Zu Josef Winklers “Das Zöglingsheft des Jean Genet”

“Wenn nun ein Kindlein auf die Welt kommt, gibt man ihm den Namen, den einmal einer von den lieben Heiligen gehabt hat. Das ist ein schöner Brauch. So oft das Kind gerufen wird, soll es daran denken: Auch ich muss einmal heilig werden.”

Ein Heiliger wollte der Schriftsteller Jean Genet werden – aber einer, der heilig zu sprechen ist nicht wegen einer Erhabenheit, die vom Dreck des Lebens auf wundersame Weise unangetastet bleibt, sondern einer Erhabenheit, die im Dreck des Lebens, im Bild des Geschundenen, des Mörders aus Leidenschaft, des schönen Stolzes voller Unantastbarkeit, blüht, gedeiht.

Aufgewachsen in Fürsorgeinstitutionen, dann immer wieder in Justizanstalten und Gefängnissen, lebte Genet, bis sein literarisches Talent entdeckt wurde, das Leben eines von der Gesellschaft im Abseits, aber auch im Leben, zurückgelassenen Subjekts. Leben und Abseits bedingten sich und aus ihnen schuf Genet eine einzigartige Poetik.

Winkler zeichnet in seinem Buch nicht etwa bloß die Lebensgeschichte Genets nach, nein, er versenkt sich in sie, tritt unter die Oberfläche der Ereignisse und windet sich und den Text in die Wesenheiten, Erlebnisfasern Genets, fasst in sie hinein wie in Spinnenweben, hinter denen sich die großen Schätze befinden, der Glanz von Tod, Grausamkeit und einem zehrenden Dasein, das dich pochend umtreibt.

“Es ist gut, dass die Menschen sich von einem tiefgründigen Werk distanzieren, wenn es der Schrei eines Mannes ist, der sich ungeheuerlich in sein eigenes Ich verstrickt hat.”

Was ich an Josef Winkler so sehr schätze, ist die Unbedingtheit seines Schreibens. Seine Sätze sind lang, aber sie verlieren auf ihrem Weg nichts von ihrer Kraft, bis zum letzten Wort bleiben sie einer Ungeheuerlichkeit verpflichtet, die immer wieder aus ihnen herausplatzt oder wie in Stein gemeißelt hervortritt. Winkler reiste nach Paris, an den Ort wo Genet starb und wollte in seinem Totenbett schlafen und dann noch nach Tanger, von dort nach Larache, wo Genets Grab liegt. Diese sehr sanfte Manie macht dieses Buch (und viele andere Bücher von ihm) zu einer schälenden, aufreißenden Erfahrung.

Die fast hilflos-abhandenkommende und gleichsam durchdringende Macht, die Genets Werke und Gedanken über Winkler haben, bannt er in sein Zöglingsheft, reiht sie auf und reibt dem Leser die Augenbrust und tief dahinter den Verstand damit ein, färbt apokalyptisch-dürr die Kontur seines Helden und verwischt sie mit mäandernden Facetten, plötzlichen Vorstößen, bevor er Genet wieder anruft und ihn neu entstehen lässt. Er tritt eine Reise in Genets Biographie und Werk an, aber durchquert immer wieder seine Obsessionen, gibt eine annähernde Einführung und schreibt zwischen den vollführten Sätzen eine hochaufschießende Liebeserklärung, zelebriert das Genie Genets, egal ob er direkt über ihn schreibt oder über Landschaften, Begebenheiten, Anekdoten. Genet ist überall enthalten.

Wer sich von dem Lebensentwurf Genets faszinieren lassen will, sollte zu Winklers Buch greifen. Es wäre leicht, es eine Erkundung, eine Poetik oder einen Essay zu nennen. Aber es ist etwas ganz Elementares. Wie ein tiefer Schnitt, aus dem Genet rinnt, tropft, fließt.

2 thoughts on “Zu Josef Winklers “Das Zöglingsheft des Jean Genet”

  1. Yuliya

    “Wortschatz der Nacht” ist bisher das einzige, was ich von Josef Winkler gelesen habe, und wenn ich nach meinem Lieblingsbuch gefragt werde fällt mir dieses meist ein. Seine Sprache nimmt einen mehr als gefangen, diese Wechsel zwischen allen erdenklichen Bild- und Fühlebenen, eigentlich alles an dieser Sprache ist großartig. Über Jean Genet weiß ich leider noch nichts, aber bestimmt komme ich irgendwann auch zu diesem Buch🙂

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    1. trishen07 Post author

      Ja, er schreibt schon einmalig! Das mit den Ebenen stimmt voll, das ist gut gesagt! Ich kann dir nur empfehlen das Buch zu lesen. Ganz, ganz liebe Grüße dir!

      Reply

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