Category Archives: Essay

Zu “Ungestraft unter Palmen” von Hans Christoph Buch


„Sich vom Eurozentrismus zu distanzieren, gehört fast schon zum guten Ton, aber ein Rückblick auf die Agenda des Jahres 2014 zeigt, wie selektiv unser kulturelles Gedächtnis war und ist. Zwar wurde bis zum Überdruss an 1914 erinnert, doch die Schlacht von Dien Bien Puh 1954, die Frankreichs Präsenz in Asien beendete, fiel ebenso unter den Tisch wie die 1884 von Bismarck einberufene Kongo-Konferenz, auf der Europas Großmächte Afrika wie eine Schokoladentorte aufteilten – die Sprach- und Siedlungsräume durchschneidenden Grenzen haben bis heute Bestand.“

Um es von vornherein auf den Punkt zu bringen: dieses Buch ist eine Fundgrube, eine literarisch-essayistische vielfältige Show, die großes Lesevergnügen bietet. Ich mag die feine Selbstverständlichkeit, mit der Buch sich durch die Weltliteratur bewegt, und ganz gleich, ob er bei den Klassikern verweilt oder Entlegenes und Unbekanntes einer Betrachtung, Ausschöpfung und Skizzierung unterzieht – seine beschwingte Begeisterung garantiert lesenswerte, inspirierende Exkursionen.

„Ungestraft unter Palmen“ ist aber auch ein breites Sammelsurium und die einzelnen Texte stammen aus vielen unterschiedlichen Zusammenhängen. Interviews, Biographisches, Rezensionen, Studien, Essays, Mischformen bilden einen gemeinsamen Inhalt, der durch nichts konsequent zusammengehalten wird (wenn auch Ober-Kapitel ein paar lose Einteilungen abstecken).

Dies sollte man dem Buch nicht zum Vorwurf machen: In dieser, ins Thema preschenden, formalen Freiheit, die schnelles Aufziehen und Verknüpfen einschließt, ist Buch schließlich in seinem Element, hier gelingen ihm Illumination und kurzweilige Tiefe. Da seine Begeisterung und sein großes Register an Anekdoten und Verweisen ungeheuer ziehen, vermisst man den Rahmen eher selten.

Nur am Ende, habe zumindest ich ihn vermisst, weil sein Fehlen es schwerer macht, die Lektüre als Gesamtes zu rekapitulieren; der Text strömte beim Lesen vorbei und ergriff mich mit diesen Strömungen, aber ich schwamm selten selbst, wurde mitgezogen, mitgerissen, in Bann geschlagen, aber selten meinen eignen Gedanken überlassen; Buch leiert vieles gut an, weil er es aber nicht unbedingt konsequent selbst verfolgt, bleibt es ein Funke, der in den Lesenden nicht unbedingt zur Flamme reift.

Trotzdem ist „Ungestraft unter Palmen“ sehr lesenswert, vor allem weil es tatsächlich vielerlei Wege in die Welt der Literatur bahnt, Trampelpfade und Alleen, und dabei nicht nur gegen eurozentristische Klischees vorgeht, sondern allgemein eine diverse Perspektive forciert und erschafft – etwas, dass es dringend braucht. Denn, wie Buch Alexander von Humboldt zitiert:

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“

Und nicht differenziert genug angesehen haben. Literatur ist im besten Fall die differenzierte Weltbetrachtungsschule par excellence. Das zeigt Buch wunderbar auf und sein Buch zählt selber zu jenen, die Bewusstseinsgrenzen erweiternden Werken.

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Zu Alberto Manguels Essays und Betrachtungen in “Im Spiegelreich”


Indem wir Wörter mit Erfahrungen paaren und Erfahrungen mit Wörtern, durchforschen wir Leser die Geschichten, in denen etwas nachhallt, die uns auf eine Erfahrung vorbereiten oder uns von packenden Abenteuern erzählen, die wir niemals anders erleben werden (wie wir nur zu gut wissen) als auf dem Papier. Dementsprechend ändert sich mit jeder Lektüre unsere Vorstellung von dem Buch, das wir uns vorgenommen haben.

