Category Archives: Bekannte und wichtige moderne Dichter*innen

Zu Bukowskis Gedichten, speziell zu denen aus: “Gedichte, die einer schrieb bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang”


“nicht als Ketchup und Windhunde
und Krankheit
und Frauen, manche davon
für Augenblicke so schön wie
eine dieser Kathedralen,
und jetzt spielen sie Bartok,
der wusste was er tat,
was bedeutet: er wusste nicht was er tat,
und morgen werde ich vermutlich wieder zurück
zu diesem Scheißjob gehen
wie zu einer Frau mit 4 Kindern”

Charles Bukowskis Gedichte sind Geschichten und Tiraden; Blitzlichter – der Auslöser ist das Leben; frankiertes Elend, dass sich in Nullkommanichts weglesen lässt und doch in seinen Kanten und Rillen viele kleine Offenbarungen versteckt und damit oft auch gar nicht hinterm Berg hält, sondern frontal darauf zusteuert.

Gerade die freie Form der Gedichte macht sie zwingend, lässt sie zusammen dem lapidaren Ton zu einer Beschwörung werden, die das faserige Leben aus dem Fleisch des bloßen Benennens, Erzählens, Dokumentierens schneidet. Bukowski-Gedichte, das sind die unanmaßendsten Anmaßungen der Lyrikgeschichte.

“kann sein, dass Eiswürfel aus der Schale brechen
etwas bedeuten kann,
oder eine Maus die an einer leeren Bierflasche schnuppert;
zwei leere Räume, die ineinander hineinsehen,
oder die nächtliche See, bestückt mit schmierigen Schiffen
die dir ins Hirn dringen mit ihren Lichtern,
diesen salzigen Lichtern
die dich streifen und wieder verlassen
für die konkretere Liebe irgendeines Indien;”

Die Gedichte im Band “Gedichte, die einer schrieb” sind nicht ganz so ausbalanciert wie jene in “Western Avenue” oder “Kamikazeträume”, aber dennoch haben sie bei aller Zurückgelehntheit oder Heftigkeit denselben schalen Glanz, der so hell und großflächig reflektieren kann, von dem so mancher Wahnwitz und Verdruss und so viel Tiefe zurückbleibt.

Ausholen tun seine Gedichte, aber sie verstehen es auch eine ganz spezielle Besinnlichkeit hervorzurufen, einzigartig, fast kämen die Texte einem wie Prosa vor, in Verse gepresst, aber sie sind etwas Subtileres: Gerede, das am Rande des Lyrischen streift und es immer wieder betritt. Gerede, das kein Gelaber ist, sondern eine Stimme, die den Leser nicht in eine flüchtige Metapher presst, sondern mitten in einen großen Raum schmeißt, einem Raum voll von Willen zu etwas, dem Versagen daran, voller Anekdoten, dem Staub, der wir werden & Bewegungen, die wir sind, im Versuch, noch anders zu sein als das Nichts.

Das Sensible in den Gedichten entdeckt man schnell selbst, am eigenen Leib könnte man fast sagen. Was will man mehr von nem Gedicht?

“Es kommt die Zeit wo man tiefer
in sich reingehen muss
und es kommt die Zeit
wo sichs unschuldiger
und leichter stirbt
wie bei nem Bombenangriff
auf Santa Monica”

Dichter mit der Virtuosität des Himmels – Einblick in Federico Garcia Lorcas Gedichte in drei Kapiteln


I – Dichtung vom Cante Jondo

“In dem gelben
Turm der Kirche
läutet eine Glocke.

Auf dem gelben
Winde öffnen
sich weit die Glockentöne.

In dem gelben
Turm der Kirche
höret auf die Glocke.

Der Wind macht aus dem Staube
verwehnde Silberbüge.”

Federico Garcia Lorca gehörte zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Überschattet werden seine beinah universellen Kompetenzen auf den Gebieten des Dramas und der Lyrik (man könnte ihn von ungefähr mit Bertolt Brecht vergleichen, suchte man ein deutsches Äquivalent) jedoch bis heute durch seinen dramatischen Tod (1936, ermordet durch die Guardia Zivil von Franco) und die Fixierung der Nachwelt auf einige wenige Werke – im Drama seine sehr späten sozial-kritischen Stücke, in der Lyrik seine surrealen Exzesse aus Dichter in New York.

Dabei gehört meiner Meinung nach Garcia Lorcas lyrisches Gesamtwerk, von den frühen Romanzen, bis zu den New York-Gedichten, zu den schönsten und innovativsten Poesie-Werken überhaupt. Es ist von magischer Vollkommenheit und verbindet Romantik, Avantgarde und Symbolismus auf ganz eigene, zwischen Melancholie und Erhebung, Glanz und Gloria zerrissene, Weise.

“Die Nacht verdichtet sich wie hundertjähriger Wein. Im Morgengrauen öffnet die große Schlange des Südens ihre Augen, und die Schläfer haben ein unendliches Verlangen…”

“Dichtung von Cante Jondo” gehört zu den frühen Gedichtwerken. Unmittelbarkeit, Minimalismus und manifestierende Metaphern (siehe oben: Hundertjähriger Wein) prägen das ruhige Bild dieser Verse; auch das dieser Rezension vorrangstellte Gedicht wurde von Lorca mit der Anmerkung “im tiefsten Gitarrenbass” versehen.

II – Dichter in New York

“Auf der Terrasse kämpft’ ich mit dem Monde.
Schwärme von Fenstern durchlöcherten einen Schenkel der Nacht.
Aus meinen Augen tranken des Himmels sanft Kühe.
Und an des Broadways Fensterscheiben, grau wie Asche, klopften
die Brisen mit sehr langen Schwingen.”

Viele Facetten hat das Werk „Dichter in New York“ und ich möchte nicht zu weit ausholen, auch wenn es viel zu diesem Werk zu sagen gäbe, da die Verstörung und Begeisterung, die es wie einen Schmetterling, der einen Orkan beschwört, erscheinen lässt, letztlich verraucht, schwer mittelbar ist.

Surreale und paradierende Gänge sind es, die Garcia Lorca, gleich einem rollenden Augenapfel in einem Ungeheuer von Stadt (dem Big apple) niederschreibt, ausufernd und doch immer so nah an einem festen Eindruck, dass surreal schon fast wieder zu einfach gegriffen ist. Es sind Poetisierungen, aber voller Winkel, in denen sich viel wirklicher Schmutz ansammelt und verschmiert.

