Der Berlin-Roman, den immer noch zu wenige kennen


Räuber

Was bezahlbaren Wohnraum angeht, da haben deutsche Großstädte ja bereits einige Schlagzeilen gemacht, meist keine guten. Wie dramatisch es aber teilweise wirklich ist und wie viele Menschen davon betroffen sind, das ist nur peripher ein Thema (zumindest in meinem Bekanntenkreis). Da wird dann von Gentrifizierung geredet und davon, dass man als Student*in in einem bestimmten Viertel ohne uralten Mietvertrag nicht mehr wohnen kann.

Doch natürlich gibt es wirklich Leute, bei denen die ganze Existenz von diesen Entwicklungen bedroht ist. Spätestens seit der Wohnungsmarkt eine Art Tummelplatz für Investor*innen geworden ist, die bspw. alte Sozialbauten abreißen lassen, um neuere Wohnungskomplexe zu bauen, ist Wohnungsnot nicht nur ein Thema für Zugereiste (und Erwachsengewordene), sondern auch für Ansässige. Eine neue Bodenordnung und eine Wohnungspolitik (das hat Hans-Jochen Vogel mit 94(!) in seiner letzten Veröffentlichung „Mehr Gerechtigkeit“ sehr gut dargelegt) sind geradezu unumgänglich geworden, um einen gesellschaftlichen Kollaps in den Großstädten zu verhindern. Doch noch ist dergleichen, in Berlin und anderswo, nicht in Sicht.

Eva Ladipo hat sich in ihrem zweiten Roman „Räuber“ diesem Themenkomplex gewidmet, auf so unverhofft kluge und unterhaltsame Weise, dass ich zunächst skeptisch war, darauf gewartet habe, dass die Qualität irgendwie abfällt, das entweder der gesellschaftspolitische oder der Spannungsteil zu überwiegen beginnt; ich konnte einfach nicht glauben, dass es das geben kann: einen unterhaltsamen Roman, bei dem zugleich ein hochbrisantes, aktuelles Thema (aus Deutschland) im Mittelpunkt steht. Es gibt durchaus einige sehr gute Essayist*innen in diesem Land (von Stokowski über Czollek bis Juli Zeh) und gelungene Sachbücher, die wichtige Problematiken offenlegen, aber diese Kombination aus Unterhaltung und Aufklärung in Romanform, ist, in meinen Augen, eine Seltenheit.

Zum Plot: Der Bauarbeiter Olli Leber, der schon seit geraumer Zeit für seine Mutter und sich allein aufkommen muss, weil sein Vater nach einem Arbeitsunfall permanent zu einem Pflegefall wurde, bevor er dann starb, hat gerade erst die Beerdigung hinter sich gebracht, da folgt schon der nächste Nackenschlag: die Sozialwohnung, in der er und seine Mutter leben, wird verkauft und das Gebäude soll abgerissen werden. Doch Olli hat sich schon auf der verkorksten Beisetzung geschworen: nie wieder einfach beiseite treten, nie wieder Duckmäusern. Er wird sich wehren. Sein Weg kreuzt sich mit dem der Journalistin Amelie Warlimont, die ein ganzes anderes Leben führt und sich trotzdem an Ollis Seite stellt. Schon bald haben sie einen Plan, wie sie es der Stadt und der Politik in der Gestalt des Finanzsenators Falk Hagen heimzahlen können …

Im Netz kann man zahllose Leser*innenkommentare finden, in denen steht, sie hätten das 540 Seiten-Buch in einem Rutsch durchgelesen. Das hielt ich zunächst für übertrieben. Aber auch ich konnte mich dem Sog dann schwer entziehen und hätte ich nicht spät abends angefangen das Buch zu lesen, vielleicht hätte ich es auch am selben Tag noch beendet. Diesen Sog verdankt das Buch sicher seiner guten Kombination aus Sozial- und Kriminalgeschichte (ebenfalls einen wesentlichen Anteil haben auch die gut konzipierten Figuren, die abwechslungs- und temporeiche Struktur), aber das allein kann den Sog nicht erklären.

Das Erfolgsgeheimnis des Buches liegt, so glaube ich, in den unterschiedlichen menschlichen Dimensionen, die es darstellt. Ganz gleich, ob es um Amelies erste Tage mit ihrem neuen Baby geht, um Ollis Innenleben auf der Beerdigung des Vaters oder um Hagens Wunsch nach einem letzten Lebenshoch – das alles wird nachvollziehbar und intensiv geschildert, man kann sich zu jedem Zeitpunkt sehr gut in die Gefühlswelten einfinden bzw. muss sich mit ihnen auseinandersetzen.

Diese Nähe zu den Charakteren, die Anschaulichkeit ihrer jeweiligen Existenzen, macht das Buch zu einem Erlebnis, das viele Ambivalenzen aufwirft und zugleich wichtige humanistische Ansätze vertieft. Kurzum: Es geschieht genau das, was gute Literatur in uns „anrichten“ sollte: eine Diversifikation, Multiplikation der Einblicke in die Lebenswirklichkeit und gleichsam das vor Augen halten der Gemeinsamkeiten, der Wichtigkeit des menschlichen Miteinanders. Dazu sollte gute Literatur imstande sein und uns am besten auch noch: unterhalten. Eva Ladipo gelingt in „Räuber“ eine vortreffliche Verknüpfung dieser beiden Qualitäten.

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