Author Archives: trishen07

Jayne-Ann Igels “die stadt hielt ihre flüsse im verborgenen”


die stadt hielt ihre flüsse im verborgenen Besprochen beim Signaturen-Magazin

Zu “Sechs Stücke” von Dea Loher


Sechs Stücke Seit beinahe zwanzig Jahren gilt Dea Loher (neben Felicia Zeller, Kerstin Specht, Nino Haratischwili, der Altmeisterin Elfriede Jelinek u.a.) als eine der wichtigsten Theaterautorinnen des deutschsprachigen Raums; 2017 bekam sie den hochdotierten Joseph-Breitbach-Preis.

Der Wallstein Verlag, bei dem die Romane und Erzählungen von Loher erscheinen, hat nun einen Sammelband mit ihren Stücken herausgebracht. Namentlich vereint dieser die Stücke „Adams Geist“, „Blaubart – Hoffnung der Frauen“, „Unschuld“, „Das Leben auf der Praca Roosevelt“, „Das letzte Feuer“ und „Diebe“. Nicht vertreten sind also die ganz frühen Stücke, die aber in einem Band beim Verlag der Autoren verfügbar sind („Olgas Raum / Tätowierung / Leviathan“) und die Aktuellsten, was ebenfalls verständlich ist.

Theaterstücke sind leider selten eine gern genommene Lektüre, was vielerlei Ursachen hat. Zum einen sicherlich die landläufige Meinung, der Text sei zum Aufführen und nicht zum Lesen geschrieben worden; auch die Erinnerungen aus der Schulzeit werden vielen im Weg stehen und sie daran hindern, freiwillig zu dieser Form von Literatur zu greifen.

Dabei haben Theatertexte oft so viel zu bieten. Die sprachliche Gewandtheit, Komplexität und Tiefe eines William Shakespeare erreicht kaum eine Lyrik, so amüsant und gleichsam hintersinnig wie Dürrenmatts Dramen sind wenige Gesellschaftsromane, beim Abklopfen des Zeitgeistes mit Sprache haben Jelineks Stücke dem Feuilleton oft einiges voraus. Um zu Dea Loher zu kommen: Ihre Stücke wiederum schildern das zerbrechliche Dasein in manchen Momenten besser als eine oscarreife Darbietung im Film.

Es ist ein bisschen schade, dass das Vorwort nicht darlegt, warum genau diese Stückauswahl getroffen wurde. Die Palette beeindruckt und besticht jedoch trotzdem. Loher arbeitet gut mit dem chorischen Aspekt der dramatischen Gattung, ihre Sprache ist dabei ungeheuer wandelbar, zerfasert im einen Moment und rafft im anderen. Behände betreibt sie immer wieder den Einbruch der Wirklichkeit in die Traumlandschaften des Theaters. Als Figuren hat sie gern Außenseiter*innen, geprellte und verhärmte Existenzen. Sie verleiht ihnen eine Stimme, hebt sie aber auch nicht auf ein zu hohes Podest, sondern hält sie dort, wo sie wirklich über sich und ihre Lage sprechen können. Die Konflikte und Schicksale ihrer Figuren wirken absehbar und doch wird ihre Schilderung zum eindrücklich-stimmigen Erlebnis. Impression und Expression verschmelzen in ihren Texten (wie in vielen guten Theatertext), fließen ineinander.

Man müsste jedes Stück einzeln unter die Lupe nehmen, um noch mehr zu sagen. Wer auf der Suche nach zeitgenössischen, teilweise gekonnt, aber nicht militant progressiven Theatertexten ist, der sollte einen Blick auf Dea Loher werfen.

Zum Film “The red pill”


The red pill Nur selten geschieht es in Zeiten, die ihren Fokus und ihre Dynamiken so sehr auf Extreme verlagert haben wie unsere – zusätzlich forciert von Faktoren wie Sensation und Unterhaltung –, dass man eine wirklich differenzierte Studie zu sehen/zu lesen bekommt. Kontroversen sind heute meist ein Euphemismus für den Austausch von Beleidigungen; im besten Fall sind es Gefechte, in denen die Fronten so klar gezogen sind, dass man sich auch klar positionieren muss, ansonsten nimmt man nicht teil. Kontroversen, die Weltsichten tatsächlich infrage stellen und nicht dazu führen, sie zu verhärten, gibt es kaum noch; Kontroversen, die Erschütterungen sind, Anregungen; die Gebiete sind, in denen man sich nicht sofort positionieren kann oder sich in vielen Positionen wiederfindet.