Seit ungefähr zwei Jahren zähle ich den Literaturliebhaber und vielseitigen Essayisten Alberto Manguel zu meinen Lieblingsautoren; für mich stehen seine Bücher gleichberechtigt neben den (natürlich umfassenderen, universelleren) Essay-Werk von Jorge Luis Borges (Borges verliebt sein ist einer der Essays in diesem Band gewidmet). Ich kann nur jedem empfehlen “Die Bibliothek bei Nacht”, “Eine Geschichte des Lesens” und, allen voran, das Büchlein “Eine Stadt aus Worten” zu lesen. Viel Feinsinn und viel Anregung erwarten alle Lesenden.

„Im Spiegelreich“ habe ich in den letzten beiden Jahren immer wieder gelesen, mal einen Text, mal hundert Seiten am Stück, mal nur eine Passage; das Buch blieb eine Fundgrube, eine immer wieder gern zur Hand genommene Beschäftigung und ich habe mich auf sehr unterschiedliche Weise mit den Texten auseinandergesetzt.

Ich möchte nicht die ganze Geschichte dieser Auseinandersetzungen hier auswälzen. Fest steht, dass in diesem Buch eine Sammlung von Artikeln, Betrachtungen, Portraits, Rezensionen und Essays zusammenkommt, die eine beachtliche Anzahl von Ideen & Ansätzen zur Literatur und ihrer Umgebung ausarbeitet, bedenkt und widerspiegelt; mannigfaltiger als bei jedem anderen Band, den ich kenne. Letzteres ist nicht nur ein Qualitätsmerkmal, denn mancher Gesichtspunkt ist weniger gut ausformuliert, mancher Text hat eher den Charakter eines Einwurfs, einer Anmerkung oder verliert sich in seiner Agitation.

Nichtsdestotrotz: ein paar dieser Texte sind Gold wert. Sie umkreisen politische, ästhetische, gesellschaftliche, historische und biographische Dimensionen, fesseln manchmal durch das Beziehen einer klaren Position, oft aber auch durch das feine und nicht abschließend wertende Ausloten und -balancieren einer Idee. In jedem Fall enthalten Manguels Exkurse und Meditationen die eine oder andere Epiphanie. Denn Literatur, das ist der Gang ins Spiegelreich. Und wie verblüfft sind wir, wenn sich ein solcher Spiegel manchmal als Fenster mit einer wunderbaren Aussicht und manchmal als Mikroskop, dann wieder als gebogene Linse erweist, mit deren Hilfe wir alles ein bisschen klarer sehen können.

Wahres Erleben und wahre Kunst (mag dieses Adjektiv auch noch so unbequem geworden sein) haben eines gemeinsam: Sie umfassen immer mehr, als wir begreifen, mehr sogar als unsere Begriffsfähigkeit. Ihre Dimensionen liegen immer ein wenig außerhalb unserer Reichweite, wie es die argentinische Dichterin Alejandra Pizarnik einmal beschrieb:

Und wenn die Seele fragen würde, um wieviel weiter? Müsstest du antworten: Bis zum anderen Ufer des Flusses, aber nicht dieses Flusses, sondern des Flusses danach.

Zu Iris Radischs neuem Buch “Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben”


“Ein französischer Schriftsteller benötigt keine Gebrauchsanweisung für Paris, weil er sie seit jeder kennt: Für die ersten Küsse kommen nur der Pont Neuf oder der Pont Alexandre III in Frage. Selbstmord begeht man von der Pont Mirabeau. Begraben wird man auf dem Friedhof Montparnasse. […] Obwohl der starke Einfluss zumal der deutschen Philosophie auf die Pariser Schriftsteller nicht zu übersehen ist – kein Sartre ohne Hegel, Heidegger und Husserl, kein Camus ohne Nietzsche –, bilden die Fußnoten ihrer literarischen und philosophischen Essays noch immer ein Kompendium ausschließlich französischer Nationalliteratur. Paris hat an sich selbst genug.“

Frankreich nach dem 2. Weltkrieg – es gibt einiges aufzuarbeiten. Nicht die ganze französische Bevölkerung war in der Resistance, Vichy ist noch ein Tabu, langsam aber sicher entsteht ein Selbstbewusstsein in den afrikanischen und den Übersee-Kolonien und nach dem Quasi-Ausscheiden des Faschismus werden die beiden Ideologien Kommunismus und markwirtschaftlicher Kapitalismus zu Projektionsflächen für allerhand Theorien, Diskussionen und Werke zur Verbesserung und Neuordnung der Welt und des Menschenschicksals, mitsamt den Heilsversprechen und Dämonisierungen.

