Zu “Orientreisen” von Annemarie Schwarzenbach


Annemarie Schwarzenbach Die Griechen haben das Wort erfunden, schwer und volltönend wie eine farbige Abendstunde vor dem Erlöschen: Melancholie. Der Balkan war voll davon – nur eine Ahnung ließ uns die flüchtige Durchfahrt von Ländern, Grenzen, Gebirgen und Hauptstädten – aber welche unerlöste Folge von Stunden, welch langsamer Abend, welches Einschlafen unter dem Druck dieser grauen Berge und bräunlicher Ebenen.

Annemarie Schwarzenbach ist eine Schriftstellerin, die es wiederzuentdecken gilt. Nicht nur ihre Erzählungen wie bspw. „Eine Frau zu sehen“ oder ihre lyrische Novelle, sondern auch ihre Reiseberichte 1939/1940 aus Turkmenistan, der Türkei, Iran und Irak sind heute immer noch lesenswert. Mit überbordender Behutsamkeit beschreibt die frühverstorbene Kosmopolitin Landschaft, Leute und Atmosphären einer Welt, vor der für die meisten Leute heute der Schleier von Krieg und Terror hängt, die aber mit einer großen Schönheit und einer unermesslichen Fülle an Kulturgut gesegnet war und ist.

Einige der Texte sind vor Ort und während der Reise verfasst, andere in den USA, im Rückblick. Nach 1940 sollte Annemarie Schwarzenbach zwar noch nach Afrika, aber nie mehr in den Orient fahren.

Könnte ich doch den Hergang und Fortgang dieser nun beendeten Reise erzählen! Mit allen überstandenen Prüfungen, Gefahren, Magien. Unvergeßlichkeiten, – und noch einmal in der sanft geschwungenen Buch von Bandra liegen, die Augen ausruhen lassen im Pastell von Himmel und Meer, dem versinkenden Horizont.

Es liegt etwas Haltloses in ihrer stürmischen, aber keineswegs manieristischen Prosa; das Narrativ bleibt immer die Sehnsucht, egal ob sie gerade erfüllt wird oder nicht mehr erfüllt werden kann oder sich gerade aufbaut, türmt in der Erwartung.

Da die Texte vor Ort sich mit den Rückblicken immer ein bisschen abwechseln, wirkt der Verlauf wie ein gut inszenierter Film auf zwei Ebenen: Annemarie Schwarzenbach im Orient, Annemarie Schwarzenbach in den USA. Zweimal dieselbe Person, aber mit ganz anderen Umgebungen, die sich deutlich in ihrer Wahrnehmung und Verfassung niederschlagen.

Die Berichte (den Berichte sind es eher als Reportagen), sind sehr angenehm zu lesen und man lässt sich leicht von dem Zauber des zu Entdeckenden und von dem Nimbus der Freiheit darin anstecken. Ein schönes Buch, mit dem der Verlag ebersbach & simon (nach dem wunderbaren Buch Fast eine Liebe über Carson McCullers und Annemarie Schwarzenbach und zahlreichen anderen) mal wieder beweist, wie nachhaltig und qualitativ hochwertig er sich für die weibliche Literatur einsetzt!

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