Monthly Archives: September 2015

Eine Erwähnung zu Gottfried Benns Gedichtwerk


“Die weiche Bucht. Die dunklen Wälderträume.
Die Sterne, schneeballblütengroß und schwer.
Die Panther springen lautlos durch die Bäume.
Alles ist Ufer. Ewig ruft das Meer -”

Gottfried Benn, vielleicht der erste große deutsche Dichter der Moderne, wird bis zum heutigen Tag hauptsächlich als wichtigster Vorreiter und Vertreter des Expressionismus gesehen und ist vor allem dafür bekannt, dass er in seinen frühen Gedichte neue Tabuthemen wie Verwesung, Krankheit, körperliche Prozesse und ärztliche Detailuntersuchungen auf den Plan brachte; und obwohl man mit diesen Gedichten nur ein Drittel seines Gesamtwerks erfasst – den frühsten, drängendsten Teil – scheint er auf diese frühen Werke unwiderruflich abgestempelt zu sein. Ich selbst wurde damals im Deutschunterricht lediglich mit “Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke” konfrontiert, einem Gedicht, das ich, wie ich direkt klarstellen will, ganz scheußlich finde; es ist ein schlechtes, das Werk Benns kein bisschen wiedergebendes Gedicht, vielleicht expressiv-innovativ oder historisch interessant, aber lyrisch ohne Wert.

“Niemand ist Alles auf Erden.
In die Blüte des Lichts,
in die Aue des Werden,
strömt die Seele ihr Nichts

Wie dann die Stunden auch hießen,
Qual und Tränen des Seins,
alles blüht im Verfließen
dieses nächtigen Weins”

Warum wird Benn oft allein als dieser Dichter frühster Stunde gesehen, warum werden seine heute fragwürdigen “Innovationen” als seine größten lyrischen Triumphe gefeiert, wo er doch in reiferen Jahren so tiefsinnige und ehrliche Verse geschrieben hat. Ich weiß es nicht. Aber ich kann es mir denken. Denn auch mich hat es Überwindung gekostet, mich durch die frühen Gedichte zu wühlen; nicht durch alle, denn es sind sie nicht alle schlecht, aber so manche blutleere und von Schlamm übersprudelnde Quelle unpoetischer Verbalisierungen muss man überspringen, wenn man die guten frühen Gedichte herausfiltern will.
Und das kann zu dem Gedanken verleiten, es gehe weiter wie es anfängt. Und genau da liegt der große Irrtum, von dem ich hoffe, dass letztlich vielleicht nur ich und wenige andere ihm aufgesessen sind und für die meisten diese Mahnung lächerlich ist – es würde mich freuen! (Übrigens: Wer sich jetzt irgendwie angegriffen fühlt: Wenn sie Benn schon entdeckt haben oder seine frühen Werke mögen – ich spreche von mir aus und ich schreibe dies hier aus Sorge und nicht aus dem Wunsch nach Polemik)

“Zwei Welten stehn in Spiel und Widerstreben,
allein der Mensch ist nieder, wenn er schwankt,
er kann vom Augenblick nicht leben,
obwohl er sich dem Augenblick verdankt;”

Panta rhei – Alles fließt. Diesen Satz könnte man, weiß auf schwarzem Marmor, als Einband für Benns mittlere und spätere Gedichte benutzen, als Stichwort, als Motto, als Credo. Hauptsächlich haben diese Gedichte nichts mehr mit den frühen Werken aus Morgue oder Schutt gemein, außer vielleicht den Hang zu kulturellen Anspielungen und der immer noch kräftig wirkenden, am Zügel gehaltenen Sprache. Man kann sich bei den meisten förmlich vorstellen, wie ein älterer, weiser, ruhiger Mann an einem Tisch sitzt und die Reime ihm aus der Feder fließen, hinein in die Ewigkeit der Bücher.
Es geht um Metaphysik und um den Wunsch zu entkommen oder zu bleiben. Eins von beidem will gelingen, aber beides steht dem Menschen nur scheinbar offen. (“Wenn Du noch Formen willst,/ um nicht zu enden,/ wenn Du noch Normen stillst,/ statt dich zu wenden.”) Die Angst ist kein Wegweiser, aber sie hält uns klein. Der Tod ist kein Übel, aber er ist das Ende des Lebens, wie wir es kennen. Das einzige, was es gibt, ist das Andere. Die Leere und Du.

