Author Archives: trishen07

Zu “Giuseppe Mazzini” von Eva Wegensteiner-Prull


Giuseppe Mazzini “Es ist mir ein Bedürfnis über diesen Mann in seiner schicksals-schweren Zeit zu schreiben. Es soll keine wissenschaftliche Abhandlung und kein reines Geschichtswerk sein, von denen es zumindest in italienischer Sprache genügend gibt.”

Stattdessen soll es um das “abenteuerliche Leben” von Giuseppe Mazzini & dessen Stationen und immer wieder um seine Liebe zum Menschen, zur Literatur und zur Einheit Italiens gehen – ein durch und durch geglücktes Unternehmen, wenn man auch hier und da den Eindruck hat, dass die Geschichte in manchen Episoden allzu schnell vorbeisaust, was bei einem Buch diesen Umfangs aber unvermeidlich ist. Die Begeisterung, die Eva Wegensteiner-Prull dabei anbringt, entschädigt für vieles und erinnert in Teilen an die fast schon hautnahen und zutiefst humanistisch-emotionalen Geschichtswerke von Stefan Zweig (wie etwa “Castellio gegen Calvin” oder “Joseph Fouché”).

Als einziges Manko ließe sich anführen, dass das Buch sehr unkritisch gegenüber seinem Objekt, der Person Mazzinis, ist – was aber wiederum nicht zu stark ins Gewicht fällt, da es erstens die erklärte Absicht des Textes ist, die Vision Mazzinis und sein Leben, nicht aber dezidiert seine Erfolge und Verfehlungen zu beschreiben und auch keine kritische Biographie angestrebt wird, und zweitens da Mazzinis Lebensweg anscheinend wenig Beanstandenswertes enthält, zumindest was seine politischen Lösungen und Taten angeht. Gerade bei Freiheitskämpfer*innen wird das Pathos ja schon mal gerne weit entfernt vom Ethos aufgebaut. Bei Mazzini scheint dies selten der Fall gewesen zu sein, auch wenn er durchaus daran glaubte, dass man für die Freiheit kämpfen und also auch töten muss.

Ich habe dies kleine Büchlein, das schön, aber zumeist zweckdienlich und nicht übermäßig, illustriert ist (zum Beispiel mit einer Landkarte Italiens anno 1815, Portaits, etc.) gern gelesen und war teilweise überrascht, dass mir der Name Mazzini bisher kein Begriff war, trotz all seiner Schriften und Ideen. Einiges von dem, was er schrieb, weist ihn als einen der frühsten Vordenker eines Europas der verbündeten Nationalstaaten aus – eine Idee, die noch die Feuer zweier Weltkriege brauchte, um aus dem Schatten jahrhundertelanger Rivalitäten und Herrschaftsansprüche zu treten.
Die Entbehrungen, die er zu Lebzeiten ertragen musste, sind zwar nichts Neues in den leidensreichen Breiten der Geschichte, wo oft die engagierten Menschen in ungemütlichen Unterschlüpfen ausharren müssen, aber sie rühren doch im Angesicht seines Glaubens an seine hehren Ziele.

Alles in allem ersetzt dieses Buch selbstverständlich keine Biographie, dafür gelingt ihm gekonnt eine Illumination der Person Mazzinis. Lesenswert!

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Zu dem komisch-kosmisch-lehrreichen Werk “Warum landen Asteroiden immer in Kratern?”


Warum landen Asteroiden Wie soll man aus dem Universum noch schlau werden! Es ist nicht nur mega-unübersichtlich (im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man gerade kein Hubble-Teleskop zur Hand, bzw. zum Auge hat), diese Unübersichtlichkeit wird durch Betrachtungsweisen, Gerüchte, Mythen, Fakes, Widerrufe, Missverständnisse, Definitionen etc. dermaßen gemehrt, dass es an ein Wunder grenzt (wenn man denn an Wunder glaubt – und wie groß sind eigentlich Wunder? Kann etwas an sie grenzen?) wenn man als Laie überhaupt noch etwas Gesichertes darüber verlautbaren kann, wenn es um komplexere Zusammenhänge als Schwerkraft, den Urknall und Katzen, denen man ein Marmeladenbrot auf den Rücken bindet, geht.

