Zu Ferdinand von Schirachs “Der Fall Collini”

Direkt vorweg: Ich gehöre zu den Bewunderern von Schirachs Kurzgeschichten und habe mich sehr gefreut, als ich es jetzt endlich geschafft habe, einen Roman von ihm zu lesen. Meine Erwartung: ein einfaches, aber schnörkelloses Werk, mit nicht viel Aufhebens, aber einem schönen doppelten Boden, einem Fingerzeig vielleicht, aber vor allem freute ich mich auf die Eindrücklichkeit, wie ich sie von Schirach bisher gewöhnt war.

Diese Erwartungen wurden nur teilweise erfüllt. Das liegt zum einen daran, dass das Buch, der “Roman” (es ist kein Roman – eine Novelle, allerhöchstens), sich nicht entscheiden kann zwischen einem neutralen Erzählton und einer sehr stark emotional eingefärbten Geschichte. Muss er ja auch nicht, könnte man denken, und ja: aus so einer Diskrepanz kann Spannung, kann Stil entstehen, aber es ist beileibe kein Patentrezept, keine einfache Gleichung, vor allem nicht für eine längere, nicht dicht-verwobene, sondern weitläufigere Erzählform, die über eine Kurzgeschichte hinausgeht. So wirkt das Buch mit der Zeit sehr um seinen Ton bemüht; es wird ihm eng in seinem Stil, aber es formt trotzdem alles damit aus, was dann manches etwas unförmig wirken lässt, konsequent zwar und teilweise folgerichtig, aber stellenweise mehr wie eine Musterschreiben, fern jeder Erzählhaltung.

Zum anderen ist da der Aspekt des Inhalts und hier betrete ich endgültig das Land meiner eigenen Ansichten, die ich nicht mehr objektiv nennen kann, trotzdem aber für wichtig halte, wenn es um dieses Buch geht. Es stört mich wenig, das Schirach sich dem Thema des 2. Weltkriegs zugewandt und noch weniger, dass er es an einem Rechtsfall aufgehängt hat; ebenso finde ich die Verknüpfung mit der Rechtsgeschichte der Bundesrepublik interessant.

Aber was mich wirklich aufregt ist sein geringes Bemühen um eine Annäherung an irgendeinen seiner Protagonisten. Da kann ihn auch der Verweis auf seinen Stil, seine Art zu schreiben nicht retten oder der Verweis auf Leute wie Carver oder Hemingway, Eisberg und so weiter. Gerade Carver, um ein Beispiel zu nennen, schrieb zwar auch karg und knapp, aber trotzdem drehte sich bei ihm alles um seine Protagonisten.

Bei Schirach geht es gar nicht um die Protagonisten. Sie sind Zweck für seine, sehr beeindruckende und schön aufgemachte, Lehrstunde in Sachen Recht und Unrecht. So blass wie die Figuren auftreten, treten sie auch wieder ab, angereichert mit Halbklischees, die so nah und knapp neben das Klischee gesetzt wurden, dass sie noch mehr den Eindruck des Pflichtschuldigen hinterlassen. Ich will diesem Buch wirklich nicht Unrecht tun, aber wie ich es auch lese, drehe und wende: hinter den Figuren steckt nicht annähernd so viel, wie hinter dem, was sie vor Gericht und in ihren Leben verhandeln. Die Profanisierung, die bei Schirachs Kurzgeschichten das Echte betonen und das Namenlose sich auftun ließ, schiebt sich hier als szenisches Ordnen vor alles, kaum zu durchdringen.

Von all diesen Anmerkungen unbeeindruckt, bleibt “Der Fall Collini” ein nicht uninteressantes Buch, eine spannende Lektion in Rechtsalltag und -geschichte allemal. Man sollte meiner Ansicht nach nicht zu viel erwarten. Der Kniff der Story ist gut, der Rest ist zu leicht ineinander zu stülpen, lässt sich allzu schnell weglesen.

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