“Vor keiner Macht zu sinken,
vor keinem Rausch zur Ruh,
du selber bist Trank und Trinken,
der Denker, du.”

Gewiss, dieser kleine Themeneinblick ist nichts, was einen zärtlich oder freudig stimmt. Aber es stimmt einen nachdenklich und ist wundervoll zu lesen, als würden sich die Reime Sinn und Wort zugleich reichen. Und immer wieder erscheinen Verse, die einen wie der Ton einer tiefen Glocke treffen, weithin gut zu hören, durch Jahre, Zeit und Papier – und andere, die begegnen einem wie ein Gedanke in der Nacht, wenn man in völliger Dunkelheit am Fenster steht, Verse
wie:

“Die dunklen Fluten enden,
als Fremdes, nicht dein, nicht mein,
sie lassen dir nichts in den Händen,
als der Bilder schweigendes Sein.

Die Fluten, die Flammen, die Fragen –
und dann auf Asche sehn:
‘Leben ist Brückenschlagen
über Ströme, die vergehn’.”

Knapp könnte man sagen: Die Gedichte haben etwas Meditatives. Noch später kommen sogar einige erzählende, geradezu leichte, reimlose Gedichte auf, aber auch diese haben eine Art, einen nicht loszulassen mit ihrem Fluss, ihrem Gedankengut, ihren beobachtenden Augen.

“Der sah dich hart, der andre sah dich milder,
der wie es ordnet, der wie es zerstört,
doch was sie sahn, das waren halbe Bilder,
da dir das Ganze nur allein gehört.”

Ich glaube, dass Benn in seinem Spätwerk zu den größten Dichtern der deutschen Sprache gehörte und gehört. Mag sein Werk auch düster und über die Melancholie hinaus sogar kalt sein; nur in dieser Dunkelheit konnte diese dunkelrote Note entstehen, die ein paar seiner Verse zu dem Trefflichsten und Ausgeglichensten machen, was ich bisher an Lyrik lesen durfte. Vor allem die letztgenannte Ausgeglichenheit, selbst schon in frühen Gedichten teilweise vorhanden, ist ein Merkmal Benns das immer wieder zu verblüffen weiß – der klare Ton, die tiefe Stimme.

“Es ist ein Knabe, dem ich manchmal trauere,
der sich am See in Schilf und Wogen ließ,
noch strömte nicht der Fluß, vor dem ich schauere,
der erst wie Glück und dann vergessen hieß.

Es ist ein Spruch, den oftmals ich gesonnen,
der alles sagt, da er dir nichts verheißt –
ich habe ihn auch in dies Buch versponnen,
er stand auf einem Grab: ‘tu sais’ – du weißt.”

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Octavio Paz – als großer Dichter wiederzuentdecken


“Zwei Körper Aug’ in Auge
sind manchmal zwei Wellen,
und die Nacht ist ein Ozean.
[…]
Und wenn du sie schließt,
überflutet dich innen ein Fluß,
eine sanfte verschwiegen Strömung dringt an und
macht dich dunkel:
die Nacht netzt Ufer in deiner Seele.”

Die Literatur Südamerikas bleibt nach wie vor eine der magischsten Erfahrungen von Lektüre, egal wie bekannt sie mittlerweile geworden ist, wie sehr dieser Kontinent literarisch „erschlossen“ ist. Und in dieser Magie steckt eine Vielschichtigkeit, die sich von Jorges Luis Borges bis zu Mario Vargas Llosa, von Pablo Neruda bis zu Cortazar, von Alejo Carpentier bis zu Gabriel Garcia Marquez erstreckt und eine Strecke, die durchzogen ist von einer bunten und doch perlendunklen Eigenart, wie sie Ausdruck einer nahezu unerreichbaren Welt in (oder außerhalb) der eigentlichen Welt zu sein scheint.

Octavio Paz, Nobelpreisträger 1990 (die Geschichte der südamerikanischen Literatur ist auch die Geschichte vieler verliehener und vieler zu Unrecht nicht zuerkannter Nobelpreise), ist vor allem für das Werk bekannte, in dem er die Identität Lateinamerikas einfangen wollte: Das Labyrinth der Einsamkeit. In Romanen oder Erzählungen hat er sich nie besonders hervorgetan, seine Dichtung und sein Engagement kennzeichnen ihn aber bis heute als einen der großen Geister und Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts.