Die österreichischen Science-Busters Puntigam, Freistetter und Jungwirth hat sich dazu entschieden, dem ganzen Chaos auch noch Humor beizumengen, wohl in der Hoffnung, dass er eine klärende, katalysatorhafte Wirkung hat. Eine berechtigte Hoffnung! Zwar entfernt sich das Team ein ums andere Mal von ihren skurril auftrumpfenden Kapitelüberschriften, um doch etwas bodenständigere Wissenschaft zu betreiben, aber diese Lehrstunden sind nicht nur in sich oft verblüffend, sondern mit vielen Unterhaltungseinlagen garniert, vom Slapstick bis zum subtil-philosophischen Haken, den manche Aussage dann doch, sprachlich oder sachlich, an sich hat. Wenn es beispielsweise um die Frage: “Wie lang ist ein Meter geht”, heißt es einleitend:

“Wenn sie einmal in Ihren Spamordner schauen, werden Sie feststellen, dass es vielen Menschen nicht egal ist, wie lang etwas ist.”

Und egal ob es um Mythen über Mücken (Pardon: Gelsen!) und Licht geht, darum wie der Mars sich vielleicht noch ein bisschen gemütlicher machen lässt, wenn man ihn nur ein bisschen mit Asteroiden umschmeichelt, oder um das, was Viren so beim Wirt besprechen: man wird prächtig informiert und unterhalten, auch über neuste wissenschaftliche Errungenschaften und Erkenntnisse. Auch die Ehre des Weizenklebstoffes wird ein bisschen wieder hergestellt, damit am Ende gesagt werden kann: es hat sich doch noch alles zum Gluten gewendet!

P.S.: Es muss doch nicht immer auf die alternative Medizin eingedroschen werden, oder? Wie sagte der Barde: Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden als die Schulbuchweisheit (und sei sie auch witzig) sich träumen lässt.

Zu “Empirisch belegte Brötchen” von Marco Tschirpke


Empirisch belegte Brötchen „Auf einer Bogenlampe,
Vertieft in ihr Gefieder,
saß gurrend eine Taube
Und schiss auf dich hernieder.“

Am Anfang war ich schlicht unterwältigt. Ein paar Schenkelklopfer, ein paar Schmunzeleien. Aber Marco Tschirpke vermochte nicht, mich wirklich in Erstaunen zu versetzen, mit seinen Geschichten und gereimten Pointen. Das wirkte doch alles sehr brav, sehr glatt und wenig hintersinnig. Nett, aber nicht spaßig.

Wäre es dabei geblieben, hätte ich sagen können: gut, ist halt nicht mein Humor, funktioniert vielleicht auf der Bühne irgendwie besser und man sollte ja auch bedenken: dem Kleinkünstler Tschirpke dürfte der Erfolg seines letzten Buches im Nacken gesessen haben (und der Verlag war sicher auch an einer schnell folgenden Publikation interessiert). Und immerhin: einige Einzeiler und Kürzestgeschichten schloss ich dann doch ins Herz. Wie etwa eine kurze Geschichte der 68er Bewegung, die noch auf eine angenehme Weise respektlos und hämisch daherkommt.

„Sie wollten die Vereinigung aller Proletarier. Sie erreichten die Mülltrennung.“

Bereits zu Anfang ging mir allerdings Tschirpkes immer wieder eingestreute, geradezu aufgesetzte Selbstironie auf den Senkel. Die sollte zwar erste Wahl des Kabarettisten und Spaßmachers sein, sonst kann man ihn irgendwann nicht mehr ernst nehmen, aber bei Tschirpke wirkt sie manchmal dermaßen aufgesetzt und fadenscheinig, dass man nur die Augenbraue hebt und nicht die Mundwinkel.

