Category Archives: Capriccios, Gedanken, Artikel

Poet*innen-Demo für Menschenrechte in München


Am Mittwoch las & demonstrierte ich mit zahlreichen anderen Dichter*innen und Mitarbeiter*innen von Amnesty International auf dem Münchener Marienplatz für die Menschenrechte. Ein Bericht dazu findet sich auf dasgedichtblog.de.

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Eine Auseinandersetzung mit dem großartigen und wichtigen Buch “Was auf dem Spiel steht” von Philipp Blom


besprochen bei Fixpoetry

Ein offener Brief an Herrn Gauland


Zitat Alexander Gauland: “haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.” (In einer Rede am 02.09.2017, Videolink)

Lieber Herr Gauland,

da Sie so dreist sind, kurz vor der Wahl (und überhaupt!) solche Aussagen zu tätigen, wird es Sie sicher nicht stören, wenn ich kurz dazu Stellung beziehe.

Sie verweisen in Ihrer Rede darauf, dass ja auch die Briten und die Franzosen stolz auf ihre Anführer, ihre Soldaten seien – warum also nicht wir Deutschen!? Vergessen wir einmal ganz kurz (obwohl Sie es anscheinend wirklich vergessen haben oder komplett vergessen wollen), dass viele Soldaten der deutschen Wehrmacht an zahlreichen Massenerschießungen und anderen Kriegsgräueln beteiligt waren und einem Regime gefolgt sind, welches grundlos Nachbarländer überfallen, besetzt und teilweise auch ausgeplündert hat – das allein sollte schon ausreichen, ein Wort wie Stolz erst gar nicht in den Mund zu nehmen; vor allem im Nachhinein.

Niemand, der auch nur einen Funken Verstand hat, ist stolz darauf zu töten – wahrscheinlich verdienen manche Soldaten unser Mitleid und unseren Beistand, weil sie Dinge erleben mussten, denen sie psychisch nicht gewachsen waren. Aber worauf sollte jemand stolz sein, der andere Menschen über den Haufen schießt? Was hat er vollbracht? Im besten [sic!] Fall war er gezwungen, so zu handeln (oder glaubte es, denn auch darüber lässt sich streiten).

Es soll hier nicht unter den Tisch gekehrt werden, dass die Verbrechen, die britische Soldaten z.B. in Teilen Afrikas oder die französischen Soldaten z.B. in Algerien begangen haben, ebenfalls abscheulich waren. Aber wenn die französische oder britische Bevölkerung/Nation auf diese Momente ihrer Geschichte stolz ist, ist das kein Grund, zu sagen: dann dürfen wir ja auch! Dann ist es viel, viel wichtiger zu sagen: ich falle auf diese Glorifizierung nicht mehr herein. Für mich gibt es nichts, was an den brutalen Episoden der Vergangenheit herrlich ist oder ein Gefühl wie „Stolz“ rechtfertigen kann.

Wie viele andere Menschen haben Sie, Herr Gauland, anscheinend die Zäsuren nicht begriffen, die Ausschwitz, die Gulags und die zwei Weltkriege (und Vietnam etc.) darstellen. Es hat sich ein Bewusstsein entwickelt, dahingehend, dass Krieg im Zeitalter unserer technischen Mittel endgültig ein Wahnsinn geworden ist, der auf jeden Fall und zu jederzeit verhindert werden muss. Und das Soldat*innen, die sich an Angriffskriegen beteiligen (müssen), keine Helden*innen sind (und es, rückblickend betrachtet, nie waren), sondern Schlachtvieh oder Mörder*innen – eine andere Möglichkeit gibt es nicht. (Man könnte höchstens darüber diskutieren, inwiefern Krisensicherungen und Friedenprozesse durch Militärpräsenz unterstützt werden können, etc.). Es geht mir nicht darum, irgendeinen Soldaten oder eine Soldatin zu verurteilen – es geht um die Realität, an der Sie sich offenbar vorbeiflüchten wollen in einen sinnlosen Kampf um die Deutung der Vergangenheit, die bitte schön anders in die Gegenwart hineinstrahlen soll. Eine solche Umdeutung würde an den gegenwärtigen Gegebenheiten derweil auch nichts ändern, da muss ich Sie enttäuschen.