“Dem Flockengewand, dem Pflaumenbaum
Lebwohl sagen, und dem Vogel dort,
der ein einziger Windhauch ist auf einem Zweig.”

Der Band „Gedichte“, der Texte aus den Jahren von 1935-1974 + einige damals unveröffentlichte Werke enthält, kann neben Suche nach einer Mitte: Die großen Gedichte als beste Auswahl der Lyrik von Paz gelten; diese hier ist etwas vielschichtiger und repräsentativer, während die andere vor allem Kernwerke von Paz, die auch großen Einfluss auf die Lyrik seiner Generation ausübten, enthalten.

“Pause aus Blut zwischen dieser Zeit und einer anderen, ohne
Maß.”

Vom träumerischen zum wahrhaft Transzendenten ist es ein schmaler, aber dennoch meist klarer Schritt. Wer käme schon darauf Celan als träumerisch zu bezeichnen? Bei Octavio Paz ist das Ganze nicht so einfach und ich glaube man könnte ihn sowohl als träumerisch-phantastischen (bisweilen surrealen), als auch als transzendenten, geistlich-forschenden Dichter lesen, bei dem die Übergänge fließend sind. Zum Beispiel diese Zeilen:

“Eine Frau mit den Regungen eines Flusses
Mit durchsichtigen Wassergebärden
Ein Mädchen aus Wasser
Darin zu lesen was vorübergeht und nicht wiederkommt”

Eine Liebeserklärung, eine wörtliche Formung der weiblichen Schönheit, eingefangen in der Metapher eines Flusses, die sie fast völlig umgibt; aber spätestens in der letzten Zeile wird einem auch die Doppelbödigkeit dieser Allegorie bewusst. Immer noch geht es um die Schönheit, aber um eine sehr viel transzendentere Geste ihrerseits, dem Hinweis auf die Vergänglichkeit, die Paz hineinwebt. Diese zusammengeführte Essenz aus poetischer, auch seichter, Schönheit und einem klaren, manchmal offenbarenden Ansatz zur Durchleuchtung viel tieferer Grundsätze der dargebotenen Bilder und Szenen – das ist Octavio Paz im Kern.

Cortazar sprach in einem Essay einmal in Bezug auf Luis Cernuda von “Sinnen in der Welt”. Ich glaube, dass diese leicht abstrakte, aber nichtsdestotrotz gelungene Bezeichnung auch sehr gut das beschreibt, was im Werk von Paz geschieht, das Schreiten der Stimmen, die sich die Sinne in der Welt zu eigen machen, zum Beispiel wenn Paz schreibt: “Weiße Gärten die bersten in der Luft.”

“ich falle von Geburt an ohne Ende,
falle in mich selbst, ohne Grund zu finden,
nimm mich in deine Augen auf, vereine
meinen zerstreuten Staub, versöhne
meine Asche, binde meine zerteilten Knochen,
hauche über mein Sein, in deiner Erde
begrabe mich, dein Schweigen gebe Frieden
dem Denken, das sich selbst zerwütet”

Manchmal gibt es auch leicht religiöse und “gesängliche” Komponenten in Paz Dichtung und auch andere bekannte dichterische Mittel, wie Persönliches, Erlebtes und Analysiertes. Aber bei all dem ist Paz nie ein entrückter Dichter (außer vielleicht in seinem Langgedicht “Sonnenstein”, wobei es sein kann, dass gerade dies im Gegenteil auch als sehr nah und natürlich angesehen wird) und ein Denker, denn der bildliche Verweis auf einen Gedanken und eine Regung mehr interessiert als ein Spiel der abstrakten Begriffe und Gegenbegriffe. “Die ersehnte Wirklichkeit/ sehnt sich” heißt eine Zeile, eine treffliche Beschreibung für die Absicht hinter seinen Zeilen.

“Alles ist Türe
Es genügt der leichte Druck eines Gedankens
[…]
Alles Schlachten haben wir verloren
jeden Tag gewinnen wir ein
Gedicht”

Worte können purer Raumstaub sein, Verbindungen ohne daraus entstehende Symmetrie; doch wenn ein Dichter es schafft, dass eine Kombination ganz bestimmter, auch einfachster Wörter, in uns die Entsprechung eines Vorgangs, einer Idee, einer Erinnerung belebt und ausführt, hat er nicht nur unseren Glauben an die Sprache geschaffen, wie wir ihn tief ins uns sinken lassen bei jeder Lektüre, sondern auch einen Teil unserer Selbst einen kurzen Moment erhellt, hat gezeigt wie groß wir doch sind und wie tief die Welt.

