Category Archives: Biographien

Zu Konstantin Weckers neuer Biographie “Das ganze schrecklich schöne Leben”


Schrecklich schöne Leben „In den letzten Jahren habe ich zwei Autobiographien geschrieben („Die Kunst des Scheiterns“ und „Mönch und Krieger“). […] Vieles aus all diesen Büchern würde ich heute anders schreiben – nicht weil ich glaube, dass es falsch oder schlecht wäre, sondern einfach, weil ich es anders sehe.“

Obwohl vorn auf dieser Biographie nur Weckers Name steht, ist diese Biographie ein Gemeinschaftsprojekt: einige Kapitel sind von Wecker selbst verfasst, andere von Günter Bauch, einem beinahe lebenslangen Freund und Wegbegleiter, und einige von dem Journalisten Roland Rottenfußer, ebenfalls ein enger Freund und Betreuer von Konstantin Weckers Webmagazin „Hinter den Schlagzeilen“.

Dass eine lebende Person wie Wecker seine Biographie in dieser Weise präsentiert ist ungewöhnlich, aber auch spannend. Dem Buch ist eine besondere Dimension eigen, die aus dem Zusammenspiel der sehr persönlichen, auch bekenntnishaften und kritischen Töne von Wecker und den etwas allgemeineren, aber trotzdem lebensnahen Schilderungen von Bauch, sowie den analytischen, zeithistorischen Passagen von Rottenfußer entsteht. Man bekommt alle drei Spektren: einmal das Empfundene, zweitens wie es von anderen erlebt wurde und drittens wie es sich im Kontext der Öffentlichkeit darstellte und sich im Werk niederschlug.

„Meine Biographie ändert sich ständig. Je nachdem, was ich an Neuem dazulerne, erfahren habe, erlebt und erlitten habe, verwandelt sich mein Gedächtnis. […] In den Augen der einen bin ich heute ein Sturkopf, der sich an seine 68er-Ideale klammert und nichts dazugelernt hat, für die anderen vielleicht gerade deshalb ein aufrechter Künstler, der seinen Idealen treu geblieben ist.

Diese Mischung ist für eine Biographie nahezu ideal, in jedem Fall aufschluss- und abwechslungsreich. Manchmal stört diese Abwechslung den Lesefluss etwas, weil intensive und informative Passagen dicht aufeinanderfolgen, aber wenn man weiß, worauf man sich einlässt und außerdem erkennt, dass diese Dynamik auch immer wieder neue Perspektiven hervorbringt, ist das kein wirkliches Manko.

Was gäbe es sonst noch zu sagen? Ich werde hier keinen Kursabriss von Weckers Leben geben, dafür ist die Reise, die man mit diesem Buch unternehmen kann, viel zu spannend. Ich finde Wecker ist einer der eindrucksvollsten deutschen Liedermacher überhaupt und obwohl ich mit seinen spirituellen Einschlägen fremdle, sprechen viele seiner Lieder meinen Kopf und mein Herz an. Die Biographie hat mich noch mal darin bestätigt, dass dieser Doppeltreffer kein Zufall ist, sondern aus der großartigen Persönlichkeit herrührt, die Höhen und Tiefen bewusst erlebt und verarbeitet hat.

Zu “Königinnen” von Daniela Sannwald/Christina Tilmann


Königinnen Daniela Sannwalds und Christian Tilmanns Buch ist vor allem ein Buch über den Mythos, der sich um die zehn in diesem Buch behandelten Herrscherinnen gebildet hat. Keiner der Texte ist eine stringente Biographie, es sind stets Auslotungen der Präsenz, der Gestalt, die die Frauen im kulturellen Gedächtnis hinterlassen haben, gespiegelt in den Adaptionen ihrer (vermeintlichen) Lebensläufe und -motive (vor allem durch den Film), nebst Spekulationen zu Liebe und Charakter.

