Author Archives: trishen07

Lyristix


Während Blog und Podcast leider beide (derzeit) wegen der Arbeit an Manuskripten und Lohnarbeit hintenanstehen, habe ich mit ein paar Kolleg*innen auf Instagram den Channel Lyristix gegründet, auf dem wir von nun an Lyrikbände besprechen. Wer sich dafür interessiert, der kann uns unter @lyristix dort finden oder diesem Link folgen: https://www.instagram.com/lyristix/

Ein Verzeichnis der besprochenen Bücher findet sich hier: https://lyrikpoemversgedicht.wordpress.com/verzeichnis-der-besprochenen-titel-auf-dem-instagram-channel-lyristix/

Zu mir, zum hier


#kkl Magazin

Timo Brandt für #kkl16 “Der freie Wille”




Zu mir, zum hier


Als ein Übermaß von Zeit erscheinen

mir die winzigkleinen Veränderungen.


Mein Fragen und Verraten liegt verdreht

in einer Muschel deren Ränder ich

fast unmerklich abfahre. Jedoch nur Meere

schleifen etwas von ihr ab. Derweil

ich jedes Interesse am Hier vergrabe. Bessere


Zeiten werden davon zu zehren verstehen.


Halte ich mich ans Ohr kann ich nur andere

hören. Was sie in mir sehen entzieht sich krumm

meinen Blick. Meine Fassung ist stumm aber

leuchtet wohl denn andere finden zu mir. Genug

könnte ich sagen. Aber das wär‘ ein Rauschen.




Timo Brandt lebt als Dichter, Rezensent + Brotjobs in Wien. Zuletzt erschien „Das Gegenteil von Showdown“ (Limbus Verlag 2020).






Über #kkl HIER

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Zu “Wir haben” (k)eine Wahl” von Franziska Heinisch


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Manifeste haben Hochkonjunktur – wie immer in Zeiten der Krise. Und in einer solchen befinden wir uns, auch wenn es die meisten in Westeuropa nicht wahrhaben wollen. Oder: nicht können, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, sich über kommende, drohende, mögliche Krisen zu streiten. Dabei sind wir längst mitten drin.

Als Teil der letzten Generation, die noch ein bisschen im “Alles wird immer besser”-Zeitalter aufgewachsen ist, aber in den heutigen Zeiten der Aussichtslosigkeit sozialisiert und vor allem politisiert wurde, bin ich prädestiniert fürs Aufgeben. Die schlimmsten Verwerfungen des Klimawandels und der entsolidarisierten Gesellschaften werden mich eher nicht mehr betreffen, zumindest erst im hohen Alter; darüber hinaus habe ich eben noch die illusorischen Vorstellungen von der Welt kennengelernt, die für die älteren Generationen prägend waren und kann sogar verstehen, warum sie an diesen Illusionen festhalten wollen.

Es gibt also keine unmittelbaren Gründe zu handeln und ein geringer Glaube an ein Umdenken bei den älteren Generationen, deren Einischt aber gebraucht wird, um wirklich eine Wende in vielen Bereichen voranzutreiben. Zum Glück gibt es aber Bücher wie dieses, die eben nicht nur mit Fakten in die Debatte eingreifen, sondern sie gleichsam auch, anhand dieser Fakten, emotionalisieren.

In einigen Besprechungen zu diesem Buch wurde der Vorwurf laut, das Buch sei eine Art Abrechnung ohne Lösungsansatz. Dem kann ich nicht zustimmen. Ja, ich würde sogar behaupten, das ist eine fahrlässige oder von absichtlicher Ignoranz geprägte Unterstellung. Was all diesen Rezesent*innen wohl sauer aufgestoßen ist: dass die Autorin sich eindeutig links positioniert und keinen Hehl aus ihren mit dem Thema verbundenen Emotionen macht. Daraus wird ihr dann ein Strick gedreht, aber warum eigentlich?

So lange man die Fakten auf seiner Seite hat, ist Emotionalität kein Handikap. Ich verstehe auch nicht, warum man immer ruhig bleiben sollte, wenn man es mit Dummheit und Ignoranz zu tun hat, die bei all den Themen, die Heinisch behandelt, nicht gerade rare Ware sind. Warum sollen gerade die Dummen und Ignoranten die lautesten sein – wir brauchen kluge, junge Stimmen, die auch laut sind, solange sie wie Heinisch einen wertvollen und konstruktiven Beitrag zur Debatte leisten und die pessimistisch-zynische Kultur in intellektuellen Kreisen ordentlich aufmischen.