Ich betrachte die heutige, aufgeklärte Position gegenüber der deutschen Vergangenheit (auch gegenüber den Taten der deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg) nicht als Stillstand oder Rückentwicklung, sondern als Evolution. Als einen Schritt hin zu einer Welt, in der wir vor jedem bewaffneten Konflikt zurückschrecken, weil wir wissen, welch grauenhafte Dynamiken und Auswüchse er mit sich bringt; kein menschliches Wesen, das aktiv an einem Krieg teilnimmt, hat irgendetwas davon. Die Protagonist*innen von Kriegen zu verherrlichen, führt weg von der zukunftsweisenden Idee, das Krieg keine Option mehr sein darf.

Sie sagen, wir müssten mit unser falschen Vergangenheit aufräumen – nein, das Gegenteil ist der Fall: die deutschen Nachkriegsgenerationen haben ihre Vergangenheit angenommen (und es hat lange gedauert) und das ist wichtig – die Franzosen und die Briten sollten dies im Übrigen auch tun, mit klarem Blick auf die Verbrechen, die im Namen ihrer Nationen verübt wurden. Womit ich nicht sagen will, dass die deutsche Gesellschaft weiter oder besser ist. Was ich meine: es ist wichtig, sogar unabdinglich, dass wir die Vergangenheit weiterhin in dem Licht sehen, das Sie so unbedingt verrücken möchten. Denn dieses Licht weist einen Weg (wenn auch noch lange nicht den besten oder klarsten) in ein weniger konfliktorientiertes, demütigeres Miteinander.

Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Sie stolz darauf, dass junge Menschen ausgeschickt wurden, um zu töten. Dann sage ich Ihnen: ich werde mich nicht von einem alten Idioten wie Ihnen irgendwo hinschicken lassen und zusehen, wie Sie die mühsame Aufarbeitungsarbeit von Friedensaktivist*innen zerstören. Und ich hoffe, dass viele Leute vor der Wahl noch begreifen, dass jemand, der ernsthaft propagiert, dass man auf Leute, die zum Töten entsandt wurden, stolz sein soll, nicht für irgendetwas steht, dass man im 21. Jahrhundert – in dem genug schwere Aufgaben auf uns zukommen (Klimawandel, Digitalisierung, neue Definition der Arbeit, Kolonialismus-Aufarbeitung, Globalisierte Gesellschaften) – noch vertreten kann.

Wenn Sie unbedingt auf jemanden stolz sein wollen, dann seien Sie es auf die Menschen, die in Deutschland jeden Tag für kleine Löhne alte Menschen betreuen, auf Kinder aufpassen oder diese unterrichten, die Integrationsprogramme leiten oder sich ehrenamtlich für Kultur, für Minderheiten und Bildung und gegen Hass und Diskriminierung engagieren (etc.); auf die Migrant*innen, die unser Wirtschaftswunder mit ermöglicht haben und lange wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden (und es teilweise noch werden) und die trotzdem geblieben sind; seien Sie stolz auf die freiwilligen Helfer*innen, die in den Geflüchteten-Unterkünften helfen; seien Sie, meinetwegen, stolz auf die Soldat*innen, die von der UNO auf Friedenmissionen geschickt werden (wobei auch darüber äußerst kritisch zu reden wäre, da auch diese Einsätze viele Übergriffe und viel Gewalt mit sich brachten). Ob Soldat*in sein eine Sache ist, für die man sich irgendwie rechtfertigen muss, ist etwas, das zu diskutieren wäre und vieles mehr zu diesem Thema wäre zu erörtern.

Aber eins weiß ich: stolz zu sein auf irgendetwas, das Soldaten an Kriegshandlungen je auf diesem Planteten begangen haben, zeugt von Narrheit, Dummheit, Stumpfsinn. Und wenn Ihre Partei dafür steht, mit Ihnen als Spitzenkandidat, dann, entschuldigen Sie vielmals, halte ich sie für unwählbar. Bedenken Sie vielleicht, was Heinrich Heine – den Sie (wiederum dreist) in Ihrer Rede erwähnen, ohne sich anscheinend je mit seiner zwiespältigen Position zur deutschen Kultur auseinandergesetzt zu haben – sagte, hier leicht abgewandelt wiedergegeben: „Eine Kultur, die sich auf Kriege und Gewalt beruft, wie kann sie je etwas anderes hervorbringen als Krieg und Gewalt.“

Sie haben es soweit gebracht mit Ihrer Partei, Herr Gauland, dass man Ihnen zurufen kann, was Thomas Mann an den Dekan der Universität Bonn – und das Naziregime, das ihn protegierte – schrieb (Link): “Deutschland, soll ich beschimpft haben, indem ich mich gegen sie bekannte! Sie haben die unglaubwürdige Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln! Wo doch vielleicht der Augenblick nicht fern ist, da dem deutschen Volke das Letzte daran gelegen sein wird, nicht mit ihnen verwechselt zu werden.” Ich dachte, dieser Tag sei längst gekommen und hoffentlich ist er nicht mehr fern.

