Über Matthias Engels neusten Roman “Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun”

“Der November verstrich. Um den Jahreswechsel herum fragte der ungeduldige Verleger noch einmal nach und forderte einen Umfang von mindestens 100.000 Wörtern. Wilde antwortete in einem knappen Telegramm, die englische Sprache habe aber keine 100.000 schönen Wörter.”
Seite 226

Sie nebeneinanderzustellen wirkt, als würde man einen willkürlichen Eingriff in die Struktur der literarischen Übersichtlichkeit machen und zwei Fäden aneinanderhalten, die sonst fern voneinander, in unterschiedlichen Diskursen, Welten und Ansichten, verlaufen: Oscar Wilde und Knut Hamsun, beide Schriftsteller, beide mit ihren Namenszügen in den Rang eines Klassikers aufgestiegen, beide … ja enden denn da schon die Parallelen??

Nein, meint Matthias Engels, der in seinem neusten Roman die Lebensläufe von Wilde und Hamsun schildert, am Anfang dünn verknüpft durch einen gleichzeitigen Amerikaaufenthalt im Jahre 1882. Im Folgenden werden Lebensstationen der beiden Schriftsteller beleuchtet: in wohlausgesuchten Szenen und Dokumenten (hauptsächlich bei Wilde), aber auch längeren Beschreibungen, mit Innenansichten der Figuren (hauptsächlich Hamsun).

Diese Gewichtung in der Art der Annäherung hat eine gewisse, den beiden Figuren innewohnende Anlage und Schlüssigkeit; sie erfordern jeweils eine andere Herangehensweise, weil ihre Lebensumstände mehr in die eine oder andere Richtung tendierten. Trotzdem verlagert dies, zusammen mit dem restlichen Aufbau, die Aufmerksamkeit des Lesers ein wenig zu sehr auf Oscar Wilde – das spricht natürlich für das Einfühlungsvermögen des Autors beim Wesen seiner Charaktere. Wilde hätte immer mehr Aufmerksamkeit erreicht als Hamsun. Dennoch ist es fast ein bisschen unfair, dass Wilde so Großes zu bieten hat, und Hamsun nur so Karges. Daraus entspinnt sich mehr eine einseitige Bedeutsamkeit, als eine schöne Spannung.

Es bleibt die Frage, warum sie nebeneinander gestellt wurden. Soll hier, im Vergleich dieser beiden großen Köpfe, auch eine größere Darstellung gemacht, eine tiefere Konfrontation abgebildet werden? Zwischen einem Menschen, dessen Leben Kunst war und einem Menschen, der alles für die Kunst tun wollte, dessen Leben aber nie Kunst wurde? Im Nachdenken über den Roman ergeben sich einige Aspekte, die in dem Neben/Gegeneinander von Wilde und Hamsun interessant hervortreten; aber vieles davon erscheint fast zu sehr vom spekulativen Akt hervorgebracht und nicht im Text verankert, nicht intendiert zu sein.

Nach Amerika enden die Überschneidungen, es gibt noch ein-zwei ganz profane Parallelen – bis zum Ende, wo beide dann fallen, beide ihrer Neigungen wegen geächtet und verurteilt werden: bei Wilde ist es ein Liebesverhältnis mit einem schönen jungen Mann, bei Hamsun die Nähe zum Verbrecherregime der Nazis. So unterschiedlich sie auch sind, Porzellan und Metall, am Ende sind sie zerbrochen und verbogen.

Stilistisch ist das Buch ein wenig durchwachsen, oft sehr flott und gut geschrieben, stellenweise dann wieder etwas gezwungen. Manchmal fallen zu genau fixierte, zu breite Beschreibungen auf; andere Wendungen werden übertrieben oft verwendet. Bei all seiner Unterhaltsamkeit und guten Komposition -was man ihm beides nicht absprechen kann und was ihn sehr lesenswert macht – ist der Roman auch etwas zu oberflächlich geraten. Es saust alles ein bisschen vorbei, selten bemerkt man eine Tiefe, die über die Situation, die Schilderung hinausweist. Für Wildes Niedergang lässt Engels sich Zeit und gut gewagt und sehr gelungen sind seine Introspektiven von Hamsun, mit das Beste im ganzen Werk. Manchmal gefällt sich das Buch dann wieder zu sehr in von Quellen belegten Anekdoten und dankbaren Aufhängern – kein großer Kritikpunkt, der aber das Buch stellenweise verwässert und zu glatt werden lässt für einen Roman.

Wieso sind die Herren wundersam? Der Titel ist letztlich das Schlechteste an dem Werk: viel zu heischend (mit zwei ebensolchen Adjektiven), umständlich und eher die sporadisch-anekdotische Seite des Buches einfangend und nicht seine Glanzleistungen. Aber Gott sei Dank hat Engels seine Figuren eben nicht wundersam, sondern dezent-authentisch und mit einem feinen Gefühl für die Facetten, in denen sie sich am besten spiegeln, auftreten lassen. Er gibt Wilde sein Verhängnis und Hamsun sein Alleinsein und um diese Pole kreist ihr Leben, schimmernd und scheinend, bis es hineinstürzt.

Es bleiben Schmökergeist und Wissen, jedoch ein bisschen zu wenig Faszination, die meist unaufgeblüht im Wind des Erzählens schwingt. Sie ist vorhanden, als eine Ahnung hinter Wort und Eindruck, die sich zwischen den Seiten wenden ließ, aber nie ganz greifen. Bei Wilde breitet sich das Wesen aus, wirft sich in Schale; bei Hamsun liegt es im tiefen Blick, den er uns aus den Sätzen entgegenwirft. Zwischen diesen beiden Welten liegen Räume der Literatur, der Existenz, der Überzeugung. Und auch diese Räume kann man, neben vielen anderen, von Matthias Engels neuem Roman gut erreichen – doch sie liegen manches Mal noch etwas zu weit abseits der Wege, die ein Roman für uns, zum Schlendern, Wandern, Laufen, auftut und bestimmt.

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