Monthly Archives: April 2020

Meistererkundungen von Virginia Woolf


Virginia Woolf - Meistererzaehlungen Collected Stories von Virginia Woolf

 

Im März dieses Jahres jährte sich ihr Todestag zum 80ten Mal. Virginia Woolf, Ikone der Frauenbewegung und der literarischen Moderne, ist sicherlich nicht das, was man eine gefällige Schriftstellerin nennen könnte. Ihre Romane experimentierten mit Sprache und Form, ihre Essays sind Musterbeispiele an brillanter Eigenwilligkeit.

Immer etwas stiefmütterlich wurden und werden ihre Erzählungen behandelt, von den 15 in diesem Band versammelt sind. Wobei, kann man überhaupt Erzählungen zu diesen Texten sagen? Sind das Stories? Wohler würde ich mit der Bezeichnung Prosa oder Kurzprosa fühlen, manche der Texte bewegen sich auch schon in einem Zwielicht aus erzählender und essayistischer Prosa.

Ich würde die Texte auch deswegen eher als Prosa bezeichnen, weil Woolf eben selten eine lineare Plotline pflegt, sich vielmehr gern in Abschweifungen ergeht und es vor allem liebt, die Leser*innen mal hierhin und mal dorthin zu dirigieren, zu diesem Gedanken und zu diesem Bild, und weniger darauf aus zu sein scheint, ihm konkret eine Geschichte zu erzählen (nicht in allen Texten, ich beschreibe eher eine vorherrschende Ausprägung).

Für manche Leser*innen deckt sich dergleichen wohl nicht mit ihren Vorstellungen von “Geschichten”. Allerdings übersieht man bei solcher einer Kritik leicht, wie spannend und feinbeobachtet die Texte sind, wie gewagt und spielerisch, wie Schönes und Schreckliches aus ihren Winkeln in die Ahnung huscht.

Vielleicht wäre “Erkundungen” das richtige Wort, um Woolfs Texte zu beschreiben. Erkundungen des Bewusstseins, der Wahrnehmung, der Dinge, über die es halt auch Geschichten zu erzählen gibt. Sie scheint nur zu skizzieren, aber mit einem Mal merkt man, dass ihre Linien ein paar zentrale Ausprägungen sehr genau betont und hervorgehoben haben.

Es gibt durchaus auch gute Gesellschaftsporträts und Plots in diesem Band, ich habe einfach das stärkste Merkmal hervorgehoben. Sehr schön auch, dass der Band zweisprachig ist und eine neue Übersetzung besorgt und keine alte verwendet wurde.

Enthalten sind:

Der Fleck an der Wand
Key Gardens
Feste Gegenstände
Ein ungeschriebener Roman
Ein Geisterhaus
Eine Gesellschaft
Montag oder Dienstag
Das Streichquartett
Blau & Grün
Das neue Kleid
Augenblicke des Daseins
Die Dame im Spiegel
Die Herzogin und der Juwelier
Die Jagdgesellschaft
Lappin und Lapinova

 

Zu “Fremdes Licht” von Michael Stavarič


Fremdes Licht Michael Stavaričs neuer Roman „Fremdes Licht“ hält nicht lange mit der Katastrophe hinterm Berg: schon auf den ersten Seiten befinden wir uns in einer Endzeitwelt aus Kälte und Schrott, in der nur noch ein letztes menschliches Bewusstsein glimmt und flackert: Elaine, eine Genforscherin, und mit ihr ein letzter menschlicher Monolog, eine letzte menschliche Erinnerungskammer in einer unwirtlichen Welt. Ihr Großvater, der eine wichtige Bezugsperson war, hat ihr einst das Überleben in Eis und Schnee beigebracht, denn er lebte lange bei den Inuit …

Soweit die Ausgangslage, die man auch dem Klappentext entnehmen kann und die sicherlich bei dem/der ein oder andere/n Interessierten für gehobene Augenbrauen gesorgt hat – und auch für mich klang das alles zwar spannend und auch nicht abwegig, aber doch ein bisschen dubios. Nun ist es aber so, dass die Zusammenfassung eines Romans wenig aussagt, denn es geht ja darum, wie ein Roman diese Inhalte vermittelt, wie die Geschichte, so dubios sie auch erstmal klingen mag, umgesetzt wird.