Groteske Züge nimmt dieses Thema in einem, im Buch abgedruckten, Briefwechsel an, bei der die Direktorin des August Macke Hauses Bonn ein in der ZEIT veröffentlichtes Gedicht von Tschirpke wegen des laschen und fahrlässigen Umgangs mit historischen Fakten, betreffend die Person August Mackes, kritisiert (völlig zurecht, meiner Meinung nach).

Es ist schon sehr frech, wie Tschirpke darauf reagiert und z.B. als einzige Quelle Wikipedia nennt. Bei einem schon ziemlich diffamierenden Gedicht ist so ein laxes Vorgehen einfach nur daneben. Aber dass er diesen Briefwechsel hier abdrucken lässt, als wäre er eine Geste der Selbstironie oder als hätte das Ganze Unterhaltungscharakter, das schmeckt schon sehr nach übereifriger Selbstinszenierung. Nach schlechter, heuchlerischer.

„Heute an einem Spiegel vorbeigelaufen und festgestellt, dass ich überhaupt nicht meinem Schönheitsideal entspreche.“

Es ist leicht zu verurteilen und gerade über Humor lässt sich streiten: Was ist Anecken, was Beleidigen? Was ist Satire, was Schmiererei? Was ist unbequeme Parodie mit Entlarvungscharakter und was ist plakative Tumbheit? Das sieht sicher jeder anders. Und eigentlich darf die Komik ja vieles, fast alles – sie ist das anarchische Ventil einer Gesellschaft.

Was mich bei Tschirpke aber aufregt, ist, dass seine (nicht unbedingt zahlreichen, aber dennoch vorhandenen) Geschmacklosigkeiten eben nicht anecken oder entlarven, sondern es sich schlicht und einfach: einfach machen. Und oft sind sie darüber hinaus unnötig. Wie zum Beispiel das Gedicht „Im Eifer des Geschlechts“:

„Goethe hatte Mitarbeiter:
Männer gut und ganz bei Sinnen.

Brecht, als Liebhaber gescheiter,
Hatte Mitarbeiterinnen.“

Das ist, pardon, einfach nur chauvinistisch. Ein Schnellschuss mit einem ungelenken Reim, der wirklich wehtut. Schenkelklopfer finde ich okay, sogar Groschenhumor mag noch angehen und so mancher Witz über Männer und Frauen gehört nun mal dazu (ich mag sie nicht, aber ich will auch nicht von der Moral zum Moralisieren übergehen, wenn es um ein Späßchen geht). Aber so ein Gedicht, das ist schlicht sexistisch und unnötig.

Genauso daneben und billig, auch nach dem Motto „leicht gemacht“, dieses Gedicht:

„Heute fielen von den Bäumen
Lolitas ohne Zahl.
Jetzt lümmeln sie im Rasen
Und stecken ihre Nasen
In Bücher ihrer Wahl.

Die eine liest Nabokov,
Die andere Christoph Hein,
Die dritte Grass-Gedichte.
Ach, guck ma, jetzt erbricht se
Sich in das Buch hinein.“

Es ist fraglich, ob Herr Tschirpke viele Grass-Gedichte gelesen hat. Es gibt da sicher einige problematische, aber auch einige sehr schöne. Pauschalurteile sind hier in jedem Fall fehl am Platze.
An dieser Stelle muss ich mir natürlich an die eigene Nase fassen: Warum reite ich auf diesen wenigen Beispielen so herum, wo doch ein ganzes Buch mit teilweise ganz netten Texten vor mir liegt?

Ganz klar: meine vernichtend anmutende Kritik an diesem Buch ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich habe meinen Fokus auf das Problematische gelegt und bin diesem Ansatz gefolgt. Es wird ohnehin genug (berechtigte) Lobeshymnen geben.

