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Poetisch-heftige Körperlichkeit


Es ist nach wie vor selten, dass Körperlichkeit authentisch und umfassend dargestellt wird, vor allem weibliche Körperlichkeit. Ich kannte bis dato ein gutes Buch von Brigitte Giraud zu diesem Thema, sowie einige Passagen in den Werken von Annie Ernaux, ein paar Stellen in „Hautfreundin“ von Doris Anselm, Margarete Stokowskis „Untenrum frei“ oder auch Juli Zehs „Spieltrieb“, vielleicht auch in Alice Walkers „Die Farbe Lila“ (auch zu nennen ist Franka Freis “Periode ist politisch”).

Während Mutterschaft und Sexualität in diesen und anderen Publikationen mittlerweile relativ gut, wenn auch nicht ausreichend abgedeckt werden, ist es vor allem die andere Seite, die Geschichte der Beschwerden und Krankheiten, der Vergänglichkeit, die seltener erzählt wird. Und gerade auf diesem Gebiet hat Sinéad Gleeson in ihrem Buch „Konstellationen“ Erstaunliches vollbracht.

Anhand verschiedenster Krankheiten und Entwicklungen, die sie durchlebt hat (Knochenfehlstellungen, Krebs, Alterserscheinungen) schildert die Autorin ihr Verhältnis zu ihrem Körper; und dessen Ingredienzien wie Blut oder Haare, die zwar zu ihr gehören, da sie den Körper, durch den sie fließen bzw. an dem sie wachsen, bewohnt, aber auch ein Eigenleben haben, das sich fast schon losgelöst von ihr betrachten lässt.

Diese Betrachtungen zur Losgelöstheit vom Körper, an den man doch aber gleichsam gebunden ist, unwiderruflich, sind von großer Eleganz und doch wohnt ihnen eine unwiderrufliche Heftigkeit inne. Gleeson konfrontiert die Leser*innen mit der Zerbrechlichkeit der Materie, aus der sie bestehen – so gern wir uns auch als Geist in der Maschine Körper sehen. Es ist aber die Sprache des Körpers, die letztlich auch unsere Sprache ist.

Der Geist vermag dennoch viel, zum Beispiel Bücher zu schreiben. Gleeson ist ein ganz wichtiges, starkes gelungen.

Gegen die Unsichtbarkeit


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Zu Beginn des Romans „Blaue Frau“ sind die Leser*innen mit einer Situation konfrontiert, zu der erstmal keine Erklärung gereicht wird, sondern die ganz für sich steht: ein Zimmer, eine Frau. Sie ist in einer ihr fremden Gegend und harrt anscheinend aus. Sie ist erschüttert, tief in ihrer Psyche. Immer wieder erscheint ihr eine blaue Frau, eine Art Geist oder Projektion, wobei zunächst unklar ist, ob diese einen Schmerz oder eine Hoffnung verkörpert (oder beides in einem).

Diese Anfangssituation des Buches ist klug inszeniert: Die unmittelbare und doch schleichende Konfrontation mit der Lage, in der sich Antje Rávik Strubel Protagonistin Adina befindet, bringt den Leser*innen ihre Person sofort nah, macht sie greifbar. Sie steht erstmal für sich. Auch, dass so zunächst das Opfer und nicht die Tat im Fokus steht, verändert die sonst übliche Dynamik in einem Buch über Missbrauch.

Denn ein solcher Missbrauch ist der Schatten, das von Anfang an auf die Stimmung des Buches drückt, seine Atmosphäre erzeugt. Adina ist eine missbrauchte Person, in mehrfacher Hinsicht, körperlich, aber auch ihre Träume wurden missbraucht. Sie war schon weit gekommen: aus dem rückständigen tschechischen Dorf, wo sie aufwuchs, gelang ihr der Sprung nach Berlin, wo sie sogar eine Mentorin fand und eine Zukunft in Aussicht hatte. Aber dann geschahen Dinge, die sie zur Flucht nach Helsinki bewogen und nun ist sie einerseits ohnmächtig, andererseits befeuert von dem Wunsch nach Gerechtigkeit oder vielmehr: nach Sichtbarkeit.