Der wichtigste Punkt, zu dem Ich hier noch etwas mit einbringen will, ist der der Übersetzung. Wer also gerne inhaltlich beraten werden will, den verweise ich auf die gesetzten Textbeispiele.

“Ich.
Es gibt kein neues Zeitalter, kein neues Licht.
Nur ein azurnes Pferd und einen Morgenanbruch.”

Ich habe “Dichter in New York” in der alten Übertragung von Enrique Becks gelesen (so noch zu finden in der hervorragenden Werkausgabe in drei Bänden und der handlichen Insel-Ausgabe der Gedichte, außerdem natürlich in der Suhrkamp-Bibliothekfassung von Dichter in New York. Da ich des Spanischen nicht mächtig bin, mag meine Stimme wahrscheinlich (zu Recht) kaum Gewicht in dieser Debatte haben, doch möchte ich trotzdem hier einmal leise gegen die Kritik an Becks Übersetzung protestieren.
Schon immer sind Neuübersetzungen großer Werke mit abschätzigen Bemerkungen gegen die alten Übersetzungen einhergegangen. Bei Hemingway, bei Dostojewski, bei Rimbaud, Baudelaire undundnund… vielleicht nicht immer zu Unrecht. Doch man sollte mittlerweile vorsichtig sein, es pauschal zu tun.

“Das Heulen
ist eine lange violette Zunge, welche hinterlässt
Entsetzensameisen und Liliensaft.”

Im Mittelpunkt steht beim Übersetzen/Übertragen immer die gleiche Problematik: Wortgetreu und stil-nah übersetzen oder versuchen Intention und Aussage des Künstlers in die eigene Sprache zu transferieren – was nicht das Gleiche ist, wenn auch manchmal beides geht, ohne eines zu vernachlässigen!

Viele Übersetzer wählen den Mittelweg und fahren gut damit. Wenn der Übersetzer selber ein Dichter ist, wird er zwangsläufig versuchen, die poetische Nuance, das besondere Fluidum des Gedichts zu retten, ganz egal, ob das durch die erste oder zweite Variante geschieht.
Übersetzen ist auch eine eigene Kunstform und fast schon die Schaffung eines neuen Werkes. Deswegen ist es auch bei diesem Genre oft so wichtig zwischen Übertragung und Übersetzung zu unterscheiden. Was Enrique Beck gemacht hat, ist sicherlich eine Übertragung (so steht’s auch in meinem Band), die sich auch noch etwas an seiner Vorstellung von “poetisch” orientiert haben wird, die zugegeben etwas zu sehr an diesem Wort hängen mag und deren heute als zu erhaben angesehene Geste. Aber: zu behaupten die neue Übersetzung sei garantiert mehr im Sinne von Lorca gewesen, dass halte ich für sehr vermessen (die Toten zu rekrutieren ist an sich fragwürdig). Lorca hätte nie auf Deutsch geschrieben, von daher ist es wider dem Sinn, dass irgendeine deutsche Fassung von sich behaupten kann, die einzig getreue Übersetzung zu sein. Übersetzen ist interpretieren. Lyrik ist Spiegel. Zu behaupten in einen Spiegel müsse man so sehen, dass das richtige heraussieht …

Jedoch: Natürlich muss die Übersetzung mit der Zeit gehen und neue Übersetzungen will ich daher auch nicht hinter die alten stellen, ganz im Gegenteil. Solange aber Becks Dichtungen mir das Gefühl geben, die Schreie zu bemerken und die Klagen dieses Werkes zu verstehen, kann ich sie nicht als unzureichend oder ungemäß ansehen – und ob die nüchterne, neue Version jetzt so sehr der spanischen Sprachwirksamkeit entgegenkommt, wo die deutsche Sprache eine ganz andere hat, will ich auch noch mal still bezweifeln.

“Gleich sah man, dass der Mond
ein Pferdeschädel und die Luft
ein dunkler Apfel war.”

“Die Nacht hat’ einen Spalt
und ruhige Salamander, elfenbeinern.
Es trugen die amerikanischen Mädchen
Kinder im Bauch und Münzen…”

Soviel zu der Übersetzung. Hiernach kann ich nur noch mal sagen, dass, ganz egal in welcher Übersetzung, dieses Buch eine surreale, kantige, buntblutige Freude ist, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Sie ist die Krönung eines großen dichterischen Werkes und als solche schon von unermesslichem Reichtum, aber durch ihre unnachahmliche Kraft und Schönheit, weiß sie das auch jedem einzugeben.

“Ich strauchle schwankend durch die harte, feste Ewigkeit
und Liebe endlich ohne Morgengrauen. Liebe. Sichtbare Liebe!”

“und wer den Tod da fürchtet, trägt ihn auf den Schultern”

III – Diwan des Tamarit

“Niemand hatte je den Duft erfahren
von deines Bauches dunkler Magnolie.
Niemand wusste, dass ein Liebeskolibri
du zwischen deinen Zähnen hast gemartert.”

Die letzten Dichtungen Federico Garcia Lorcas weisen ihn noch einmal als einen großen Sprachmagier und elementaren Dichter aus. Bedrückende Verse, doch voller Schönheit.

Diwan des Tamarit musste postum veröffentlicht werden, ebenso wie die über Jahre nicht vollendeten Sonette der dunklen Liebe, zu denen der Diwan quasi gehört.

“Tausend kleine Perserpferdchen schliefen
auf dem Mondesplatz deiner Stirne.
während ich vier Nächte deine Hüften,
Feindinnen des Schnees, umschlungen habe.”

Unerklärliche Trauer, Lust und nahe Dunkelheit – der Einband in Lila und Schwarz von Suhrkamp wirft es voraus – sind die zentralen Themen dieser Gesänge und Betrachtungen, die scheinbar von Lorca teilweise nach altindischer Form geplant waren; zumindest tragen einige der Werke Titel wie “Gasel von der unvermuteten Liebe” oder “Kasside von der Wehklage”, beides altindische Gedichtformen.

“Ich habe meinen Balkon geschlossen,
weil ich nicht hören will die Klage,
doch hinter dem grauen Gemäuer
hört man nichts anderes als die Klage.”

Lorca lyrisches Gesamtwerk ist beeindruckend, aber wie bei Brecht und seinen Buckower Elegien, ist dies letzte Werk auch bei Lorca, dieser letzte Federstrich, das Anrührenste unter allen, obwohl die Thematik manchmal eher abgründig und abweisend wirken kann. Sprachlich ist dies Werk jedoch so vollkommen, so mündend wie ein Fluss, dass vielleicht der Inhalt sogar letztlich zurückstehen muss, hinter so viel unbedachter Schönheit.

