Monthly Archives: April 2017

Die Schere schreibt noch lange kein grandioses, aber auch kein schlechtes Buch – zu Markus Binders “Teilzeitrevue”


  Gleich vorweg: ich muss zugeben, dass mich die Lektüre dieses Buch mehrmals frustriert hat, stellenweise auch inspiriert. Ich verstehe die Idee dahinter und die Ausführung dieser Idee kann man innerhalb ihres eigenen Rahmens auch als gelungen betrachten. Unter diesen Voraussetzungen will ich die positive Betrachtung verstanden wissen. „Teilzeitrevue“ ist ein stellenweise innovatives, interessant kommunizierendes Werk, aber genauso oft eine sehr verzettelte Angelegenheit.

Dialoge, Momente, Darstellungen. Kritisches und Spritziges, Intimes und Verklausuliertes. Als wäre der Kern eines gewöhnlichen, erzählenden Romans detoniert, finden sich in diesem Buch überall die Bruchstücke einer Geschichte, die auf ihren Umlaufbahnen um eine einstige Mitte kreisen, die sich aus diesen Bruchstücken fortwährend zusammensetzt. Es ist die Geschichte eines Pärchen, das nach Mexiko fährt, die Beschreibung ihrer Reise, die gleichsam eine Metareise ist, in der nicht nur die Geschehnisse vor Ort eine Rolle spielen, sondern ebenso historische und zwischenmenschliche Ebenen, die immer wieder wie Flocken in den Verlauf hineinwehen.

In einem Interview hat der Autor Markus Binder das Buch als Mixtape bezeichnet. Ich muss hier nochmals erwähnen, dass mir solcherlei Erklärungen nicht unbedingt stimmig erscheinen. Es ist leicht zu behaupten, dass ein Buch so gehört, wie es geworden ist, mit allen seinen Macken und Allüren und Unebenheiten. Aber die Frage ist, ob es auch so funktioniert. Stellenweise gerät „Teilzeitrevue“ in dieser Hinsicht auf die schiefe Bahn und man hat das Gefühl, dass nicht auf die Stimmigkeit der zusammengesetzten Beiträge geachtet, sondern mit einer gewissen Beliebigkeit gearbeitet wurde. An anderen Stellen wiederum gelingen die Schnitte und aus den verschiedenen aufeinanderfolgenden Textschnipseln wird ein zugespitzter Sog, ein Crescendo an Eindrücken, die sich gegenseitig aufladen.

Sehr gut gefallen hat mir an der Bewegung des Buches, wie sich immer wieder die Distanz zwischen dem Leser und den Figuren verschiebt, wie er sie mal redend, mal denkende, mal handelnd erlebt und so auf ganz einzigartige Weise wahrnimmt und rezipiert. Für diese interessante Perspektive und Erfahrung muss man Markus Binders Buch ein Kompliment machen.

Was nun die inhaltlichen Aspekte angeht: hier changiert das Buch stark zwischen Banalitäten, Epiphanischem, Wissenswertem, Erlebnisschilderungen und überladenen Ausführungen. Dort wo diese Elemente glaubhaft verschmelzen, hat das Buch eine Nähe zum Leibhaftigen, die erstaunlich ist, aber nicht selten treten die Nähte, tritt die Idee der Kompilation hervor und zerstört diese Nähe; das Buch zieht einen genauso oft hinein, wie es einen rauskickt.

Am Ende kann man sagen: „Teilzeitrevue“ ist ein schillerndes Buch, welches auf eine schöne und verhängnisvolle Dynamik setzt. Einige Fetzen davon sind brillant, vieles ist stimmig, einiges über-flüssig oder wie in den Angeln verzogen. Einen geregelten Plot gibt es nicht, hier und da kommt es einem vor als würde die Stimme des Autors so viel hineintexten, dass ein Essayband vielleicht besser gewesen wäre. Aber all das Kritische muss einen nicht unbedingt kümmern, wenn man gern auf Entdeckungsreise geht und ein multiples literarisches Erlebnis sucht. Denn in dieser Hinsicht ist man bei diesem Buch an der richtigen Adresse.

