Category Archives: Dichter*innen aus dem Rest der Welt

Zum Gedichtband “Diorama” der mexikanischen Performerin und Poetin Rocío Cerón


besprochen beim Signaturen-Magazin

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Zu Taha Muhammad Ali’s Gedichten in “An den Ufern der Dunkelheit”


an-den-ufern-der-dunkelheit„Fliegen unter dem Gewicht der Trauer/ Hoffen innerhalb des abgerissenen Traums“ (Adam Zagajewski)

“Und der Horizont,
dieses über Sand und Tränen
Fest geschlossene Augenlid –
Was hinterließ er,
Was versprach er dir?”

“Wer liest, der wird lernen, dass es nicht einfach nur “Gut” und “Böse” gibt. Und noch schlimmer: Er wird begreifen, dass das Böse oft eine Form von Vergangenheit, das Gute zunächst die Hoffnug auf eine zukünftige Form ist.”
Dieses Zitat von Malraux weist auf eine der der zentralen Problematiken hin, mit denen sich unsere Generation und die heutige Welt auseinandersetzen müssen: dem Erbe des 20. Jahrhunderts, diesem nahen und doch gleichsam fernen Zeitalter, das vor scheinbaren Gewinnern und tatsächlichen Verlierern nur so wimmelte und in dem unzählige Konflikte angefacht wurden, sodass das ganze Ausmaß des Brandes auch heute noch, auch in der westlichen Welt (der einzigen, für die das 21. Jahrhundert wirklich schon begonnen hat) nicht sichtbar geworden ist, medienpräsent in den Hintergrund gerückt, zugeschnittendurch die Scheren der Brisanz und der verschiedenen Interessen.

Von all den Schauplätzen, an denen im letzten Jahrhundert tiefgreifende Konflikte aufkamen, ist der mittlere Osten bis heute derjenige, der, zumindest in den westlichen Medien, am häufigsten und stärksten in den Fokus gerückt wird. Das Problem des Staates Israel ist dabei von besonderer Sprengkraft und beschäftigt die Gemüter seit dessen Gründung im Jahre 1948. Dieses Problem hat viele verschiedene Stufen und Metamorphosen durchlaufen und besitzt mittlerweile so viele Aspekte, dass oft die andauernden Katastrophe hinter dem ewigen Tauziehen um Gebiete und Geltungsrechte, völlig ausgeblendet werden. Und mit Katastrophe meine ich nicht zentral die Opfer der immer wieder auftretenden Kämpfe, sondern die Opfer der Zustände, die seit über 60 Jahren in dieser Region herrschen.

“Allabendlich lagert sich in der Brust
Wie Geröll ein Gefühl von Finsternis ab,
Eine Empfindung von Schwärze,
Eine Schwärze, die den Weg versperrt wie eine Wand.
[…]
Ich kann das Unglück der Sonnenuhr vernehmen
Wenn ihre Zeiger schrumpfen wie Schiffe
Ohne Häfen
[…]
Wie die Augen der Kinder
Träume ich
Von Straßen und Wäldern
Die Hügel und Jahreszeiten bedecken
Und die Gärten der Stunden überschreiten,
Um nach Belieben in einen Raum
Aus Sternen und Ähren einzutauchen,
Wo der Abend mir zulächelt,
Sich zu mir hinbeugt, mich tröstet,
Wie der liebste Großvater.”

Es wäre eine Verfremdung und unsinnige Überhöhung, wenn man sagen würde, dass Taha Muhammad Ali dem Schicksal eines ganzen Volkes eine Stimme verleiht, denn es würde ihn vom großen Dichter, der er ist, zur bloßen Galionsfigur degradieren. Ein Dichter, wie leidenschaftlicher er auch für etwas kämpft, schafft mit seinen Gedichten zwar die Möglichkeit, dass sich die darin enthaltene Stimme ausbreitet, aber es kann nicht sein erste Intention sein, denn er muss stets von sich selbst ausgehen, von dem einen kleinen Punkt seiner eigenen Empfindung. Doch am einzelnen Ich, da hatte Max Frisch Recht, erklärt und zeigt sich oft das Schicksal von vielen. Das ist die Wesenheit, die Kunst ausmacht, aus dem Großen und Ganzen eine Gestalt zu machen, die nicht wieder ins Große und Ganze eingehen kann, die sich als individuelle und zugleich übergreifende Erfahrung behauptet.