Der Film der amerikanischen Filmemacherin Cassie Jaye enthält genügend Stoff für eine solche produktive Form der Kontroverse.

Worum geht es in „The red pill“?
Die zuvor vor allem in feministischen Kreisen tätige Filmregisseurin Jaye stößt im Zuge einer Recherche auf die Website von men‘s-right-Aktivist*innen. Fasziniert von dieser, ihrem feministischen Weltbild scheinbar diametral gegenüberstehenden Bewegung, will sich ein genaueres Bild machen: wie ticken diese Menschen, die davon überzeugt sind, dass Männerrechte nicht genug gewürdigt werden. Sie besucht einige Aktivist*innen, führt Gespräche mit ihnen, hört sich an, was sie bewegt und wie sie dazu kamen, Männerrechtsbewegungen zu gründen – und dokumentiert alles mit der Kamera, schneidet zusätzlich Live-Berichterstattungen, Bilder, Atmosphärisches mit ein. Sie besucht auch Feminist*innen, Genderaktivist*innen und -forscher*innen und hört sich ihre Meinungen zu den Motivationen und Aussagen der Männerrechtsbewegung an. Bald beginnt sie zwischen all den Motivationen und Kritikpunkten die Orientierung zu verlieren – und stellt sich selbst ungewohnte Fragen: inwiefern kann Feminismus als Ideologie gesehen werden? Was lässt man außen vor, wenn man die Männerrechtsbewegung und ihre Themen ignoriert? Zwischen diesen Fragen und ihren eigenen Überzeugungen werfen sich Grauzonen auf …

Direkt vorweg: man darf sich die Aktivist*innen der men‘s-right-Bewegungen nicht wie Al Bundys „No Ma’am“-Männer-Haufen, eine Gruppe Stammtisch-Misogyniker oder eine Horde Machotypen, Verherrlicher von männlichen Tugenden vorstellen. Sie proklamieren (in der Mehrzahl) nicht, dass Männer ihre Männlichkeit wiederfinden/darauf stolz sein sollen oder etwas in der Richtung, noch sind sie eine schlichte Kontrabewegung, deren Ziel die Aufweichung von feministischen Aussagen und Ideen ist. Es sind Aktivist*innen, denen es darum geht, die andere Seite sichtbar zu machen. Es sind Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, die sich in Feldern bewegen, in denen Männerrechte nach wie vor vernachlässigt werden und die, von ihrer Warte aus, mit einer Gesellschaft ringen, in der zu wenig Räume für eine differenzierte Betrachtung von Männern als Opfer, als Leidtragende, als des Mitgefühls für wert erachtete Individuen existieren.

Mir ist bewusst, dass das alles erstmal empörend klingt. Warum beschweren sich diese Menschen – von denen man weiß (oder annimmt?), dass sie auf Grund ihres Geschlechts zu den Privilegierten zu zählen sind – über irgendetwas, das sie betrifft, während sie sich für die Rechte von Menschen einsetzen könnten, die über Jahrhunderte unterdrückt wurden und nicht die Rechte und Privilegien besaßen, die Männer aufgrund ihres Geschlechts seit jeher hatten (teilweise wohlgemerkt nur, wenn sie in die richtigen Verhältnisse hineingeboren wurden)? Im Großen und Ganzen ist diese Empörung natürlich berechtigt. Aber wie sieht es auf der Mikroebene aus? Wie, wenn man den Blick auf einen bestimmten Aspekt wirft?

Männer, die dasselbe Verbrechen begangen haben, bekommen bis zu 60% längere Gefängnisstrafen als Frauen (in den vereinigten Staaten, in Europa gibt es keine Studien zu dem Thema, zumindest habe ich keine gefunden). In Sachen Vaterschaftsrecht und Mutterschaftsrecht gibt es gravierende Diskrepanzen (was, wiederum, teilweise auf patriarchale Denkweisen zurückzuführen ist). Männer verrichten nach wie vor einen Großteil der schweren Arbeiten und 97% der Arbeitstodesfälle in den Vereinigten Staaten entfallen auf Männer (in der EU entfallen 66% der nichttödlichen Arbeitsunfälle auf Männer) (auch hier ist natürlich die hohe Zahl teilweise auf die männliche Vormachtstellung in diesen Berufen zurückzuführen; aber würde sich, wenn sich das ändern würde, wirklich eine große Anzahl Frauen dazu entscheiden in Bergwerken zu arbeiten, auf dem Bau oder auf Ölplattform? Zurecht haben die feministischen Bewegungen früh für einen Zugang zu höherer Bildung, höheren Posten in Unternehmen und gleiche Gehälter gekämpft, eine Forderung, der man sich nur anschließen kann und die unbestritten umgesetzt werden muss. Aber wie steht es mit der Beteiligung an den gefährlichen Arbeiten? Gehören sie gewürdigt, gehört auch hier die Gleichberechtigung, zugunsten der Männer, umgesetzt?)