Iris Radisch hat den Einstieg gut gewählt, nicht nur weil sie ihr Buch so mit ein paar der prägendsten und heute noch populären französischen Autor*innen und Denker*innen beginnen kann – Albert Camus, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir etc.; Gestalten und Namen, die bis heute eine bedeutsame (wenn auch dann und wann eher popkulturelle) Aura umgibt und deren Werke auch in heutigen Debatten noch eine Rolle spielen, ob es nun um Feminismus, Postkolonialismus oder das Individuum in einer durchstrukturalisierten Gesellschaft geht.
Sondern auch, weil dieser Moment tatsächlich einen Umbruch in der frz. Literatur darstellt. Vor dem 2. Weltkrieg, vor allem in den Roaring Twenties, war Paris das Zuhause der Lost Generation, die zu großen Teilen aus ausländischen Autor*innen bestand, aber auch der Surrealisten und Expressionisten, sowie der letzten Überbleibsel der Intellektuellen und Dichter*innen des Fin de Siècle.

Diese Mischung brachte sehr viel progressive neue Formen und Ideen hervor und machte außerdem viel Furore. Aber die wesentlichen Akzente der (post-)modernen französischen Literatur, vor allem der Roman- und Essay-/Theorieliteratur, die heute immer noch den wichtigste Bestandteil der Produktion darstellt – mit dem Anspruch der Gesellschaftsdurchdringung, zwischen Weltanschauung und Darstellung angesiedelt – hat ihre Wurzeln in den 40er und 50er Jahren, bei den Existenzialisten und ihren Antipoden.

Bei ihnen beginnt Radisch ihre launige Reise durch die neuere französische Literaturgeschichte und wirft zahllose Schlaglichter auf die Arenakämpfer und Außenseiter der Jahrzehnte zwischen 1940 und 2015. Diese Reise wirkt dann und wann etwas ungeordnet, aber fesselt so gewandt und locker, fast schon spielerisch, dass einem die Sprunghaftigkeit, das Wechseln von Verlaufen und Bündeln, nicht wirklich negativ auffällt.

Bemerkenswert ist, wie es Radisch gelingt, den vielen Protagonist*innen ihres Buches gerecht zu werden, weder ihre Verdienste noch ihre blinden Flecken und Verfehlungen zu favorisieren, sondern beides auf anschauliche Weise einander gegenüber zu stellen und so Ambivalenzen, Stärken und Schwächen hervorscheinen zu lassen. Immer wieder arbeitet sie außerdem geschickt die höheren Korrespondenzen, die Bezüge und Einflüsse heraus. In späteren Abschnitten wechselt sie dann und wann aus der Geschichtenerzählerinnenrolle in die Rolle der protokollierenden Interviewerin, wenn es um Zeitgenossen geht, die sie selbst noch getroffen hat. Sie versucht jedem Charakter auf eigenen Weise nachzuspüren.

Herausgekommen ist ein fabelhaftes Buch, das ich mit großem Vergnügen gelesen habe. Gewiss, es ist keine erschöpfende Studie und die Lust am spitzen Kommentar und am Esprit wird Radisch vielleicht zum Vorwurf gemacht werden; auch die persönliche Auswahl bietet natürlich Angriffsflächen. Aber bei solchen Einwänden würden die Kritiker*innen übersehen (oder verschweigen), dass dieses Buch mit einer solchen Leidenschaft für die Literatur und ihre Möglichkeiten geschrieben wurde, dass zumindest ich bereit bin, im Sog dieser wunderbaren Heranführung an Werke, Gestalten und Anekdoten, nicht noch irgendwelche zu kurz greifenden Kritteleien anzubringen – die vielleicht hier oder da greifen mögen, aber das Buch in seinen Intentionen und, ja, seiner Schönheit, nicht ernst nehmen würden.

