Von Briefen, Fett & Existenz, mit Kummer und Humor – Nothombs “So etwas wie ein Leben”

“Ich brauche ein bisschen Verständnis, und ich weiss, Sie werden mich verstehen. […] Ich leide unter einem Übel, das unter den amerikanischen Truppen im Irak immer mehr grassiert.”

Na klar, Amelie Nothomb hat ja schon einiges zu Sucht und Überschwang geschrieben und auch mit Hunger kennt sie sich aus (siehe: Biographie des Hungers). Aber trotzdem: kann sie einem 180kg schweren Soldaten im Irak in irgendeiner Weise beistehen? Was soll sie ihm auf seinen ersten Brief zurückschreiben? Was will er?

Aus der ersten Verwunderung wird bald ein reger Briefwechsel, in dem die Schriftstellerin von Anfang an die Rolle der Zuhörerin einnimmt. Erzählen tut Melvin Mapple: vom Krieg, von seiner Revolte gegen die Armee durch seine ständige Gewichtszunahme, von seinen ebenso dicken Freunden und seiner ambivalenten Beziehung zu seinem Fett, das er gleichsam liebt und verabscheut. Und natürlich die Schuldgefühle des Soldaten, die direkt und unter der Hand mit der Leibesfülle einhergehen und gleichzeitig kompensiert werden.

“Ich brauche ein menschliches Wesen, das außerhalb von all dem und zugleich mir nahesteht – das ist doch die Rolle des Schriftstellers, oder?”

Es ist interessant, wie es Amelie Nothomb gelingt, wieder einmal viele Aspekte in einem Buch zusammenzubringen. Abgesehen von der Fettsache, wird zwar keiner dieser Aspekte wirklich weit getrieben, aber es ist doch stets ein feines Gespür für die nicht ganz unerheblichen Fragen hinter ihrer Prosa zu spüren – ein Gespür, das viele dieser Fragen in kleine fiktive Elemente der Erzählung umwandelt.

Vieles, was Nothomb in diesem Buch scheinbar von sich selbst Preis gibt, ist eine Fiktion, ebenso wie der ganze Briefwechsel (wenn es auch vielleicht eine inspirierende Grundlage gegeben haben mag). Dieser Fakt macht das ganze Buch aber nicht langweiliger, sondern erstaunlicher. Weil es eigentlich nur mit der Fiktion spielt und trotzdem an den Oberflächen der Wirklichkeit kratzt. Zwar mag es den Briefwechsel nicht gegeben haben, wie Nothomb ihn aufschreibt, aber man hat das Gefühl, das die Dinge, die verhandelt werden, echt und teilweise existenziell sind. Aus der Fiktion wird eine Erzählung, deren Problematik sich in der Wirklichkeit in Teilen niederschlägt, ob man das nun sehen will oder nicht.

“Sie müssen keine Bedenken haben, als Psychologin herhalten zu müssen. Von denen gibt es hier genug. […] Was ich von ihnen erwarte, ist etwas anderes. Ich möchte für Sie existieren. Ist das vermessen? Ich weiß es nicht.”

Es ist diese Balance aus Realität und Fiktion, in und um dieses Buch herum, die es trotz vieler Angriffsflächen zu einer gewinnbringenden Leseerfahrung macht. Mit leicht burleskem Witz und einem Hang zum Grotesken, wie in jede Fiktion von Nothomb innehat, generiert es während des Lesens auch eine anschwellende Traurigkeit, ein Mitgefühl – welches ebenfalls wieder leicht gebrochen wird … Das Ende ist dann ein eskapistischer Geniestreich! Darüber hinaus lernt man einiges über Briefe und eine fiktive Amelie Nothomb.

“Melvin Mapple flösste mir Respekt und Sympathie ein, aber ich hatte mit ihm dasselbe Problem wie mit 100% aller Lebewesen, ob menschlich oder nicht: das Problem der Grenzen. Man lernt jemanden persönlich oder brieflich kennen. Der erste Schritt ist, dass man die Existenz des anderen wahrnimmt; es kommt vor, dass man dann hingerissen ist. In einem solchen Augenblick ist man Robinson und Freitag am Strand der Insel, man betrachtet einander, verblüfft, entzückt, dass es in diesem Universum einen anderen gibt, der so anders und doch so nah ist. Die eigene Existenz wird verstärkt, weil der andere sie wahrnimmt und von einer Woge der Begeisterung für dieses Individuum erfasst wird, das einem wie durch eine wunderbare Fügung ein Gegenüber beschert. Dieses belegt man mit phantastischen Namen: Freund, Liebster, Gast, Kamerad, Kollege, je nachdem. Es ist ein Idyll. Der Wechsel zwischen Gleichheit und Andersheit stürzt einen in kindlich dumme Bezauberung. Man ist so berauscht, dass man die Gefahr nicht kommen sieht.
Und plötzlich steht der andere vor der Tür. Man ist auf einen Schlag ernüchtert und weiß nicht, wie man ihm sagen soll, dass man ihn nicht eingeladen hat. Nicht, dass man ihn nicht mehr liebte, aber man liebte ihn als anderen, das heißt jemanden, der nicht man selbst ist. Doch der andere nähert sich an, als wollte er sich einem angleichen oder einen sich.”

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