Wer also Kurz-Biographien erwartet, der wird enttäuscht werden. Interessant wird es für diejenigen, die sich gerne mit der Macht der Populärkultur auseinandersetzen wollen und wie sie von Personen der Macht angezogen wird, sie einspinnt und permanent neu erfindend, bis von der Wahrheit nur noch Versatzstücke übrig sind. Das Buch zeigt – wie gesagt: vor allem anhand von Verfilmungen – wie die Leben der Königinnen mal so mal so ausgelegt werden und wie unterschiedliche die Gewichtungen sind. Das ist vor allem spannend, weil es sich meist um mächtige Frauen handelt; eine Kombination, die anscheinend die Inszenierung herausfordert und wenig Raum für Ambivalenzen lässt (man denke an die Sissi-Filme).

In Verfilmungen werden Frauencharaktere oft in Rollenbilder hineingezwängt, sie müssen oft einen bestimmten Archetyp bedienen; oftmals sind es längst überlebte wie die gefallen Frau, die keusche Frau, die lüsterne Frau, die missgünstige Frau, etc.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Autorinnen des Buches ein bisschen diese übergreifenden Tendenzen miteinbringen. Ansonsten ist das Buch aber zu empfehlen, als Reflexionsgrundlage und nicht zuletzt als Film- und Serientippsammlung.

Zu “Das Gedicht & sein Double”, einem tollen Album-Band in der Edition Azur


Das Gedicht & sein Double besprochen beim Signaturen-Magazin

Zu “Rebellinnen”von Simone Frieling


Rebellinnen Bekannt, bewundert und umstritten – das trifft auf alle drei „Rebellinnen“ dieses Bandes zu, deren Lebensläufe und vor allem Wesenszüge Simone Frieling in jeweils separaten Kapiteln aufarbeitet. Es sind Porträts, die einen besonderen Balanceakt wagen, insofern als sie die Widersprüche und ambivalenten Bedürfnisse im Charakter der drei Frauen hervorheben, aber nicht das eine zur Licht-, das andere zur Schattenseite rechnen, vielmehr alles gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen.

Bei Rosa Luxemburg zum Beispiel verschweigt Frieling nicht, dass die Grande Dame des marxistisch-proletarischen Denkens durchaus sehr viel für bürgerliche Annehmlichkeiten übrighatte und auch für Besitz. Dies kehrt sie aber nicht tadelnd heraus, sondern stell es schlicht fest, es fließt ohne besondere Anmerkung oder Hervorhebung ein, gesellt sich zu ihrer bedingungslosen Analyse der Arbeiter*innenschaft, ihrem Desinteresse am Feminismus, ihrem Pazifismus, ihrer Zuneigung zu Tieren, ihrer Einstellung zur Treue, ihrer Heiterkeit, ihrer Starrköpfigkeit, etc.

Diese Art des biographischen Narrativ ist gleichsam beeindruckend und irritierend; ich zumindest bin es nicht gewohnt, dass die Protagonist*innen von Biographien in all ihren menschlichen Aspekten, die meist widersprüchlich sind, belassen werden. Meist machen Biograph*innen irgendeine Rechnung auf, erklären manches als situativ, manches als unwesentlich (oder verschweigen es) und basteln sich so etwas wie eine generelle Wesenshaltung, ein Leitmotiv, zurecht.

Frieling gelingt es, zumindest in den Texten zu Luxemburg und Weil, über das bloße Biographische hinauszugehen und uns einen Einblick in die Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit der Psyche zu verschaffen. Das liegt auch an der Dynamik ihres eigenen Schreibstils, der manchmal fast zu sprunghaft ist, aber gerade durch diese Sprunghaftigkeit einige Eindrücke besser vermittelt.

Der Text zu Hannah Arendt wirkt dagegen blasser. Er ist nicht schlechter geschrieben oder weniger informativ, aber nicht so intensiv. Während sich Frieling bei Luxemburg viel auf Zitate aus ihren Briefen stützt und Weil mit Nachdruck als das zerrissene Wesen portraitiert, das sie war, betont sie bei Arendt nur unermüdlich, wie schwierig die Zeit nach dem Erscheinen von „Eichmann in Jerusalem“ für sie war (als gäbe es keine andere Möglichkeit, Arendts Emotionen zu portraitieren – den Fall Heidegger z.B. erwähnt Frieling fast mit keiner Silbe).