„Fremdes Licht“ ist in dieser Hinsicht ein durchaus anspruchsvoller Roman, denn Stavarič erzählt mit einer Langsamkeit und Intensität, die zwar atmosphärisch den Welten entsprechen, die er beschreibt – und auch dem Zustand, der existenziellen Lage der Protagonistin (*innen) – trotzdem sorgt diese stilistische Entscheidung in einigen Passagen für etwas, das manche Leser*innen wohl als „Längen“ empfinden könnten. Auch ich habe hin und wieder ein bisschen gehadert mit diesem Stil – und bewundere umso mehr, was er letztendlich, auf seine meditative und zugleich erbarmungslose Art, herausarbeitet, hervorbringt: einen sehr tiefen Ein/Abdruck von Menschlichkeit, in einem Universum, dass abseits des Menschlichen, jenseits der dünnen Haut mit allen Träumen, Illusionen und Empfindungen darin, sehr lebensfeindlich ist, ohne Entsprechung für all das, was wir darin suchen – und doch ist diese Suche vielleicht das Einzige, was das Menschliche letztendlich ausmacht.

Man könnte hier noch einige Bezüge einflechten, zu Sci-Fi Filmen wie Kubricks „2001: A Space Odyssey“, „Eden Log“, etc. oder auch zu dem Inuit-Film „Atanarjuat – Die Legende vom schnellen Läufer“. In dieser Rezension werde ich es aber bei einer Empfehlung belassen, einer eingeschränkten wohlgemerkt, denn auch wenn das Buch keineswegs langweilig oder manieriert ist, so ist es doch, in meinen Augen, keine Unterhaltungsliteratur und wer nach einer solchen sucht, der/die ist mit „Fremdes Licht“ nicht gut beraten. Wer aber mit Literatur einzigartige Erfahrungen machen möchte, wer es mag, dass Inhalte auch über sich hinausweisen, dem/der kann ich das Buch bedenkenlos empfehlen. Es ist mythenreich, philosophisch, abenteuerlich und hinterlässt viele bleibende Eindrücke.

Zu “Die Tochter des Drachen”, Bd. 1 dritte Weitsehertrilogie


Die Tochter des Drachen Gleich vorweg, obwohl das wohl eh klar ist: es bringt überhaupt nichts, diese dritte Trilogie um Fitz den Weitseher zu lesen, wenn man die ersten beiden nicht gelesen hat. Allerdings kann ich all jene beruhigen, bei denen die Lektüre dieser beiden Trilogien etwas zurückliegt – man braucht sie nicht unbedingt vorweg noch einmal zu lesen (obwohl es natürlich nicht verkehrt ist und diese neue Trilogie kann ja auch ein freudiger Anlass zur Wiederlektüre sein, zumal die beiden alten Trilogien + die Trilogie um die Zauberschiffe neu aufgelegt wurden bei penhaligon), denn Hobb webt in bewährter Manier so viele Erinnerungen und Bezüge in die Handlung ein, dass sich viele Leseeindrücke aus den ersten Bänden wie von selbst wiedereinstellen.

Ich muss zugeben, dass ich leichte Bedenken hatte, waren doch die ersten beiden Trilogien mir so lieb und teuer und hatten bei mir, trotz vieler offener Fragen und möglicher weiterer Geschichten, den Eindruck einer Geschlossenheit hinterlassen, die ich nicht leichtfertig aufgeben wollte; ich zögerte, das Universum der sechs Provinzen, der Gabe und der Alten macht, noch einmal für neue Geschichten zu betreten. Gott sei Dank habe ich dann aber doch nicht widerstehen können, denn Hobb beweist auch im ersten Band ihrer neuen Trilogie, dass sie nicht nur die bewährte Qualität liefern, sondern auch weiterhin mit der Tiefe ihrer Figuren und vielen kleineren und größeren Wendungen und Ideen immer neue Dimensionen ihrer Welt erschließen kann, auf die man als Leser*in auch sofort erpicht ist.

