Zu “Berlin. Danziger Straße” von Hans Augustin


Berlin danziger „andernorts wird geschlachtet
geplündert
verbrannt
ausgehungert
zerrissen
zerstochen

bei uns
sind die Türen
geölt“

Was für Zeiten: Fukushima, Geflüchtete, internationale Konflikte, Terror, Wirtschafts- und Klimakrisen, alte Schatten kommen wieder auf und eine neue Form der Ignoranz wuchert durch jedes Glasfaserkabel. Die einen haben Angst, die andern haben Wut und obwohl es uns noch gut geht, glauben manche es ginge anderen zu gut, mit deren Hände Arbeit wir unseren Wohlstand zusammengerafft haben.

Was für Zeiten. Zeiten für Gedichte. Für Gedichte, die sich engagieren und besinnen.

„wir verweigern uns
der Suche nach den Wörtern
für die Fragen
die Gehirne und Herzen
zum Einsturz bringen könnten“

Gedichte, wie zum Beispiel die von Hans Augustin, der mit „Berlin. Danziger Straße“, einen Lyrikband vorlegt, dem eine gute Balance zwischen ruhiger Entfaltung und klarer Ansage gelingt. Vieles in diesem Band ist politisch und/oder gesellschaftlich relevant, aber statt sich im Ton zu vergreifen, ist der Ton der Verse fein justiert, glänzt, blitzt auf, schneidet manchmal.

„und der kleine
unausrottbare
ganz persönliche Traum
vom Kapitalismus
döst zufrieden
zwischen Grillwurst
und neuem Auto“

Und neben dem Kritischen findet der Band auch viel Zeit für das Besinnliche, das Lyrische. So lapidar die Gedichte oft auch daherkommen mögen – die vielen kleinen Beschwörungen, das spieldosenhafte der Verse, die kurzen Momente der Melancholie, der Zärtlichkeit, des Blicks, der über die Dinge hinaus- und in sie hineinreicht, das alles lässt die simpel anmutenden Texte leuchten. Unscheinbar, berühren sie doch die Nervenenden, stiften Gedanken, Gedenken, Gefühl. Manchmal auch durch einen Schuss Profanität, eine Elegie des Einfachen. Gewöhnliches, wie:

„wenn Milch für den Kaffee
anbrennt
und an den Schuhen
die letzten Tage kleben
über Feld und Wald“

Die Eingängigkeit der Verse verleiht ihnen eine unverwüstliche Nahbarkeit. Ein-zweimal ist diese Eingängigkeit auch etwas fehl am Platze, wirkt zu strikt durchgezogen, zu unflexibel. Aber alles in allem ist Augustin ein vorzügliches Lyrikwerk gelungen, das einem ein-zwei Stunden gedankenanstoßender Lektüre verschafft.

„Ein Mond
aus dem Etui
die Wiesen sind
matt poliert
das Häuschen
am Wehr seufzt
und das
seit hundert Jahren“

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