Ich glaube nicht, dass diese Themen in irgendeiner Weise mehr oder dringendere Beschäftigung verdienen als andere. Sie sind nicht komplett aus der Luft gegriffen, das ist alles. Und ich glaube, dass es wichtig ist, auf sie einzugehen, denn wenn wir über neue Formen von reflektierter Männlichkeit diskutieren und ihnen den Weg bereiten wollen, dann werden diese Aspekte eine Rolle spielen. Wenn Männer als Opfer nicht wahrgenommen werden, wenn ihnen dieser Status kategorisch abgesprochen wird oder als zweitrangig gewertet wird, dann wird das den Prozess eines solchen Diskurses, eines Neudenkens hemmen. Ich will gar nicht leugnen, dass es trotzdem schwerfällt, den Gedanken der Unverhältnismäßigkeit im Hinblick auf diese Vergleiche und Forderungen, auf die ganze Idee von Männerrechtsbewegungen, auszublenden. Ich glaube, er sollte auch nicht ausgeblendet werden, denn er ist berechtigt; aber er berechtigt nicht dazu, diese Bewegungen wiederum als unberechtigt oder nicht erwähnenswert zu betrachten.

Viele werden jetzt sagen: da hab ich eh nichts dagegen und der Feminismus hat sicher auch nichts dagegen. Das stimmt. Es gibt Überschneidungspunkte zwischen den Männerrechtsbewegungen und den Frauenrechtsbewegungen – beide wollen Gleichberechtigung und haben natürlicherweise jeweils jene Themen, bei denen dies für ihre Seite noch nicht erreicht ist, mehr auf dem Zettel als jene, bei denen sie in der privilegierten Position sind. Wer das Privileg innehat, kann sich leisten zu leugnen, dass es ein solches gibt, um Carolin Emcke zu paraphrasieren. Der Film zeigt auf, wo die blinden Flecken in einer ansonsten richtigen Denkweise liegen könnten; diese Flecken, einmal entdeckt, entstellen die Denkweise nicht; aber sie entstellen sie möglicherweise, wenn man sie nicht entdeckt.

Ja, der Film spielt in Amerika und ist auf europäische Verhältnisse nur bedingt anwendbar; überhaupt ist er vermutlich gar nicht auf irgendwelche Verhältnisse anwendbar. Er stürzt keine gesellschaftlichen Paradigmen, bringt keine revolutionäre Ideen an den Mann/die Frau, auch wenn manche Redner*innen dies implizieren. Aber er verschafft eine breitere Perspektive, beleuchtet Ränder, erweitert ohne Frage das Spektrum.

Letztlich war ich am Ende, nach viel Widerstand und viel Unbehagen, noch mehr von meiner feministischen Perspektive überzeugt – aber ebenso davon, dass sie modifiziert gehört. 90% der Morde in der Welt werden von Männern begangen – es gibt ganz klar einen engeren Zusammenhang zwischen tödlicher Gewalt und dem männlichen Geschlecht. 1 von 3 Frauen erfährt in intimen Beziehungen regelmäßig Gewalt, man(n) kann es nicht oft genug sagen. Aber ich hätte vor diesem Film nicht gewusst, dass 1 von 4 Männern ebenfalls in intimen Beziehungen Gewalt erfährt. Gewalt ist kein rein männliches Phänomen und sollte nicht als ein solches bezeichnet und besetzt werden, auch wenn seine offensichtlichsten Auswüchse meist männlich geprägt sind und zu dieser Sicht verleiten (diese Auswüchse sollen auch nicht kaschiert werden). Und ja, es gibt viele Männer in Machtposition, die ihre Macht zu Unterdrückung von Frauen missbrauchen; trotzdem berechtigt das nicht zu allgemeinen Aussagen über Männer, was Macht und Gewalt angeht. Eine männliche Geste, die einem missfällt, sollte, auch wenn wir uns in patriarchalen Strukturen befinden, nicht automatisch als Machtgeste gedeutet werden. Wir alle sind Ausdruck der Strukturen, in denen wir uns bewegen – aber genauso Ausdruck unser selbst. Diese Unterscheidung zu vergessen oder gar aufzuheben wäre fatal.