Zu “stella maris” von Isabella Feimer


  Ich habe während der Lektüre dieses Buches öfter an Simone de Beauvoirs „Alle Menschen sind sterblich“ denken müssen. Anders als in diesem Buch, ist „stella maris“ keine allzu konkrete Ausformung einer unsterblichen Lebensgeschichte (bei Beauvoir ist außerdem ein Mann der Protagonist, während es bei Isabella Feimer die Urmutter Eva ist, die in die Endlosigkeit des Daseins vorstößt), aber in der Art wie das menschliche Leben als hoffnungslose, geradezu unerreichbare Schönheit gepriesen wird, gibt es Berührungspunkte zwischen den beiden Werken.

Was sehr früh auffällt ist der schwärmerische Duktus, der ständig auf eine transzendente Ebene, in höchste Höhen zu verweisen scheint und einem permanentes Aufwallen gleichkommt. Die Protagonistin stellt sich dem/r Lesenden als erzählende und bekennende Stimme dar, fragmentarisch und doch entblößt, ohne Netz und doppelten Boden und doch auch nebulös. Man muss sich eine Vorstellung der Figur und die Ausmaße des Narrativ erst Stück für Stück erarbeiten und gänzlich erkennen kann man beides nie, es bleibt ein Rest Geheimnis in den Windungen zurück, nachdem das Buch geschlossen wurde.

Feimer spielt mit den Symbolen des Göttlichen und Schwindenden, mit den Entitäten der Ewigkeit und Flüchtigkeit. Einsamkeit ist das Siegel der einen, Begegnung das Siegel der anderen. Das Raumschiff, von dem aus sich Eva auf Episoden und Erlebnisse zurückbesinnt, ist eine Metapher in zweierlei Hinsicht: wie der Mensch ist es gemacht für eine Reise und kann sich einzig an den Sternen orientieren und außerdem stellt es den geringen Raum des Möglichen, des Schönen da, inmitten einer Umgebung, die unbewohnbar und kalt ist, vor der man sich in die kleinen Wärmen und Nähen des Lebens flüchten muss.

Eva ist ebenfalls auf der Flucht, aber auch immer noch auf der Suche. Auf der Flucht vor etwas, dem sie nicht entrinnen kann und auf der Suche nach etwas, das dann doch wieder zerrinnt und entschwindet. Abgesehen von der sprachlichen Schönheit ist „stella maris“ vor allem eine Konfrontation mit der schmerzlichen Suche nach einer Heimat, die nicht korrumpierbar ist. Und die man hoffentlich auch nicht selbst korrumpiert. Aber wie soll das möglich sein? Die Klage dieses Widerspruchs erfüllt das ganze Buch mit einer Lebendigkeit, die berührt.

Eigentlich ist der Ausspruch stella maris eine Anrufung Marias, mit der Bitte, einem den Weg zu weisen. Niemand kann Eva den Weg weisen, nicht ihre Geliebten, nicht ihre Suche nach Glück. Aber gerade in dieser Haltlosigkeit erzeugt die Sprache von Isabella Feimer zumindest einen Versuch, im Erinnerten und Verlorenen etwas zu finden, das einem das Gefühl gibt, darin gelebt zu haben und deswegen auch wieder leben zu können. Wenn ein Buch sowas leistet: Hut ab!

Filigran wie ein revolutionäres Daseinsuhrwerk


Eine der schwierigsten Sachen beim Romanschreiben ist, so glaube ich, eine Figur nicht nur zu konzipieren, sondern sie stets auch zu Ende zu denken. In jeder neuen Szene muss man sich fragen: wie handelt die Figur und warum und was für eine Konsequenz hat das für den Fortgang der Erzählung. Denn die Erzählung ist ein Gewebe, das die Figuren anschlagen und worin sie sich verfangen sollen, dessen Fäden sie um sich winden und mit sich tragen sollen, aber zerreißen dürfen sie sie nicht (außer natürlich, wenn das das Konzept der Erzählung ist).