Humor hat meiner Meinung nach, gerade weil er eigentlich alles darf und weil Witze eben nicht nur mit Unerwartetem, sondern auch mit Bekanntem, mit Vorurteilen etc. arbeiten, eine moralische Verantwortung. Nicht in dem Sinne, dass er nicht anecken darf. Er darf sogar politisch unkorrekt sein, wenn er diese Position reflektiert, wenn er um den doppelten Boden weiß – man lacht manchmal, weil ein Reflex bedient wird und manchmal, weil man Zusammenhänge erkennt. Diesen doppelten Boden vermisse ich bei Tschirpke. Seine Texte wirken zumeist eindimensional.

Es gibt einiges in diesem Buch, das dennoch gelungen ist, keine Frage; einer meiner Lieblingstexte ist zum Beispiel ein kurzer Essay über Techno; dessen süffisant-kritische Einstellung fand ich sehr erfrischend. Und auch die einfache Häme kann, wenn man ihrer Meinung ist, ja durchaus anziehend sein, wie ich bei diesem Gedicht feststellen musste:

„Ihr, die ihr Revolverblätter
Herstellt: Lob will ich euch singen
Wollte ihr vom Springer-Hochhaus
Endlich auch mal runterspringen.“

Ich habe das Meinige gesagt; es ist nicht das Alleinige, was es hier zu sagen gäbe. Ich hoffe, diese Kritik wird als das wahrgenommen, was sie ist: eine Kritik und nicht der Wunsch, sich auf dem Rücken eines Werkes moralisch zu profilieren.

Zu “Orientreisen” von Annemarie Schwarzenbach


Annemarie Schwarzenbach Die Griechen haben das Wort erfunden, schwer und volltönend wie eine farbige Abendstunde vor dem Erlöschen: Melancholie. Der Balkan war voll davon – nur eine Ahnung ließ uns die flüchtige Durchfahrt von Ländern, Grenzen, Gebirgen und Hauptstädten – aber welche unerlöste Folge von Stunden, welch langsamer Abend, welches Einschlafen unter dem Druck dieser grauen Berge und bräunlicher Ebenen.

Annemarie Schwarzenbach ist eine Schriftstellerin, die es wiederzuentdecken gilt. Nicht nur ihre Erzählungen wie bspw. „Eine Frau zu sehen“ oder ihre lyrische Novelle, sondern auch ihre Reiseberichte 1939/1940 aus Turkmenistan, der Türkei, Iran und Irak sind heute immer noch lesenswert. Mit überbordender Behutsamkeit beschreibt die frühverstorbene Kosmopolitin Landschaft, Leute und Atmosphären einer Welt, vor der für die meisten Leute heute der Schleier von Krieg und Terror hängt, die aber mit einer großen Schönheit und einer unermesslichen Fülle an Kulturgut gesegnet war und ist.

Einige der Texte sind vor Ort und während der Reise verfasst, andere in den USA, im Rückblick. Nach 1940 sollte Annemarie Schwarzenbach zwar noch nach Afrika, aber nie mehr in den Orient fahren.

Könnte ich doch den Hergang und Fortgang dieser nun beendeten Reise erzählen! Mit allen überstandenen Prüfungen, Gefahren, Magien. Unvergeßlichkeiten, – und noch einmal in der sanft geschwungenen Buch von Bandra liegen, die Augen ausruhen lassen im Pastell von Himmel und Meer, dem versinkenden Horizont.

Es liegt etwas Haltloses in ihrer stürmischen, aber keineswegs manieristischen Prosa; das Narrativ bleibt immer die Sehnsucht, egal ob sie gerade erfüllt wird oder nicht mehr erfüllt werden kann oder sich gerade aufbaut, türmt in der Erwartung.

Da die Texte vor Ort sich mit den Rückblicken immer ein bisschen abwechseln, wirkt der Verlauf wie ein gut inszenierter Film auf zwei Ebenen: Annemarie Schwarzenbach im Orient, Annemarie Schwarzenbach in den USA. Zweimal dieselbe Person, aber mit ganz anderen Umgebungen, die sich deutlich in ihrer Wahrnehmung und Verfassung niederschlagen.