“Mit klaren Zügen schreibt der Dichter
Seine dunklen Wahrheiten
Seine Worte sind kein öffentliches Denkmal
Auch kein Reiseführer des rechten Wegs
Aus dem Schweigen sind sie geboren
Öffnen sich auf Stengeln des Schweigens
Wir betrachten sie im Schweigen
Wahrheit und Irrtum
Eine einzige Wahrheit
Wirklichkeit und Sehnsucht
Eine einzige Substanz
Gelöst im Quellsturz durchsichtiger Klarheit.”

Zu Josef Winklers (Un!-)Stillleben in seinem Buch “Natura morta”


Alle Wahrnehmungen ausdrücken, das kann nur die Wahrnehmung selbst, kann nur das Auge. Ein Wort kann Wahrnehmung komprimieren, von einem Wort kann eine größre Wahrnehmung sich ausdehnen, ausgehen, ein Wort kann eine Erfahrung an die Stelle einer Wahrnehmung setzen. Ein Wort schreibt sich auf die Flächen der Wahrnehmung und richtet all ihre feinsten Reflexe und Schnitte, magnetisch nach sich aus und prägt so das Muster und verfasst den Kern der Erfahrung.

Eine besondere, eigenwillige Ausformung von Wahrnehmung als Sprache (und Sprache als Wahrnehmung) begegnet einem in Josef Winklers Natura morta. Hier gehen einem nicht die Augen, hier geht einem die Sprache über. Unter filigranen und zugleich ausufernden Bögen – gebaut, gemauert, aus Naturalien und Adjektiven – schwenkt uns Winkler in einer Schüssel aus Schweiß, Verlangen, Reliquien, aus Mode, Marter und Müll, macht uns zum Inhalt eines direkten und abschweifenden Blicks, der durch römische Märkte und menschliche Niederungen kreuzt.

Kaum ein Moment dieses großen Schweifens, gelegentlichen Schöpfens und dann wieder Wegdriftens, lässt sich wirklich im Leser nieder. Wie ein Fremder und nur brüchig Eingeweihter halten wir uns die Linse der Erzählung vor das Auge, erfassen immer wieder Personen, Szenen, finden unsern Abstand verringert und vergrößert, verweilen fast bei einem Moment, dann wird uns wiederum der Kopf verdreht, in eine andere Richtung, in eine andere Geschichte hinein, die sich nie ganz erzählen wird, aber an diesem Punkt, in diesem Moment, in eine große Wirklichkeit gehört. Informationen und Andeutungen mischen sich und werden aufgetragen auf das Gesicht der Stadt, des kleinen Marktviertels, des vatikanischen und elendigen Alltags.

Winklers Buch ist, wie schon oft betont, ein sinnliches Erlebnis, aus einer Sprache steigend, die halb Rhetorik, halb Unnachgiebigkeit ist. In einem Vorbeirauschen und doch Mosaikwerden, werden wir auf eine Gedulds- und Faszinationsprobe gestellt. Wer eine klassische Geschichte sucht, ist in diesem Buch so verloren, wie einer, der in einer Stadt wie Rom das Antike in den Elendsvierteln sucht. Und doch hat dieses Buch eine ganze Reihe von Geschichten zu bieten, nur eben nicht wohlsortiert, sondern in die Eindrucksschneisen eingesät, aufblitzend und in der Erde strampelnd.

Es wäre zu viel des Guten wollte man Winklers Buch ganz hoch in den Himmel loben. Aber es hat etwas Elementares, etwas Lebensgerechtes, das man nicht alle Tage lesen kann und aus dem das Anrecht auf das Wort Literatur nicht wegzudiskutieren ist. Alles in allem wälzt sich das Buch ab und zu nur so vor sich hin, aber immer wieder geht dann ein Reiz von ihm aus, eine Geschichte kündigt sich an, verschwindet im Gedränge der Wahrnehmungen und lässt einen neue Untiefe zurück.