“Sein Menschenrecht ein Körnchen Salz,
Aufgelöst im Ozean”

Erst einmal: Sehnsucht, tief hinuntergeschluckt; dann, gleichsam klamm und nur als Stimmung: die Berührung einer warmen Welt, die Andeutung von Orient, Dörflichkeit, Schattenwärme und Sternennacht, mit Spuren von alten Namen und da sind Farben von dunklem Ruf, großer Schönheit und tiefem Sinn – doch davor: Der Schleier des Gefangenseins, des Verharrens in einer Trauerarbeit, durch den nur die Ahnungen und Erinnerungen zu dringen vermögen. Eine düstere Vision, die einen nicht loslässt, die jeden Punkt zuschüttet, an dem man nach dem Grundwasser des Lebens gräbt.

So begegneten mir die Gedichte von Muhammad Ali. Keine scharfen, platzierten Windungen, kein direktes Ziel in ihrem Zeilenfluss; die ganzen Worte ausgerichtet auf ein Einfachheit, das Erzählen, die Botschaft der Zeilen – und: das Abwarten. Das Abwarten, welches man überwinden, das man erklären will, damit es verschwindet. Das man mit Hoffnung überstrahlen, das man mit dumpfer Wut in einen großen Kosmos verzahnen will.

“Ich werde fortbestehen
als ein Fleck Blut
von der Größe einer Wolke
auf der weißen Weste der Welt”

Doch am meisten fällt auf: Größe. Ich weiß, das klingt ein wenig klotzig und man könnte meinen sie ist eh ein häufiges Merkmal von Dichtung. Ich habe sie auch erwartet (wobei einen Größe in der Dichtung immer wieder, unentwegt, zu überraschen weiß – da gibt es keine Gewöhnung). Aber trotzdem ist die Größe in Alis Gedichten doch überwältigend, denn sie erwächst, wie bereits erwähnt, aus einer Schlichtheit, die sich noch hier und da mit gewöhnlichen, sogar sachlichen Emotionen paart – und doch im Kern ihre Fläche, ihr Seelenmaß nie verkleinert. Jeder gelungene Vers flutet die innere Fülle des Gedichts.

“Ich höre nicht auf zu mahlen,
Solang im Hals meiner Mühle
Noch ein einziges Korn steckt.”

“Jetzt aber
Ist das Brot meiner Angst
Zur Neige gegangen
Und der Wein meiner Trauer
Sprudelt aus allen Quellen.”

Natürlich spielen Wut und Trauer in diesem Buch eine wichtige Rolle. Wie auch soll man sein Schicksal vergessen oder abhaken, wenn man ihm nicht entfliehen kann? Es geht in diesen Versen nicht darum, ob Wut oder Trauer die Oberhand gewinnen, sondern ob es jenseits von Trauer und Wut noch etwas anderes gibt. Danach suchen diese Gedichte, das ist ihr Thema, ihre innerste Wesenheit. Einige gehen sicherlich auch in die Untiefen der oben erwähnten Emotionen, aber eigentlich bleibt auch da ihre Suche eine Suche nach Gefühlen und Hoffnungen jenseits dieser Gründe, auf denen ihr Schicksal erbaut und festgeschweißt ist.

Ein schwieriges Unterfangen und in der Realität noch nicht einmal wirklich begonnen. Aber gerade deswegen musste es vielleicht in der Lyrik geschehen, der Form der Literatur, die am freisten ist und doch meisten nach einer inneren Notwendigkeit verlangt – denn auch das sind diese Gedichte: notwendiger Ausdruck, ja, die Verkörperung eines Exils, das ein Zuhause kennt, aber nur ein Zuhause der Vergangenheit und eine immer wieder bedrohliche Gegenwart. Die Auseinandersetzung mit einer solchen Lebensart kann sehr profan sein; in den Gedichten von Muhammad Ali beschreitet sie einen ungeheuer geraden, tiefen und anspruchsvollen Pfad, der schließlich immer wieder an Ufern der Dunkelheit endet. Doch unser aller Weg endet an diesen Ufern und genauso wie bei uns selbst, zählt auch bei diesen Gedichten der Weg dorthin, der die Ausdrücke kennt, die sich der Tod nicht ausmalen kann und die das Leben ausmachen: Ausdrücke der Sehnsucht, der Freude, der Freiheit, der Geborgenheit, des Glücks, der Liebe, der Angst, des Zorns, der Namen für die Dinge der Seele.

“Nach unserem Tod,
wenn das müde Herz
Zum letzten Mal seine Lider verschließt
Vor allem, was wir taten,
Vor allem, was wir wünschten,
Vor allem, was wir träumten
Und begehrten
Oder fühlten –
Wird der Hass das Erste sein,
Was in uns
Verfault”