Zu “Herzweise – 100 Gedichte der Gegenwart”


Herzweise „Wir bissen in die Schaumkronen
versunkener Dichter und Philosophen
glühend waren unsere Gedanken
sie brannten sich Löcher in unsere Worte“
(Simone Lucia Birkner)

Mit diesem Gedichtband habe ich mich nun schon eine Weile beschäftigt. Er lag fast ein ganzes Jahr bei mir herum, ich las darin, immer wieder, konnte ihn aber nie ganz zu fassen kriegen, habe meinen Eindruck zu ihm mehrfach verworfen und neu gebildet.

Aber nie hat er in mir klare Konturen hinterlassen – kaum schloss ich den Band, schwanden auch meine Vorstellungen von den Gedichten dahin, wenig blieb haften. Eine Erfahrung, die ja an und für sich kein Problem darstellt. Gedichte müssen schließlich keine Erwartungen einlösen – im Zweifelsfall sind die Erwartungen verkehrt, nicht die Gedichte. Und sie dürfen auch flüchtig sein, extrem flüchtig.

„Wir aber gehen unter dem Gesang der Vögel
und sammeln Erinnerungen ein
Muscheln, Stöcke und Steine
Die vielleicht überdauern
Oder die wir später woanders verstreuen

Am Horizont ziehen große Schiffe
Mit Hoffnung im Bauch zur See“
(Sandra Blume)

Was mich aber glaube ich von Anfang an störte und das Leseerlebnis dauerhaft untergrub, war der Untertitel: 100 Gedichte der Gegenwart (und zusätzlich das Vorwort). Inwiefern trifft dieser Untertitel auf die Gedichte zu? Das Vorwort beginnt mit der Formulierung: „Gedichte sind Orte, an denen sich Erfahrungen als eine stets zugängliche Gegenwart einprägen.“ Auf den ersten Blick erscheinen dieser Satz und das folgende Vorwort, welches das Gedicht im Prinzip als Kulminationspunkt und Aufbewahrungsinstanz jedweder möglichen Erfahrung sieht, sehr schlüssig zu sein.

Aber im Prinzip ist das Vorwort schlicht ein Herumlavieren, das nichts über die Gedichte dieses Bandes sagt, sondern etwas über Gedichte generell; es verlautbart sehr Hehres und Schönes. Und es sagt ja nichts Falsches, aber es unternimmt keinen echten Versuch, die Gedichte einzuordnen oder genauer zu betrachten und etwas darüber sagen, warum gerade dieses Gedichte das Label „Gegenwart“ (über den vom Vorwort selbst festgelegten Rahmen dieses Begriffs, der aber einfach nicht ausreicht oder nicht einfach ausklammern kann, dass der Begriff Gegenwart auch politisch/gesellschaftlich ist) verdienen (und andere nicht, unausgesprochen).

„Ich liebe dich nicht!
Ich kenne dich nicht einmal!
Und doch fühlt es sich
so an wie Liebe: dieses
Warten auf ein Wort von dir!“
(Hannah Buchholz)

Damit will ich die Gedichte noch gar nicht ästhetisch bewerten, aber es sind schlicht keine Gedichte „der Gegenwart“. Sie haben nichts an sich, das sie als Texte ausweist, dir nur in unserer Zeit entstehen konnten. Ja, sie sind sogar auffällig „zeitlos“ und selbstbezogen, verorten sich weder in irgendeiner lyrisch-literarischen Traditionen, noch haben sie anscheinend theoretische Überlegungen oder Entwicklungen der zeitgenössischen Poesien registriert, beherzigt oder verworfen.