Zu “doggerland” von Ulrike Draesner


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Letztens lass ich einen elektrisierenden Gedanken (in Randall Munroes Buch “What if 2”), nämlich, dass alle jetzt lebenden Menschen zwangsläufig von ein paar wenigen hundert Menschen abstammen müssen, mit denen uns eine nie abgebrochene Fortpflanzungskette verbindet. Kein besonders überraschender Gedanke, aber doch elektrisierend, weil darin die generelle Erkenntnis steckt, dass unsere ganze unübersichtliche Gegenwart aus dem entstanden ist, was sich durchgesetzt und überlebt hat (während vieles andere auf der Strecke blieb). Wir stehen sozusagen nicht auf dem Höhepunkt der bisherigen Schöpfung, wir liegen hinter dem Nadelöhr (oder die Gegenwart ist sogar das Nadelöhr).

Und somit ist auch die Vergangenheit nicht einfach die Geschichte vom Wandel, der zur Gegenwart führt, sondern das Zuhause einer Vielfalt, die heute nicht mehr existiert oder nur noch in Fragmenten und Bruchstücken erhalten geblieben ist. “Doggerland” eine Region zwischen Norddeutschland und Großbritannien, vor über 8000 Jahren vom Meer verschlungen, kann als Sinnbild für diese riesige Vergangenheit, die nur in Teilstücken fortlebt, angesehen werden.

Zum einen lebt sie in den Mythen fort, den Geschichten um Atlantis und den Garten Eden, in den gräulichen Phantasien von Lebensraum und Germanentum. Aber man landet auch zwangsläufig in doggerland, zumindest abstrakt, wenn man sich rückwärts in der Sprache bewegt, in einem Raum, in dem sich das Angelsächische und Deutsche annähern, bis zwischen ihnen zahlreiche Funken von Bedeutung überspringen.

Was erhellen diese Funken? Manchmal nur eine fast schon kalauerische Verwandtschaft, aber oft genug kann man im Lichte dieser Funken einen Blick auf die Vergangenheit erhaschen. Wie in einem Teilchenbeschleuniger, werden die Sprachteilchen aufeinander geschossen, mit der ungeheuren Geschwindigkeit, die Jahrtausende in wenigen Sekunden überbrückt, und die Reaktionen reichen von Verpuffen, über Leuchten bis hin zu stabilen neuen Elementen, unbekannten Bausteinen der Wirklichkeit.

Wie viel kann uns die (Sprach)Geschichte über uns selbst sagen? Was aus der Vergangenheit tragen wir in uns mit und inwieweit sind wir diesem Erbe verpflichtet? Diese Fragen sind schwer zu beantworten, aber Draesner liefert mit Doggerland eine Möglichkeit, sich auf ihren Grund zu begeben. Man muss sich teilweise auf ihre Assoziationen einlassen, teilweise kann man aber auch seine ganz eigenen Wege gehen. In jedem Fall erwartet einen eine spannende Reise.

Zu “Averno” von Louise Glück


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Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.”

Wer kennt es nicht, das berühmte Hölderlin-Gedicht, in dem sich die Hoffnungen und Ängste sich im Sinnbild der Jahreszeiten treffen. Was bei Hölderlin sehnsuchtsvolle Beschreibung der Natur im Geiste des Ideals ist, war bei den alten Griechen und später Römern noch teilweise ein Werk der Götter, vor allem einer Göttin, nämlich Demeter.

Die verfiel nämlich in einen solchen Gram, als ihre Tochter Kore/Persephone vom Gott der Unterwelt, Hades, geraubt wurde, dass alle Pflanzen auf der Erde zu verblühen begannen und die Temperatur stetig sank. Zeus erreichte mit seinem Bruder Hades schließlich einen Kompromiss: Die eine Hälfte des Jahres (Sommer und Frühling) verbringt Persephone bei ihrer Mutter auf der Erde, die andere Hälfte des Jahres als Hades Frau in der Unterwelt (Herbst und Winter).