„The red pill“ ist von einigen Stellen als Propaganda-Film bezeichnet und ihm ist vieles vorgeworfen worden, einiges davon zu Unrecht (und wohl ohne die genaue Kenntnis des Inhalts), so wie manches, das in Teilen durchaus greift (bspw. ist ein Teil des Einstiegs durchaus heftig und sehr problematisch und viel zu lang, bis fast zum Schluss, bleibt der Hintergrund unaufgelöst). Es liegt mir auch fern, die darin geäußerten Meinungen allesamt als gut zu bezeichnen oder ihnen zuzustimmen (es gibt auch hier Meinungen, die einfach an jeglichem vernünftigen Diskurs vorbeigehen, Argumente, die einfach nicht ins Gewicht fallen, Themen wie rape-culture, die zwar angeschnitten, aber nicht integriert werden). Aber in der Art wie dieser Film Menschen unterschiedlichster Hintergründe und Motivationen zu Wort kommen lässt und sich nicht auf die polemischen, sondern die produktiven Aussagen und Ideen konzentriert und sie verfolgt, in seiner Art, die Dinge und Stimmen einfach zu zeigen, leistet er etwas, das ich schon lange nicht mehr erlebt habe: er diktiert keine Sicht, er wirft die Zuschauer*innen ultimativ auf sich selbst zurück. Und zwingt sie dazu, sich mit den eigenen Ansichten – die vielleicht teilweise im Gehirn nur noch reproduziert, aber nicht mehr mit Umsicht zusammengesetzt werden – auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung mag letztlich wiederum dazu führen, dass man viele der im Film geäußerten Meinungen als verfehlt betrachtet, Positionen findet und definieren kann, von denen aus sie angreifbar sind. Aber die Auseinandersetzungen mit den eigenen Überzeugungen schaden nie – und dazu lädt dieser Film auf vielschichtige Weise ein. Und allein deshalb ist er sehenswert. Weil er hadert, weil er sich vielem aussetzt. Wie schrieb eine kanadische Autorin unlängst: „Wir müssen aufhören, Kunstwerke nur danach zu bewerten, ob man ihnen zustimmen kann oder nicht. Wenn es je einen Holzweg gab, dann ist es dieser. Die Frage ist nicht, wie wir sie bewerten, was also wir mit ihnen machen. Sondern wie sie auf uns wirken.“

Zu Klaus Anders wunderbarem neuem Gedichtband “Sappho träumt”


Sappho träumt besprochen beim Signaturen-Magazin

(man sollte sich einmal im Jahr einen Band aus der großartigen Edition Rugerup zulegen – immer wieder tolle Lyrik!)

Zu Joan Didions Essays in “Sentimentale Reisen”


Sentimentale Reisen Joan Didion ist neben Susan Sontag wohl die bekannteste amerikanische Essayistin des 20. Jahrhunderts. Oft ist sogar von einem besonderen Didion-Stil die Rede, dessen Abklatsche sich in vielen amerikanischen und europäischen Zeitungsbeilagen, Blogs und anderswo finden.

Auf ihre Essays trifft tatsächlich die Wendung „par excellence“ zu. Über lange Strecken gelingen ihnen umfassende Darstellungen und doch sind sie auf kleinster Ebene noch Auslotungen, freie Radikale, sie fügen viele Dinge zusammen und brechen sie unverhofft wieder auf. Es sind denkende Gebilde, die nicht nur um ein bestimmtes Thema kreisen, sondern die Darstellung Zeile für Zeile erweitern, zu einem neuen Aspekt vorstoßen, viele Töne anschlagen.

In „Sentimentale Reisen“ sind Texte versammelt, die zwischen 1982 und 1992 geschrieben wurden. Den Reagan-Jahren (und den Jahren seines Vize-Präsidenten Bush sen.), eine Zeit des Kapitalbooms, der deregulierten Märkte, des neuen Aufflammens der US-amerikanischen Interventionspolitik. Jahre, in die das Ende des kalten Krieges fällt, aber von denen auch die starke Prägung der letzten Verschärfungen dieses Konflikts geblieben ist.