Und Hobbs Fantasy-Welt ist eine besondere, denn sie ist nicht gezimmert aus Schlachten, großen Held*innen und jedweder anderen epischen Ausprägung, sondern bezieht ihre Magie vor allem aus einem sehr feingliedrigen Herausarbeiten und Vorantreiben der Handlung und wird hauptsächlich getragen von den reichen und sehr sorgsam dargelegten Innenleben und Interaktionen ihrer Figuren. Natürlich geht es auch um Ränke und Intrigen, Prophezeiungen und König*innen, Liebe und Tod, etc., aber es sind die menschlichen Dilemmata, die Komplexität der Gefühle, Regungen (der entfesselten und der stillen), Gedanken und Beziehungen, die einen Hobbs Bücher mit großem Gewinn lesen lassen, ebenso wie die Einbeziehung von Themen wie Alter und die damit verbundenen Gebrechen, Krankheiten wie Alzheimer, Hinterfragungen zu Themen wie Geschlechtlichkeit oder Tierwohl und vieles andere; die phantastischen Elemente bilden bei all dem nicht den Kern, sondern eher die Fassung.

Ich muss zugeben, dass ich bereits nach den ersten zweihundert Seiten ziemlich überwältigt war – ich hatte ganz vergessen, was diese Bücher alles verhandeln und wie genau und unschematisch, ohne Klischees, wie gewissenhaft und doch auch mit dem Gespür für die richtigen Distanzen, die Einschränkungen, das Versagen, die Abgründe. „Die Tochter des Drachen“ ist ein spannendes Buch, aber gleichzeitig lernt man auch so viel über Beweggründe, Verletzungen, Einschätzungen, Ängste, Erinnerungen, ihre Macht und ihre Wankelmütigkeit und wie nichts feststeht, sondern alles immer im Wandel ist, weil ständig Neues und Altes in einem selbst zusammenfließen und immer wieder Gefühle und Einsichten aufkommen und vergessen werden und ständig gegeneinander antreten.

All dies schildert Hobb auf ruhige und doch bemerkenswerte Weise und sie lässt sich die Zeit, die es dafür braucht – und trotzdem hält auch ihr neustes Buch einige Wendungen bereit, die es mit denen ihres Bewunderers Georg R. R. Martin durchaus aufnehmen können.

Fazit: Mir hat diese neue Reise in die Geschichte um Fitz sehr wehmütige und mitreißende Stunden beschert. Wie immer ist viel Schmerz mit dabei und wenig Happy End, das kann man schon verraten, obgleich es idyllische Passagen gibt, vor allem am Anfang. Wer nach den ersten sechs Bänden noch nicht genug hat, der*m kann ich diese weiteren Bände bedenkenlos empfehlen.

Zu “Von Zeit und Fluss” von Thomas Wolfe


Von Zeit und Fluss Zum ersten Mal stieß ich auf Thomas Wolfe in einer Anthologie mit Beiträgen zu hundert Jahren Rowohlt (erschienen 2008 ebendort, ein schönes Buch voller toller Anekdoten und Autor*innentipps); dort ging es vor allem um seine Deutschlandreise 1936, zu der jetzt bei Manesse auch eine Publikation erschienen ist.

Bei Rowohlt war zwischen den Weltkriegen das erste Werk von Wolfe auf Deutsch erschienen: „Schau heimwärts, Engel“, das ich mir in einer alten rororo-Ausgabe zulegte und bald darauf las. Beglückt, aber auch sehr erschöpft von Wolfes Stil, wagte ich mich damals nicht an sein opus magnum „Von Zeit und Fluss“.