Zu Ferdinand von Schirachs “Der Fall Collini”


Direkt vorweg: Ich gehöre zu den Bewunderern von Schirachs Kurzgeschichten und habe mich sehr gefreut, als ich es jetzt endlich geschafft habe, einen Roman von ihm zu lesen. Meine Erwartung: ein einfaches, aber schnörkelloses Werk, mit nicht viel Aufhebens, aber einem schönen doppelten Boden, einem Fingerzeig vielleicht, aber vor allem freute ich mich auf die Eindrücklichkeit, wie ich sie von Schirach bisher gewöhnt war.

Diese Erwartungen wurden nur teilweise erfüllt. Das liegt zum einen daran, dass das Buch, der “Roman” (es ist kein Roman – eine Novelle, allerhöchstens), sich nicht entscheiden kann zwischen einem neutralen Erzählton und einer sehr stark emotional eingefärbten Geschichte. Muss er ja auch nicht, könnte man denken, und ja: aus so einer Diskrepanz kann Spannung, kann Stil entstehen, aber es ist beileibe kein Patentrezept, keine einfache Gleichung, vor allem nicht für eine längere, nicht dicht-verwobene, sondern weitläufigere Erzählform, die über eine Kurzgeschichte hinausgeht. So wirkt das Buch mit der Zeit sehr um seinen Ton bemüht; es wird ihm eng in seinem Stil, aber es formt trotzdem alles damit aus, was dann manches etwas unförmig wirken lässt, konsequent zwar und teilweise folgerichtig, aber stellenweise mehr wie eine Musterschreiben, fern jeder Erzählhaltung.

Zum anderen ist da der Aspekt des Inhalts und hier betrete ich endgültig das Land meiner eigenen Ansichten, die ich nicht mehr objektiv nennen kann, trotzdem aber für wichtig halte, wenn es um dieses Buch geht. Es stört mich wenig, das Schirach sich dem Thema des 2. Weltkriegs zugewandt und noch weniger, dass er es an einem Rechtsfall aufgehängt hat; ebenso finde ich die Verknüpfung mit der Rechtsgeschichte der Bundesrepublik interessant.

Aber was mich wirklich aufregt ist sein geringes Bemühen um eine Annäherung an irgendeinen seiner Protagonisten. Da kann ihn auch der Verweis auf seinen Stil, seine Art zu schreiben nicht retten oder der Verweis auf Leute wie Carver oder Hemingway, Eisberg und so weiter. Gerade Carver, um ein Beispiel zu nennen, schrieb zwar auch karg und knapp, aber trotzdem drehte sich bei ihm alles um seine Protagonisten.

Bei Schirach geht es gar nicht um die Protagonisten. Sie sind Zweck für seine, sehr beeindruckende und schön aufgemachte, Lehrstunde in Sachen Recht und Unrecht. So blass wie die Figuren auftreten, treten sie auch wieder ab, angereichert mit Halbklischees, die so nah und knapp neben das Klischee gesetzt wurden, dass sie noch mehr den Eindruck des Pflichtschuldigen hinterlassen. Ich will diesem Buch wirklich nicht Unrecht tun, aber wie ich es auch lese, drehe und wende: hinter den Figuren steckt nicht annähernd so viel, wie hinter dem, was sie vor Gericht und in ihren Leben verhandeln. Die Profanisierung, die bei Schirachs Kurzgeschichten das Echte betonen und das Namenlose sich auftun ließ, schiebt sich hier als szenisches Ordnen vor alles, kaum zu durchdringen.

Von all diesen Anmerkungen unbeeindruckt, bleibt “Der Fall Collini” ein nicht uninteressantes Buch, eine spannende Lektion in Rechtsalltag und -geschichte allemal. Man sollte meiner Ansicht nach nicht zu viel erwarten. Der Kniff der Story ist gut, der Rest ist zu leicht ineinander zu stülpen, lässt sich allzu schnell weglesen.

Über Matthias Engels neusten Roman “Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun”


“Der November verstrich. Um den Jahreswechsel herum fragte der ungeduldige Verleger noch einmal nach und forderte einen Umfang von mindestens 100.000 Wörtern. Wilde antwortete in einem knappen Telegramm, die englische Sprache habe aber keine 100.000 schönen Wörter.”
Seite 226

Sie nebeneinanderzustellen wirkt, als würde man einen willkürlichen Eingriff in die Struktur der literarischen Übersichtlichkeit machen und zwei Fäden aneinanderhalten, die sonst fern voneinander, in unterschiedlichen Diskursen, Welten und Ansichten, verlaufen: Oscar Wilde und Knut Hamsun, beide Schriftsteller, beide mit ihren Namenszügen in den Rang eines Klassikers aufgestiegen, beide … ja enden denn da schon die Parallelen??