Noch mal: das alles soll nicht die Gedichte als Erlebnisräume und Orte des Ausdrucks schmälern. Aber die Form der Präsentation macht viel aus. Und es schmerzt, dass die Art der Präsentation den Gedichten in diesem Fall einen Bärendienst erweist. So werden bspw. auch, schon in den ersten Zeilen des Vorworts, Petrarca, Baudelaire und Novalis genannt. Das bürdet den Gedichten zusätzlich die unheimliche Last dieser Schatten, des Vergleiches, auf, zumal sie nicht erkennen lassen, dass eine Auseinandersetzung mit Petrarca oder Baudelaire (bei Novalis kann ich mir kein Urteil erlauben) stattgefunden hat.

Ich spiele mich sehr ungern auf und ich bin mir nie sicher, wann es geboten ist, kritische Stimmen anzubringen; meist bin ich mehr an dem interessiert, was in Texten steckt und weniger an dem, was man an ihnen kritisieren könnte (etwas lässt sich immer finden, meiner Erfahrung nach). Hier hatte ich den Eindruck, dass eine Kritik an der Präsentation vonnöten ist.

„und ich hörte
den oktober

mit donnernden fingern
zeichnete er einen blitz
in den himmel
erhob sich die weichheit
und zwinkerte mir zu

schließ die augen
(sieh nicht hin)

und ich schloss die augen
und ich sah“
(Diana Jahr)

Zu den Gedichten: Es gibt bei jeder der Dichter*innen Texte, die mir gefallen haben. Allerdings sind sie dann und wann sehr selbstreferentiell, was mitunter wie eine Manie wirkt, wie eine sich selbst am Laufen haltende Maschinerie. Es gibt auch einige Begriffe, die für meinen Geschmack etwas zu inflationär gebraucht werden: Stille, („Am Schwersten ist es mit der Stille und dem Schweigen – wenn du über sie sprichst, sind sie schon nicht mehr vorhanden. Sie werden nicht herbeigerufen durch das jeweilige Wort, sondern einbezogen durch das Unscheinbarste, das deine Verse nennen.“ Aus einem Brief von Martina Zwetajewa), Herz, Sprache und Wort.
Auch in den Zuordnungen der Bilder, den Metaphern, scheinen sie sich manchmal rein dem Überschwang hinzugeben, fast schon beliebig vorzugehen. Es gibt einige Komposita, schöne darunter, aber sie klingen bei mancher Gelegenheit wie sprachlicher Nippes, also wenig zwingend.

Häufig gibt es ein Du in den Gedichten, das angesprochen wird, was natürlich schön ist, in der Vielzahl aber wie bloße Rhetorik, wie eine Art versichernde Geste wirkt. Überhaupt hätte ich den Gedichten manchmal gern zugerufen: Traut euch doch ein Stück weiter, hüllt euch nicht so stark ins Referentielle, in Wiederholtes und Bewährtes, in die Pose des poetischen Vollführens! Ihr habt die ganze Sprache, von den botanischen Begriffen bis zu den großen Worten Liebe und Tod. Ihr könnt noch so viel mehr erreichen!

Ich will aber gewiss nicht meine Ansprüche an Lyrik gegen diese Gedichte ins Feld führen. Sie dürfen sein wie sie sind, was sie sind. Rückzugsorte, Selbstausdrücke und -bezüge, Ausflüge ins Sprachland, Poesien der wenigen, aber klaren Begriffe.

Das ist mir wichtig, am Ende festzuhalten: ich will diese Gedichte nicht zurechtweisen oder herabstufen, ihnen ein Platz in irgendeiner Hierarchie zuweisen. Dazu habe ich weder die Kompetenz noch Lust noch das Recht. Wichtig war mir, meine Bedenken anzubringen – jeder Dichter und jede Dichterin muss selbst schauen, was an Kritik bei ihr/ihm auf fruchtbaren Boden fällt und mit welchen Anmerkungen man schlicht nichts anfangen kann, weil sie nichts mit der eigenen poetischen Position zu tun haben, sie möglicherweise sogar schlicht verfehlen. Ich bin vielleicht auch nicht der richtige Leser, bewege mich schon zu sehr in anderen Gefilden, kann die Neigung dieser Verse nicht würdigen. Ich hoffe, mir wird dies im Zweifelsfall verziehen.