Wer nicht nur einen guten Überblick über die neuere französische Literatur bekommen, sondern dabei auch gern noch Spaß haben und neue Lust auf ganz unterschiedliche Lektüren bekommen will, dem empfehle ich „Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben“. Es ist ein wunderbares Buch. Und zusätzlich empfehle ich eine Lektüre der vorgestellten Werke, insbesondere der von Albert Camus und Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir (und Simone Weil, die leider keinen Platz im Kosmos dieses Buches bekommt). Denn Radisch trifft es auf den Punkt, wenn sie schreibt:

„Bis heute hat sich die Anziehungskraft ihrer Motive – großzügig und verschwenderisch in schneller, freier Fahrt zu leben, ohne materielle oder metaphysische Anschnallgurte, ohne Angst vor Irrtum und Zufall – nicht verloren. Im Gegenteil. Ihre Fragen nach Freiheit, nach persönlicher Verantwortung und nach einem authentischen Leben sind in Zeiten umfassender Überwachung und Steuerung durch anonyme Systeme drängender denn je. Vertieft man sich in die Romane und Tagebücher der Existenzialisten, ist es, als kehre man nach Hause zurück.“

Zu dem bemerkenswerten Buch “Der Sinn des Lesens”, das Vermächtnis des Autors Pieter Steinz


(© des Bildes by Marina Büttner)

„Antiklimaxe, das Leben ist voll davon. Die Weltliteratur übrigens auch, und die schönsten sind im Werk von Franz Kafka zu finden. Große und faszinierende Romane wie Das Schloss blieben ohne Schluss […] doch auch viele seiner vollendeten Erzählungen enden mit einer Antiklimax. In manchen Fällen erhöhen diese den absurden Gehalt, in anderen die philosophische Wirkung – man gerät ins Nachdenken.“

Das Leben hat in der Tat viele Antiklimaxe, den größten hebt es sich bis zum Schluss auf, trägt ihn aber schon immer mit sich: den Tod, der dann auch folgerichtig am Ende von Kafkas einzigem mit einem Ende versehenen Roman steht, in dem das Leben ein Prozess ist, den der Mensch nicht gewinnen kann (ein Verfallsprozess). Die meisten Menschen können dieser finalen Antiklimax lange aus dem Weg gehen, weil der genaue Zeitpunkt unbekannt ist und man sich so mit jedem Akt des Lebendigen fernab der Aussichtslosigkeit bewegt – es gilt hier jene paradoxe Weisheit Senecas: man ist so lange unsterblich bis man stirbt.

Doch was ist, wenn man, noch am Leben, ein recht genaues Todesurteil in Händen hält? Es gehört nicht zu den zweiundfünfzig Büchern, die der niederländische Schriftsteller, Gelehrte und Direktor der niederländischen Literaturstiftung Pieter Steinz für seine Kolumnenserie (aus der dieses Buch hervorgegangen ist) ausgewählt hat, doch Victor Hugos Die letzten Tage eines Verurteilten wäre sicherlich im späteren Verlauf seiner Krankheit ebenfalls eine Lektüre gewesen, mit der er sich ein Dialog entsponnen hätte – oder vielleicht gerade nicht, denn Steinz geht es eigentlich nie um die seelische Vorbereitung auf den Tod, sondern um das Gewahr werden und Auskosten der Aspekte des Lebens, um den Trost, um die Bewältigung, die weiterhin das Wichtigste ist – nach Rilke: „Wer spricht von Siegen/ Überstehn ist alles.“

„Das Buch, das so entstanden ist, gibt vielleicht keine definitive Antwort auf die Frage, ob Literatur in schwierigen Situationen Trost bieten kann, für mich hat sich auf jeden Fall erwiesen, dass zumindest das Schreiben über Literatur sehr tröstlich ist.“