Was hat das alles mit Louise Glück und “Averno” zu tun? Nun, der Kratersee galt den Römern einst als Eingang zur Unterwelt. Und genau wie bei Hölderlin (bspw. im Titel) noch die alte Sage von Persephone mitschwingt – die Idee von einem halben Leben an der Schwelle des Todes, einem halben Leben umgeben von der Erfüllung des Lebens – ist sie auch bei Louise Glück sehr präsent.

Sie ist die Figur, die zwischen den beiden Gegensätzen steht, die Naht zwischen Tod und Leben, die auch wir sind, verkörpert (zumindest als Mythos). Wir alle sind Persephone und wir alle sind gleichsam geraubt und verbannt und können doch platznehmen in den Freuden der Welt, zumindest für eine Zeit.

„ Komm zu mir, sagte die Welt. Ich stand

in meinem Wollmantel an einem hellen Portal –

endlich kann ich sagen

vor langer Zeit; es bereitet mir großes Vergnügen.“

Glücks Poesie hat etwas Martialisches, teilweise auch übertrieben Saumseliges. Aber es gelingt ihr dennoch eine spannende Philosophie des Lebens, das dem Tod versprochen ist, zu entwerfen. Wie gehen wir um mit dieser Endlichkeit, die umgeben ist von einer Unendlichkeit? Was können wir hoffen, was müssen wir glauben, was sehen wir und was sehen wir ein?

Vieles wiegt schwer bei Glück und wer sich auf solch eine schwere Poesie nicht einstellen kann, wird wohl wenig Freude an ihren Gedichten haben. Für wen Poesie aber immer auch eine Auseinandersetzung mit der Geworfenheit des Menschen ist, der oder die wird hier viel Nachdenkenswertes vorfinden, viel poetische Kraft, geschmiedet im Feuer des Dilemmas, der Hoffnung, der Verzweiflung.

Zu “Dinosaurier auf anderen Planeten” von Danielle McLaughlin


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Wenn einige Rezensent*innen diese Debütautorin mit den unnachahmlichen Alice Munro und dem berühmten William Trevor vergleichen, sind die Erwartungen zwangsläufig hoch. Ich glaube nicht, dass Danielle McLaughlin diesen Standard ganz erfüllt, dennoch handelt es sich bei “Dinosaurier auf anderen Planeten” um eine vielversprechende Sammlung von Geschichten, die im Laufe der Zeit an Schwung gewinnt.

Wollte man die Geschichten in etwa auf einen Nenner bringen, könnte man sagen, dass diese meist eher leisetretende Sammlung vor allem vom vereinzelten Individuum erzählt, ihren sich entwickelnden Platz in einem oft ungewissen, immer geheimnisvollen Universum beschreibt. Wie einst bei Raymond Carver ist die titelgebende Geschichte die letzte und enthält folgende Beschreibung (es geht in der Geschichte um einen kleinen Jungen, der glaubt, einen Dinosaurierschädel entdeckt zu haben): “Es gab Sterne, Millionen von ihnen, die vertrauten Konstellationen, die sie seit ihrer Kindheit kannte. Sie waren weißglühende Wolken aus Staub und Gas, und wenn man ihnen zu nahe kam, konnte das Licht einen blenden.”

Tiere kommen in Dinosaurier auf anderen Planeten nicht gut weg, ebenso wenig wie in vielen Fällen Eltern-Kind-Beziehungen oder Beziehungen zwischen Liebenden. Eine besonders beunruhigende Geschichte, “Eine andere Gegend”, handelt von einer unbedarften, naiven Frau namens Sarah, die mit ihrem neuen Freund Jonathan zum Haus seines Bruders Aidan und dessen hochschwangerer Freundin Pauline reist. Während die Wehen bei Pauline einsetzen, wird Sarahs Unschuld erschüttert, als sie von den beunruhigenden und geheimnisvollen Aktivitäten der Brüder erfährt.

Ein andere Geschichte handelt von einer gestressten Ehefrau, deren arbeitsloser Ehemann mit ihrem psychotischen kleinen Sohn zu Hause bleibt. Die Spannung steigt, während wir die Besessenheit des Sohnes von toten Enten miterleben und ein Wanderprediger, der wie Angelina Jolie aussieht, auftaucht, ebenso wie ein verdorbener Mann, der der Grund für das Unglück sein könnte.