Denn Unsichtbarkeit ist das zentrale Thema von Strubels Roman: die Unsichtbarkeit der Träume von Frauen, die Unsichtbarkeit von Frauen im Rechtssystem und die Unsichtbarkeit von Osteuropäerinnen im Besonderen. Und die aus diesen Enttäuschungen und Verwundungen resultierende Unsichtbarkeit von Liebe und Zuneigung in den Augen derer, die immer und immer wieder die Machtverhältnisse aufgedrückt bekommen, bis sie als ständige Opfer dazu gezwungen sind, fast ausschließlich in ihnen zu denken.

Ich muss zugeben, dass ich mich am Anfang mit dem Buch schwergetan habe und erst gegen Ende die Klugheit des Aufbaus und des Bogens, den Strubel schlägt, wirklich honorieren konnte. Es ist also eines dieser Bücher, die einen für ein bisschen Geduld und Einlassung fürstlich entlohnen. Und es ist ein Buch, dass jede*r, der sich mit feministischen Themen auseinandersetzen will und auch bereit ist, dabei eine vielschichtige Materie zu durchstreifen, lesen sollte.

Diese Siege über uns selbst …


ff8f428d6fdf5bdcb896fb3fbe9e0382740245e4-00-00 Es ist eines dieser Bücher, die -schwupps- vorbei sind. Vielleicht haben gerade Interview/Gesprächsbände das so an sich, weil man das Gefühl hat, einer Konversation beizuwohnen und nicht Handlungsabläufen, Spannungsbögen, die steigen und fallen, folgen muss. Jedenfalls gingen bei mir schon die André Müller-Bände immer schnell um und auch “Die Herzlichkeit der Vernunft” hat bei mir nur einen Tag gehalten.

Doch dieser Tag war dann geprägt von vielfältigen Überlegungen, auch im Nachhinein. Ich musste unwillkürlich an Jorge Luis Borges und seine Gespräche mit Osvaldo Ferrari denken, die erst jüngst wieder im Kampa Verlag auf Deutsch aufgelegt wurden. Ähnlich wie dort, drehte sich auch bei Kluge und Schirach das Gespräch immer um Grundsätzliches, aber mit einer Lässigkeit und Sprunghaftigkeit, die dem Gespräch etwas fast schon Revueartiges verleiht – die Geschichte und die großen Ideen paradieren vorbei, mit Pomp und Grazie.

Im Buch enthalten sind fünf Gespräche, nebst einem Text von Kleist, der einem der Gespräche nachgereiht ist, weil er in ihm erwähnt wird (was ich allerdings für nicht so wichtig halte, aber gut). Den Titeln nach geht es in den Texten um die Persönlichkeiten Sokrates (und die Bescheidenheit), Voltaire (und die Toleranz), Kleist (und das Wissen), sowie die Themen Terror (und das Rechtswesen) und Politik (und die Langsamkeit).

Natürlich sind diese Titel vor allem Ausgangs- und Angelpunkte, um die herum Schirach und Kluge ein Feuerwerk an Anekdoten, Ideen und Exkursen abbrennen. Dabei geht es, wie bereits erwähnt, mitunter etwas sprunghaft zu und in manchen Fällen hat man eher das Gefühl, dass die beiden Gesprächspartner voreinander dozieren, statt wirklich miteinander zu sprechen, gezielt aufeinander einzugehen.

Das würde stören, wäre man einer dieser Gesprächspartner, aber als Beisitzer*innen wird den Leser*innen so allerhand geboten, vom kleinen Aperçu bis zur grundsätzlichen Erläuterung. Schirach tut sich natürlich vor allem auf dem Gebiet des Rechts hervor, immer wieder bringt er aber auch anderswo gute, knappe Erläuterungen an, während Kluge mehr die Universalgeschichte zitiert, wie immer es sich gerade anbietet, hintergründig, schelmisch, weise.

