Impression Zu Sebalds “Die Ringe des Saturn”


Die Ringe des SaturnsW.G. Sebald begibt sich auf eine (fiktive) Wanderung in zehn Kapiteln durch die englische Grafschaft Suffolk – eine Gegend, die scheinbar genauso gut auf dem Mond liegen könnte. Die Orte, die er dabei passiert und aufsucht, haben stets einen leichten Anstrich des Wunderlichen und Verhärmten. Ständig werden die Asche und der Staub in den Dingen evoziert, und durch die Weite der Perspektive, auf die Vergänglichkeit hinter allem gerichtet, könnte man meinen, Sebald beschreite die Umlaufbahn eines verwaisten Planeten. Geschildert wird das Anwesende nur im Kontrast zu seinem Verfall, seiner Leere; das Entschwundene türmt sich und wirft hohe Schatten auf alles.

Heiden, Felder, Wälder, gleichförmig und -farbig fast, in denen einst dann und wann die Herrenhäuser der Neureichen und Altadeligen standen und über deren Bewohner es viele wundersame Geschichten zu erzählen gibt, die alle aus den erstaunlichsten Kompendien stammen, von denen man kaum weiß, ob man an ihre Existenz glauben soll. Eine Landschaft aus Papier und Vergangenheit.

Menschenleere, anberaumt. Ferne Zeiten, der Landschaft noch geläufig in ihrer abgewandten Seite, aber bereits abgezogen von den Wänden der Geschichte, überholt, verstorben schließlich. Gab es die Welt, die abgezogen wurde, wirklich; ist sie vielleicht sogar wirklicher als die Wirklichkeit, die, aggressiv und unübersichtlich, keine Landschaften erschafft, sondern sie bloß verenden lässt und zerstört? Aber dieses Zerstörungswerk begann schon früher und Sebalds Buch ist eine Chronik dieser Zerstörung, an deren Endpunkt wir noch nicht angekommen sind. Und vielleicht sind diese Landschaften, für sich belassen, die einzigen Orte, die der sonstigen weltweiten Zerstörung irgendwie trotzen, in ihrer Abgewandtheit, und weiter existieren, in Starre.

Sebalds Sprache ist wie ein Tiefdruckgebiet, das einen Wind mit sich bringt, der alles entschleunigt und bis auf ein absolutes Minimum an Lebendigkeit drückt, dafür alles Einstige als aufragende Gestalt hervortreten lässt – auf diese Gestalten fällt ein Regen voller unsentimentaler Wehmut und die Welt, die Landschaft, ist unwirtlich, entropisch und wird sich immer tiefer in eine sanfte Unmöglichkeit begeben, so fühlt es sich an.

Ein großartiges Buch, besinnlich, meditativ, einzigartig, eine literarische Erfahrung der besonderen, fast extraterrestrischen Art.

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