Warum sollte man, wenn man von einem Interesse am Historischen absieht, diese Essays im Jahre 2018 noch lesen? Aus zwei einfachen Gründen: zum einen, weil die Texte eine wichtige Lehrstunde in Diversität sind, im Aufbrechen von Oberflächen, in Vielschichtigkeit. Didions Sprache ist ein Prisma, das den schönen Schein – zusammengesetzt aus Hörensagen, vereinfachter Darstellung und schematischem Denken, Zeitungsgebrüll und bequemen Versatzstücken – bricht und auffächert, das Farbspektrum dekodiert.

Zum anderen, weil das heutige Amerika in vielerlei Hinsicht ein Produkt jener Zeit ist, die Didion beschreibt. Ihre Berichte aus Washington (das Buch ist in drei Teile unterteilt, die „Washington“, „Kalifornien“ und „New York“ heißen) über die Mentalität der Leute in Reagans Weißem Haus, die Inszenierung einer Reise von Bush sen. in den Nahen Osten und den Parteitag der Demokraten, auf dem Bill Clinton zum demokratischen Kandidaten gekürt wurde, gewähren einen guten Einblick in das gleichsam vital-glänzende und innen marodiert-chaotische, hyperbolische Räderwerk des US-amerikanischen Politik- und Gesellschaftsverständnisses und dessen Praxis.

Ihre Essays über Ereignisse und Themen aus Kalifornien (die am meisten Platz einnehmen), präsentieren sehr anschaulich die Westküstenmentalität und veranschaulichen überdies, fast nebenbei, die Diskrepanz zwischen den Staaten/Gebieten in den USA, auf zu weit voneinander entfernt Formen von Lebenswirklichkeit (die letztlich auf eine Vereinzelung der Staaten hinausläuft). Mit scharfer Feder legt sie offen, wie sehr die Vorstellungen der US-amerikanischen Gesellschaft von unbewusst mitgetragenen Legenden und Mythen, betonierten Mentalitäten und medialen Schablonen geprägt sind. Natürlich trifft letzteres auf viele nationale Gesellschaften zu, aber bei der US-amerikanischen im hohen Maß, was das Angesicht dieses Landes (und seiner Probleme) nach wie vor entscheidend prägt, ebenso die Haltung seiner (weißen) Bevölkerung.

Eine sentimentale oder falsche Legende über die disparate und oft zufällige Erfahrung zu stülpen, die das Leben einer Stadt oder eines Landes ausmacht, bedeutet notwendigerweise, dass vieles von dem, was in dieser Stadt oder in diesem Land geschieht, lediglich illustrierend wiedergegeben wird, als eine Reihe von Versatzstücken oder Gelegenheiten zur Selbstdarstellung.

Das wird noch einmal sehr deutlich im letzten Text „Sentimentale Reisen“, dem einzigen Text im Kapitel „New York“. Ausgehend von einem Überfall im Central Park, bei dem eine Joggerin vergewaltigt und fast totgeschlagen wurde, sowie dem anschließenden Prozess, entwirft sie Stück für Stück ein Panorama der New Yorker Wirklichkeit und zeigt die Stadt als misslungenen Schmelztiegel, in dem weder von Aufstiegschancen, noch von kultureller Durchdringung die Rede sein kann. Es ist eine Stadt mit klaren Hierarchien, deren (fast ausschließlich weiße) Bildungs- und Wirtschaftselite immer wieder das Lied von der widerständigen und einzigartigen Bevölkerung der Stadt anstimmt, damit aber eine bestimmte Gemeinschaft meint und bestimmte Viertel, die schon vor Jahren quasi aufgegeben wurden, gar nicht miteinbezieht.

Dieser letzte Text zeigt eine Gesellschaft, die hinter ihrem selbstdarstellerischen Pathos von immer größer werdenden gesellschaftlichen Gräben auseinandergerissen wird; die eine glorreiche Oberfläche pflegt, die schon nach wenigen Schritten zu knacken beginnt, wenn man darüber geht. Didion knackt diese Oberfläche, zerbricht sie, bis aus den einzelnen Splittern Spiegel werden. Darin und darunter kommen Mentalitäten und Realitäten zum Vorschein, die die Vorläufer von Trumps-Amerika und ein paar der Grundursachen für die Probleme der Vereinigten Staaten sind.

Trotzdem bleiben es natürlich 25-35 Jahre alte Texte. Sie bilden sehr viel ab, aber sie können dadurch ihr Alter nicht gänzlich verstecken. Sie sind lesenswert, als literarische Werke und historische Dokumente. Die Aktualität, die darin liegt, ist subtiler Natur.