Zugutehalten muss man ihr wiederum, dass sie Arendt (wie auch den beiden anderen) im genau richtigen Maße kritisch begegnet und auch klar macht, dass sie bei ihrem Bild von Eichmann danebenlag (wie spätere Dokumente und Audiobänder zeigten). Letztlich liegt der Fokus bei Arendt wohl so sehr auf diesem Lebensabschnitt, weil es sonst schwierig geworden wäre, sie neben den beiden anderen als „Rebellin“ einzureihen.

Der Weil-Text ist wiederum sehr gut und führt einem das Extrem ihres Lebens und die Besonderheit ihres Werkes, das meist in die eine oder andere Richtung vereinnahmt wird, vor Augen. Ich kann nur jedem raten sich einmal mit Weils Essays oder ihrem Fabriktagebuch zu beschäftigen.

Gerade wegen der beiden Texte zu Weil und Luxemburg (zu ersterer gibt es so gut wie keine, zu letzterer zumindest wenig Beiträge) ist dies Büchlein lesenswert; man verlässt es mit einem facettenreichen Bündel an Eindrücken zu den jeweiligen Personen. Überhaupt ist es natürlich wunderbar, dass es Bücher gibt, in denen an diese drei wichtigen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts erinnert wird, deren Werke ganz gewiss noch nicht veraltet sind und zu denen man vielleicht mal wieder (oder zum ersten Mal) greifen sollte.

Schlicht ein Meisterwerk: Robert Hilburns Johnny Cash Biographie beim Berlin Verlag


Johnny Cash Manche biographischen Werke sind Verklärungen und manche sind entzaubernd, was beides immer ernüchternd ist. Auch eine gute, erschöpfende Recherche macht noch keine fesselnde Biographie. Es braucht noch eine Prise Magie, eine gute Dynamik, selbst wenn man eigentlich versucht, den Menschen in all seinen wirklichen Facetten, mit allen Tatsachen, abzubilden, nachzuzeichnen.

Robert Hilburn ist das Kunststück geglückt, eine erschöpfende und menschliche Studie des Menschen und Künstlers Johnny Cash vorzulegen, ohne den Mythos, der mit dieser Figur verbunden ist, zu demontieren. Es wird zwar über vieles aufgeklärt, aber Bewunderung und Momente der Schönheit werden nicht unterbunden. Entstanden ist so nicht nur eine redliche, sondern eine beeindruckende Arbeit, ein schlichtes Meisterwerk. Und eine Lektüre, die einem teilweise unter die Haut geht.

Auf besondere Weise unter die Haut geht, wohlgemerkt. Denn das wirklich Großartige an diesem Buch ist, dass sich in Hilburns Darstellung von Cashs (Innen-)Leben eine so tiefe Dimension auftut, die geradezu sinnbildlich für das Hadern, Scheitern und die Zerrissenheit jeder menschlichen Existenz stehen könnte.

Ohne auf Tränendrüsen zu drücken oder hochtrabende Apelle zu starten, führt uns Hilburn detailliert die Szenen, Erlebnisse und Geschichten dieses ganzen Lebens vor Augen – und stetig, über die Lektüre der 800 Seiten, setzt sich aus der Fülle dieser Details, der Kommentare und Ausführungen, eine Vorstellung zusammen, ein Kosmos, der den Kern eben jenes widrigen Umstandes umreißt, den man schlicht Dasein nennt.

Cash-Biographien gibt es einige, er selbst hat sogar zwei geschrieben. Diese hier ist trotzdem eine der besten, vielleicht die beste: Eine berührende, reiche, in alle Richtungen laufende und doch sehr gut komponierte Lektüre. Times a wastin. Aber nicht mit diesen 800 Seiten!