Category Archives: Capriccios, Gedanken, Artikel

Open Mike 2019 & Anthologie


Open Mike Ich war live beim Open Mike 2019 in Berlin dabei, habe alle Texte gehört und zu jedem ein kurzes Eindrucks-Fazit verfasst. Die Texte findet man hier auf Fixpoetry:

Zu Samstag

Zu Sonntag

Es lohnt sich dieses Jahr, die Anthologie zu kaufen, denn es waren viele starke Beiträge am Start.

Zum 70. Geburtstag von Bruce Springsteen


Springsteenborntorun2 zu finden auf Fixpoetry

Notiz zum Gedenktag des Widerstandes gegen das Dritte Reich, 20. Juli


Heute vor 75 Jahren verübten einige Personen um Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Adolf Hitler. Am 20. Juli wird allgemein des Widerstandes gegen das Nazi-Regime gedacht.

Mir fällt jedes Jahr das Zitat des evangelischen Theologen Martin Niemöller ein. Ein Eingeständnis seines eigenen Versagens einerseits, aber auch eine ganz wichtige Botschaft:

Widerstand gegen ein Regime, eine willkürliche oder bedrohliche Autorität, gegen Ungerechtigkeit, Ausbeutung und/oder Diskriminierung sollte nicht erst dann beginnen, wenn man selbst oder die Angehörigen der eigenen “Gruppe” betroffen sind, sondern in dem Moment, wo man von Ungerechtigkeiten erfährt, Kenntnis hat – im Rahmen der eigenen Möglichkeiten.

Zu glauben, dass man nie zum Kreise derer gehören wird, die betroffen/bedroht sind, ist nicht nur ignorant, sondern auch gefährlich. Denn was einem Menschen angetan wird, kann im nächsten Moment auch einem anderen angetan werden.

 

page_2

Billy Joel zum 70. Geburtstag


 

“I think music in itself is healing. It’s an explosive expression of humanity. It’s something we are all touched by. No matter what culture we’re from, everyone loves music.”

Meine erste Begegnung mit der Musik von Billy Joel war eine rote CD-Hülle im Regal mit der Musik meiner Eltern, kyrillische Buchstaben auf dem Frontcover. Ich weiß nicht mehr genau, warum ich der festen Überzeugung war, dass es sich um klassische Musik handeln müsse; vermutlich das übermäßige Selbstbewusstsein des Teenagers. Aber da ich damals (bevor ich mich wirklich in einige Werke klassischer Musik verliebte, allen voran in die von Johann Sebastian Bach) dachte, ich sollte mich mit solchen Dingen auseinandersetzen, quasi als notwendige Bildung (geheimer Wunsch nach gerechtfertigtem Snobismus inklusive), schob ich die CD in den Spieler und drückte auf Play.

Die ersten 1:18 Minuten schienen zunächst meine Vorstellung zu bestätigen: Gesang in a cappella-Manier. Dann aber das Klavier, schnell, rasant, die Gitarre einsetzend – der Beginn von “Prelude/Angry young man”, das Joel bis heute am Anfang von fast jedem seiner Konzerte spielt.

Das war auch der Anfang einer großen Begeisterung und anhaltenden Liebe zu den Alben und den vielen unterschiedlichen Stilen des “Piano Man”, von den mitreißenden Radiohits bis zu den fast unbekannten Balladen. KOHЦEPT, 1987 aufgenommen in Leningrad, war der Türöffner. Vor dem letzten Track des Albums spricht Joel zum Publikum und sagt, dass er glaubt, dass die Stimmung in ihrem Land viel gemein hat mit den Umbrüchen in den USA in den späten 60er Jahren. Folgerichtig spielt er für sie als letztes die Hymne dieser Zeit: Bob Dylans “The times they are a-changin” – Gänsehaut (wie sonst nur beim Prolog zum Film “Watchmen”).

