Monthly Archives: November 2021

Poetisch-heftige Körperlichkeit


Es ist nach wie vor selten, dass Körperlichkeit authentisch und umfassend dargestellt wird, vor allem weibliche Körperlichkeit. Ich kannte bis dato ein gutes Buch von Brigitte Giraud zu diesem Thema, sowie einige Passagen in den Werken von Annie Ernaux, ein paar Stellen in „Hautfreundin“ von Doris Anselm, Margarete Stokowskis „Untenrum frei“ oder auch Juli Zehs „Spieltrieb“, vielleicht auch in Alice Walkers „Die Farbe Lila“ (auch zu nennen ist Franka Freis “Periode ist politisch”).

Während Mutterschaft und Sexualität in diesen und anderen Publikationen mittlerweile relativ gut, wenn auch nicht ausreichend abgedeckt werden, ist es vor allem die andere Seite, die Geschichte der Beschwerden und Krankheiten, der Vergänglichkeit, die seltener erzählt wird. Und gerade auf diesem Gebiet hat Sinéad Gleeson in ihrem Buch „Konstellationen“ Erstaunliches vollbracht.

Anhand verschiedenster Krankheiten und Entwicklungen, die sie durchlebt hat (Knochenfehlstellungen, Krebs, Alterserscheinungen) schildert die Autorin ihr Verhältnis zu ihrem Körper; und dessen Ingredienzien wie Blut oder Haare, die zwar zu ihr gehören, da sie den Körper, durch den sie fließen bzw. an dem sie wachsen, bewohnt, aber auch ein Eigenleben haben, das sich fast schon losgelöst von ihr betrachten lässt.

Diese Betrachtungen zur Losgelöstheit vom Körper, an den man doch aber gleichsam gebunden ist, unwiderruflich, sind von großer Eleganz und doch wohnt ihnen eine unwiderrufliche Heftigkeit inne. Gleeson konfrontiert die Leser*innen mit der Zerbrechlichkeit der Materie, aus der sie bestehen – so gern wir uns auch als Geist in der Maschine Körper sehen. Es ist aber die Sprache des Körpers, die letztlich auch unsere Sprache ist.

Der Geist vermag dennoch viel, zum Beispiel Bücher zu schreiben. Gleeson ist ein ganz wichtiges, starkes gelungen.

Widerständiges


Gestern, am ersten November 2021, wäre Ilse Aichinger 100 Jahre alt geworden. Es gibt wohl nur wenige moderne Schriftstellerinnen, denen trotz eines so schmalen Werkes eine so große Verehrung zuteil geworden ist ihr. Sie gilt als Meisterin der kurzen Prosa, ist so etwas wie eine literarische Ikone und es gibt wohl kaum eine*n Student*in des kreativen Schreibens (oder auch der Germanistik, Literaturwissenschaft, etc.), die*der nicht mit ihrer Spiegelgeschichte in Berührung gekommen ist oder mit sonst einer ihrer filigranen Erzählungen.

Nun ist zum Anlass ihres Geburtstags bereits Ende September dieser Band mit (genau hundert) verstreuten Publikationen erschienen, deren Spanne vom Jahr 1948 bis zum Jahr 2005 reicht. Betitelt ist der Band mit „Aufruf zum Mißtrauen“, ein programmatischer Titel (und der Titel eines Textes im Buch), der gewisse zentrale Aspekte von Aichingers Schreiben und Denken gut zusammenfasst, aber zumindest auf mich auch ein bisschen irreführend wirkt, so als handle es sich bei den verstreuten Publikationen vor allem um Glossen, Pamphlete und dergleichen.

Das ist nicht der Fall, vielmehr erwartet die Leser*innen ein Mix aus Gedichten, Feuilleton, Briefen, Beiträgen für Anthologien und andere Gelegenheitsschriften, dramatischen Fragmenten/Szenen, u.v.a.

Die Beiträge sind chronologisch geordnet, es gibt keine Gruppierung/Einteilung nach Art der Texte, was zunächst etwas beliebig anmutet, aber den Leser*innen eben die Gelegenheit gibt, dem einzigen roten Faden des Buches zu folgen, nämlich der mannigfaltigen Darstellung von Aichingers Positionen und ihrer Entwicklung.

Ich muss zugeben, dass ich mich, obwohl durchaus begeisterter Aichinger-Leser, mit dem Band etwas schwergetan habe. Das Konzept (100. Geburtstag = 100 Texte) klingt zunächst griffig, aber in der Praxis hätten vielleicht etwas weniger Texte dem Band gutgetan. Denn mancher Beitrag wirkt, trotz seiner unbestreitbaren Relevanz für die Aichinger-Forschung, deplatziert, weil nicht unbedingt von Interesse für Leser*innen, die sich mit Aichinger als Autorin, aber nicht unbedingt als Person auseinandersetzen wollen.

So erscheint der Band streckenweise weniger wie ein Lesebuch, das unbekannte Glanzstücke Aichingers dem Publikum präsentieren soll, und mehr wie eine Werkausgabenkomplettierung (was aber vermutlich nicht der Fall ist, denn es ist unwahrscheinlich, dass die Zahl der Beiträge ein Zufall ist).

Trotzdem gibt es natürlich einige wichtige und auch starke Beiträge. Besonders interessant fand ich Aichingers Auseinandersetzung mit den Geschwistern Scholl. Aber auch ihre Gedanken zu Thomas Bernhards „Heldenplatz“, zu Gert Jonke und der Gruppe 47 fand ich sehr anregend, ebenso eine Rezension zu einem Buch von Julian Schutting. Und gefreut habe ich mich, dass auch ein paar mir unbekannte Gedichte von Aichinger enthalten sind.

Meine Bedenken habe ich angebracht und abseits dieser will ich von Kauf und Lektüre des Bandes nicht abraten. Es stellt einen guten Querschnitt durch unterschiedlichste Aspekte von Aichingers Werk und Wirken dar. Vielleicht ist auch gerade die unterschiedliche Relevant der Beiträge für manche Leser*innen eine spannende oder angenehme Abwechslung.