Monthly Archives: May 2017

Spanisch-Mexikanisches Generationenpanorama bei Antonio Ortuño in “Madrid, Mexiko”


   Spanien und Südamerika, eine geschichtsträchtige, schwierige Beziehung. Unter anderem geht es in Antonio Ortuños virtuos erzählter Familiengeschichte um die Differenz, die zwischen diesen beiden Weltgegenden, trotz ihrer unauslöschlichen Verbindung, liegt.

Aber eigentlich geht es um eine Familie und die einzelnen Geschichten, die die Generationen dieser Familie prägten; Geschichten voller Entschlossenheit und Ideale, aber auch voller Elend und Rache.

Da ist der jüngste Spross der Familie, der 1997 in Guadalajara vor einem Racheakt türmt, da sind seine Vorfahren, die in den Wirren der linken Fraktionskämpfe im spanischen Bürgerkrieg zu überleben versuchen und auch später in Mexiko die Ereignisse nicht hinter sich lassen können. Ums Überleben, darum geht es eigentlich die ganze Zeit, denn in beiden Strängen ist die Gefahr fast immer präsent, das Überleben nicht gesichert, so gut wie verspielt. Die guten Zeiten, von denen erzählt dieses Buch nicht, es erzählt von den Brennpunkten, den Katastrophen, den Kämpfen.

Gekonnt springt der Autor zwischen den Jahrhunderten und Jahrzehnten hin und her und steigert konsequent die Spannung und Dichte in jeder Geschichte. Seine Figuren sind plastisch, wirken hier und dort etwas heruntergebrochen, aber sie spiegeln auch nie vor mehr zu sein als sie sind. Das Buch besticht durch seine kompromisslose und einfache Darlegung, seine Hitze und seine Bedrohlichkeit, durch den Sog der Ereignisse und jeder Moment der Ruhe ist meist ein Moment der Ruhe vor dem Sturm.

In Teilen habe ich Ortuños Buch geradezu atemlos gelesen. Die Geschichte bannte mich, ich bangte, wann die Konflikte unausweichlich werden und wie alles ausgehen würde. Die Sprache bot sich mir die ganze Zeit über mit Bestimmtheit dar, ohne falsche Scheu, ohne große Gesten.

Man könnte also am Ende schlicht sagen: ein lesenswertes Buch. Keine metaphysischen Höhenflüge, dafür ein-zwei großartige Figuren, eine schnörkellose Schilderung, eine spannende Schilderung über Generationen hinweg, gekonnt zum Knäul verwoben, welches mit jedem neuen Sprung enger gezogen wird und ganz am Ende erst zerschlagen. Erzählt wird von Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, die irgendwie überlebt haben.

Schön nur in den Zwischentönen – zu Jan Schomburgs “Das Licht und die Geräusche”


     Ich habe eine Schwäche für Literatur, deren Protagonist*innen Jugendliche sind. Nicht unbedingt, weil ich mich in diese Episode meines Lebens zurücksehne, sondern weil diese Zeit so viele Schwellensituationen bereithält und damit auch jede Menge natürliches Konfliktpotenzial bietet. Die/der Autor*in muss sich wenig aus den Fingern saugen, muss keine großen Geschichten auftürmen – es gibt grundlegende Erfahrungen und Entwicklungen, die immer schon in diese Zeit gehörten und auf die jeder Schreibende zurückgreifen kann.

Natürlich gibt es auch jede Menge Bücher über diese Zeit, die nicht gut sind, gerade weil sie sich zu sehr auf diese Grundlagen verlassen und nicht genug das Eigene suchen. Nach der Lektüre von „Das Licht und die Geräusche“ bin ich geneigt, zu behaupten, dass dies einer der Fehler dieses Buches ist. Womit ich schon früh beim Urteil angelangt bin, dass natürlich differenzierter ausfällt und dargestellt werden will. Denn dieses Buch hat auch Vorzüge, aber es gibt einige Probleme und Handikaps, die sich meiner Meinung nach auch nicht allein auf Geschmacksfragen erstrecken, sondern schlichtweg in den Bereich der Mängel fallen. Das ist hart formuliert und letztlich vermessen, aber es geht ja darum, wie ein Buch zu einem spricht und in der Kommunikation zwischen mir und „Das Licht und die Geräusch“ gab einige Verständigungsschwierigkeiten.