“Ich will, dass das Wasser bleibt ohne Flussbett.
Ich will, dass der Wind bleibt ohne Täler.”

Das wenige, was ich zu den erstaunlichen Gedichten von Dylan Thomas sagen kann


“Never to reach the oblivious dark
And not to know
Any man’s troubles nor your own -”

Dylan Thomas, Poet und Trinker, Leisetreter und Furorebrecher – bis heute einer jener wenigen Dichter, die mit ihrer Poesie weit über das übliche Maß hinaus eine Kerbe in die Welt schlagen konnten, zumindest in der englischsprachigen Welt. Er ist ein Meister der gegensätzlichen und doch vereinenden Bilder und Wendungen, ein Beeindrucker der Worte, ein Waghalsiger, der so langsam und kraftvoll waghalsig ist, dass man das Wort ganz neu im Kopf herumwälzt; es gibt keinen Dichter wie ihn, vielleicht ist es sogar legitim zu sagen, er sei der größte Dichter, den die englische Sprache je gehabt hat – zumindest wenn Dichten als eine ganz und gar schöpferische Tätigkeit verstanden wird, als das Einschwemmen von Sprache in die tiefsten Lücken zwischen den Bedeutungsflächen, wo Ausformung und Inhalt noch erstaunlich und erstmalig sind. Hier ist er nah dran, Shakespeare ebenwürdig zu sein.

“The carved mouths in the rock are wind swept strings.
[…]
For love, the long ago she bird rises. Look.
[…]
Children of Darkness got no wings
This we know we got no wings,
Stay, dramatic figures, tethered down
By weight of cloth and fact,
Crystal or funeral, got no hope
For us that knows misventure
Only as wrong;”

Ihn zu übersetzten ist eine Kunst oder eine Unmöglichkeit – und beides gleicht sich in diesem Fall. Und auch wenn der Band „Windabgeworfenes Licht“ zweisprachig ist, wird man als deutschsprachiger Leser wohl dazu verführt eher und zuerst die deutsche Fassung zu lesen. Doch, wenn man kann, wenn es irgendgeht, ist davon abzuraten. Nicht weil die deutschen Übertragungen wirklich “schlecht” sind oder abweichend, sondern weil sie nicht fassen und finden, was jede Zeile von Thomas findet, diesen verstürmten, sich einschneidenden Gang, dieses Erkennen der einzelnen Bilder, Worte, als eine Stimme formende Gestalt, Gestalt formende Stimme.

“Upon your held-out hand
Count the endless days until they end,
Feel, as the pulse grows tired,
The angels’ wings beating about your head
Unsounding, they beat so soft.”

1 Stunde, zwei Zeilen. So war Dylan Thomas Arbeitsrhythmus, wenn er ein neues Gedicht schrieb; nur selten ging es schneller. Diese Arbeitsweise spürt man aber auch fast in jeder Zeile – sie steht für sich und ist doch im großen Ganzen nur ein kleines, wenn auch wichtiges Indiz für die Strömung, die Robustheit seiner Natur. Verlieben kann man sich in die Worte dieses Mannes, der in seinem Leben, so sagt die Legende, kein einziges Buch gelesen haben soll, außer der Bibel …

Ist er ein schöner Dichter, ein hoffnungsreicher, ein verneinender, ein religiöser, ein offenbarender, ein verschließender… eigentlich geht er weit über diese Kategorien hinaus, was wiederum an Shakespeare denken lässt. Sagen, was gesagt, und was unmöglich keine Zeichen hinterlassen kann, ist seine Dichtung, sein Inhalt, sein oft verspiegelter Hochglanz, darin er wunderbare Lichtschatten zu werfen versteht. Seine Metaphoriken eröffnen Wege zu Instrumenten in uns, auf denen wir noch nie gespielt haben; Gedanken werden gewürfelt und in Stimmungen und Mythen geworfen, um auf kräftiger Sprachflamme zu kochen.
Thomas war kein großer Intellektueller, aber er war ein Schaffer jenseits aller gesteckten Gedankenfähnchen und Prämissen. Er war das lebendige, suchende Wort, das reift und schwer fällt wie ein Apfel.

“Warum die Seide weich ist und der Stein verletzt
Fragt sich das Kind solang es lebt…
[…]
Lift up your head, let
comfort come through the devil’s clouds,
The Nightmare’s mist
Suspended from the devil’s precipice,
Let comfort come slowley, lift
Up your hand to stroke the light,
Its honeyed cheek, soft-talking mouth,
Lift up the blinds over the blind eyes.”

Jedoch, man darf nicht verhehlen, dass er kein besonders einfacher Dichter ist, zumindest augenscheinlich. Seine oft abstrakten Allegorien und Anspielungen (in seinen späteren Gedichten) können einen fast transzendental erblinden lassen; seine Reimschemas lassen einen langsam werden. Aber genau das muss man bei Thomas: langsam werden – und mit dem Takt der Gedichte „werden“. Man muss das Gedicht sein. Die Stimme, die es herspricht. Man muss sich darüber klar sein, dass sich Thomas allmählich von der Sprache entfernt und auf die Dinge zugeht.

“Und das ist wahr: Kein Mensch lebt,
Der nicht Gott in einem tiefen Grab verscharrt
Und dann wiederauferstehen lässt als Skelett,
Kein Mensch, der nicht zerbricht und schafft,
Der in den Gebeinen keinen neuen Glauben findet,
Kein Fleisch den Rippen um den Hals verleiht,
Der nicht zerbricht und seine letzte Ruheb findet.”

Vielleicht ist er der größte, kryptischste und schönste Dichter der Welt. Auf jeden Fall hat er eines der reichsten, poetischsten Werke geschaffen. Manche Gedichte sind fast so schön, dass sie undenkbar sind, nur lesbar; und bei manchen ist es leider wohl auch umgekehrt.
Man lese Dylan Thomas, höre nicht auf Zweifler oder auf ihn selbst, wenn er über seine Zeilen sagt: “Dies sind nur Träumende. Atem verweht sie” und gebe nicht auf, wenn man seine Zeilen abgeht, ohne etwas zu sehen, denn irgendwann liest man Zeilen wie “der Schlaf befährt der Zeit Gezeiten” oder sieht sich plötzlich “unter dem tanzenden Huf des Blätterdachs”…

Und am Ende ist es bei Thomas immer, als ob “ein Feuerwind die Kerze löscht” – ein wunderbares Gefühl.