Mit psychologischem Scharfsinn gestaltet Danielle McLaughlin ihre Geschichten, die gegen Ende – größtenteils – Auflösung, Entfremdung und in einigen Fällen Erlösung mit sich bringen.

Unterhaltsam, voller Anstöße


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Die vom Frauennetzwerk „Sorority“ herausgegebene Anthologie „Die hat sich doch hochgeschlafen“ bietet, dies vorweggeschickt, eine intelligente und dabei höchst unterhaltsame Lektüreerfahrung. Trotzdem lässt der Titel einige Vorstellungen aufkommen, die das Buch nicht erfüllen kann.

So muss klargestellt werden, dass das Buch kein Nachschlagewerk für kurze, schlagfertige Retourkutschen und Argumente gegen Sexismus ist. Es ist mehr eine Ansammlung von Pamphleten, die natürlich nicht nur auf Verve, sondern auch auf Fakten aufgebaut sind, aber nichtsdestotrotz einen Tick zu oft die emotionalen Aspekte der Debatten forcieren, um noch als schlichte Anleitungen durchzugehen. Es sind Kampfansagen

Das ist in meinen Augen kein Fehler, sondern ein Feature, denn es zeigt, was bei diesen Debatten auf dem Spiel steht und wie wichtig es ist, Vorurteilen und Scheinargumenten entgegenzuwirken und die Systeme dahinter, und letztlich das ganze Patriarchat, abzuschaffen.

Und dafür hat man sich mit Lady Bitch Ray und Stefanie Sargnagel und Laura Wiesböck u.a. einige bekannte und tolle Autor*innen geholt. Man merkt auch sofort in deren Beiträgen, dass sie nicht nur ziemlich viel zu ihren jeweiligen Themen zu sagen haben, sondern dass diese Kenntnisse auch ein ganzes Buch, zumindest einen längeren Beitrag fühlen könnten.

Das ist das zweite Problem, dass es in vielen Texten bei Ansätzen und Aufrufen bleibt. An sich überhaupt schön, wenn man heute noch ein Buch mit vielen klugen Anstößen in die Hände bekommt, aber ein ums andere Mal vermisst man dennoch schmerzlich eine ausformulierte und breiter aufgestellte Argumentation/Darstellung.

Trotzdem ist da Buch sicherlich kein Fehlkauf und gerade wer in feministischen Themen nicht besonders up-to-date ist, kann sich hier ziemlich schnell auf den neusten Stand bringen.

Geht so


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„Über dir hängt Schwermut an der Wand

wie eine sehr alte Girlande,

mit einem Meer aus Elefanten

und Betonluftballons dran,

die geformt sind wie Monster.

[…]

Ich wollte immer wie die anderen sein .

Nur dass das absolut nichts bringt

und dass das absolut nicht geht,

weil es die anderen ja schon gibt.“

Lange habe ich mich dem Hype um Julia Engelmann entzogen. Poetry-Slams waren noch nie mein Fall, vor allem poetische Poetry-Slams nicht, und auch als Engelmanns Texte anfingen als Bücher zu erscheinen, hielt ich noch Abstand. Zu groß schien mir die Gefahr, dass mir, als passioniertem Lyrikleser, ihre Texte wie dilettantische Verse vorkommen würden, nicht auf der Höhe der Zeit.

Nachdem mir aber wieder und wieder einige Leute erzählten, wie schön die Autorin schreiben würde und wie wichtig diese Texte wären, habe ich diesen Best-of-Band zum Anlass genommen, mir Engelmanns Gedichte einmal anzuschauen.

„Ich würde so vieles sagen, aber bleibe meistens still

weil – wenn ich das alles sagen würde,

wäre das viel zu viel.“

Leider muss ich sagen, dass meine Befürchtungen größtenteils eingetroffen sind und in Summe kann ich mit den Texten wenig anfangen. Das liegt vor allem an zwei Aspekten.