Wir betreten den Roman und erleben die Geschichte durch die Augen von Johanna. Sie hat eine Schwäche für ihren besten Freund Boris, mit dem sie eine geradezu symbiotische Nähe verbindet, aber aus unerklärlichen Gründen ist er mit Ana-Clara zusammen, einer mehr oder weniger völlig regungslosen Portugiesin, mit der er eine Fernbeziehung führt. Natürlich wird die Geschichte nicht nur um das Dreiecksverhältnis aufgebaut, sondern beinhaltet auch eine Klassenfahrt und einige Nebengeschichten, die gekonnt um den Hauptstrang herum gewoben werden, stilsicher wie bei einem Nabokov-Roman. So weit, so verlockend.

So, what’s the problem? Nun, Nummer Eins: Die Konzeption der Figuren. Ich habe kein Problem damit, wenn Personen durch ihre Handlungen beschrieben werden und auch nicht, wenn ich Einblick in die Gedanken der Protagonist*innen habe. Aber wenn beides sich zum permanenten Irritationsfaktor auswächst, habe ich irgendwann keine Lust mehr, mir die Handlungen selbst zu erklären und mir die Gedanken anzuhören. Figuren in einem Roman sind Resonanzkörper, die auf jedes Wort und jede Beschreibung reagieren und durch jede beschriebene Aktion in Schwingungen versetzt werden. Irgendwann kennt man ihren Klang, dann werden sie von der Gestalt zur Persönlichkeit. Dies geschieht auch teilweise in Schomburgs Werk, allerdings gibt es immer wieder Dissonanzen und Rückkopplungen, Verzerrungen und simplifizierte Melodien, sodass einem dann und wann die Haare zu Berge stehen.

Und ich war wirklich bemüht, die Figuren zu begreifen oder zumindest der Raum, in dem sie verortet sind. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass dieser Raum nicht existiert, dass er leer ist bis auf das, was im Roman beschrieben wird; irgendwann kam mir die Charakterzeichnung dermaßen bemüht vor, gleichzeitig zu rabiat und zu behutsam, und das Ganze hat mich wirklich genervt.

Vor allem die Hauptfigur. Womit wir bei Punkt Nummer Zwei wären: den überdetaillierten Beschreibungen. An denen hat der Autor einen Narren gefressen. Keine einzige Handlung, kein Gefühl, kein einziger Eindruck der Protagonistin wird nicht zum Fallbeispiel, zur Reflexionsschleife, zur Aspektdurchdenkung schlechthin, zu einem Anlass die Prosa zu strecken. Zu Anfang hat man noch das Gefühl, diese Art charakterisiert ihre Person und soll Johanna Tiefe verleihen, ihre Zerrissenheit abbilden. Ja, das funktioniert auch. Aber irgendwann schlägt das um und diese Art der Darstellung hemmt jede Natürlichkeit des Erzählflusses und ermüdet die eigenen Vorstellung. Dank dieses ständigen Eingriffs ins Geschehen ist man sich die ganze Zeit einer erzählenden Instanz bewusst und hat außerdem das ungute Gefühl, der Autor wolle mit dieser Masche seiner Geschichte einer künstliche Breite verschaffen, ständig das Schreiben selbst ausschmücken.