“We have the fairy tales by heart
[…]
Wenn Logik stirbt,
Tritt das Geheimnis der Erde durch das Auge,
Und Blut pulsiert in der Sonne.”

Eine Erwähnung zu Gottfried Benns Gedichtwerk


“Die weiche Bucht. Die dunklen Wälderträume.
Die Sterne, schneeballblütengroß und schwer.
Die Panther springen lautlos durch die Bäume.
Alles ist Ufer. Ewig ruft das Meer -”

Gottfried Benn, vielleicht der erste große deutsche Dichter der Moderne, wird bis zum heutigen Tag hauptsächlich als wichtigster Vorreiter und Vertreter des Expressionismus gesehen und ist vor allem dafür bekannt, dass er in seinen frühen Gedichte neue Tabuthemen wie Verwesung, Krankheit, körperliche Prozesse und ärztliche Detailuntersuchungen auf den Plan brachte; und obwohl man mit diesen Gedichten nur ein Drittel seines Gesamtwerks erfasst – den frühsten, drängendsten Teil – scheint er auf diese frühen Werke unwiderruflich abgestempelt zu sein. Ich selbst wurde damals im Deutschunterricht lediglich mit “Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke” konfrontiert, einem Gedicht, das ich, wie ich direkt klarstellen will, ganz scheußlich finde; es ist ein schlechtes, das Werk Benns kein bisschen wiedergebendes Gedicht, vielleicht expressiv-innovativ oder historisch interessant, aber lyrisch ohne Wert.

“Niemand ist Alles auf Erden.
In die Blüte des Lichts,
in die Aue des Werden,
strömt die Seele ihr Nichts

Wie dann die Stunden auch hießen,
Qual und Tränen des Seins,
alles blüht im Verfließen
dieses nächtigen Weins”

Warum wird Benn oft allein als dieser Dichter frühster Stunde gesehen, warum werden seine heute fragwürdigen “Innovationen” als seine größten lyrischen Triumphe gefeiert, wo er doch in reiferen Jahren so tiefsinnige und ehrliche Verse geschrieben hat. Ich weiß es nicht. Aber ich kann es mir denken. Denn auch mich hat es Überwindung gekostet, mich durch die frühen Gedichte zu wühlen; nicht durch alle, denn es sind sie nicht alle schlecht, aber so manche blutleere und von Schlamm übersprudelnde Quelle unpoetischer Verbalisierungen muss man überspringen, wenn man die guten frühen Gedichte herausfiltern will.
Und das kann zu dem Gedanken verleiten, es gehe weiter wie es anfängt. Und genau da liegt der große Irrtum, von dem ich hoffe, dass letztlich vielleicht nur ich und wenige andere ihm aufgesessen sind und für die meisten diese Mahnung lächerlich ist – es würde mich freuen! (Übrigens: Wer sich jetzt irgendwie angegriffen fühlt: Wenn sie Benn schon entdeckt haben oder seine frühen Werke mögen – ich spreche von mir aus und ich schreibe dies hier aus Sorge und nicht aus dem Wunsch nach Polemik)

“Zwei Welten stehn in Spiel und Widerstreben,
allein der Mensch ist nieder, wenn er schwankt,
er kann vom Augenblick nicht leben,
obwohl er sich dem Augenblick verdankt;”

Panta rhei – Alles fließt. Diesen Satz könnte man, weiß auf schwarzem Marmor, als Einband für Benns mittlere und spätere Gedichte benutzen, als Stichwort, als Motto, als Credo. Hauptsächlich haben diese Gedichte nichts mehr mit den frühen Werken aus Morgue oder Schutt gemein, außer vielleicht den Hang zu kulturellen Anspielungen und der immer noch kräftig wirkenden, am Zügel gehaltenen Sprache. Man kann sich bei den meisten förmlich vorstellen, wie ein älterer, weiser, ruhiger Mann an einem Tisch sitzt und die Reime ihm aus der Feder fließen, hinein in die Ewigkeit der Bücher.
Es geht um Metaphysik und um den Wunsch zu entkommen oder zu bleiben. Eins von beidem will gelingen, aber beides steht dem Menschen nur scheinbar offen. (“Wenn Du noch Formen willst,/ um nicht zu enden,/ wenn Du noch Normen stillst,/ statt dich zu wenden.”) Die Angst ist kein Wegweiser, aber sie hält uns klein. Der Tod ist kein Übel, aber er ist das Ende des Lebens, wie wir es kennen. Das einzige, was es gibt, ist das Andere. Die Leere und Du.

“Vor keiner Macht zu sinken,
vor keinem Rausch zur Ruh,
du selber bist Trank und Trinken,
der Denker, du.”

Gewiss, dieser kleine Themeneinblick ist nichts, was einen zärtlich oder freudig stimmt. Aber es stimmt einen nachdenklich und ist wundervoll zu lesen, als würden sich die Reime Sinn und Wort zugleich reichen. Und immer wieder erscheinen Verse, die einen wie der Ton einer tiefen Glocke treffen, weithin gut zu hören, durch Jahre, Zeit und Papier – und andere, die begegnen einem wie ein Gedanke in der Nacht, wenn man in völliger Dunkelheit am Fenster steht, Verse
wie:

“Die dunklen Fluten enden,
als Fremdes, nicht dein, nicht mein,
sie lassen dir nichts in den Händen,
als der Bilder schweigendes Sein.

Die Fluten, die Flammen, die Fragen –
und dann auf Asche sehn:
‘Leben ist Brückenschlagen
über Ströme, die vergehn’.”

Knapp könnte man sagen: Die Gedichte haben etwas Meditatives. Noch später kommen sogar einige erzählende, geradezu leichte, reimlose Gedichte auf, aber auch diese haben eine Art, einen nicht loszulassen mit ihrem Fluss, ihrem Gedankengut, ihren beobachtenden Augen.

“Der sah dich hart, der andre sah dich milder,
der wie es ordnet, der wie es zerstört,
doch was sie sahn, das waren halbe Bilder,
da dir das Ganze nur allein gehört.”