João Ricardo Pedro ist ein Meister im Erschaffen von Erzählgewebe, es scheint ihm so leicht wie das Schreiben selbst von der Hand zu gehen und seine Figuren wirken so behutsam in dieses Geflecht gesetzt und darin belassen, als wären sie als Gestalten geplant und nicht als Menschen. Seltsamerweise empfinde ich diese blasse Kontur der Figuren nicht einmal als großen Kritikpunkt, auch wenn die Ausstaffierung und die prägenden Momente oft zurechtgeschnitten erscheinen, sehr einfach ausgemalt; sodass man den Eindruck bekommt, sie seien bloß dazu da, den feinen Kosmos der Erzählung an den richtigen Enden zu erden und zu beschweren. Wahrscheinlich ist das kein Problem, weil die Erfahrungen und Erlebnisse der Gestalten so lebendig und bewegend sind, dass ihre Gestalthaftigkeit eher wie ein perfektes Gefäß und nicht wie eine schwache Ausführung wirkt.

Im Grunde setzt sich die Handlung des Buches aus den Erlebnisfacetten und individuellen Lebensläufen einer Familie in Portugal zusammen, deren letzter Spross ein begnadeter Pianist ist. Seine Musik, die Briefe von einem Freund des Großvaters, die über 40 Jahre hinweg eintreffen, ein Gemälde mit einer einbeinigen Frau, die Militäreinsätze des Vaters in Angola, um all diese wiederkehrenden Schwerpunkte kreisen die Geschichten und die Zentripetalkräfte dieser Gegenstände halten das Erzählte im Umfeld der Magie des Gewebes. Wobei Magie vielleicht das falsche Wort ist, denn die Erzählung hat nichts Phantastisches an sich. Aber es liegt eine spezielle Kunstfertigkeit in der Art, wie Pedro eine einzigartige Mischung aus Erstaunlichen und Gewöhnlichen ansammelt und ausbalanciert und diese Kombination zu seinem Stoff erklärt.

Auch in der Form ist das Buch sehr kunstvoll aufgebaut. Die Erzählebenen schieben sich mit jedem Kapitel der sieben Teile weiter ineinander, manche Elemente entfalten sich, manche geraten wieder in den Hintergrund, aber nichts ist je völlig entrückt, im Hintergrund wird weiter daran gedreht, bis ein weiterer Erzählbogen über die gespannten Saiten geht. Immer wieder spielen Rückblicke eine zentrale Rolle und die Erzählung scheint bis zuletzt keine Konsequenz, kein Ziel zu haben und doch verdichtet sich mit jeder Seite eine einmalige Tiefe; das Buch gerät zum Erkenntnisinstrument, zu einer Stimme, die permanent von Geheimnissen und Schicksalen spricht und in diesen Aspekten, in der Spannung zwischen dem eintretenden Tod und dem Erlebten, ihren Widerhall findet.

Die Kürze der Kapitel und die unaufdringliche Finesse haben mich ein ums andere Mal an Nabokov erinnert. Ich finde es vorschnell, dem Buch eine Einmaligkeit oder einen Klassikerstatus anzudichten. Klar aber ist, dass hier ein Buch vorliegt, das immer wieder aufs Neue zu faszinieren weiß und darüber hinaus von einem sehr fähigen Erzähler geschrieben wurde. Man wird sehen müssen, was auf dieses Debüt folgt. „Wohin der Wind uns weht“ jedenfalls ist ein eindrucksvoller Roman über die kleinen, spektakulären Dinge im Leben der Menschen, über die Dinge, denen sie bis zum Ende die Treue halten und denen, die sie bis zum Ende verfolgen.

Link zur Suhrkampseite des Buches