2013 wird bei Pieter Steinz ALS diagnostiziert, eine unheilbare, degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems; der einzige prominente Überlebende von ALS ist Stephen Hawking, der allerdings an einer speziellen Form der Erkrankung leidet. Nicht ein einziges Mal im ganzen Buch beklagt Steinz dieses Schicksal (auch wenn natürlich Bedauern, Nostalgie und Schwermut manchmal eine Rolle spielen) und schon im ersten Text des Buches, über Platons Phaidon und den Tod des Sokrates durch den selbstzugeführten Schierlingstrank, positioniert er sich gleichsam fatalistisch und lebensbejahend: Fatalistisch, weil er nicht versuchen will, das Unvermeidliche zu leugnen und es stattdessen hinnimmt, lebensbejahend, weil er es nicht als Ende einer erfüllten Existenz ansieht, auch wenn er von nun an seine Tage in großen Teilen eingeschränkt verbringen muss und immer mehr Freuden unmöglich werden. Da in den Niederlanden die aktive Sterbehilfe erlaubt ist, hat Steinz sich früh entschlossen, in dem Moment, in dem es gar keine Möglichkeit mehr gibt, am Leben aktiv teilzunehmen, diese in Anspruch zu nehmen.

„ALS ist eine Krankheit, die die Phantasie beflügelt. Negativ natürlich und in verschiedenerlei Hinsicht. Seitdem die meisten Krebsarten nicht mehr automatisch das Todesurteil bedeuten und AIDS sich gut mit Medikamentencocktails bekämpfen lässt, haben tödlich Nervenkrankheiten die Rolle des ultimativen Angstgegners übernommen. […] Vor allem, dass die eigenen Gliedmaßen eine nach der anderen gelähmt werden, bis man nur noch die Augen bewegen kann, grenzt an puren Horror.“

Wie gegen den „puren Horror“ angehen? Steinz will, neben Aktivitäten mit der Familie und der Fortführung seiner gewohnten Arbeit (so lange wie möglich), noch einmal viele seiner Lieblingswerke und Lebensbücher lesen. Auch wenn sich diese Lektüreliste an seinen Vorlieben orientiert, haben die Bücher öfters einen Bezug zu seinem momentanen Krankheitsverlauf, seinen neusten Erfahrungen mit der Behandlung, den Einschränkungen. So ist das Kapitel über Kafka, das die Erzählung Der Hungerkünstler zum Thema hat, verknüpft mit seinem erzwungenen Hungern (da die Schluckmuskeln ebenfalls abgebaut werden), eine Ausführung zu Rabelais großem Roman Gargantua und Pantagruel beschäftigt sich ebenfalls mit der Üppigkeit und den Ausschweifungen der Genüsse, die nicht mehr möglich sind, in einem anderen Text wirft er Dickens spaßeshalber vor, dass er viele Berufsklassen durch Figuren portraitiert (und persifliert) hat, aber keine Ärzte.

Meist ist eine Figur aus den Texten oder ihre generelle Botschaft, denen sich Steinz verbunden fühlt und die er ins Zentrum stellt. Als er eine Zeit im Krankenhaus verbringt, in dem er zwar nicht sterben wird, aber wo letztlich Eingriffe und Therapien durchgeführt werden, die sein Leben nur unwesentlich verlängern, muss er an Hans Castorp aus Thomas Manns Zauberberg denken. Er kam eigentlich nur ins Krankenhaus für einen kurzen Aufenthalt, um eine Magensonde legen zu lassen, musste dann aber wegen zahlreicher Komplikationen drei Wochen bleiben; Castorp will nur einen Freund besuchen und bleibt dann sieben Jahre in der Lungenheilanstalt – Jahre, die ihn prägen. Steinz betont vor allem die Unterschiede zwischen seiner Lage und der von Castorp, aber am Ende weiß er doch, warum er sich an Manns Bildungskind erinnert fühlt:

„Nein, das Krankenhaus ist kein Zauberberg. Dennoch sehe ich eine wesentliche Gemeinsamkeit zwischen meinem Werdegang und der Hauptperson Manns. Nachdem Hans Castorp nach sieben Jahren endlich perfekt gebildet vom Berg hinabsteigt, spaziert er geradewegs in die Schützengräben des ersten Weltkriegs. All die Jahre der Sorge und Bildung sind umsonst gewesen. Wenn ich nach all den sündhaft teuren Operationen, den hundert Arten von Medikamenten und den Wochen liebevoller Pflege und Betreuung die Intensivstation verlasse, habe ich noch immer ALS, und ein langes Leben wird mir nicht vergönnt sein. Es ist ein Stück Ironie, für das sich Thomas Mann nicht geschämt haben würde.“

Also doch die Aussichtslosigkeit? Eben das ist so beeindruckend (und doch tief authentisch) an dem Buch: jeder weitere Text versucht wiederum (was einige Wiederholungen bedingt) mit der Lage umzugehen, kann wiederum nicht leugnen, dass es sich bei den Schilderungen und Erzählungen eben um eine Chronik des Verfalls handelt, egal, was man diesem Verfall noch abtrotzen kann. Steinz bietet alles dagegen auf: Genüsse, Gedanken, Erkenntnisse und Erinnerungen. Und dass diesen Dingen nur ein zeitweiliger Sieg eingeräumt werden kann, ist stets klar.

Dieses Denken, Leben, Erfassen im Angesicht eines nahenden Todes ist ganz klar eine Ausnahmesituation und doch ein Sinnbild für die verwirrende Verquickung von „carpe diem“ und „c’est la vie“, die in jeder Existenz am Werk ist; voller Momente, die schön sind und in ihrer Schönheit schon wieder grausam, schon wieder aufgeladen, schon wieder unerreichbar.

„Eine der schönsten Erfahrungen des zurückliegenden Jahres, seit dem Moment, als bekannt wurde, dass ich an ALS leide, war der Strom an Briefen und E-Mails, die ich von Bekannten und Unbekannten bekam. Jeder versuchte, Trost zu spenden, und sehr oft bestand dieser Trost in einer Erinnerung an etwas Kleines, mit dem ich das Leben des anderen ein wenig verändert hätte: eine helfende Hand, die ich gereicht, ein Seminar, das ich gegeben, ein Praktikum, das ich ernsthaft betreut, einen Artikel, den ich in der Zeitung veröffentlicht, oder einen Scherz, den ich gemacht hatte.“

Gedichte und Romane, Klassiker von Dumas und Orwell, Sagen und Märchen, unbekanntere niederländische Klassiker, aus ihnen allen zieht Steinz Trost und kann in ihnen kleine Bastionen für seine Lebensfrohsinn aufbauen, mit denen er sich gegen seine täglichen Sorgen und Nöte rüstet. Sie begleiten ihn auf einem Weg, den er nicht gehen wollte, aber nun entschieden geht. In einem der besten Kapitel begegnet er einem Leidensverwandten, dem Philosophen Boethius, der, zum Tode verurteilt, sein Schicksal in seinem Werk Trost der Philosophie (geschrieben in der Haft vor der Vollstreckung) zu verstehen suchte. Steinz destilliert die Weisheit dieses Werkes auf seine Weise:

„Alle Menschen stecken in ihrem großen Rad, sind einmal oben und dann wieder unten. Das einzige, worauf Fortuna keinen Einfluss hat, ist der eigene Geist und die eigene Güte – sie müssen ausreichen, um einen durchs Leben zu bringen.“

Solche feinen Hoffnungen inmitten des groben Lebens, von Literatur gewoben, machen neben den Schilderungen des Krankheitsverlaufes – erschütternd und doch schlicht, manchmal fast unverfänglich dargelegt – den Inhalt dieses Werkes aus.
Dass Literatur nicht nur Bewältigung ist, sondern in ihr die tiefe Hoffnung schlummert, dass sich Menschen mit Geschichten und Gedanken auch über Generationen hinweg beistehen können, ist seine Botschaft, seine Idee. Und die Plätze auf der Liste der Dinge, die noch zu tun bleiben, wenn das Leben zu Ende geht, sind an so manches Buch nicht verschwendet.