Ich glaube, dass Benn in seinem Spätwerk zu den größten Dichtern der deutschen Sprache gehörte und gehört. Mag sein Werk auch düster und über die Melancholie hinaus sogar kalt sein; nur in dieser Dunkelheit konnte diese dunkelrote Note entstehen, die ein paar seiner Verse zu dem Trefflichsten und Ausgeglichensten machen, was ich bisher an Lyrik lesen durfte. Vor allem die letztgenannte Ausgeglichenheit, selbst schon in frühen Gedichten teilweise vorhanden, ist ein Merkmal Benns das immer wieder zu verblüffen weiß – der klare Ton, die tiefe Stimme.

“Es ist ein Knabe, dem ich manchmal trauere,
der sich am See in Schilf und Wogen ließ,
noch strömte nicht der Fluß, vor dem ich schauere,
der erst wie Glück und dann vergessen hieß.

Es ist ein Spruch, den oftmals ich gesonnen,
der alles sagt, da er dir nichts verheißt –
ich habe ihn auch in dies Buch versponnen,
er stand auf einem Grab: ‘tu sais’ – du weißt.”

Octavio Paz – als großer Dichter wiederzuentdecken


“Zwei Körper Aug’ in Auge
sind manchmal zwei Wellen,
und die Nacht ist ein Ozean.
[…]
Und wenn du sie schließt,
überflutet dich innen ein Fluß,
eine sanfte verschwiegen Strömung dringt an und
macht dich dunkel:
die Nacht netzt Ufer in deiner Seele.”

Die Literatur Südamerikas bleibt nach wie vor eine der magischsten Erfahrungen von Lektüre, egal wie bekannt sie mittlerweile geworden ist, wie sehr dieser Kontinent literarisch „erschlossen“ ist. Und in dieser Magie steckt eine Vielschichtigkeit, die sich von Jorges Luis Borges bis zu Mario Vargas Llosa, von Pablo Neruda bis zu Cortazar, von Alejo Carpentier bis zu Gabriel Garcia Marquez erstreckt und eine Strecke, die durchzogen ist von einer bunten und doch perlendunklen Eigenart, wie sie Ausdruck einer nahezu unerreichbaren Welt in (oder außerhalb) der eigentlichen Welt zu sein scheint.

Octavio Paz, Nobelpreisträger 1990 (die Geschichte der südamerikanischen Literatur ist auch die Geschichte vieler verliehener und vieler zu Unrecht nicht zuerkannter Nobelpreise), ist vor allem für das Werk bekannte, in dem er die Identität Lateinamerikas einfangen wollte: Das Labyrinth der Einsamkeit. In Romanen oder Erzählungen hat er sich nie besonders hervorgetan, seine Dichtung und sein Engagement kennzeichnen ihn aber bis heute als einen der großen Geister und Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts.

“Dem Flockengewand, dem Pflaumenbaum
Lebwohl sagen, und dem Vogel dort,
der ein einziger Windhauch ist auf einem Zweig.”

Der Band „Gedichte“, der Texte aus den Jahren von 1935-1974 + einige damals unveröffentlichte Werke enthält, kann neben Suche nach einer Mitte: Die großen Gedichte als beste Auswahl der Lyrik von Paz gelten; diese hier ist etwas vielschichtiger und repräsentativer, während die andere vor allem Kernwerke von Paz, die auch großen Einfluss auf die Lyrik seiner Generation ausübten, enthalten.

“Pause aus Blut zwischen dieser Zeit und einer anderen, ohne
Maß.”

Vom träumerischen zum wahrhaft Transzendenten ist es ein schmaler, aber dennoch meist klarer Schritt. Wer käme schon darauf Celan als träumerisch zu bezeichnen? Bei Octavio Paz ist das Ganze nicht so einfach und ich glaube man könnte ihn sowohl als träumerisch-phantastischen (bisweilen surrealen), als auch als transzendenten, geistlich-forschenden Dichter lesen, bei dem die Übergänge fließend sind. Zum Beispiel diese Zeilen:

“Eine Frau mit den Regungen eines Flusses
Mit durchsichtigen Wassergebärden
Ein Mädchen aus Wasser
Darin zu lesen was vorübergeht und nicht wiederkommt”

Eine Liebeserklärung, eine wörtliche Formung der weiblichen Schönheit, eingefangen in der Metapher eines Flusses, die sie fast völlig umgibt; aber spätestens in der letzten Zeile wird einem auch die Doppelbödigkeit dieser Allegorie bewusst. Immer noch geht es um die Schönheit, aber um eine sehr viel transzendentere Geste ihrerseits, dem Hinweis auf die Vergänglichkeit, die Paz hineinwebt. Diese zusammengeführte Essenz aus poetischer, auch seichter, Schönheit und einem klaren, manchmal offenbarenden Ansatz zur Durchleuchtung viel tieferer Grundsätze der dargebotenen Bilder und Szenen – das ist Octavio Paz im Kern.

Cortazar sprach in einem Essay einmal in Bezug auf Luis Cernuda von “Sinnen in der Welt”. Ich glaube, dass diese leicht abstrakte, aber nichtsdestotrotz gelungene Bezeichnung auch sehr gut das beschreibt, was im Werk von Paz geschieht, das Schreiten der Stimmen, die sich die Sinne in der Welt zu eigen machen, zum Beispiel wenn Paz schreibt: “Weiße Gärten die bersten in der Luft.”

“ich falle von Geburt an ohne Ende,
falle in mich selbst, ohne Grund zu finden,
nimm mich in deine Augen auf, vereine
meinen zerstreuten Staub, versöhne
meine Asche, binde meine zerteilten Knochen,
hauche über mein Sein, in deiner Erde
begrabe mich, dein Schweigen gebe Frieden
dem Denken, das sich selbst zerwütet”

Manchmal gibt es auch leicht religiöse und “gesängliche” Komponenten in Paz Dichtung und auch andere bekannte dichterische Mittel, wie Persönliches, Erlebtes und Analysiertes. Aber bei all dem ist Paz nie ein entrückter Dichter (außer vielleicht in seinem Langgedicht “Sonnenstein”, wobei es sein kann, dass gerade dies im Gegenteil auch als sehr nah und natürlich angesehen wird) und ein Denker, denn der bildliche Verweis auf einen Gedanken und eine Regung mehr interessiert als ein Spiel der abstrakten Begriffe und Gegenbegriffe. “Die ersehnte Wirklichkeit/ sehnt sich” heißt eine Zeile, eine treffliche Beschreibung für die Absicht hinter seinen Zeilen.

