Zu Claude Simons früher Erzählung “Das Pferd”


  Eine Kolonne von Soldaten, Infanterie und Reiterei, bewegt sich durch die unwegsame Landschaft. Wir schreiben das Jahr 1940, es regnet in Strömen. Bei einem Dorf wird Halt gemacht und während in den Soldatengruppen allerhand Gerüchte und Gesprächsthemen die Runde machen und man durch die Augen des Erzählers Zeuge der Dorfprozesse und der angedeuteten Fremdenfeindlichkeit wird, geht in einem Stall ein Armeepferd zugrunde.

In dieser unspektakulären, düsteren Szenerie (die durch die Aufmachung des Bandes noch subtil unterstrichen wird) entfaltet – ja, eigentlich muss man sagen: entfesselt – der spätere Nobelpreisträger Claude Simon in einer seiner ersten Erzählungen eine breite Palette an (unangenehmen, gärenden) Untertönen und Zwischenspielen. Der ganze Text bewegt sich hauptsächlich auf diesen dünnen Brettern, welche eine Brücke bilden, die über einen gewaltigen Abgrund führt, den man immer wieder hinter dem Geschehen erahnen kann.

Am Beispiel des Armeepferdes – das, symptomatischer Weise, nicht einmal wirklich im Mittelpunkt des Textgefüges steht, sondern mehr der Nagel ist, an dem man den Text aufhängen kann, damit er zum Gemälde wird – zeigt Simon nicht nur das generelle Leiden der Kreatur am Krieg, sondern auch die Veränderung der Verhältnisse, das Drohende. Das sterbende Tier ist das böse Omen, das heraufziehende Dunkel und in seinen tiefen Augen erblickt man die Verstörung und Verlassenheit der Weltlandschaft, die sich gerade radikal wandelt.

2/3 des Buches enthalten den Text, im letzten Drittel folgt ein umfangreiches Nachwort, das sowohl über den Autor als auch den Text Auskunft gibt und mehrere mögliche Ansätze zu dem Inhalt formuliert. Diesem Gefüge wohnt eine große Reichhaltigkeit inne und das schmale Buch ist durch diese Kombination so etwas wie ein literarisches Kleinod, mit dem man sich immer wieder befassen kann, in seiner Schönheit, seiner Schrecklichkeit, seinem Geheimnis.

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