Zum einen ist es offensichtlich, dass Engelmann wenig bis gar keine zeitgenössische Lyrik gelesen hat. Das ist keinesfalls ein Muss für das Schreiben von Gedichten hier und heute (oder eine Garantie für deren Qualität), aber es ärgert mich. Denn es gibt viel gute Lyrik da draußen und Engelmann könnte einiges von ihr lernen (bspw. manches über Ökonomie).

Zum anderen, und das ist der wichtigere, zentrale Punkt: Mir geht die „Sorge dich nicht, lebe“-Atmosphäre des Buches auf die Nerven. Ich bin gewiss kein Befürworter von ungebremsten Zynismus, in der Kunst oder sonstwo, verschmähe keine Happy Ends und lasse mich gern mal von Positivem mitreißen. Aber bei vielen Gedichten in diesem Band habe ich mich dann schon gefragt: ist das noch Poesie oder schon Seelenpetting, Syntax oder Self-Care, Ambivalenz oder doch nur ami volare?

Ich will nicht den Gate-Keeper spielen und entscheiden was Lyrik ist und was nicht, aber müsste ich das Buch labeln, würde ich es eher unter Selbsthilferatgeber einsortieren und nicht bei den Gedichten. Dafür spielt es auch viel zu selten wirklich eine Rolle, dass der Text ein Gedicht ist, es hat selten etwas mit dem zu tun, was er vermitteln soll.

„Keine Ahnung, ob das Liebe ist,

vielleicht werde ich das nie wissen.

Aber immer, wenn du bei mir bist,

hör ich auf, dich zu vermissen.“

„Du machst mich espressowach,

bin lange nicht mehr weggeschlummert,

weil in meiner Brust der Bass

so laut gegen die Decke wummert.

Hörst du nicht? Die Nachtigall

singt vierundzwanzigsieben.

Wärst du mit mir zum Abiball

gegangen, wär ich geblieben.“

Die einzige Kategorie in der es noch Lichtblicke gibt sind die Liebes-/Beziehungsgedichte. Hier gibt es ein paar ausgefallene Bilder, ein paar Ambivalenzen, ein bisschen weitläufigere Ansätze. Trotzdem bin ich unter dem Strich einfach nicht so angetan wie viele von Frau Engelmanns Texten. Das wird der Begeisterung, die ihr entgegenbrandet, keinen Abbruch tun und soll es auch nicht.

„mein Herz ist das Berghain

und du kommst nicht rein“

Poetisch-heftige Körperlichkeit


Es ist nach wie vor selten, dass Körperlichkeit authentisch und umfassend dargestellt wird, vor allem weibliche Körperlichkeit. Ich kannte bis dato ein gutes Buch von Brigitte Giraud zu diesem Thema, sowie einige Passagen in den Werken von Annie Ernaux, ein paar Stellen in „Hautfreundin“ von Doris Anselm, Margarete Stokowskis „Untenrum frei“ oder auch Juli Zehs „Spieltrieb“, vielleicht auch in Alice Walkers „Die Farbe Lila“ (auch zu nennen ist Franka Freis “Periode ist politisch”).

Während Mutterschaft und Sexualität in diesen und anderen Publikationen mittlerweile relativ gut, wenn auch nicht ausreichend abgedeckt werden, ist es vor allem die andere Seite, die Geschichte der Beschwerden und Krankheiten, der Vergänglichkeit, die seltener erzählt wird. Und gerade auf diesem Gebiet hat Sinéad Gleeson in ihrem Buch „Konstellationen“ Erstaunliches vollbracht.

Anhand verschiedenster Krankheiten und Entwicklungen, die sie durchlebt hat (Knochenfehlstellungen, Krebs, Alterserscheinungen) schildert die Autorin ihr Verhältnis zu ihrem Körper; und dessen Ingredienzien wie Blut oder Haare, die zwar zu ihr gehören, da sie den Körper, durch den sie fließen bzw. an dem sie wachsen, bewohnt, aber auch ein Eigenleben haben, das sich fast schon losgelöst von ihr betrachten lässt.

Diese Betrachtungen zur Losgelöstheit vom Körper, an den man doch aber gleichsam gebunden ist, unwiderruflich, sind von großer Eleganz und doch wohnt ihnen eine unwiderrufliche Heftigkeit inne. Gleeson konfrontiert die Leser*innen mit der Zerbrechlichkeit der Materie, aus der sie bestehen – so gern wir uns auch als Geist in der Maschine Körper sehen. Es ist aber die Sprache des Körpers, die letztlich auch unsere Sprache ist.