“Alles ist Türe
Es genügt der leichte Druck eines Gedankens
[…]
Alles Schlachten haben wir verloren
jeden Tag gewinnen wir ein
Gedicht”

Worte können purer Raumstaub sein, Verbindungen ohne daraus entstehende Symmetrie; doch wenn ein Dichter es schafft, dass eine Kombination ganz bestimmter, auch einfachster Wörter, in uns die Entsprechung eines Vorgangs, einer Idee, einer Erinnerung belebt und ausführt, hat er nicht nur unseren Glauben an die Sprache geschaffen, wie wir ihn tief ins uns sinken lassen bei jeder Lektüre, sondern auch einen Teil unserer Selbst einen kurzen Moment erhellt, hat gezeigt wie groß wir doch sind und wie tief die Welt.

“Mit klaren Zügen schreibt der Dichter
Seine dunklen Wahrheiten
Seine Worte sind kein öffentliches Denkmal
Auch kein Reiseführer des rechten Wegs
Aus dem Schweigen sind sie geboren
Öffnen sich auf Stengeln des Schweigens
Wir betrachten sie im Schweigen
Wahrheit und Irrtum
Eine einzige Wahrheit
Wirklichkeit und Sehnsucht
Eine einzige Substanz
Gelöst im Quellsturz durchsichtiger Klarheit.”

Zu den gesammelten Gedichten von Tomas Tranströmer – “In meinem Schatten werde ich getragen”


“Ein Sturm bringt die Flügel der Mühle dazu, sich wild zu
drehn im Dunkel der Nacht, nichts mahlend. – Du
wirst aus denselben Gesetzen wachgehalten.”

“Ein Träumen außer Sehweite gibt es/ das stets geschieht.”

Voller Ehrfurcht, so möchte ich beginnen, sitzt man vor den Werken Tomas Tranströmers. Sitzen – denn Stehen vor so großen und doch kleinen Gemälden scheint eine noch zu unruhige Haltung und ihre Bilderanwandlungen, das umfangreiche Panorama des Moments, senken einen in eine sitzende, eigentlich sogar liegende Position, als werfe man sich rücklings auf eine Wiese und der Himmel wäre poetischer Spiegel der Wahrnehmung, der ausgemalten Wirklichkeit. Eine ruhige Einsicht entsteht, lässt die Verse wirken, gleich dem nahen und fernen Ziehen der Wolke, bewusst und unbewusst, denn jenseits dieser beiden Begriffe hat Tranströmer eine Feld des Ausdrucks erschaffen, in dem Sprache das eine dem anderen in die Augen blicken lässt.

“Es herrscht Stille, wie wenn das Radar übermütig
Umdrehung nach Umdrehung macht.”

“Sommer mit flachshaarigem Regen
oder einer einzelnen Gewitterwolke
über einem Hund, der bellt.
Das Samenkorn strampelt in der Erde.”

Staunen und trotzdem dieser Drang, die Augen nach jedem Wort, nach jedem Satz, schließen zu wollen, wie als könnte man mit dem erlauschten Rauschen der Welle den Ozean festhalten. Viele Gedichte drücken irgendwo irgendwann -zu-, wollen einen bestimmten Nerv treffen. Nicht so bei Tranströmer. Seine Verse blinzeln, weiten sich aus und kugeln sich ein; sie sind lautlose Helikopter, kreisende Seinsöffner und die Wahrnehmung jedes strichcodelosen Elements, da ist kein Zupacken, jedes seiner Gedichte lässt einen mehr frei, als dass es einen bindet. Und doch fühlt man sich auch gebannt, denn seine Verse vervollständigen unsere Vorstellung auf unwillkürliche Weise.

Wahrnehmen wird zum Funkeln dessen, was Wahrnehmung sein kann. Jedes Bild ist ein kleines Bekenntnis der Dinge, die es abbildet, ausdrückt.

“Um 18 Uhr kommt der Wind
und sprengt mit Getöse auf der Dorfstraße vorwärts,
im Dunkel, wie eine Reiterschar. Wie
die schwarze Unruhe spielt und verklingt!
In Unbeweglichkeitstanz stehen die Häuser gefangen,
in diesem Brausen, das dem des Traumes ähnelt. Windstoß
auf Windstoß streift über die Bucht, weg
zur offnen See, die sich ins Dunkel stürzt.
Im Raume flaggen verzweifelt die Sterne.
Sie werden angezündet und ausgelöscht von den Wolken, die vorwärts fliegen,
die nur, wenn sie ihre Lichter verdecken, ihre Existenz
verraten, gleich den Wolken des Vergangenen,
die in den Seelen umherjagen.”

“Der Regen verschwindet allmählich.
Der Rauch tut ein paar stolprige Schritte
in der Luft über den Dächern,

Hier folgt mehr,
was größer ist als Träume.”

Zwei Ebenen, zwei Ansichten regieren hauptsächlich in Tranströmers Werk: Einmal die kontemplative, bilderreiche, wie eine Knospe aufspringende und dann die zweite, tiefere, in der all diese Bilder buntgläserne Fenster sind, durch die das Licht des Augenblicks mit dem Schimmer des Seins in einen sehr hohen, weiten Raum fällt. Ein Raum, kühl und doch wunderschön, ein Raum voll Ungesagtem, darin unausführliche Wahrheiten schweben wie einzelne Töne. Wahrheiten, die eigentlich nur Gesten sind, zu erahnen in der Art wie Tranströmer sie uns eingibt, ihre Wirkung nicht aus dem Kern, sondern von den Grenzen und Außenposten der Aufmerksamkeit ziehend, mitten hinein, wo kaum mehr ein Gedanke regieren kann; Tranströmer weiß um die wesentliche Wahrheit dieser Gesten und so spiegeln sie sich in all den Versen, die er um sie und in ihnen errichtet: Ein Geflecht, ein Labyrinth aus Eindrücken, Wesenheiten und Momenten, über dem man zu schweben beginnt, und die alle am Ende das nahezu glatte, weiße Segel bilden, mit dem man ein Boot hinaus auf jenen Ozean der Poesie schicken kann, ein Meer, auf dem alles Erfahrung bedeutet, und wo jedes gesichtetes Festland einem Wunder gleicht und doch nicht das Ziel ist – das Ziel ist es, zu segeln, immer weiter, in die nächste Stimmung, tiefer hinaus und hinein.

“Schneelose Wintertage gibt es, da ist das Meer verwandt
mit Berggegenden, geduckt in grauem Federkleid,
eine kurze Minute blau, lange Stunden mit Wellen wie bleiche
Luchse, vergebens Halt suchend im Strandkies.”

