Zu Patrick Devilles “Viva”


Im Zentrum des sich drehenden Kosmos in Patrick Devilles Roman, der sich mitunter wie eine anekdotische Wanderung durch Geschichtsbücher und biographische Landschaften anfühlt, stehen vor allem übergroße, leicht geheimnisvolle Figuren wie Leon Trotzki, Arthur Cravan, Frida Kahlo, Malcolm Lowry oder B. Traven. Sie sind so etwas wie Außenseiter in ihren Disziplinen und doch Personen mit maßgeblichem Einfluss – und vor allem: es umgibt sie ein Mythos. In einem rasanten Karussell aus Orten und Verflechtungen, Rückblicken und situativen Verdichtungen, lässt Deville den Quell ihres Lebens und Denkens, ihrer Seele, vor den Augen der Lesenden aufsprudeln und wieder in sich zusammen fallen.

Die Stärke des Buches liegt in der leicht unberechenbaren Dynamik, mit der es seine Perspektiven und Schauplätze wechselt und dabei teilweise die assoziative Sprunghaftigkeit der Erinnerung und teilweise die historischen Abläufe für die Bewegung des Textes einbindet. So entsteht ein flirrendes Bild der geschichtlichen Prozesse und eine lebhafte Darstellung der Figurenschicksale, die zeigt, wie die einzelnen Individuen – abseits der neutralen, historischen Perspektive – von den Wellen der Ereignisse hin und hergeworfen werden; und alle nur einen Ort suchen, an dem sie die Gezeiten und Unwetter nicht so hart treffen können, an denen Ruhe vor dem Sturm herrscht. Und doch begeben sie sich auch immer wieder in den Sturm hinein. Im Sturm sind sie schließlich auch lebendig. Aber vielleicht auch nicht mehr lange am Leben.

Mexiko ist der Ort, an den sich einige von ihnen flüchten. Ein Leben wartet hier, vielleicht. Während in Russland und anderen Teilen der Welt Bürgerkriege toben und ein weiterer Weltkrieg sich ankündigt und die Welt schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr zur Ruhe kommt, sind es die vielfach in die bisherigen historischen Zusammenhänge Eingebundenen, die ihnen jetzt kaum mehr entgehen können. Letztlich zeigt dieser Roman vor allem das Brodelnde, das in den ersten 40 Jahren des 20. Jahrhunderts steckte. Man konnte immer im Zentrum des Geschehens sein, wenn man wollte, den Geschehen gab es genug, aber es gab auch noch die Hoffnung, die Idee, dass das Leben fernab des alleszerfressenden Trubels der Revolutionen, Kriege und Abenteuer möglich sein könnte. Zwischen diesen kleinen Hoffnungen und den großen Umbrüchen pendelt das Narrativ dieses Buchs.

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