„Ich werde nach dir suchen
hinter dem Kalk und dem Regen.
Ich werde deine Augen
– die Flüsse des Sommers –
durchqueren, ohne Sprache.“
(Á. M. Perezáno)

10 thoughts on “Zu “Herzweise – 100 Gedichte der Gegenwart”

  1. Lebensmelodie – A.M. Perezáno

    Lieber Timo,

    ich danke dir sehr für deine so fundierte, kritische Rezension zu unserem Gedichtband. Leider muss ich dir in der Mehrzahl der Fälle beipflichten: Der formal-strukturelle Rahmen kollidiert mit dem Inhalt sowie dem Gestus der im Buch versammelten Poesien. Nun, unter Bezugnahme auf die zeitliche Distanz, wird dies auch mir deutlich. – Die inflationäre Nutzung gewisser Vokabeln hast du mit großer Übersicht herausgelesen und damit ebenfalls einen entscheidenden Kritikpunkt gesetzt. Die herbeigesehnte Bewegung “darüber hinaus” vermisse ich ebenfalls, wenn ich mir den Gesamtband im Nachgang betrachte. – Die poetologisch progressive Dynamik postmoderner / zeitgenössischer Dichter/innen findet man darin nicht vor. Ich glaube, dass dies ein Grund sein mag, weshalb du mit der Lektüre über weite Strecken hadertest.
    Die “Gegenwart” kann sich freilich als ein spezifischer Zeitpunkt entfalten; sie kann aber auch als eine Terminierung der perspektivischen Gerichtetheit verstanden werden. Aus der Gegenwart eines literarischen Subjektes heraus, in Gegenwart eines spezifischen Empfindens, etc. Ich pflichte aber auch hierin deinen Bedenken bei; einem außenstehenden Leser mag sich dies aufgrund besagter Rahmung nicht erschließen.

    Und so werde ich deine reichhaltigen Überlegungen noch eine Zeit lang nachhallen lassen, um den Kern der Kritik zu verinnerlichen und fachliche Schlüsse daraus zu ziehen. In jedem Fall danke ich herzlich für das Engagement, welches du für die Lektüre sowie die Rezension aufgewendet hast. Es trifft ganz gewiss auf “fruchtbaren Boden”!

    Mit besten Grüßen
    Ángel

    Reply
    1. trishen07 Post author

      Lieber Ángel,

      vielen Dank dir für das Eingehen auf die Rezension! Immer wichtig und schön, die andere Seite zu hören. Und ich habe im Nachhinein gestern auch überlegt, ob ich in puncto “Gegenwart” nicht etwas übers Ziel hinausgeschossen habe. Das Wort ist halt (für mich!) sehr stark aufgeladen mit soziologischen und gesellschaftlichen Aspekten. Aber es stimmt, dass die meisten der Gedichte in dem Band tatsächlich einer “gegenwärtigen” Empfindung unmittelbar nachspüren, sie beschreiben. Insofern ist der Untertitel gar nicht so verkehrt, wie er mir vorkommt. Gut, dass du da noch einmal etwas zu gesagt hast. Wie sagte schon Tucholsky: “Jaja, die Scheuklappen: man sieht wegen ihnen so vieles nicht, vor allem die Scheuklappen selbst.”

      Ich freue mich natürlich, wenn der Rest meiner Überlegungen auf fruchtbaren Boden fällt und wünsche in jedem Fall das Beste fürs weitere Schreiben.
      lg