Die Berichte (den Berichte sind es eher als Reportagen), sind sehr angenehm zu lesen und man lässt sich leicht von dem Zauber des zu Entdeckenden und von dem Nimbus der Freiheit darin anstecken. Ein schönes Buch, mit dem der Verlag ebersbach & simon (nach dem wunderbaren Buch Fast eine Liebe über Carson McCullers und Annemarie Schwarzenbach und zahlreichen anderen) mal wieder beweist, wie nachhaltig und qualitativ hochwertig er sich für die weibliche Literatur einsetzt!

Zu “Berlin. Danziger Straße” von Hans Augustin


Berlin danziger „andernorts wird geschlachtet
geplündert
verbrannt
ausgehungert
zerrissen
zerstochen

bei uns
sind die Türen
geölt“

Was für Zeiten: Fukushima, Geflüchtete, internationale Konflikte, Terror, Wirtschafts- und Klimakrisen, alte Schatten kommen wieder auf und eine neue Form der Ignoranz wuchert durch jedes Glasfaserkabel. Die einen haben Angst, die andern haben Wut und obwohl es uns noch gut geht, glauben manche es ginge anderen zu gut, mit deren Hände Arbeit wir unseren Wohlstand zusammengerafft haben.

Was für Zeiten. Zeiten für Gedichte. Für Gedichte, die sich engagieren und besinnen.

„wir verweigern uns
der Suche nach den Wörtern
für die Fragen
die Gehirne und Herzen
zum Einsturz bringen könnten“

Gedichte, wie zum Beispiel die von Hans Augustin, der mit „Berlin. Danziger Straße“, einen Lyrikband vorlegt, dem eine gute Balance zwischen ruhiger Entfaltung und klarer Ansage gelingt. Vieles in diesem Band ist politisch und/oder gesellschaftlich relevant, aber statt sich im Ton zu vergreifen, ist der Ton der Verse fein justiert, glänzt, blitzt auf, schneidet manchmal.

„und der kleine
unausrottbare
ganz persönliche Traum
vom Kapitalismus
döst zufrieden
zwischen Grillwurst
und neuem Auto“

Und neben dem Kritischen findet der Band auch viel Zeit für das Besinnliche, das Lyrische. So lapidar die Gedichte oft auch daherkommen mögen – die vielen kleinen Beschwörungen, das spieldosenhafte der Verse, die kurzen Momente der Melancholie, der Zärtlichkeit, des Blicks, der über die Dinge hinaus- und in sie hineinreicht, das alles lässt die simpel anmutenden Texte leuchten. Unscheinbar, berühren sie doch die Nervenenden, stiften Gedanken, Gedenken, Gefühl. Manchmal auch durch einen Schuss Profanität, eine Elegie des Einfachen. Gewöhnliches, wie:

„wenn Milch für den Kaffee
anbrennt
und an den Schuhen
die letzten Tage kleben
über Feld und Wald“

Die Eingängigkeit der Verse verleiht ihnen eine unverwüstliche Nahbarkeit. Ein-zweimal ist diese Eingängigkeit auch etwas fehl am Platze, wirkt zu strikt durchgezogen, zu unflexibel. Aber alles in allem ist Augustin ein vorzügliches Lyrikwerk gelungen, das einem ein-zwei Stunden gedankenanstoßender Lektüre verschafft.

