Category Archives: Englische und Amerikanische Dichter*innen

Zu den gesammelten Gedichten von W. B. Yeats


Die Gedichte Yeats

 Hätt‘ ich des Himmels bestickte Kleider,
Durchwirkt mit goldnem und silbernem Licht,
Die blauen, matten und dunklen Kleider,
Der Nacht, des Tags und des halben Lichts,
Ich legte sie zu deinen Füßen aus:
Doch ich bin arm, hab nur meine Träume,
Die legte ich zu deinen Füßen aus,
Tritt sanft, du trittst ja auf meine Träume.

Wer dieses Buch in Händen hält, der hält zugleich eine der großen Übersetzungsleistungen des 21. Jahrhunderts in Händen. Fünf Übersetzer*innen (von denen vier namhafte deutschsprachige Lyriker sind und die letzte eine sehr wichtige literarische Übersetzerin) haben das Werk des großen irischen Dichters W. B. Yeats unter sich aufgeteilt und jeweils auf ihre Art übersetzt, von den Anfängen bis zu den nachgelassenen Texten.

Sicherlich gibt es einige Kritikpunkte, die nicht von der Hand zu weisen sind. Der größte sicher: der Verzicht auf eine zweisprachige Ausgabe (die in zwei Bänden hätte erfolgen können). Auch eine etwas umfangreichere Einweisung/Einleitung in Yeats lyrisches Werk (gerade weil die Zweisprachigkeit fehlt) und seine Poetik wäre wünschenswert gewesen. Die Anmerkungen zu den Texten und Hummelts Nachwort, die durchaus nützlich sind, reichen hier schlicht nicht aus.

Dennoch ist es, wie gesagt, eine sehr erfreuliche Publikation, von deren Art man sich mehr wünschen würde, von verschiedenen Dichter*innen (englischsprachigen, aber auch spanischen, französischen oder gar russischen). Yeats ist darüber hinaus ein Dichter, mit dem man sich sehr lange beschäftigen kann, voller Ambivalenzen und nicht ohne Kitsch und Stilblüten. Es gibt eine Anekdote, nach der Ezra Pound, der eine Zeit lang Sekretär bei Yeats war, Gedichte, die Yeats ihm zeigte, für den letzten Dreck befand. Yeats veröffentlichte sie trotzdem – mit dem beigefügten Hinweis, dass Ezra Pound sie für den letzten Dreck halte.

Was mache ich aus diesem Schwachsinn nur –
Mein Herz, mein Schweres – dieser Witzfigur,
Gebrechlichkeiten, die ich mit mir schleppe,
Wie Zeugs am Hundeschwanz?
Nie war ich mehr
Erregt, nie heißer und nie wilder drauf
In meiner Phantasie, und Aug und Ohr
Nie so bereit für das Unmögliche –

Zu den Gedichten von Spoon Jackson


Felsentauben “Ruhelos, nicht schlafen können
Schlüssel, Gitter, die Gewehre werden geladen
Jahr für Jahr
Endlose Echos
von Stahl, der Stahl küsst”

Seit er 19 ist hat Spoon Jackson in einem halben Dutzend kalifornischer Gefängnisse gesessen, denn mit 19 wurde er wegen Mordes (von einer rein weißen Jury) verurteilt, nachdem er bei einer häuslichen Auseinandersetzung jemanden erschossen hatte (Mord geht, juristisch gesehen, von Vorsatz aus). Das Urteil lautete damals lebenslänglich, mit dem Zusatz: ohne die Möglichkeit vorzeitiger Entlassung. Ein Todesurteil, ein langsames.

Eines Tage begann Jackson, angeregt durch Poetik-Kurse im Gefängnis, Gedichte zu schreiben (später spielte er außerdem in einer Theateraufführung von Warten auf Godot im Gefängnis mit). In diesem Band, erschienen in der Edition Offenes Feld, finden sich einige dieser Gedichte + die autobiographische Darstellung “By Heart”, alles übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rainer Komers, der über lange Jahre im brieflichen Kontakt mit Jackson stand, nachdem er den Film “Three Poems by Spoon Jackson” des Regisseurs Michael Wenzer gesehen hatte.

Es sind Gedichte, die zwischen einer klaren und doch auch träumerischen Bildsprache und biographischen Schilderungen im narrativen Tonfall hin und her pendeln; Neruda und Bukowski könnte man die Achsen nennen, zwischen denen die Kurven der Gedichte ausschlagen. Erinnerungen und der Traum von, der Wunsch nach Freiheit, vermischen sich.

Natürlich handelt Spoons Poesie von seinem Schicksal, aber sie ist in ihren besten Momenten ein Beispiel für die konzentrierte Form unangetasteter Lebendigkeit, seine Gedichte sind Kassiber, Widerstandsmomente gegen Willkür, selbst wenn diese in den Versen gleichzeitig eingestanden wird. Die Lektüre lohnt sich, sowohl um eine außergewöhnliche Lebensgeschichte kennenzulernen, als auch für die gesetzte, immer wieder nachdrückliche Kraft der Gedichte.

“Ich gehe, wo der Wind sich verbirgt,
Wenn er nicht weht.

Ich verfolge, wie die Wolken
Den Mond verschlingen.
Ich erlebe meine Gedanken,
Meine Gefühle, meine Liebe
Wie Meereswellen, die gegen Schiffe krachen.”

 

Zum modernen Poesie-Atlas der Roma & Sinti “Die Morgendämmerung der Worte”


Die Morgendämmerung der Worte besprochen beim Signaturen-Magazin

Eine meiner Entdeckungen des Jahres! Alice Oswalds Lyrikband “46 Minuten im Leben der Dämmerung”


46 Minuten  besprochen beim Signaturen-Magazin