Dies alles, dessen bin ich mir bewusst, ist nur die eine Seite von Tranströmers Lyrik, die allgegenwärtige, die unwillkürliche, kurz: der Stil. In dem Langgedicht Ostseen (ein Text, den man immer wieder lesen und lesen und lesen kann) heißt es an einer Stelle: “2. August. Etwas will gesagt werden, aber die Worte lassen sich nicht darauf ein./ […] Worte gibt es nicht, aber vielleicht einen Stil…” Der Stil – dieses Einhalten, Festhalten und gleichzeitige Erweitern aller Bilder, das Bescheidene und Große, die nebeneinander wandern, kein bisschen unschlüssig – er allein macht Tranströmer schon zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Und alle, die einmal gerne eine Sammlung echter Poesie im Schrank, auf dem Nachtisch, oder einfach bei sich haben wollen, denen sei dieses überreiche Buch schon alleine deswegen wärmstens empfohlen.

“Wach im Dunkel, hört man die
Sternbilder stampfen in ihren Boxen
hoch überm Baume.”

“Und der Wind radelt friedlich durchs Laub.”

Als Psychologe (auch in einer Haftanstalt) und Reisender, als Opfer eines Schlaganfalls (mit folgenden Lähmungserscheinungen), als Naturbegeisterter, als Kenner der Geschichte, als Mensch, als Bewohner Schwedens, als Freund des Meeres und als sensibler Erfasser der Nacht, als Kenner von Musik und Malerei, als Liebender – jeder Dichter hat viele Stimmen (oder: viele Elemente, durch die er sich bewegt mit seiner Stimme), mit denen er spricht.

Einige von Tranströmer habe ich hiermit aufgezählt, auch wenn ich sie am liebsten sofort wieder wegstreichen würde. Man nehme sie bitte denn auch nicht als Ansatz für Vorstellungen, etwa hinsichtlich von Meinungen, die Tranströmmer kundtut, oder als eingefasste Themenvorwegnahme oder sonst etwas in der Art. Sie sind hier nur aufgelistet, um einen Blick auf die Ausgangspunkte mancher Situationen zu ermöglichen, in denen Gedichte entstanden sein mögen, wo, von der Idee eines flüchtigen Erlebens angereizt, das Wesen einer lyrischen Wortfolge seinen Ursprung haben könnte.

“Unterwegs im langen Dunkel. Eigensinnig schimmert
meine Armbanduhr mit dem gefangnen Insekt der Zeit.

Das vollbesetzte Abteil ist dicht vor Stille.
Im Dunkel strömen die Wiesen vorbei.

Aber der Schreiber ist halbwegs in seinem Bild
und bewegt sich darin zugleich als Maulwurf und Adler.”

Dichtung ist oftmals eine Art von Rettungsanker, ein Bewahrer, ein Formulierer des Magischen im Realen und dann und wann auch so etwas wie ein guter Geist, der in allem ein Schweigen finden kann, dass die Dinge und dich durch einen Raum aus Entfernungen miteinander vernetzt.

Auch in Tranströmers Lyrik geht es oft ums Bewahren, um das Bewahren der alltäglichen Wunder (mit Bildern wie dem oben zitierten Ausschnitt um das “Insekt der Zeit” oder, noch weiter oben, der Sternenbilder) bei Einhaltung aller Grenzen, die man nicht übertreten kann, ohne zu viel miteinander zu verbinden. Denn auch diese Fuge ist stark in Tranströmers Werk, die filigrane Verbindung. Aber sie hält sich an das Wesen der Linie, die mit ihrer einzelnen Bahn langsam einen Raum zeichnet, statt direkt den ganzen Raum in ein Muster drücken zu wollen. In Tranströmers Gedichte passen wir noch, geradeso, ohne unsere Augen umstellen, ohne unsere Vorstellungen verknoten zu müssen. Das Ich des Lesers und seine reflexive Anteilnahme an den Zeilen, wird manchmal sogar zum zentralen Punkt des Gedichts, einem Text, der letztlich nichts ist ohne das Gebirge des Einzelnen, das zu seinem Echo wird, in diesem Echos selbst enthalten ist.

“Ich hisse die Haydnflagge – das bedeutet:
>>Wir ergeben uns nicht. Sondern wollen Frieden.<<

Die Musik ist ein Glashaus am Hang,
wo die Steine fliegen, die Steine rollen.

Und die Steine rollen quer hindurch,
doch jede Fensterscheibe bleibt ganz.”

Dieses Gefühl, das sagt: “ich bin genau die Stelle,/ wo die Schöpfung an sich selbst arbeitet.” Dieses Gefühl, was unser Bewusstsein ausmacht.

Solche Bewusstseinszustände zu beschreiben und zu malen, ist einer der großen Verdienste des Gedichts. Und deswegen brauchen wir Gedichte – um im Angesicht dessen, was unvergänglich scheint für den Moment, und das doch so vergänglich ist wie wir selbst (wie wir wissen), einen Ruhepunkt zu finden, eine Verbindung. Ein Beweis, so klein wie eine Blume und doch so mächtig wie der allererste Eindruck, wenn unser Blick auf sie fällt, an ihr hängenbleibt und an ihrer Erscheinung festhält. Unumgänglich ist unser Augenschein und seine allzeit laufende Aufnahme und dennoch sehen wir nur den Kern der Dinge – das Fruchtfleisch zeigt uns das Gedicht.

“Im Gelände draußen, nicht weit von der Ansiedlung,
liegt seit Monaten eine vergessene Zeitung voller Ereignisse.
Sie altert Nächte und Tage hindurch in Regen und Sonne,
dabei, eine Pflanze zu werden, ein Kohlkopf, dabei, mit dem Boden
eins zu werden.
So wie eine Erinnerung sich langsam zu dir selbst verwandelt.”

“Zwei Wahrheiten nähern sich einander. Eine kommt von innen, eine
kommt von außen,
und wo sie sich treffen, hat man eine Chance, sich selbst zu sehen.”

Sich selbst zu sehen und auch das Andere (welches in der heutigen Zeit entweder ignoriert oder aber als anonym, unübersichtlich, etc. abgestempelt wird). Ein Gedicht bietet dabei selbstredend keine Gewissheit; es zeigt vielmehr, dass Ungewissheit die Regel ist, selbst wenn es irgendwo Gewissheit geben sollte. Und dass auch in der Ungewissheit eine Möglichkeit steckt, mit der Welt umzugehen.. In diesem Zusammenhang gilt immer noch, was Erich Fried einst schrieb: “Wer/ von einem Gedicht/ seine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen.
Wer/ von einem Gedicht/ keine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen.