„Ein Mond
aus dem Etui
die Wiesen sind
matt poliert
das Häuschen
am Wehr seufzt
und das
seit hundert Jahren“

Zu der Biographie von James Tiptree Jr. alias Alice B. Sheldon von Julie Phillips


James Tiptree Jr. Aber hinter jeder Fassade einer Alice, die »Haltung« besaß und sich anpasste, existierte eine andere Alice, die ahnte, dass das alles Schwindel war, und die sich danach sehnte, zu fliehen. Sie sagte einmal, sie habe in seelischen Krisen »eine große Schwäche für die simple Lösung – den einen, drastischen Befreiungsschlag.«

Bis heute trägt ein Science-Fiction & Fantasy-Preis ihren Namen; ein Preis, verliehen für ein Werk, welches die Geschlechterrollen untersucht und auf diesem Gebiet zu neuen Bereichen und Erkenntnissen vorstößt. Sehr passend, trägt der Preis doch nicht ihren wirklichen Namen, sondern den ihres männlichen Pseudonyms: James Tiptree Jr. (abstammend von einer Marmeladenmarke, auf die das Auge der Autorin zufällig beim Einkaufen fiel, kurz bevor sie ihre ersten Geschichten aussandte).

Alice B. Sheldon, wie sie eigentlich hieß, hatte bereits ein bewegtes Leben hinters ich, als ihre Geschichten erstmals unter dem Namen Tiptree erschienen und bald schon zahlreiche Preise und Ehrungen abräumen sollten.
Sie war aufgewachsen in einer wohlhabenden Familie, mit sehr liberalen Eltern. Ihre Mutter war durch Reiseberichte zu einer kurzzeitig wohlbekannten Schriftstellerin geworden. Mit ihren Eltern bereiste sie Afrika und Europa, versuchte sich zunächst als bildende Künstlerin, schrieb immer wieder nebenher und arbeitete schließlich lange für die US-amerikanischen Nachrichtendienste, u.a. auch für die nach dem 2. Weltkrieg gegründete Central Intelligence Agency, kurz: CIA. Nach einem Psychologiestudium fand sie erst spät und auf Umwegen zu dem Genre, dass sie in kleinen Teilen revolutionieren und entscheidend weiterdenken sollte: Science Fiction.

Julie Phillips minutiöse Biographie ist eine Mammutleistung, eine bestechend-umfassendes Lebensschau, auf allen Gefühlseben und in jedem Lebensabschnitt. Die Autorin versteht es, Alice Existenz sensibel zu sezieren und vor allem ihr Innenleben hervorragend einzufangen. Sie zeigt ihre enorme Eigenwilligkeit und ihre Stärke, verschweigt aber nicht ihr Hadern und die (vor allem gegen Ende) schwierigen Lebensumstände. Es gibt Passagen, die geradezu aufwühlend sind und manchmal fließt der Text auch dahin als läse man keine Biographie, sondern die Erzählung eines erdachten Lebens; spannend und gut inszeniert.

Die (vor allem männliche, auf jeden Fall männlich dominierte) Sci-Fi-Community dachte nicht einmal daran, dass James Tiptree Jr. jemand anders als ein Mann sein könnte und so rühmten sie seine Meisterschaft im Bereich des männlichen Erzählens – es wurde als zusätzliche Errungenschaft gepriesen, dass es hier einem Mann sogar gelungen war, sehr glaubhafte Frauenfiguren zu erschaffen.
Ob Alice B. Sheldon unter ihrem eigenen Namen solche Lobeshymnen empfangen hätte? Wohl nicht zu Lebzeiten. Doch bei ihren Erzählungen, die man nur empfehlen kann, weiß zum Glück heute jeder, dass sie von einer Frau verfasst wurden. Bei Werken aus früheren Epochen hätten Zeitgenossen und Nachfolger diesen Umstand möglicherweise verschwiegen und vertuscht.

In jedem Fall: wunderbar, dass der Septime Verlag nicht nur das Werk von Sheldon/Tiptree Jr. neu aufgelegt und editiert hat, sondern auch diese Biographie. Sie ist kein Muss für Fans der Storys, aber ein großartiges Werk, wenn einen die Erzählungen und ihre Autorin faszinieren.

 

Zu Mascha Kalékos Gedichtband “Verse für Zeitgenossen”, neu aufgelegt bei dtv


Verse für Zeitgenossen besprochen beim Signaturen-Magazin.de