Nein, meint Matthias Engels, der in seinem neusten Roman die Lebensläufe von Wilde und Hamsun schildert, am Anfang dünn verknüpft durch einen gleichzeitigen Amerikaaufenthalt im Jahre 1882. Im Folgenden werden Lebensstationen der beiden Schriftsteller beleuchtet: in wohlausgesuchten Szenen und Dokumenten (hauptsächlich bei Wilde), aber auch längeren Beschreibungen, mit Innenansichten der Figuren (hauptsächlich Hamsun).

Diese Gewichtung in der Art der Annäherung hat eine gewisse, den beiden Figuren innewohnende Anlage und Schlüssigkeit; sie erfordern jeweils eine andere Herangehensweise, weil ihre Lebensumstände mehr in die eine oder andere Richtung tendierten. Trotzdem verlagert dies, zusammen mit dem restlichen Aufbau, die Aufmerksamkeit des Lesers ein wenig zu sehr auf Oscar Wilde – das spricht natürlich für das Einfühlungsvermögen des Autors beim Wesen seiner Charaktere. Wilde hätte immer mehr Aufmerksamkeit erreicht als Hamsun. Dennoch ist es fast ein bisschen unfair, dass Wilde so Großes zu bieten hat, und Hamsun nur so Karges. Daraus entspinnt sich mehr eine einseitige Bedeutsamkeit, als eine schöne Spannung.

Es bleibt die Frage, warum sie nebeneinander gestellt wurden. Soll hier, im Vergleich dieser beiden großen Köpfe, auch eine größere Darstellung gemacht, eine tiefere Konfrontation abgebildet werden? Zwischen einem Menschen, dessen Leben Kunst war und einem Menschen, der alles für die Kunst tun wollte, dessen Leben aber nie Kunst wurde? Im Nachdenken über den Roman ergeben sich einige Aspekte, die in dem Neben/Gegeneinander von Wilde und Hamsun interessant hervortreten; aber vieles davon erscheint fast zu sehr vom spekulativen Akt hervorgebracht und nicht im Text verankert, nicht intendiert zu sein.

Nach Amerika enden die Überschneidungen, es gibt noch ein-zwei ganz profane Parallelen – bis zum Ende, wo beide dann fallen, beide ihrer Neigungen wegen geächtet und verurteilt werden: bei Wilde ist es ein Liebesverhältnis mit einem schönen jungen Mann, bei Hamsun die Nähe zum Verbrecherregime der Nazis. So unterschiedlich sie auch sind, Porzellan und Metall, am Ende sind sie zerbrochen und verbogen.

Stilistisch ist das Buch ein wenig durchwachsen, oft sehr flott und gut geschrieben, stellenweise dann wieder etwas gezwungen. Manchmal fallen zu genau fixierte, zu breite Beschreibungen auf; andere Wendungen werden übertrieben oft verwendet. Bei all seiner Unterhaltsamkeit und guten Komposition -was man ihm beides nicht absprechen kann und was ihn sehr lesenswert macht – ist der Roman auch etwas zu oberflächlich geraten. Es saust alles ein bisschen vorbei, selten bemerkt man eine Tiefe, die über die Situation, die Schilderung hinausweist. Für Wildes Niedergang lässt Engels sich Zeit und gut gewagt und sehr gelungen sind seine Introspektiven von Hamsun, mit das Beste im ganzen Werk. Manchmal gefällt sich das Buch dann wieder zu sehr in von Quellen belegten Anekdoten und dankbaren Aufhängern – kein großer Kritikpunkt, der aber das Buch stellenweise verwässert und zu glatt werden lässt für einen Roman.

Wieso sind die Herren wundersam? Der Titel ist letztlich das Schlechteste an dem Werk: viel zu heischend (mit zwei ebensolchen Adjektiven), umständlich und eher die sporadisch-anekdotische Seite des Buches einfangend und nicht seine Glanzleistungen. Aber Gott sei Dank hat Engels seine Figuren eben nicht wundersam, sondern dezent-authentisch und mit einem feinen Gefühl für die Facetten, in denen sie sich am besten spiegeln, auftreten lassen. Er gibt Wilde sein Verhängnis und Hamsun sein Alleinsein und um diese Pole kreist ihr Leben, schimmernd und scheinend, bis es hineinstürzt.

