” die Rede. Atlantis wurde überschwemmt, vermutlich als Strafe der Götter, aber auch im Koran und im Atraasis-Epos wird die große Flut erwähnt.

Ebenfalls nicht einzigartig in der christlich-biblischen Mythologie ist die Arche, ein Schiff, auf dem ausgewählte Arten und gottesfürchtige Menschen der Katastrophe entgehen können, um später die Welt neu zu bevölkern. Viele (satirische) Spekulationen haben sich an dem Stück biblischer Erzählkunst bereits versucht (Wie brachte Noah die Eintagsfliege durch?), die Erzählung ergänzt, vertieft oder weitergesponnen. Das Symbol, die Idee der Arche (Roland Emmerich griff sie z.B. in seinem Film 2012 wieder auf) lässt sich gut einspannen, varieren, verfremden und instrumentalisieren.

Julian Barnes hat in seinem Roman “Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln” den Mythos der Arche mit einigen historischen und fiktiven Gegebenheiten verknüpft, die Geschichte transformiert und außerdem ebenso aufgeladene metaphysische Themen wie Vorsehung, Schicksal und Ewigkeit eingewoben (nebst einem fast völlig vom Kurs abkommenden Zwischenstück über die Liebe). In 10 oftmals sehr unterschiedlichen, dann wieder sehr ähnlichen Ansätzen, begegnet der Leser Terroristen, mittelalterlichen Gerichtsverfahren, Film Drehs, Gemäldeinterpretationen, Lebensgeschichten und verkapselten Ich-Erzählern. Irrsinn spielt dabei eine immer wieder aufkommende und ambivalente Rolle, wird zu einer kontinuierlichen Untiefe in den meisten Geschichten (wozu auch die leichte Irritation, die durch die Variation und die verschiedenen Zugänge zum Archemythos entsteht, beiträgt).

Mit einer mal philosophischen, dann wieder erzählerischen Routine bewegt sich Barnes durch seine aneinandergeschweißten Abschnitte, bei denen man bis zur letzten Seite und darüber hinaus nicht weiß, welchen roten Faden-Stromstoß sie alle leiten, welchen Kreis sie schließen sollen. Der gemeinsame Nenner ist weder die Arche, noch der Glaube, was beides immer wieder in der Hand der Seiten und Worte gewogen wird. Ist es letztendlich der Lebensentwurf, die Metaphysik des Daseins, was Barnes ins Auge fasst, unscharf und verwinkelt? Die Antwort entspränge einem Klicken, das vielleicht ertönen würde, wenn man die Gedanken an Barnes viele “Ausflüge in Allesmögliche” in diesem Buch wie einen Schlüssel lange genug in seinem Gehirn drehen würde.

Es gibt für jeden Leser sicherlich interessantere und langweiligere Kapitel, doch das ganze Buch ist in seinem Aufbau schon sehr reizvoll komponiert und geistreich inszeniert. Es ist in hohem Maße ein Buch, auf das man sich einlassen, dass man bei jedem neuen Kapitel auf sich wirken lassen muss. Mal muss man eher auf Komik, mal eher auf Ernst gefasst sein und doch eine gewisse Doppelbödigkeit anlegen. Barnes benutzt einige vielschichtige Symbole, um sie in noch vielschichtigere Geschichten zu weben, bei denen man zuletzt nicht weiß ob sie mehr aus Symbolen oder aus ihrer eigenen Narration bestehen. In jedem Fall formen sie ein lesenswertes, vielgestaltiges Buch – ein Ganzes, das in Teilen durch Teile von Teilen besticht.

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