Dann sah ich vor kurzem den Film „Genius“, in dem es um die Freundschaft zwischen Wolfe und seinem Verleger Maxwell Perkins geht (seines Zeichens auch „Entdecker“ von Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway), u.a. auch um die gemeinsame Arbeit an diesem 1200 Seiten-Werk (das ursprünglich sogar noch viel länger war). Die im Film zitierten Passagen rissen mich derart mit, dass ich beschloss, das Buch schnellstmöglich zu lesen.

Dieser erste Impuls scheint mir nun, nach der Lektüre, Jahre zurückzuliegen. Es ist schwer es anders zu sagen: dies ist ein Buch, das man nicht liest, sondern mit dem man für die Dauer der Lektüre lebt. Wolfes Stil, ungezügelt und voller Adjektive, dabei aber nie zu detailverliebt oder verwässert, sondern immer wie ein kräftiger Pinselstrich auf einem riesigen Gemälde, überschwänglich und in einem Maße pathetisch, welches nur den wenigsten Autor*innen ohne den Anschein von Schemenhaftigkeit und Kitsch gelingt, er durchdringt einen vollkommen.

Worum geht es in Zeit und Fluss? Nun, wenn man es runterbrechen will: ums Fortgehen von zu Hause und doch darum, dass das Zuhause in einem verbleibt; dass, obgleich alle Flüsse beständig fließen, sie irgendwo münden und entspringen. Es gibt nur das Fließen, aber es gibt trotzdem Enden und Anfänge, ewige Kreisläufe. Das schildert Wolfe anhand seiner eigenen Biographie (in Romanform) und zeichnet wie nebenbei noch ein überbordendes Bild des Amerikas seiner Zeit, ein Amerika an einem Wendepunkt zwischen Land und Stadt, Mythos und Moderne.

In diesem Bild tummeln sich viele, viele mannigfaltige Figuren, alle von einem Lebenswillen durchdrungen, um den Wolfes Roman trotz aller sonstigen Feinheiten und Plots und Ideen immer kreist. Gefühle, Regungen, bei Wolfe sind sie riesige Gewichte auf den viel zu kleinen Waagen, die dem menschlichen Verständnis zur Verfügung stehen – und doch ist in ihnen eine eigene Wahrheit immer präsent.

Kurzum und um nicht auszuufern: Wolfes Buch ist, nochmals, ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern mit dem man lebt, auf das man zurückblickt wie auf einen Lebensabschnitt, nicht wie auf eine Geschichte. Wer dergleichen erleben will, sollte es wagen, das Abenteuer mit „Von Zeit und Fluss“.

Zu “Unsere glücklichen Tage” von Julia Holbe


Unsere glücklichen Tage „Als ich auf meinem kleinen Hotelbalkon in Luxemburg saß und auf die Stadt blickte, konnte ich nicht anders, als mich ganz den Erinnerungen hinzugeben. Diese Erinnerungen waren Dämonen, aber ich hatte sie vermisst. Wie eine Droge.“

Vier Freundinnen und der Sommer ihres Lebens + große Liebe + großes Zerwürfnis – das klingt nach einem altbewährten Rezept. Bewährt nicht nur wegen dem relativ klaren Plotverlauf, sondern auch weil der/die Autor*in, wenn sie rückblickend erzählt (wie auch Julia Holbe es tut), gleichsam über die Jugend und übers Alter schreiben kann, also beide Gefühlswelten abdeckt.

Zu Anfang ist das Buch auch genau die eindringliche und bewegende Erfahrung, die es durch diesen Mix zu sein verspricht: nach fast drei Jahrzehnten trifft Elsa Marie wieder. Sie bildeten einst gemeinsam mit ihrer Freundin Fanny eine 3er-Clique, die in ihren Studienjahren immer die Ferien in einem Haus von Elsas Eltern an der französischen Atlantikküste verbrachte. Dort wartete jeden Sommer das vierte, ortsansässige Mitglied ihrer Gruppe auf sie: die quirlige Lenica, zu der besonders Elsa ein tiefe Zuneigung hegte. Sie verbrachten die Tage mit trinken, reden, lesen, schwimmen und essen, in tiefer Eintracht.