      Timo

      Reply
  2. hannahbuchholz

    Lieber Timo,
    mit deiner Rezension geging es mir ähnlich wie dir mit unseren Gedichten:
    ich bekomme sie nicht recht zu fassen und vor allen Dingen kann ich die Intention dieser deiner Rezension nicht erfassen.
    Zunächst einmal übst du eine durchaus berechtigte Kritik am Untertitel sowie am Vorwort unseres Gedichtbandes. So weit so gut. Aber darüber hinaus habe ich nicht den Eindruck, daß eine fundierte Auseinandersetzung mit unseren Gedichten stattgefunden hat.
    Hinzu kommt, daß ich den Tonfall deiner Kritik als recht herablassend und lapidar empfinde.
    Aber davon mal ganz abgesehen: Worauf wolltest du hinaus? Wolltest du mit dieser deiner Rezension zum Ausdruck bringen, daß die Gedichte nicht einlösen, was das Vorwort – deiner Meinung nach – versprach?
    Oder wolltest du zum Ausdruck bringen, daß du wenig mit diesen Gedichten anfangen kannst, weil du die postmoderne Lyrik bevorzugst? Das sei dir ja unbekommen, das ist kein Problem.
    Aber du hast dich ja dennoch dazu durchgerungen, eine Rezension zu verfassen.
    Da wäre es schön gewesen, wenn du auch tatsächlich etwas Fundiertes zu unseren Gedichten selbst gesagt hättest, um die es hier ja eigentlich gehen sollte (oder hätte gehen sollen).
    Da wären wir auch schon beim Stichwort: “selbstreferntiell”. Du findest unsere Gedichte selbstreferentiell? Und mir kommt deine Rezension in weiten Teilen selbstreferentiell vor.
    Du teilst uns hier so einiges über dich selbst mit, aber wenig über die Gedichte, die du hier (scheinbar) besprichst. Der Gedichtband lag ein Jahr lang bei dir herum. Aha. Du spielst dich nicht gerne auf. Aha. Du möchtest dir kein Urteil erlauben. Ah ja. Du selbst bewegst dich “schon zu sehr in anderen Gefilden”. Ach so, ja, das ist schön.
    Und schließlich möchtest du uns auch noch zurufen:
    “Traut euch doch ein Stück weiter, hüllt euch nicht so stark ins Referentielle (… )” .
    Ja, das selbe möchte ich dir, lieber Timo, auch gerne zurufen!

    Herzliche Grüße,
    Hannah

    P.S. Und natürlich wäre es auch interessant gewesen, zu erfahren, weshalb du gerade diejenigen unserer Gedichte zitierst, die du zitierst. Haben sie dir gefallen? Haben sie dir nicht gefallen? Sind sie ein Beleg für irgendeine deiner Thesen? Diese Zitate stehen einfach so da – weshalb und wieso auch immer – ein bisschen so wie diese deine Rezension.

    Reply
    1. trishen07 Post author

      Liebe Hannah,

      ich danke dir für einen Kommentar. Es tut mir leid, dass dir diese Rezension so fehlgeleitet vorkommt und dich offenbar auch verletzt hat. Ich kann nun nicht vielmehr tun als auf deine Ansätze einzugehen.

      Intention: Meine Intention war, einen Eindruck von meiner Auseinandersetzung mit dem Gedichtband zu präsentieren. Weder wollte ich ein allgemeines abschließendes Urteil darüber fällen, noch nehme ich in Anspruch, dass ich ihn besser oder genauso gut kenne wie die Leute, die ihn zusammengestellt/die Texte verfasst haben.

      Fundierte Auseinandersetzung: Ich gebe dir insofern Recht, als diese Rezension nicht das leistet, was eine literaturkritische Auseinandersetzung (die ich nicht angestrebt habe) leisten müsste, nämlich sich einzelne Texte anzusehen und die Thesen zu unterstreichen. Da ich hier nur eine Rezension, eine Besprechung, schreiben wollte, habe ich das nicht getan; ich bleibe Beweise schuldig, das ist mir bewusst. Ich kann aber gerne, wenn du willst, hier in einem Kommentar einen oder zwei deiner Texte auf diese Weise und im Hinblick auf meine Thesen analysieren. Wenn das helfen würde: gern.