Damit sind wir bei Punkt Drei angekommen: der Story. Die liegt irgendwo zwischen eigenwillig schön und hanebüchen. Wie bereits erwähnt: das Ineinandergreifen der Kapitel ist virtuos, da gibt es nichts zu meckern und man liest das Buch dadurch trotz aller Mängel mit Spannung und es gibt auch einige Momente, in denen die Leseerfahrung sich auflädt und einen kalt erwischt. Aber das ist das Problem: ein Roman ist (für mich) keine Szenenfolge mit möglichst hohem Spannungsfaktor und möglichst unerwarteten, kurz schockenden Wendungen. Aber genauso arbeitet „Das Licht und die Geräusche“. Mit Cliffhangern am Ende der Kapitel und einigen bemerkenswerten Twists und Sprüngen, die den Erwartungen der Leser*innen zuwider laufen. Mit kammerspielartigen Auslotungen und aufgeladenen Szenen, die arrangiert wirken. Nicht überall und immer, aber kontinuierlich.

Was Punkt Zwei und Drei angeht, die muss ein gute/r Lektor*in (auch wenn der/die Autor*in noch so darauf beharrt) angehen, finde ich. Da lehn ich mich weit aus dem Fenster und ich gestehe ein, dass ich vielleicht übers Ziel hinausschieße, aber ganz von der Hand weisen kann man diese Kritikpunkte meiner Ansicht nach nicht.

Natürlich habe ich Gewissensbisse, wenn ich das Buch in einigen Punkten so deutlich verurteile. Es hat auch seine Vorzüge, das weiß ich und in anderen Besprechungen werden sie sicherlich hervorleuchten, zurecht. Aber unausgesprochen sollte nicht bleiben, dass dieser Roman auf unsicheren Beinen steht; er täuscht Souveränität vor und verrät damit seine Makel, die einem so auch nicht sympathisch oder eingebettet vorkommen, die, im Gegenteil, hervorstechen. In der Handlung bleibt vieles unerklärlich und verlässt sich so deutlich auf diese Unerklärlichkeit, dass kaum etwas davon geheimnisvoll wirkt, sondern eher blutarm, willkürlich. Und letztlich verspricht es auch mehr, als es einhält. Auf einer Mikroebene arbeitet es sich an den großen Themen ab, aber so dezent, dass es immer wieder intensiv wird, aber diese Intensität springt nicht auf das große Ganze über.

Nun aber genug. Ich bin der Erste, der zugibt, dass dies eine einseitige Rezension ist. Ein Verriss, der immer auch ein bisschen zu leicht von der Hand geht. Ich bin sonst zimperlich mit solchen Dingen – und hoffe, dass zumindest klar wird, woran ich mich stoße.

Boom-Effekt und Luminous-Effekt – zu Leif Randts “Planet Magnon”


„In den Dekaden zuvor mussten auf jedem Planeten unzählige Wahlen stattfinden. Es wurde immerzu über Neuformulierungen gestritten, zu denen es aber oft gar nicht kam.“

Ich habe mich zunächst mitreißen lassen, mich dann ergötzt an all den schönen Facetten, bald habe ich – im Sinne des Buches, behaupte ich mal – am Sinn seiner Bewegung gezweifelt, schlussendlich bin ich unschlüssig, aber auf angenehme Art und Weise. Und auch etwas bezaubert.

Und das ist eine mehr als unzureichende Zusammenfassung meines Leseerlebnisses. Zwar würde ich nicht so weit gehen „Planet Magnon“ als literarisches Halluzinogen zu beschreiben, denn Randts Sprache tut eben gerade das nicht: sich aufblähen oder malerisch werden, vielmehr setzt sie Akzente, punktgenau, und dominiert ihre eigene Schöpfung mit fast schon problematischer Überlegenheit (worin sich aber wiederum die Problematik des Inhalts sehr gut wiederspiegelt.) Aber über weite Strecken hat mich die Erzählart des Buches sehr für sich eingenommen, ich bin geradezu hindurchgerauscht und immer wieder überrascht worden von der filigranen Glattheit der Darstellung.

