Author Archives: trishen07

Zu dem wunderbaren neuen Gedichtband von Hellmuth Opitz: “In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten”


besprochen beim Signaturen-Magazin.de

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Zu Durs Grünbeins Gedichtband “Zündkerzen”


besprochen beim Signaturen-Magazin.de.

Backlink (http://www.suhrkamp.de/buecher/zuendkerzen-durs_gruenbein_42753.html).

Zu Lindsey Lee Johnsons gut komponiertem Debüt “Der gefährlichste Ort der Welt”


Weil der Boden unter ihren Füßen sich täglich, stündlich verschob. Weil sich alle an ihren Platz in der sozialen Ordnung klammerten. Es gab die Tänzerin, den Schönling, den Spezialisten, das reiche Mädchen, die beste Freundin des reichen Mädchens. Es gab die Grüppchen, die sich in der Vormittags- und Mittagspause bildeten, und das Wissen darum, dass man im Handumdrehen von diesen Gruppen ausgeschlossen werden konnte. Jeder Einzelne von ihnen. Sie taten, was sie konnten, um zu überleben.

Mill Valley ist ein (real existierender) kleiner Ort in der San Francisco Bay Area, nicht weit entfernt von der Golden Gate Bridge. Es gibt eine Middle-School und eine High-School, die Familien sind zum größten Teil wohlhabend und das überschaubare Stadtbild, die umliegenden Berge, das Meer und riesige Mammutbäume lassen den Gedanken an eine Oase aufkommen, einen Platz vor der Welt, in dem wenig oder gar nichts Prekäres passiert. Somit bietet der Ort die perfekte Kulisse, um in bester amerikanischer Literaturtradition Fassaden aufzuwerfen und einzureißen.

In „Der gefährlichste Ort der Welt“ geht das allerdings mit einer großen Sensibilität vonstatten. Lindsey Lee Johnson setzt in ihrem Debüt bei dem fragilsten und unsichersten Teil der Gesellschaft an: den Jugendlichen. Den Menschen, die noch dabei sind herauszufinden, was sie wollen, denken, was ihre Handlungen für Folgen haben, was sie brauchen oder worauf sie verzichten können; die sich fast ununterbrochen in einem angespannten Verhältnis zu sich selbst und ihrem Umfeld befinden. Die selbst in einer Oase wie Mill Valley am gefährlichsten Ort der Welt leben.

Sie war ruhelos und hätte ihr Leben gern zurückgedreht oder in ein paar großen Sätzen vorangebracht.

Das Buch ist in einen Prolog und drei weitere Teile gegliedert, wobei der mittlere den längsten Abschnitt bildet. Im ersten Teil sind die Jugendlichen, die zur gleichen Zeit – wenn auch mit ganz unterschiedlichen Beziehungen untereinander, die einen der zentralen Schwerpunkte des Romans bilden – an die Middle School und danach an die Highschool gehen, gerade Vierzehn, im zweiten Teil dann Siebzehn, im letzten Achtzehn. So gut wie jedes Mitglied der zentralen Gruppe ist einmal Protagonist*in in einem eigenen Kapitel, die aneinander anknüpfen, sehr geschickt ineinandergreifen, sich ergänzen und, in ihrer Kürze, tief in die Welt und den Charakter der jeweiligen Figur hineinführen.

Erstaunlich sind hierbei das Einfühlungsvermögen und die kluge Balance, mit der Johnson ihre Figuren zwischen individuellem Angesicht und archetypischer Rolle ansiedelt, die Problematik von Schein und Sein immer wieder neu aufwirft und sich dabei nicht scheut, bei ihren Figuren ein sehr eigenständiges Erleben, mit Zweifeln und Unsicherheiten, zu zeichnen, aber auch auf sehr gewöhnliche Motivationen und simple Handlungsmuster zurückzugreifen.

Aber seine Eltern wussten bestimmt, was richtig war. Mit dem Leben musste es irgendwas auf sich haben, was er noch nicht ganz verstand; es musste irgendeinen Grund geben, warum das unscheinbare Leben, das er sich vorstellte, nicht in Ordnung war.

Entstanden ist so ein beeindruckendes Panorama der digitalisierten First-World-Problems-Generation, in deren Dasein sich jedoch ein paar entscheidende Fragen des Menschlichen finden lassen: wohin, um zu sein, wer man ist? Was sollte man, was muss man tun und wieso fühlt sich vieles so falsch an, was vorgegeben ist? Können wir die Angst vor der Einsamkeit oder die Angst vor der Unberechenbarkeit der anderen überwinden? In diesen und anderen Fragen verfangen sich die Protagonist*innen unentwegt, suchen sie zu bewältigen mit ihrer jeweiligen Mentalität, vertrauen und hadern. Der Roman beginnt wie eine unaufdringliche Coming-of-Age-Geschichte und steigert sich zu einem Figurenreigen, bei dem man mit jeder neuen Perspektive mitfiebert.

Sowohl sprachlich als auch thematisch ist “Der Gefährlichste Ort der Welt” kein bahnbrechendes Werk – seine Stärke ist, wie bereits erwähnt, die Darstellung der einzelnen Figuren, die Komposition und Verschränkung ihrer Geschichten. Ich schrieb vor kurzem (beim Onlinemedium Signaturen-Magazin) einen Essay über das Werk des diesjährigen Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro und attestierte seinen Romanen ungeheure menschliche Dimensionen. Auch bei Lee Johnson sind es die menschlichen Dimensionen, die mich beeindruckt haben; wie die Autorin sich auf jede einzelne Figur einlässt, ihre Züge fein und grob zugleich herausarbeitet.

Wer einen Roman lesen will, der langsam beginnt und sich Stück für Stück zu einem umfassenden und nachdrücklichen Erlebnis steigert und schließlich über das eigene Sujet hinauszuwachsen scheint, dem kann ich Johnson Debüt nur empfehlen. Ein wirklich tolles Buch!