Der Geist vermag dennoch viel, zum Beispiel Bücher zu schreiben. Gleeson ist ein ganz wichtiges, starkes gelungen.

Widerständiges


Gestern, am ersten November 2021, wäre Ilse Aichinger 100 Jahre alt geworden. Es gibt wohl nur wenige moderne Schriftstellerinnen, denen trotz eines so schmalen Werkes eine so große Verehrung zuteil geworden ist ihr. Sie gilt als Meisterin der kurzen Prosa, ist so etwas wie eine literarische Ikone und es gibt wohl kaum eine*n Student*in des kreativen Schreibens (oder auch der Germanistik, Literaturwissenschaft, etc.), die*der nicht mit ihrer Spiegelgeschichte in Berührung gekommen ist oder mit sonst einer ihrer filigranen Erzählungen.

Nun ist zum Anlass ihres Geburtstags bereits Ende September dieser Band mit (genau hundert) verstreuten Publikationen erschienen, deren Spanne vom Jahr 1948 bis zum Jahr 2005 reicht. Betitelt ist der Band mit „Aufruf zum Mißtrauen“, ein programmatischer Titel (und der Titel eines Textes im Buch), der gewisse zentrale Aspekte von Aichingers Schreiben und Denken gut zusammenfasst, aber zumindest auf mich auch ein bisschen irreführend wirkt, so als handle es sich bei den verstreuten Publikationen vor allem um Glossen, Pamphlete und dergleichen.

Das ist nicht der Fall, vielmehr erwartet die Leser*innen ein Mix aus Gedichten, Feuilleton, Briefen, Beiträgen für Anthologien und andere Gelegenheitsschriften, dramatischen Fragmenten/Szenen, u.v.a.

Die Beiträge sind chronologisch geordnet, es gibt keine Gruppierung/Einteilung nach Art der Texte, was zunächst etwas beliebig anmutet, aber den Leser*innen eben die Gelegenheit gibt, dem einzigen roten Faden des Buches zu folgen, nämlich der mannigfaltigen Darstellung von Aichingers Positionen und ihrer Entwicklung.

Ich muss zugeben, dass ich mich, obwohl durchaus begeisterter Aichinger-Leser, mit dem Band etwas schwergetan habe. Das Konzept (100. Geburtstag = 100 Texte) klingt zunächst griffig, aber in der Praxis hätten vielleicht etwas weniger Texte dem Band gutgetan. Denn mancher Beitrag wirkt, trotz seiner unbestreitbaren Relevanz für die Aichinger-Forschung, deplatziert, weil nicht unbedingt von Interesse für Leser*innen, die sich mit Aichinger als Autorin, aber nicht unbedingt als Person auseinandersetzen wollen.

So erscheint der Band streckenweise weniger wie ein Lesebuch, das unbekannte Glanzstücke Aichingers dem Publikum präsentieren soll, und mehr wie eine Werkausgabenkomplettierung (was aber vermutlich nicht der Fall ist, denn es ist unwahrscheinlich, dass die Zahl der Beiträge ein Zufall ist).

Trotzdem gibt es natürlich einige wichtige und auch starke Beiträge. Besonders interessant fand ich Aichingers Auseinandersetzung mit den Geschwistern Scholl. Aber auch ihre Gedanken zu Thomas Bernhards „Heldenplatz“, zu Gert Jonke und der Gruppe 47 fand ich sehr anregend, ebenso eine Rezension zu einem Buch von Julian Schutting. Und gefreut habe ich mich, dass auch ein paar mir unbekannte Gedichte von Aichinger enthalten sind.

Meine Bedenken habe ich angebracht und abseits dieser will ich von Kauf und Lektüre des Bandes nicht abraten. Es stellt einen guten Querschnitt durch unterschiedlichste Aspekte von Aichingers Werk und Wirken dar. Vielleicht ist auch gerade die unterschiedliche Relevant der Beiträge für manche Leser*innen eine spannende oder angenehme Abwechslung.