      Im Gegenzug fände ich es schön, wenn du Beispiele für herablassende Äußerungen in meiner Rezension bringst (lapidare fände ich jetzt nicht so schlimm). Ich habe mir eigentlich sehr viel Mühe gegeben, ausgewogen zu schreiben (und meine Meinung trotzdem klar zu sagen).

      Selbstreferenzialität: Meine Rezension ist in Teilen selbstreferentiell, ja, aber nicht grundsätzlich, sonst würde sie sich ständig auf ihr eigenes Format, auf das eigene Verfahren beziehen. Bei den Gedichten meinte ich, dass Begriffe wie “Sprache”, “Worte” und dergleichen sehr oft vorkommen und es sehr viel um Gedichte und um das Schreiben geht. Dies zum einen. Zum anderen: selbst wenn meine Rezension selbstreferentiell wäre, kann man Gedichte und Rezensionen nicht miteinander vergleichen, auf sehr vielen Ebenen; eine Kritik (und das war die Bezeichnung selbstreferentiell nicht unbedingt, es war eine Feststellung), die sich auf das eine bezieht, kann nicht einfach so auf das andere angewandt werden. Ich muss zugeben, dass ich nicht verstehe, warum du hier um Ecken meine Professionalität oder etwas Ähnliches ins Visier nimmst und glaubst mir alles zurückvorwerfen zu müssen. Das wirkt auf mich ehrlich gesagt wie ein Schlag unter die Gürtellinie und nicht wie ein Argument. Was du als “referentiell” bezeichnest, war mein Versuch, meine Position nicht zu groß oder zu wichtig erscheinen zu lassen. Das ist meine Art.

      Zum P.S.: Es sind tatsächlich Stellen, die mir gut gefallen. Deshalb habe ich sie ausgewählt. Am Anfang hatte ich andere Stellen, die vor allem meine Kritikpunkte offenbaren sollten. Das kam mir dann aber schäbig vor, auch weil ich das Gefühl hatte, die Zitate immer irgendwie aus dem Zusammenhang zu reißen. Vielleicht hätte ich konsequenter sein sollen, da hast du wohl Recht.

      Eigenes P.S.: Was ist postmoderne Lyrik und inwiefern steht sie eurer Lyrik gegenüber oder inwiefern lasse ich erkennen, dass ich mich an postmoderne Lyrik halte (wie gesagt: was immer das sein mag).

      Reply
  3. hannahbuchholz

    Lieber Timo,
    es tut mir sehr leid, wenn du meine Kritik an deiner Kritik als einen Schlag unter die Gürtellinie empfunden hast. So waren meine Worte keineswegs gemeint! Zunächst einmal hatte ich mich natürlich darüber gefreut, daß du unser Buch besprichst, aber beim Lesen deiner Rezension entstand für mich zunehmend der Eindruck, als hättest du dich beim Besprechen derselben quasi am Laufenden Bande selbst zügeln müssen, um verhältnismäßig “milde” ureilen zu können und nicht zu harsch zum Ausdruck bringen zu müssen, was du ja schließlich doch zum Ausdruck brachtest – daß du nämlich nicht all zu viel mit diesen Gedichten anfangen kannst.
    Zu viele Worte wie Stille, Herz und Wort? Nun ja, diesen Punkt kann ich verstehen, das muß einem nicht gefallen. Und wie gesagt, deine Kritik an der Art der Präsentation dieses Buches kann ich ebenfalls nachvollziehen und ich kann sie auch annehmen.
    Aber ich hätte mir natürlich gewünscht, daß du auch wirklich auf unsere Texte oder zumindest auf das eine oder anderer unserer Gedichte eingegangen wärest.
    Ob das nun, nach diesem leider etwas mißglückten Austausch zwischen uns, noch so viel Sinn machen würde?
    Du hattest ja geschrieben:
    “meist bin ich mehr an dem interessiert, was in Texten steckt und weniger an dem, was man an ihnen kritisieren könnte (etwas lässt sich immer finden, meiner Erfahrung nach). Hier hatte ich den Eindruck, dass eine Kritik an der Präsentation vonnöten ist.”
    Gut, die Kritik kam an – aber was ausblieb, das war eben genau das, was du, deinen eigenen Worten zufolge, gemeinhin zu tun pflegst: dieser Versuch, zu ergründen, was in den Texten steckt. Etwas läßt sich immer finden? Und etwas gefiel dir ja auch, wie du ja sowohl in deiner Kritik als auch in deiner Antwort auf meinen Kommentar geschrieben hattest? Nun ja, und genau dieses “Etwas” hätte mich natürlich interessiert. Und vielleicht hätte es auch auch den einen oder anderen Leser dieser Rezension interessiert. Und mit Sicherheit hätte es deine Kritik zum einen abgemildert und ihr zum anderen einige wichtige Facetten hinzugefügt, wenn du wirklich versucht hättest, dieses nebulöse “Etwas”, auch im Falle unserer Anthologie anhand von einem Bespiel oder besser noch von mehreren Beispielen (zum Beispiel von einem Gedicht eines jeden Autoren) zu ergründen und dann auch zu benennen.

