Zu Ali Smiths Erzählung “Girl meets Boy”

“Ich hatte – bevor es uns gab – noch nicht gewusst, das ich mit jeder Faser meines Leibes Licht mit mir führen konnte, so wie ein Fluss, den man von einem Zug aus sieht, ein Fluss, der einen Streifen Himmel in die Landschaft schneidet. Bisher hatte ich nicht gewusst, dass ich so viel mehr sein konnte als nur ich. Hatte nicht gewusst, dass ein anderer Körper dies bei meinem auslösen kann.”

Iphis, die Tochter des Ligdus, eine der schönsten Gestalten aus dem Metamorphosen-Zyklus des Ovid: Geboren als Frau, sollte sie eigentlich nach der Geburt getötet werden. Um sie zu retten, zieht ihre Mutter sie als Junge auf. Dann verliebt sie/er sich in eine Frau …

Doch da die Geschichte in einem Kapitel von Ali Smiths Buch eh noch einmal nacherzählt wird, lasse ich offen wie es weitergeht. “Girl meets boy” geht sowieso einen etwas anderen Weg: Es ist die Geschichte zweier Schwestern, die zu Anfang unterschiedlicher nicht sein könnten.
Anthea, die jüngere, lässt sich eher treiben, weiß nicht was sie wirklich machen soll, während die ältere, Midge, voll im Karriereleben aufgehen will. Beide leben sie im alten Haus ihrer Großeltern in Schottland und gerade hat Midge Anthea einen Job besorgt bei der Firma, in der auch sie gerade arbeitet. Gleich am ersten Tag wird das Gebäude des Unternehmens von einem Sprayer verunstaltet. Anthea sieht zu wie er herunterklettert, sie wendet sich um, und:

“Mein Kopf, in dem geschah irgendetwas. Es war, als erhebe sich ein Sturm auf hoher See, aber nur für einen Moment und nur in meinem Kopf.”

Die ganze Rahmenhandlung ist eher Kulisse, gute gemachte Kulisse, in der vieles, was von Interesse ist, aufgegriffen wird. Trotzdem liegt ein wichtiger Schwerpunkt der 5. Kapitel “Ich”, “Du”, “Wir”, “Die”, “Und jetzt alle zusammen” auf dem Innenleben und der Wahrnehmung der beiden Schwestern; im Blick unter ihre Haut.

Diese Erzählperspektive ist es, die das Buch, neben seiner Thematisierung von klischeehafter Sexualität, so wertvoll macht. Obwohl solche Dinge wie Liebe und Ideal sehr schön scheinend und eher unreflektiert dargestellt werden, obwohl die Rahmenhandlung in ihren Ausläufern etwas dürftig scheint – die Art wie Ali Smith erzählt, lässt Seite für Seite des schmalen Buches vergehen. Die Art wie sie Gespräche darstellt und Gedankengänge: vorzüglich. Ihr Humor: locker und nie überstrapaziert eingesetzt.

“und ich überlegte, ob alles, was ich sah, ob vielleichte jede Landschaft, die wir mit einem flüchtigen Blick bedachten, das Produkt einer Ekstase war, derer wir uns nicht einmal gewahr waren, das Produkt eines Liebesaktes, der sich so langsam und stetig vollzog, dass wir es fälschlicherweise für Alltagswirklichkeit hielten.”

“Girl meets Boy” ist ein schönes, kurzes Werk. Die Mythen-Reihe, in der es erschienen ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Mythen der Menschheit von aktuellen Autoren nacherzählen zu lassen. Ali Smith ist vielleicht nicht die Nacherzählung des Ipis Mythos gelungen; aber dieser hat sie zu einer Erzählung inspiriert, die wichtiger kaum sein könnte.

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