Zu Wilfried Loths “Fast eine Revolution”


Fast eine Revolution Eine Behauptung, die bereits auf den ersten Seiten des Buches vorkommt, könnte man geradezu irritierend nennen: Frankreich, die Revolutionsnation, war diesmal spät dran. Während in Deutschland, den USA und vielen anderen Ländern aus den unterschiedlichsten Gründen bereits seit 1966 Studierendenproteste stattfanden und der Clash zwischen den Generation klar zutage trat, war es in Frankreich bis zu den Ereignissen vom Mai 1968 verhältnismäßig ruhig. Frankreich, ein Land der engagierten Literatur und einiger der größten Philosophen von Freiheit, Zwang und Selbstbestimmtheit, auch noch im 20. Jahrhundert, war ein Nachzügler bei diesem bis heute nachhallenden Generationenbruch.

Dafür gibt es einige Gründe, die der Autor anfangs auf gekonnte Weise kurz umreißt. Ein Grund ist sicher, dass Frankreichs Politikergarde und Frankreichs Intellektuelle lange Zeit die Diskussion dominierten; ein anderer die große Stabilität und Prosperität.
Obwohl Frankreich ein Nachzügler war: der französische Mai 1968 war einer der prägendsten Umbrüche in den europäischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts, ist bis heute mit vielen Mythen umwoben und die Wurzel vieler unterschiedlichster Entwicklungen, Bewegungen und Karrieren. Immerhin führte diese “Fast-Revolution” zu einem landesweiten Generalstreik, ein Ereignis, das in diesem Umfang in Friedenszeiten bisher selten verzeichnet wurde.

Wilfried Loth liefert mit seinem Buch nicht nur eine Übersicht und Chronik, sowie eine Analyse der Maitage, ihrer Akteure und des Verlaufs, sondern entziffert vor allem den Mythos des Mai 68. Ähnlich wie bei anderen Revolution (und allgemein bei großen gesellschaftlichen Ereignissen, die als Fixpunkte einer gesellschaftlichen Veränderung gelten) ist auch hier der Mythos viel glatter als die Summe der komplex motivierten, widersprüchlichen und teilweise eher willkürlich als geplant verlaufenden roten Fäden, die das Muster der tatsächlichen Ereignisse geben.

Genau dies aufzudecken und fesselnd und informativ zu schildern, gelingt Loth sehr gut, präzise, ohne falsche Eitelkeiten und, erfreulicherweise, ohne größere Lücken, die oft in Büchern vorkommen, deren Autor*innen man anmerkt, dass sie vor allem von einem Aspekt, einer Interpretation besessen sind, was dazu führt, dass die Umsicht und der Fokus auf eine anschaulich-ausbalancierte Darstellung auf der Strecke bleiben. Nicht so bei Loth, der ein lesenswertes Buch über einen Augenblick in der Geschichte geschrieben hat, den immer noch, selbst entzaubert, ein Hauch von inspirierendem Klang umweht, 50 Jahre später.

68 mag Geschichte sein, die Faszination ausgewaschen von endlosen Fußnoten, Korrekturen, Widerrufen. Aber dieses Buch zeigt auch, dass, obgleich es eben keine einheitliche Bewegung oder dergleichen gab, das revolutionäre Potenzial der vielfältigen Ideen dieser Tage, sowie der Mut, die Courage oder der schlichte Versuch dafür einzustehen, wichtig waren für die Gesellschaften, in denen wir heute leben – und vielleicht kommt man beim Nachdenken über diese vergangenen Zustände und Aufstände darauf, dass auch unsere Gesellschaften in bestimmten Punkten eine friedliche, engagierte Revolution (oder zumindest Reformation) bitter nötig hätten.

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