Wir befinden uns in diesem Buch in einem von Menschen bewohnten Sonnensystem, die Erde ist allerdings nicht mit von der Partie, dafür 6 andere Planeten, die unterschiedlichste Bedingungen aufweisen. Seit ca. 40 Jahren werden alle Belange der Bewohner von einer Computerintelligenz namens ActualSanity (kurz AS) bearbeitet: sie verteilt das Geld, regelt Wohnraum, Müllabtransport. Sie ist kein Big Brother, sondern eine unaufdringliche, hinter den Kulissen strukturierende Instanz, die anscheinend keine eigenen Machtansprüche verfolgt – die Problematisierung der künstlichen Intelligenz ist kein Thema dieses Buches.

Einige Menschen haben sich zu friedlich miteinander konkurrierenden Kollektiven zusammengeschlossen, die alle ihre Art mit der Wirklichkeit umzugehen propagieren und eigene Techniken und Ideen für ein ideales Zusammenleben entwickelt haben. Der Protagonist ist Mitglied im Dolphin-Kollektiv, denen es vor allem um postprogrammatische, vernünftig-maßvolle und zugleich lebensbejahende Lebens- und Bewältigungskonzepte geht. Vor allem was sexuelle und romantische Beziehungen angeht, pflegen die Dolphins eine um entspannte, lose Beschaffenheit bemühte Vorstellung von Zweisamkeit.

Wir werden nicht wirklich in diese Welten eingeführt, sondern in sie hineingeworfen; über das ganze Buch verteilt und noch auf den letzten Seiten erfahren wir neue Details über die Aspekte des Lebens und Denkens in dem imaginären Kosmos; diese Art der Informationsvermittlung wirkt wunderbar ungezwungen und glaubwürdig. Überhaupt geht es ja auch nicht um die Attribute dieser neuen Schöpfung, auch wenn man merkt, dass der Autor Spaß an jedem Detail hatte (und die meisten von ihnen tragen nicht nur zur Atmosphäre, sondern auch zu Verdichtung des Konfliktes bei.)

Der Konflikt materialisiert sich zunächst sehr still, in kleineren Momenten des Unbehagens, der Verlockungen, des abwegigen Gedankens, in den Reflektionen der Hauptfigur. Doch schon bald macht ein neues Kollektiv von sich reden: das Kollektiv der gebrochenen Herzen. Wie soll man deren neuem Konzept umgehen, wo es doch die Ordnung gefährdet. Aber steckt nicht etwas zutiefst Wichtiges in der Idee ihres Konzepts? Oder nur etwas zutiefst Gefährliches?

Es geht also nicht um Science-Fiction, nicht nur, es geht um die Frage nach der menschlichen Utopie. Was wäre, wenn wir schon da wären, wo wir hingelangen wollen? Was bliebe dann noch, was bleibt dann noch zu sagen, zu tun? Diese Frage ist natürlich schon in unzähligen Geschichten verhandelt worden, die sich thematisch vom profanen Eheleben bis zu den großen Anti-Bewegungen in der modernen Kunst erstrecken, in ihrem Feld war der Groschenroman tätig, aber auch die Odyssee. Es sind ja gerade die epischen Geschichten, die dieses Problem ausklammern, denn in ihnen gibt es immer ein fernes/schwieriges Ziel, das noch erreicht werden muss, sei es der Frieden in der Galaxis oder in Mittelerde, die Rettung der Welt oder der Kampf mit einer übermächtigen Macht.

Randts Roman stellt sich stattdessen der Problematik, und bricht sie in Facetten auf. Dieses Aufbrechen ist wichtig, denn so gerät sein Roman nicht zum Plädoyer oder wird bloßes Anschauungsmaterial, sondern bleibt ein Roman, der auch immer das Ausloten einer individuellen Figur sein kann und im Fall von „Planet Magnon“ auch ist.

Ein Buch, das einen eine Weile beschäftigen wird, intelligent, subversiv, sprachlich vielleicht etwas zu beherrscht, aber darin auch konsequent, gekonnt. Irgendwie ist es wie ein Urknall und gleichsam nur wie ein sanftes Nachglühen, ein Spannungsraum, in dem Unerhebliches und Essentielles herumschwirren und immer wieder zusammenstoßen, funkenschlagend, zischend.