Mitten in der Welt, im Leben


9783948722104

In seinem neusten Buch „Wie hat ihnen das Anthropozän bisher gefallen“ schreibt der amerikanische Autor John Green, er habe lange gebraucht, um in die Welt verliebt sein zu können. Ich dagegen habe mich schon hunderte, gefühlt tausende Male in die Welt/das Leben verliebt (aber auch beinah so oft entliebt; es ist kompliziert).

Auslöser für diese Verliebtheit waren viele Dinge, Menschen und Orte, aber manches Mal hat auch ein Buch Armor gespielt. Meist sind das die Bücher, die einen besonderen Platz in meinem Bücherregal einnehmen, die man mitschleppt von Wohnung zu Wohnung, als wäre ein kleines Stück Hoffnung darin aufbewahrt.

Ich bin keine Freundin von Gewissheiten, aber eine Sache will ich dir schon jetzt, ganz am Anfang, mit auf den Weg gegen: Egal, was die anderen sagen: Nichts, was du fühlst, ist banal! Die Welt ist voller Zeichen. Und du hast die Gabe sie zu lesen.“

Auch Lisa Kreißlers „Schreie und Flüstern“ ist ein Buch, in dem es um die ganzen großen Themen geht, ums Leben, die Freude daran und den Schmerz darin. Das wird schon in dem Brief der Protagonistin Vera an ihren kleinen Sohn Siggi deutlich, der den Roman eröffnet. Aber das Gefühl, dass man hier ganz nah dran ist an dem, was im Leben erfahrbar und gleichsam zu ertragen ist, bleibt auch über den restlichen Verlauf der Handlung erhalten.

Die setzt ein in einer Zeit des Umbruchs. Vera und ihr Lebenspartner Claus sind gerade dabei, ihre Wohnung in Leipzig aufzugeben und aufs Land zu ziehen, wo sie von Geld, das Claus Vater hat springen lassen, einen Hof gekauft haben, den sie nun umbauen wollen. Claus ist allerdings viel enthusiastischer, was diesen Plan angeht. Vera, die gerade auch noch eine Fehlgeburt hinter sich hat, fremdelt mit der neuen Umgebung und immer mehr tritt die neue Situation zwischen sie und Claus, während sich Vera ein weiteres Baby wünscht. Der Neuanfang scheint gescheitert, die Situation verfahren, doch das Leben findet, wie so häufig, einen Weg …

Eine Zusammenfassung der Handlung umreißt manche Bücher auch von der Stimmung, vom Charakter her ganz gut, aber anderen täte man Unrecht, würde man es bei dieser Idee belassen. Denn Kreißlers Roman ist nicht bloß ein Beziehungsroman oder eine Studie über den Wechsel von Stadt zu Land (auch wenn er all das durchaus auch ist), sondern eine kleine Ode auf Lebendigkeit und Vergänglichkeit, die vor allem durch Details besticht.

So gelingt es Kreißler etwa, durch ihre Beschreibungen auch noch der unwichtigsten Nebenfigur Leben einzuhauchen, auf eine Weise, die einen nicht selten wünschen lässt, man könnte sie zumindest theoretisch kennenlernen. Überhaupt hat das Buch eine sehr wirklichkeitsgetreue (realistisch klingt finde ich immer nach dem Gegenteil von dem, was es ausdrücken soll) Atmosphäre, man fühlt sich bei vielen Gelegenheiten an Momente aus der eigenen Biographie erinnert, vor allem wenn es um die erweiterte Familie geht, die in dem Buch ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Hinzu kommt noch, dass Kreißlers Dialoge ebenfalls sehr ungekünstelt wirken, kurzum: ihre ganze Darstellung lädt zum Miterleben ein.

Man könnte dem Roman ein paar Kleinigkeiten vorwerfen (manche Anwandlungen etwa, die man schon poetisch nennen muss und die zwar auch schön sind, aber nicht immer ganz hineinpassen; der Übergebrauch von Tränen in Schlüsselmomenten; und manche Sachen fragt man sich dann doch, bspw.: Warum tauchen Claus Eltern nie wieder auf und warum geht es es eigentlich so wenig ums Schreiben, obwohl die Protagonistin Autorin ist, etc). Aber das alles fällt nicht wirklich ins Gewicht, denn selbst diese Kleinigkeiten fügen sich sehr organisch ins Gesamtgefüge ein. Es ist einfach zu viel da, als dass man sich beklagen könnte, dass irgendwas fehlt.

„Schreie und Flüstern“ ist ein Buch über Abschied, über Alter und Tod, und zugleich über all das, was davor kommt, dazwischen liegt, über Glück und Unfrieden, Nähe und Fremdsein, Alltag und die ganz besonderen Momente. Kreißler kann mit ihrer Sprache die Welt an uns vorbeiziehen lassen, sie aber auch anhalten und uns ins Zentrum eines Augenblicks stoßen, wo die Fragen und Ängste und Hoffnungen Freuen, das Schiere in allen Formen tost. Man fühlt viel, während man dieses Buch liest und mit diesem Satz, mit diesen drei Worten, ist eigentlich alles gesagt. Es ist ein Buch, das wohl niemanden ungerührt lässt, ebenso wie das Leben wohl niemanden ungerührt lässt.

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