„Sozusagen als Droste-Effekt sollte auf der Bucketlist eines jeden auf alle Fälle High Fidelty stehen, denn der zwanzig Jahre alte Roman von Nick Hornby ist zweifellos das schönste Buch über Listen, das jemals geschrieben worden ist. […] Listen anzulegen heißt leben – Nick Hornby wird mir aus ganzem Herzen zustimmen.“

Die Offenheit, mit der Steinz in diesem Werk von sich und seinen Leiden, aber eben auch von seinen Empfindungen und Eindrücken, bei der Lektüre und in anderen Moment, berichtet, hat mich tief bewegt. Es ist keine sich zur Schau stellende Offenheit und auch keine rein dokumentarische. Es ist eine Offenheit, die noch vieles vermitteln will und sich deswegen öffnet. Dankbares und Erfreuliches (das man sich als Leser*in, wenn man sich in die Krankheit und ihre Erscheinung hineinversetzt, kaum noch vorstellen kann) wird eben so wenig verschwiegen wie die zahllosen Rückschläge und Einschnitte; auch die seltsamen Heilsversprechen nicht, die Steinz erreichen, der teilweise problematische Umgang der Ärzte und anderer offizieller Stellen mit seiner Krankheit. Als sein Verfall keinen ganz so raschen Fortgang zeigt, wie prognostiziert, schreibt Steinz:

„Unbewusst schämt man sich ein bisschen, dass man nach einem halben Jahr, dann nach einem Jahr, und schließlich nach anderthalb Jahren noch immer nicht tot ist.“

und als er von anderen darauf angesprochen wird, dass es bewundernswert ist, dass er sich nicht beklagt, obwohl er sich der Hoffnungslosigkeit seiner Lage bewusst ist, setzt er sich wiederum durch die Literatur – genauer mit Edgar Allan Poe, der fürchtete lebendig begraben zu werden und oft in dieser Angst schwelgte wie in einer Hoffnungslosigkeit – mit diesen Aussagen auseinander und resümiert:

„Selbstmitleid ist ebenso wie die Todesangst kontraproduktiv und reine Zeitverschwendung – und damit eigentlich ein vorzeitiges Begräbnis.“

Nun habe ich viel über dieses Buch geschrieben und ich weiß, es ist eigentlich noch immer nicht genug. Dieses Buch ist etwas Besonderes, in all seiner Einfachheit, seinen Wiederholungen und seiner Schmerzlichkeit; und nicht nur, weil es das Vermächtnis eines belesenen Geistes ist, der viele Sympathien in einem weckt, durch die Art wie er mit der Welt umgeht.

Steinz starb 2016. Die Hoffnung, das Versprechen, die Kunst, die Stärke, die Macht, die Idee der Literatur werden durch sein Schreiben, seine Auseinandersetzung, an verschiedensten Stellen offengelegt. Zwar ist die Literatur nicht der Protagonist von Der Sinn des Lesens – diesen Platz nimmt die Krankheit ein. Aber die Literatur ist der Sidekick, ist die liebenswerteste Nebenfigur, die im richtigen Moment genau das Richtige sagt, die in all ihrer Bescheidenheit ihren Beitrag leistet. Wie jener Schwertmeister in Game of Thrones, der Aria Stark die Flucht vor der kaiserlichen Garde ermöglicht und sie jenen Spruch lehrt, den sie von da an beherzigen wird und den auch Steinz während seiner Krankheit zu schätzen lernt:

„Mein Bestreben ist es, meine Augen zufrieden zu schließen […] bis dahin hole ich aus dem Leben heraus, was herauszuholen ist, und behalte dabei den knappen Dialog im Hinterkopf, den ich kurz nach meiner Diagnose mit meinem siebenjährigen Neffen geführt habe.
-Du stirbst, nicht wahr?-, fragte er und sah von seinem iPad hoch, auf dem er ein Spiel spielte, in dem es um einen Affen ging, der mehrere Leben hat.
-Ja-, sagte ich.
-Aber nicht heute-, sagte er beschwörend, als hätte er Angst, dass ich auf der Stelle das eine Level gegen das andere eintauschen würde.
-Nein, heute nicht.-“

Eine Auseinandersetzung mit dem großartigen und wichtigen Buch “Was auf dem Spiel steht” von Philipp Blom


besprochen bei Fixpoetry