Ich hätte nicht übel Lust hier noch stundenlang über meine Lieblingssongs zu schreiben, aber werde mich kurz fassen.

Eine der schönsten Balladen (neben “Vienna”, ist ja klar) ist das auf dem 1976er Album “Turnstiles” enthaltende Lied “Summer, Highland Falls”, eine Meditation zu rauschendem Klavier, eine Utopie, eine Sehnsucht nach Besinnung und eine Hymne auf die Erbarmungswürdigkeit.

Ein großartiges Beispiel für Song-Storytelling ist nach wie vor “Scenes from an italian restaurant” von dem 1977er Erfolgsalbum “The Stranger” (von dem auch der damalige “Skandalhit” “Only the good die young” stammt, in dem ein junger Mann seine katholische Freundin zu überreden versucht, mit dem Sex nicht bis zur Ehe zu warten).

Manches von dem 1989er Album “Stormfront” ist mir zu pompös (auch wenn ich immer noch versuche den Text von “We didn’t start the fire” auswendig zu lernen und “Downeaster Alexa” mit seiner schunkelnden Melodik und seiner Zeile “there is no island left for islanders like me” irgendwie einen Nerv bei mir trifft). Aber tief berührend ist die wunderbare Geschichte von dem Clown in “Leningrad”, mustheard!

Ebenso berührend und eines der schönsten Liebeslieder, die man bedenkenlos an geliebte Menschen richten kann, ist “You’re my home”. Ursprünglich vom 1973er Album “Piano Man”, mag ich doch die Version auf “Songs in the attic”, dem ersten offiziellen Live-Album von Joel, am liebsten. Dort heißt es:

“Home could be the Pennsylvania turnpike
Indiana’s early morning dew
High up in the hills of California
Home is just another word for you”

“River of dreams” vom letzten Album mit gleichem Namen (1993, bevor Joel verkündete, er wolle keine Popmusik-Alben mehr machen (er veröffentlichte danach noch einige klassische Instrumentalstücke)), ist wiederum eine wunderbare Meditation, der Song “Piano Man” natürlich ein Klassiker, ein schönes Panorama amerikanischer Wirklichkeiten, ebenso wie “Allentown” von dem 1982er Album “The nylon curtain”, wo es um eine Bergarbeiterstadt geht.

Aber ich fühle mich mehr zu dem Album “An innocent man” von 1983 hingezogen, mit dem wunderbaren a cappella-Stück “Longest time” (Gänsehaut, again!), den fast schon swingähnlichen Rhythmen, dem wunderbar rasanten “Tell her about it” und dem lässigen “Keeping the faith”.

Fehlt noch etwas? Da wäre noch das wunderbare “Lullabye”, geschrieben für die Tochter, das davon singt, dass wir alle sterben, aber niemals stirbt, was wir weitereichen. Das rotzige “My life”. Und das selbstironische “Everybody loves you know”, das Joel schon auf seiner ersten CD 1971 veröffentlichte. Die Ballade von altgewordener Liebe: “This is the time”. Und “Matter of Trust”, ein Stück, das ich als Live-Version sehr schätze und das davon erzählt, dass Vertrauen letztlich das Wichtigste in einer Beziehung ist, egal was sonst passiert. “Captain Jack”, der einmal als “deprimierendster Song aller Zeiten” bezeichnet wurde. “And so it goes”, Gesang eines gebrochenen Herzens, das trotzdem loslässt.

In einem Teeniefilm, dessen Name mir entfallen ist, gibt es eine Szene, in der die Protagonistin mit ihrem Vater im Auto unterwegs ist. Aus dem Radio kommen die ersten Töne von “You may be right”. Der Vater dreht lauter. “Weißt du wer das ist?”, fragt er. Sie schüttelt den Kopf. “Das ist Billy Joel! Billy Joel muss man lauter drehen und mitsingen, wenn er im Radio kommt.” Na ja, nicht alles. Aber, verdammt, das meiste schon.