    Herzliche Grüße,
    Hannah

    P.S. Herablassend fand ich beispielsweise Wendungen wie: “sprachlicher Nippes”, oder auch diesen Satz hier:
    “Häufig gibt es ein Du in den Gedichten, das angesprochen wird, was natürlich schön ist, in der Vielzahl aber wie bloße Rhetorik, wie eine Art versichernde Geste wirkt.”
    Das klingt, für meine Begriffe, herablassend, und natürlich fehlt – auch hier – ein Beleg.
    Und darüber hinaus machen diese Worte für mich wenig Sinn, zumal du es hier mit einer Vielzahl vollkommen unterschiedlicher Gedichte von vier sehr unterschliedlichen Dichtern zu tun hattest bzw. hast.

    Reply
    1. trishen07 Post author

      Liebe Hannah,

      ich pflichte dir bei: ich habe mich darum gedrückt, den Verriß zu schreiben, den ich andeute. Ich wollte klar zwischen dem unterscheiden, was ich einigermaßen objektiv als Problematik in der Konzeption und den Gedichten zu erkennen glaube, und dem, was sich mir wohl aufgrund von Geschmack und Neigung entzog oder nicht richtig zünden wollte. Ich würde wieder so vorgehen, aber ich kann verstehen, wenn das halbgar wirkt und unbefriedigend, es ist durchaus tadelnswert.

      Ich hatte wohl auch Angst, dass meine Kritik, am Gedicht exemplifiziert, darauf hinauslaufen würde, eben nicht das Lesenswerte zu zeigen, sondern das Gedicht aufzureiben, zu zerpflücken. Das mag ich nicht, aber hier hätte ich es wohl einmal tun sollen, damit der Rest der Rezension nicht wie leeres Gerede wirkt, wie eine oberflächliche Brache.

      Wie gesagt, ich kann nur anbieten, das nachzuholen, aber aus deinem Kommentar lese ich heraus, dass du das nicht nur für nicht sinnvoll hältst, sondern einfach nicht mehr für angebracht?

      In jedem Fall beste Grüße, danke für die Auseinandersetzung
      Timo

      Reply
      1. hannahbuchholz

        Na, das klingt natürlich verlockend, daß sich uns nun die Möglichkeit bietet, uns hier auf deiner Seite nun auch noch den ultimativen Verriß abzuholen … wie könnte man da widerstehen … ? ; )
        Okay, Spaß beiseite: Natürlich kann ich hier nicht für die ganze Anthologie-Gruppe sprechen –
        und ich selbst bin da momentan etwas ambivalent: Einerseits würde es mich natürlich schon interessieren, was du an den Gedichten, insbesondere an meinen Gedichten zu kritisieren hast (abgesehen von dem, was du bereits kritisiert hattest) – und andererseits möchte ich mich auch nicht unnötigerweise aufregen müssen.
        Vielleicht könnten wir so verbleiben, daß du, lieber Timo, eines meiner Gedichte kritisierst und dafür ein anderes, das dir gefallen hat, positiv kommentierst?
        Wenn sich die positiven und die negativen Aspekte deiner Kritik in etwa die Waage halten würden, und wenn die Kritik alles in allem nicht nur ausgewogen, sondern auch konstruktiv wäre, dann würde sie mich sehr interessieren.
        Herzliche Grüße, Hannah
        P.S. Und natürlich könnte es sein, daß ich dann wiederum deine Kritik kritisiere … oder daß ich vielleicht bei Gelegenheit auch einmal eines deiner Gedichte kritisiere, lieber Timo!