Dann, im letzten gemeinsamen Sommer, trat auf einmal Sean in diesen erlesenen Kreis: Sean, der etwas ungeheuer Anziehendes hatte, etwas Raubtierhaftes und gleichsam Liebevolles, etwas Umwerfendes und der aber auch Geborgenheit geben konnte, Leichtigkeit, Freiheit. Mitgebracht hatte ihn Lenica, die ihn bereits lange zu kennen schien – aber zusammen kommt er dann mit der Erzählerin Elsa, die sich mit aller Leidenschaft in diese Beziehung stürzt, obgleich sie den Abgrund darin von Anfang an ahnt.

Danach sahen sich die Freundinnen über Jahrzehnte nicht; Lenica starb in der Zwischenzweit. Und jetzt, nach Ehen, Kindern und Scheidungen, erscheint den drei Freundinnen (Marie und Elsa spüren auch sehr schnell Fanny auf) dieses einstige Glück nicht nur magisch, sondern sie legen es auch auf ein letztes Revival an und fahren noch einmal in das Haus, um ein langes Wochenende dort zu verbringen. Und es kommt, wie es kommen muss: Sean taucht wieder auf …

Am Anfang ist Holbes Buch unwiderstehlich und sie versteht es, die Gegenwarts- und die Vergangenheitsebene gut miteinander zu verschränken und doch separat voranzutreiben. Es wird Spannung aufgebaut und viel Vorfreude stellt sich ein, gleichsam zeichnet Holbe ein gutes Bild von Erinnerungswelten und ihrer Anziehung, ihrer trügerischen und doch tiefen Schönheit.

Bis sie dann anfängt, es in einigen Formulierungen zu übertreiben. Als würde sie der Kraft und Dynamik ihres eigenen Sujets (das sich ja, wie gesagt, schon bewährt hat) nicht vertrauen, beteuert sie etwa ab dem zweiten Drittel in jeder Szene die Intensität und Bedeutung der Gefühle ihrer Protagonistin – manches davon mag als authentischer Überschwang durchgehen, aber vieles wird zur enervierenden Overdosis.

Ja, kann man jetzt einwenden, die Protagonistin wird halt von ihren Gefühlen überwältigt, sie schwelgt darin, das gehört zu ihrem Charakter. Das mag stimmen, ist sogar logisch, ergibt aber leider streckenweise einen furchtbaren Stil und macht die Spannung in vielen Szenen zunichte; und auch die zentralen Gefühle erscheinen zu durchsichtig, zu wenig ambivalent.

Ich möchte hier gar nicht mit irgendwelchen creative-writing-Regeln à la „Show, don’t tell“ kommen und Holbes Stil generell aburteilen. Ich verstehe, warum er zeitweise übersteigert sein muss – eben weil die Protagonistin so empfindet, aber noch mal: Logik ersetzt mir nicht das Lesevergnügen und das schwindet leider spätestens ab der Hälfte rapide, zumindest in den Szenen, in denen – statt dass vorausgesetzt wird, dass ich die emotionalen Verfassungen der Beteiligten grundsätzlich verstanden und im Blick habe – immer und immer wieder dieselben Gefühlswelten abgegrast werden.

Und das ist wirklich sehr, sehr schade, denn zu Anfang hatte ich den Eindruck, ein wirklich überdurchschnittlich gutes, sehr in seinem Thema aufgehendes Buch in Händen zu haben, das ich nach dem ersten Drittel wohl auch hymnisch besprochen hätte, als Ode an die Landschaften unserer Erinnerungen, als Psychogramm des Alters, als Elegie über das Gefühl der verpassten Dinge, etc.

Und gerade auf diesen ersten Seiten ist das Buch auch in Bezug auf das eigene Erzählen viel klüger als später, wie Formulierungen wie diese hier beweisen:

„Wahrscheinlich war alles irgendwie gebrochener, ambivalenter, wahrscheinlich trauriger. Aber ist nicht das Wichtigste, wie wir uns erinnern? Nein. Das Wichtigste ist, wie wir es erinnern wollen.“