Offener Brief an Michael Kretschmer


Lieber Herr Kretschmer,

mit großem Interesse habe ich gestern die Diskussion in der Fernsehsendung Anne Will zum CO²-Gesetz verfolgt. Ich stimme Ihnen zu, dass es Kräfte braucht, die mit Vernunft und Augenmaß an den Problemen unserer Zeit arbeiten.

Dennoch möchte ich Ihnen auch mitteilen, dass ich zutiefst verstört bin wegen der Art, mit der Sie Kevin Kühnert vorwarfen, er habe bei seinen Vorschlägen zur neuen Gesellschaft eine neue DDR (oder gleich Nordkorea) im Sinn gehabt. Sozialismus, das können sie überall nachschlagen, meint nicht unbedingt den historischen Kommunismus, der mehr totalitär/faschistisch als wahrhaft sozialistisch war und viel mehr plutokratische als kommunistische Elemente beinhaltete. Statt auf seine Argumente einzugehen, haben Sie einfach den Begriff, wie Sie ihn verstehen, gegen Ihn verwendet. Das nennt man Unterstellten und nicht Argumentieren.

Es ist mir ganz wichtig, dass Sie nicht glauben, ich wolle Ihre Wahrnehmung der DDR in Zweifel ziehen, ich stimme nur Ihrer Definition von Sozialismus nicht zu und glaube, dass Sie (um die Klage gegen Kühnert umzudrehen) mit solch Klitterungen von Begriffen das Klima anheizen und den vernünftigen Diskurs über Gesellschaftsmodelle eklatant schwächen – und tun damit genau das, was Sie ihm vorwerfen.

Zudem fürchte ich, dass viele Menschen den Eindruck bekommen werden, Sie glaubten wirklich, dass wir bereits in dem besten aller Systeme lebten. Sie erwähnten gestern “Die Weber” von Gerhart Hauptmann, ein grandioses Stück. Wie aber ein Bekannter von mir richtig erläuterte (Dank an dieser Stelle an Jan Kuhlbrodt, den ich hier zitiere): Die Weberei in dem Stück war verlagstechnisch organisiert, die Weber waren ähnlich wie selbstständige Paketzusteller heute, gewissermaßen Subunternehmer. Und Subunternehmer*innen werden nach wie vor unterbezahlt (und damit: ausgebeutet), das ist ein Fakt.

Wir leben nach wie vor im Kapitalismus, noch ist so etwas wie eine soziale Markwirtschaft Utopie, auch wenn der Begriff noch so oft für das verwendet wird, was derzeit als Wirtschaftsform in Deutschland etabliert ist. Anders kann ich mir nicht erklären, warum Menschen von ihrem Einkommen allenfalls überleben, nicht aber am Gemeinschaftsleben teilhaben können (#sozial1). Oder warum es Menschen mit sehr viel Geld und Menschen mit sehr wenig Geld gibt, obwohl beide im gleichen Maß zum Erhalt unserer Gesellschaft beitragen, nur an verschiedenen Stellen (#sozial2), etc.

Ein Begriff muss auch einlösen, was er verspricht, sonst ist er unzulässig.

Lieber Herr Kretschmer, ich mag nur ein Wähler sein, aber ich bin einer, der Ihnen sagt: ich halte Sie nicht für einen Populisten, aber gestern, in dieser Sendung, haben Sie sich streckenweise wie ein Populist und nicht wie ein vernünftiger Politiker geäußert. Ich hoffe sehr, dass meine Argumentation Ihnen an einigen Stellen einleuchten wird. Wenn Sie, wie Sie sagen, kleine Kinder haben, die in einer guten Welt leben sollen, dann, bitte, legen Sie doch nicht über jedes Denken Ihr Schema, sondern Denken Sie flexibel – dafür werden Sie als Politiker schließlich u.a. bezahlt.

Mit hochachtungsvollen Grüßen
Timo Brandt