      2. trishen07 Post author

        Liebe Hannah,

        ich werde schauen, dass ich es, so wie du vorschlägst, mache. Es kann aber ein bisschen dauern, bis ich dazu komme.

        Ich freue mich im Übrigen immer sehr, wenn eines meiner Gedichte kritisiert wird, denn das liefert eine unschätzbare Außenperspektive, die ich schlicht nicht einnehmen kann.

        Beste Grüße
        Timo

  4. versspielerin

    Lieber Timo,
    nun will ich mich doch auch mal zu Wort melden. Zunächst mal ganz herzlichen Dank für diese interessante Rezension.
    Wie ich das verstehe, geht deine Kritik hauptsächlich um das Gesamtwerk, samt (Unter-)Titel und Vorwort. Dass die Ausdrucksweise „Gedichte der Gegenwart“ tatsächlich missverständlich oder irreführend sein könnte, ganz abgesehen davon, dass wir zeitgenössische AutorInnen sind, geht mir jetzt erst im Nachhinein auf, dieser Begriff ist wohl immer noch eher politisch bzw. gesellschaftlich geprägt, während es uns um etwas anderes geht, nämlich, dass ihnen die Gegenwart quasi innewohnt, wie ja auch im Vorwort erwähnt ist. Nun ja, aber warum sollte man den Begriff nicht wieder öffnen für ein weiter gefasstes Bedeutungsfeld? 🙂 Was das Vorwort angeht, kann ich deine Kritik insoweit nachvollziehen, als dass es etwas zu erklären versucht, das eigentlich die Texte selbst leisten könnten. Dennoch war es uns wichtig, den Leser gewissermaßen hinzuführen zu den Gedichten.
    Eine Auseinandersetzung deinerseits mit den Gedichten an sich findet in deiner Kritik in der Tat eher nicht statt, aber das scheint mir u. a. daran zu liegen, dass der Untertitel in dir offenbar eine ganz andere Erwartung geweckt hat und dir somit den Zugang zu den Gedichten erschwert, wenn nicht gar verwehrt hat. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlimm und macht den einen oder anderen trotzdem (oder gerade deswegen) neugierig. 🙂
    Was die Häufigkeit bestimmter Wörter angeht, gebe ich dir recht, das ist aber durchaus so gewollt, denn die Texte sind natürlich bewusst so in dieser Form zu dieser Sammlung zusammengestellt worden.
    Also, in jedem Fall ist diese Rezension interessant, für Leser, aber auch für uns AutorInnen, meine ich. Ansonsten denke ich, bezugnehmend auf deinen Dialog mit Hannah, sollten wir es einfach dabei belassen, oder? Sehe nicht, dass das irgendwie weiterführend wäre. Ich für meinen Teil jedenfalls denke so. 🙂
    Herzliche Grüße
    Diana

    Reply
    1. hannahbuchholz

      Lieber Timo,
      prima, dann machen wir es so … !
      Viele herzliche Grüße,
      Hannah

      P.S. Ich sehe, du hast auch diese wordpress-Einstellung, die es nicht erlaubt, Kommentare auf Kommentare direkt zu beantworten. (Die habe ich leider auch). Daher steht nun meine Antwort auf deine Antwort unpassenderweise unter Dianas Kommentar … ; )

      Reply

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