Tranströmers Gedichte halten noch vieles bereit, weit mehr, als eine Annäherung wie diese offenbaren oder ausdeuten kann. Da sind noch jene zunächst rätselhaft anmutenden konzentrierten Verswahrheiten, klein wie Schlüssel, passend zu nur allzu bekannten Türen, die wir auch mit dem eigenen Blick öffnen könnten – aber die Sprache kann hier helfen, sich überhaupt der Schlüssel zu erinnern. Manchmal braucht es eine Girlande von Worten, um in der Finsternis von Reden und Gegenreden die wage Erkenntnis zu berühren, die sich als Stimmung erhebt zwischen Gedicht und Leser, als geschähe es zwischen dem Wunsch und der Erfüllung …

“Und über die Toten zu schreiben,
ist auch ein Spiel, das schwer ist
von dem, was einst kommt.”

“Jesus hielt eine Münze hoch
mit Tiberius im Profil,
ein Profil ohne Liebe,
die Macht im Umlauf.”

Am Ende eines wunderbaren Gedichtes über Vermeer heißt es bei Tranströmer wie folgt:

“Es ist wie ein Gebet zur Leere.
Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu
und flüstert:
>>Ich bin nicht leer. Ich bin offen.<<”

Ich glaube, dies ist eine gute Beschreibung für die Erfüllung, die Chance eines Gedichts. Und das Bemerkenswerte ist letztendlich, dass auch man selbst sich manche innere Leere als etwas Offenes erschließen kann, wenn man sehr aufmerksam liest, wenn man die Fußspuren der Dinge zwischen den Falten der Landkarte bemerkt.

“Es gibt Tage, da ist die Ostsee ein stilles endloses Dach.
Da träumte naiv von Einem, der auf das Dach gekrochen kommt und
versucht, die Flaggenschnüre zu entwirren,
versucht, den Fetzen
hochzukriegen –

die Fahne, die vom Wind so zerrieben und von den Schornsteinen so
verräuchert und von der Sonne so gebleicht ist, dass sie allen gehören
kann.”

“Und das Haus spürt sein Sternbild aus Nägeln,
welche die Wände zusammenhalten.”

Zu dieser Edition:

Im Wesentlichen ist das Buch eine Zusammenführung der bei Hanser erschienenen Bände Sämtliche Gedichte(bis 1996), Das große Rätsel (Haikus & Gedichte 1996-2004) und dem autobiographischen Prosaband Die Erinnerungen sehen mich ergänzt um die Rede zur Verleihung des Pilot-Preises. Letztere ist ein sehr interessantes Dokument und erzählt auch von Tranströmers eigenen Vorstellungen über Poetik, während “Die Erinnerungen sehen mich” sich ausschließlich mit seinem Heranwachsen und der Schulzeit beschäftigt, auf eine feine und knappe Art, unter wenigen Stichpunkten sortiert und prosapoetisch inspiriert.

Die Übersetzungen liegen weiterhin in der sehr überzeugenden, geradezu meisterhaften Übersetzung von Hanns Grössel vor (meisterhaft von der Wirkung her; über die weiteren Qualitäten darf ich mir, als jemand, der kein Wort Schwedisch kann, natürlich kein Urteil erlauben). Sehr schade ist, dass die Anmerkungen zu den Gedichten bis 1996 einfach aus dem Band “Sämtliche Gedichte” übernommen wurden; hier hätten bestimmt noch ein paar Einträge mehr dazukommen können. Es belastet zwar das Leseerlebnis in keinster Weise, hätte aber die Edition als solche wirklich komplettiert. Das Nachwort von Hans Jürgen Balmes ist ebenfalls gelungen, auch wenn ich mir vielleicht noch ein paar Worte von Michael Krüger oder von dem (leider 2012 verstorbenen) Hanns Grössel gewünscht hätte, vielleicht auch etwas zu den Übersetzungen.

Dennoch gebührt dieser, in ihrem Großformat ansehnlichen Edition auch ein Lob, ebenso wie dem S. Fischer Verlag, der mit dieser Ausgabe zu einem weiteren Literaturnobelpreisträger aus der Sparte Lyrik (neben Joseph Brodsky und Seamus Heaney) eine umfassende Sammlung von Gedichten zugänglich macht (auch wenn hier der Hanser Verlag die Vorarbeit leistete).

Abschließen möchte ich diese Rezension mit zwei Haikus, die Textform, in der Tranströmer in seinen letzten erschienen Gedichten hervortrat, und zwei Sätzen aus seinen Prosatexten, die hoffentlich auch die Eleganz und Tiefe, die er in dieser Gattung zuwege bringt, illustrieren können. Ganz zum Schluss bleibt mir nur, dieses Buch noch einmal nachdrücklich zu empfehlen, als ein beeindruckendes Erlebnis, als ein ungemein einnehmendes Beispiel großer Dichtkunst. Lesen bedeutet hier Glanz und Erkennen, auf derselben Stufe; bedeutet Sinne, die sich in alle Dinge begeben und doch auf dem Gefühl Vorstellung ruhen, wie eine schöne Erinnerung tief im Gedächtnis liegt und doch am meisten in jenem Moment enthalten ist, in dem sie hervorbricht.

“Anwesenheit von Gott.
Im Tunnel des Vogelgesangs
wird ein verschlossenes Tor geöffnet.”

“Horch, das Rauschen von Regen.
Ich flüstere ein Geheimnis
um hineinzukommen.”

“Man fühlt sich immer jünger, als man ist. In mir trage ich meine früheren Gesichter, wie ein Baum seine Jahresringe. Die Summe daraus ist das, was >>ich<< ist. Der Spiegel sieht nur mein letztes Gesicht, ich spüre alle meine früheren.”
(Aus: Die Erinnerungen sehen mich)

“Mein Examen habe ich an der Universität des Vergessens gemacht und habe genauso leere Hände wie das Hemd auf der Wäscheleine.”
(Aus dem kurzen poetischen Prosatext “Madrigal“)

“Ich schaute zum Himmel und auf den Boden und geradeaus
und schreibe seither einen langen Brief an die Toten
auf einer Maschine, die kein Farbband hat, nur einen Horizontstreifen,
sodass die Worte vergebens schlagen und nichts haftet.”