Es bleiben Schmökergeist und Wissen, jedoch ein bisschen zu wenig Faszination, die meist unaufgeblüht im Wind des Erzählens schwingt. Sie ist vorhanden, als eine Ahnung hinter Wort und Eindruck, die sich zwischen den Seiten wenden ließ, aber nie ganz greifen. Bei Wilde breitet sich das Wesen aus, wirft sich in Schale; bei Hamsun liegt es im tiefen Blick, den er uns aus den Sätzen entgegenwirft. Zwischen diesen beiden Welten liegen Räume der Literatur, der Existenz, der Überzeugung. Und auch diese Räume kann man, neben vielen anderen, von Matthias Engels neuem Roman gut erreichen – doch sie liegen manches Mal noch etwas zu weit abseits der Wege, die ein Roman für uns, zum Schlendern, Wandern, Laufen, auftut und bestimmt.

Tolkiens ganze Meisterschaft – von Tom Shippey in seinem Buch “Tolkien – Autor des Jahrunderts” wunderbar präsentiert


Tolkien als großer Autor des 20. Jahrhunderts? Da gibt es wohl nicht wenige, die Protest einlegen würden. Wie könnte jener Autor, der das Fantasy Genre (mit-)begründete (eine als trivial und unterhaltungsversessen abgestempelte Richtung der Literatur), denn ein großer Autor, ja, ein wahrer Meister seines Faches, der Sprache, der Literatur sein?

Barock und mythenverklärt, infantil und pathetisch, eindimensional, weltfremd und heroisch – es gibt genug Vorwürfe gegen Tolkien und seine Werke. Dass die meisten dieser Vorwürfe einer Unkenntnis des Werkes entspringen, sich lediglich auf Vorurteile oder Medien zweiter Hand (Filme, Nacherzählungen, Zusammenfassungen) stützen, ist das eine; dass aber trotz der Verehrung und Popularität, die Tolkien und seine Werke genießen, für einen Großteil der Leser noch immer nicht ersichtlich und klar ist, dass Tolkien einer der vielschichtigsten, fortgeschrittensten und wegweisensten Autoren seiner und unserer Zeit ist, nicht nur thematisch, sondern erzähltechnisch, allegorisch, metaphysisch, Ambivalenz und sprachliche Schönheit mit Wissen, Transzendenz und Können vereinend, kann man fast nur als unverständlich und muss es als rückständig ansehen.

Dieses Buch kann bei diesem Missstand etwas Abhilfe schaffen. Es zieht einen wirklich in die Materie von Tolkiens künstlerischem Hintergrund, gespeist von seinem Leben und seiner Arbeit mit dem Altenglischen, den Sagen der britischen Inseln, dem Beowulf-Epos, sowie einigen zentralen philosophischen Problematiken, um die seine Werke kreisen: der Ursprung von Gut und Böse, die Willensfreiheit des Individuums im Kontext übergreifender Ereignisse, Fragen der Hoffnung und der Tod und die Ewigkeit. Einem werden die Augen geöffnet inwieweit Der Herr der Ringe und Tolkiens andere Werke nicht nur Geschichten, sondern metaphysische, psychologische und mythische Kosmen sind, die durch ein Gespann von Handlung gezogen und ausgebreitet werden, aber im Kern immer ein metaphorisches und transzendentes Wesen, Bezüge und Konzepte haben.

Es macht außerdem einfach Spaß dieses Buch zu lesen. Über die Einleitung, die sich auch ein bisschen mit Tolkiens Rolle in der Literaturlandschaft des 20. Jahrhunderts beschäftigt, über eine genauere Betrachtung der einzelnen Werke, bis hin zur Analyse einiger grundlegender Motive in seinem Werk wird man bestens unterhalten und belehrt, ganz ohne elitäre Strapazen. Gerade für Leute, die Interesse an Sprache haben, ist dieses Buch eine Goldgrube. Da der Autor selbst Philologe ist gelingt es ihm zu zeigen wie Tolkien einst durch sein Suchen nach den Ursprüngen der Worte zu Namen, Orten und Einfällen (und eigenen Sprachen) für seine Werke kam und führt uns ganz nah heran an die Quellen seiner phantastisch anmutenden Werke, die dadurch nicht weniger phantastisch werden, aber viel ansichtiger, heller, mit einer Balance zwischen Fiktion und Idee. Das macht nicht nur die Werke zugänglicher, sondern bringt auch ihren Autor klarer und menschlicher, als Kontur dahinter, hervor und zu Bewusstsein; wir lernen Tolkien kennen, als Schaffenden und Suchenden, lernen die besondere Beschaffenheit seines Denkens zu verstehen.

