Monthly Archives: February 2017

Rezension zur 69. Ausgabe der Kolik


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Rezension zur Ausgabe Nr. 69 der Kolik auf fixpoetry.

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Mein Gedichtband ist erschienen


Liebe Leser*innen dieses Blogs,

heute schreibe ich hier einen Beitrag, der eine persönliche Herzensangelegenheit meinerseits betrifft. Vor kurzem ist mein Debüt, der Gedichtband “Enterhilfe fürs Universum”, in der edition offenes feld erschienen. Mir ist klar, dass Gedichtbände nicht unbedingt die populärste und beliebste Lektüre sind und ich will hier auch nicht offensiv um Leser*innen werben – freue mich aber natürlich über alle, die sich das Buch einmal anschauen wollen! Ich freue mich auch über Kritik, Nachrichten, Fragen, etc. und natürlich über Weiterempfehlungen!

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ISBN: 978-3743192287

Auf Amazon kann man reinlesen.
Da gibt es auch das E-Book.

Zu Beat Gloors sinnigen, teilweise genialen Aphorismen in “Wir sitzen alle im gleichen Bott. Aber nicht alle rudern.”


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„Wir haben viel verloren durch den Biss in den Apfel. Aber wir hätten nie erfahren, was wir alles hatten.“

Was die Wiederlesbarkeit angeht, gehören Bände mit Aphorismen zu meinen Favoriten. Es lässt sich darin immer wieder etwas Inspirierendes oder gegen den Strich Gebürstetes finden, man kann sich darin auf eine nachhaltige Art und Weise verlieren. Zumal der Aphorismus auch eine faszinierende Form ist: Eine Agitation auf engstem Raum, eine gegossene und zum Projektil geformte Behauptung, die so durchschlagend sein kann wie eine Wahrheit und in jedem Fall Querschlägerpotential hat. Ihm haftet gleichzeitig die Aura der Weisheit und des Subversiven an. Aphorismen richten sich gegen alle und gegen Niemanden; wer darin mit wem spricht, verschwimmt, selbst wenn eine klare Autorenfigur dahintersteht.

„Der Nestbeschmutzer beschmutzt das Nest nicht. Er sagt nur, dass es schmutzig ist.“

Zudem gibt es auch unterschiedliche Arten von Aphorismen. Auch wenn das blitzschnelle Offenlegen einer Erkenntnis der große gemeinsame Nenner ist – wie sehr dieses Offenlegen sich ins Epiphanische und wie sehr ins Pointierte neigt, wie sehr es auf den Zynismuszug auf- und von der Kante des Sagbaren abspringt, wie kleinteilig es sich mit Sprache auseinandersetzt oder wie groß die Gedanken sind, denen es sich annähern will, das sind alles Nuancen dieser in vielerlei Hinsicht als homogen wahrgenommenen Gattung.

„Wichtig klingt wie das Adjektiv zu Wicht. Wichtig wäre also etwas ganz Kleines …“

Beat Gloors Aphorismen haben unterschiedliche Qualitäten und sind auch von unterschiedlicher. Wie den meisten Aphoristiker, kommt es auch bei ihm dann und wann zur Plattitüde – erfreulich selten allerdings. Dafür hat er ein breites Repertoire an Ansätzen: hintersinnig, witzig, weise, metaphysisch, trotzig, garstig, kritisch, albern, listig, um nur ein paar Adjektive zu nennen, die man auf einzelne Text von ihm anwenden könnte. Seine Bezüge reichen vom Mythischen über Allgemeinheiten bis zu einem häufigsten Spielfeld, der unmittelbaren Lebenswirklichkeit in der Gegenwart, mit all ihren Schikanen. Nun sind Kommentare zum Zeitgeist immer eine leicht bedenkliche Angelegenheit, gerade in unserer schönen, neuen Internetkommentarfunktionsdebattenkultur. Banken, Kriege, Politik und Kapitalismus – es sind die üblichen Verdächtigen, gegen die Gloor zu Felde zieht, mal brachial, dann wieder mit der innovativen Schläue eines Stanislaw Jerzy Lec (an den mich Gloor eh dann und wann erinnert , was ich als Kompliment verstanden sehen will.)

Diese Spitzen zur gegenwärtigen Lage gehen ihm manchmal etwas zu leicht von der Hand, kommen zu frisch von der Leber weg – hier würde man sich dann und wann etwas mehr Hintersinn und weniger vordergründig platzierte Positionierung wünschen. Wobei es natürlich auch darum geht, dass ein Aphoristiker Position bezieht, seine Sätze sind schließlich Manöver, die Knall auf Fall zu den am schwierigsten zu erreichenden Orten vorstoßen, den Finger mit einer schnellen Geste auf die viel zu wenig besehene Wunde legen und dann auch noch im selben Atemzug diagnostizieren können. Aber gerade weil sie zu so etwas fähig sind, muss der Aphorimsenschreibende aufpassen, nicht in eine mehr oder weniger gierige Dynamik zu geraten, in der ihm etwas als Manöver, als Aufdeckung erscheint, das aber eigentlich schlicht ein Gegensatz ist, dessen Reibungsflächen wenig Funken schlagen. Figure out the difference/ Irony is not coincidence, wie schon Weird Al Yankovic sagte. Zwei Beispiele für das, was ich mit dieser Kritik meine, wären die Aphorismen:

„Wissen lässt Menschen zum Mond fliegen,
Glauben in Hochhäuser.“

„Selbstmord ist ein Ausweg, aber keine Lösung.“

Natürlich ist ein Reiz des Aphorismus auch die Provokation, die Entgleisung. Aber dieses Bedürfnis darf meiner Ansicht nach nicht so weit gehen, jedes Thema als potentielle Grundlage für einen Aphorismus auszuschlachten. Bei manchen Themen lohnt es sich, nicht direkt in den Brennpunkt vorzustoßen, sich hineinzustürzen, sondern vielmehr am Rand etwas anzubringen, was dann jeder liest, der sich auf dem Weg ins Zentrum befindet oder was Leute dazu bringt, vom Zentrum wegzusehen und den Rand ihrer Vorstellungen zu bemerken.

„Effizienzsteigerung – schon das Wort auszusprechen dauert zu lange.“

Schon der Titel des Buches ist das Programm: Hier wird man schnell und geistreich in viele Zusammenhänge eingeweiht. Fast alle Tonlagen, vom Ratschlag bis zur Kampfansage, sind enthalten. Und man kann sein kritisches Bewusstsein durch einige Geistesblitze aufladen.

Eine letzte kleine Rüge habe ich anzubringen, und die geht an den Verlag – es gibt in diesem Buch keine Seitenzahlen! Was mir, der ich mir gern besonders gelungene Stellen notiere (vor allem in einem Aphorismenbuch) ein bisschen unsinnig erscheint, zumal ich keinen Vorteil darin erkennen kann, weder für das Layout, noch für den Inhalt.