 

Borges zum 118. Geburtstag


für Maria

Was am Anfang bestimmend war, das waren die Viertel von Buenos Aires. Die Dunkelheit, der Mondschein, das schier abhanden kommende Dasein in den Fluchten von Spiegeln und Träumen, den Serpentinen zur Nacht, den engen Gassen. Das Schein und Sein-Spiel, ganz unerheblich, und doch: deine Existenz, noch etwas tiefer geschöpft, weiter vergossen, klarer ins fast schon Zerriebene gestellt.

Der Mond rief unerbittlich auf, in seinem weißen Zink, die Entfernungen der Welten, die Nähe der Sehnsucht und die Knochen, in denen du steckst. Während dein Kopf sich universell fühlt, zu Gedanken gezogen, Phantasien, Ideen und dem Hang sich an den Fasern der Bücher, der Worte, aufzutrennen, viel mehr hereinzulassen, als existieren kann, außen und innen. Die willkürliche Seele verlangt blindlings nach Dauer und nach Inhalt. Und durch die Seiten, die Verse, ist es, als würde es nicht um Menschen gehen – in eine Haut gebannt wie jeder, der von ihnen lesen kann – sondern ein bisschen mehr ist da und wie kommt man dahin, darauf …

Meditationen. Jedes Gedicht ist einem besonders tiefen Moment verpflichtet, verdankt. Das Universum wird mit jeder Zeile als Falte gesehen, die man umschlagen kann; das Universum, jenes Etwas, das sich auf seltsame Art die Zeit einteilt und die Räume, die Erscheinungen, die Träume, die Ereignisse, die Stimmungen, in denen du leben kannst als wären sie deine. Die Dimensionen der Gedanken leuchten in deinen Kopf und finden dann und wann dein Staunen, den Schönheitsreflex.

Swedenborg, Emerson, De Quincey, Chesterton, Shakespeare. Die Lektüre von Jahrhunderten und einem verregneten Abend, der vergessen wurde, wieder auferstand. Die Verse, die Essays, Geschichten, die Fortsetzung der Lektüre mit anderen Mitteln. Die Faszination ist da – gesprengt von den Worten, den Seiten, den Büchern, Einbänden, Namen, dem Satz, den du dir nicht einmal anstreichst, weil er ein Farbton ist, dem du wieder ganz plötzlich begegnen willst, ohne Hinweis, ohne Warnung. Keine Mauer errichten, kein sicheres Lager! Ein Erinnern ist das Lesen und ein Vergessen.

Ein Ausblick so groß wie der Himmel, ein Gedanke, so groß wie eine Wolke, ein Erkennen, so sanft wie ein Regen.

Zeit. Nichts fasziniert mehr als dieses Phänomen, das keines ist, weil es immer nur war und wird. Nur wir sind. Zeit geht und kommt. Wir gehen und kommen mit.

Menschen, Dinge, die uns elektrisierten, die sich uns eingaben wie ein Gott ohne Namen, als Antwort auf ein verloren geglaubtes Gebet. Im Schreiben sich dem nähern, was aus dem Schreiben erst entsteht.

Die Vorstellung: ein Wunder? Oder gekrümmte Realität? Realität: eine zurechtgekrümmte Vorstellung?

Zumindest ein Wunder: Dass es so viel zu lesen gibt. Durch das Geäst der Worte entsteht der Wald der nicht gerodeten Freiheit sich etwas auszudenken, mitzudenken, nachzudenken, vom Denken ins Schreiben zu wechseln.

Auf Wissen um die Navigation muss man verzichten, Literatur. Wir haben kein Ziel, wir fahren hinaus, wir steuern nicht an, wir reisen.

Wissen, dass Dichtung immer ein bisschen ein Abschied ist. Linien ins Nichts, an denen du dann hängst, dich festhältst, liegst wie in einer Hängematte, die solange hält, bis du das Buch zuschlägst; und etwas darüber hinaus. Und wieder hinein.

Alles was Besitz ist, bleibt Besitz des Gestern, der sich bis heute hält. Aber was hält, ist wichtig. Ist schön. Darin findet das Leben schon länger statt, wird erstmal nicht aufhören, darin stattzufinden, vielleicht. Hoffentlich; sicher nicht ewig, denn die Ewigkeit gibt es nur und nicht für dich.

(erschienen zuerst auf dasgedichtblog.de, Link)