Zu “Kein Roman” von Jenny Erpenbeck


Kein Roman von Jenny Erpenbeck Jenny Erpenbeck ist ein Unikum. Ich kenne keine Autorin (und keinen Autor) der auf so feine, distinktive Art und Weise den Dingen beim Schreiben auf den Grund geht, sie abtastet und um Ecken herum falsifiziert und gleichermaßen zur Faszination emporhebt. Dies vorweg, um klar zu machen, dass meine Bewunderung für die Autorin schon vorher bestand – und durch diesen Band bestätigt und nicht im Mindesten erschüttert wurde.

Gegliedert ist das Buch in sechs Teile mit den Titeln: „Leben“, „Wege“, „Schreiben und Literatur“, „Musik“, „Bilder“ und zuletzt „Gesellschaft“. Der erste Abschnitt enthält (wie auch der dritte) viele Reden, die Erpenbeck zur Aufnahme bei Institutionen oder bei der Verleihung von Preisen gehalten hat. Es sind aber nicht die allzu üblichen, manierlichen Ausbreitungen oder ästhetisch-prinzipielle Höhenflügen, die wir von ihr zu hören/lesen kriegen, sondern Selbstbefragungen, Überlegungsbahnen, auf denen gekreist wird, und die mehr an Gewissheit abstoßen, entgehen lassen, als sie anziehen; dieses Verfahren erzeugt einen Strudel, eine sogähnliche, marmorierende Wirkung. Erpenbeck macht zumeist früh klar, dass sie im Unauslotbaren schwimmt und auch nicht tiefer tauchen kann als andere, es nur regelmäßiger tut – es zieht sie in die Tiefen, aber auch sie ist nicht die natürliche Bewohnerin dieser Tiefe, auch sie ist nur Besucherin, Taucherin.

Der Trend der Selbstbefragung zieht sich durchs ganze Buch. Die Texte erweisen sich nicht als Wegweiser, sondern als Labyrinthe ohne Sackgassen, aber ohne Ausgang ebenso; als Verästelungen, die durch ihre Feinheit eine große einnehmende Kraft erzeugen, die einen zu allen Erscheinungen in diesen Texten hinzieht.

Man merkt schon, dass mir meine Sprache kaum ausreicht und ich habe das Gefühl, meine Worte werden den Worten Erpenbecks, die sie so gut und gleichsam ohne Rücksicht zu wählen weiß, nicht gerecht. Ihre Sprache ist nicht artistisch, aber so gewunden und direkt, dass sie in ihren Auswüchsen plötzlich schmerzen kann und gleichsam vollendet zu zieren scheint.

„Kein Roman“ ist ein Buch, dessen Reichtum aus jedem einzelnen Text neu hervorgeht. Wer ein paar klare Thesen will, der ist hier falsch aufgehoben. Erpenbecks Sprache geht nicht den Weg der offenkundigen Widerstände und Debatten, sondern der Anklänge, des Unwägbaren, des nicht Abgeholten. Beeindruckend, berückend, bedrückend mitunter, ist die daraus resultierende Erfahrung, faszinierend und fesselnd.

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