Gleichzeitig ermöglicht uns Shippey Einblick in die große Dimension von Tolkiens Leistung. Man ist fast dazu verleitet, sofort sämtliche Werke Tolkiens aufzutreiben und zu studieren, zu lesen – diesem großen Reichtum hinter dem Text nachzugehen, die Shippey uns mit seinen Betrachtungen öffnet und der einen vermuten lässt, dass jede Sprechweise der Charaktere, jede Szene, ein tieferes Postulat, eine größere Gedankenwelt bereit hält.

Nachdem ich das Buch zweimal gelesen habe und es schon wieder lesen will, fasziniert von Sachen, die ich gelesen und schon wieder vergessen habe, die aber Anstoß für weitreichende Überlegungen waren, kann ich nur sagen: dieses Buch ist lesenswert, es ist inspirierend und vor allem sollte es gelesen werden, damit klar wird, was für ein großer Geist hinter den Werken des J. R. R. Tolkien steht.

Kurz zu Dashiell Hammetts Action-Roman “Rote Ernte”


Man könnte es kurz und knapp sagen: Dieser Roman ist kein Roman und auch kein wirklicher Krimi (aber voller bestechender Wendungen). Es ist eine schnoddrig-blutige Ein-Mann-Show, ein Actionfilm als Buch, in dem jeder Spruch sitzt, ein Haufen Klischees geschrammt und mit Vollgas abgehängt werden, Moral und Ambivalenz Luxusfragen sind und das Verlangen nach Tiefgang eine dumme Antwort auf beide, die am Ziel vorbeigeht. Soweit die Kurzfassung, nach der jeder Leser wahrscheinlich schon entscheiden kann, ob er es mit dem Buch probieren will oder nicht.

Dashiell Hammetts Buch hatte einige populäre Verehrer: André Gide (Tagebuch: “mit an Bewunderung grenzender Verblüffung Rote Ernte gelesen” und an anderer Stelle: “seine Dialoge könnten Hemingway als Vorbild dienen”), Somerset Maugham (der in Hammett einen großen Vertreter eines bodenlosen, aber spektakulären, unterhaltsamen Zynismus sah) und William Faulkner, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Sicher: Hammetts rasant-verwegene Inszenierung würde weder heute noch in Zukunft je einen Preis für irgendeine Form von ästhetischer Größe gewinnen. Doch sollte ihr im Gegenzug auch nicht zu schnell Belanglosigkeit vorgeworfen werden oder auch nur Lust an der Brutalität. Es liegt eine ganz spezielle Raffinesse und auch Stilsicherheit in diesem Buch; beides zusammen generiert so viel Tempo und Spannung, dass ein Spin, ein Drive entsteht, der der Leser in dieselbe Unsicherheit wirft, die auch alle Vorkommnisse der Handlung umgibt – man weiß verdammt noch mal nicht, was als nächstes passieren wird und trotzdem kommt es frontal auf einen zu.

Diese potenzierte Spannung wird noch verschärft durch die wirklich hervorragenden Wendungen, die Hammett dem Buch verpasst. Ein ums andere Mal werden wir hinters Licht geführt und schwanken auf der ohnehin undurchsichtigen Bühne der Handlungen im Glauben an dies oder jenes hin und her, bis uns Hammett die logische Wahrheit vor den Latz knallt. Der Knall geht fast sofort wieder unter in der nächsten plötzlichen Entwicklung.

Ich halte auch diese Art der Erzählkunst, die ich in rote Ernte hautnah erleben durfte, für eine gelungene Form literarische Ausdrucks, literarischer Unterhaltung, literarischer Wirkung. Sie ist nicht hochgeistig, dafür aber in vollen Zügen als Fiktion zu genießen, zumindest wenn man nichts gegen Schießeisen, Gangster, Film Noir Stil, hollywoodgegerbte Klischees und jede Menge Zynismus hat.