Am Ende bleibt wenig Markantes, aber man hat doch das Gefühl, sein Bewusstsein in mancher Hinsicht erweitert und geschärft zu haben. Es ist zudem ein Büchlein, dass man sicher mehrfach zur Hand nehmen kann und nicht weglegen wird, ohne wieder von einem interessanten Gedanken in Beschlag genommen worden zu sein.

Nicht zuletzt ist das Buch ein teilweise anrührendes Dokument zum Dilemma “Mensch”, diesem Wesen, das so viel erreicht hat und doch immer noch an den kleinsten Hindernissen scheitert. In einer Nebenbemerkung spricht Schirach von der Ideengeschichte als Geschichte der “Siege über uns selbst”. Das finde ich ist sehr passend gesagt und genau diese Siege über uns selbst führen Kluge und Schirach auf vielfältige, teilweise komische, teilweise eindringliche Art und Weise vor.

Auswahl aus Johann Jakob Sprengs Deutschem Wörterbuch


Also, Hand aufs Herz (nicht direkt drauf natürlich, lieber auf die Haut darüber) verehrte Leser*innen, wissen Sie was fucken bedeutet? Sie glauben vielleicht es zu wissen und sind dann basserstaunt, wenn Sie erfahren, dass es „diebischer Weise zu sich stecken“ bedeutet. Oder zumindest bedeutet hat.

Sprache ist und war schon immer ein sich ständig veränderndes Konzept, voller regionaler Modifikationen und Eigenheiten. Immer wieder werden zweckmäßige und hippe Begriffe Teil des Wortschatzes – und andere Worte verschwinden oder fristen ein abseitiges Dasein in eher obskuren Publikationen und Kreisen.

Nun gibt es aber zum Glück Aufzeichnungen, die gesamte Literatur der Vergangenheit ist im Prinzip auch eine Fundgrube verschwundener, aus der Mode gekommener Begriffe und Redensarten. Und es gibt Sammler, die diese Fundgrube bereits erschlossen haben oder dies zumindest versuchten.

Johann Jakob Sprengs Wörterbuch, im Original ein Monstrum von über 100.000 Artikeln, stellt sich in dieser Auswahl schon als maßgebliches Werk eines solchen Erschließers da und zugleich eine wunderbare Reise in die verschiedenen Kosmen der deutschen Sprache, vom Schweizer Tiefland bis an die Nordsee, vom vergessenen Kompositum bis zur sehr schrägen Mundartvariante.

So lernt man, dass ein Rasenkux ein unerbautes Feld ist, ein Commentichen nicht etwa ein niedlicher Kommentar, sondern eine Senf-Schüssel, eine Stammblütsche keine Wurst, sondern das untere Ende eines gestutzten Baumes und yselen zufrieren bedeutet.

Es gibt natürlich auch viele weniger aufregende Begriffe (dass ein „Schriftdieb“ ein Plagiator ist, versteht sich nicht nur von selbst, es ist auch nicht unbedingt ein bereicherndes oder schönes Wort), aber dennoch macht es Spaß in dem Buch zu blättern und auch immer wieder die von Sprenger mit einem Stern versehenen (besonders wertvollen) Worte zu bestaunen.

Alles in allem: ein tolles Buch, das in keiner Bibliothek fehlen sollte, zumindest in keiner von Wörterbuchfreund*innen.

Ein Set von 20 Poesie-Postkarten, schön illustriert


Postkartenbuch-Gedichte

Die Autor*innen:

Wilhelm Busch (2x), Gustav Falke, Erich Mühsam, Eduard Mörike (2x), Gottfried August Bürger, Franz Grillparzer, Rose Ausländer, Ernst von Wildenbruch, Hilde Domin, Heinrich Heine, Heinrich Zille, Christian Morgenstern (2x), Joseph von Eichendorff, Joachim Ringelnatz (2x), Kurt Schwitters und das bekannte “Dû bist mîn, ich bin dîn” eines anonymen Minnedichters.

Die Auswahl ist eigentlich schön, das Geschlechterungleichgewicht (18:2) fällt allerdings negativ auf – und das, obgleich es durchaus tolle kurze Gedichte von Autorinnen wie bspw. Mascha Kaléko, Emmy Hennings, Else Lakser-Schüler, Marie von Ebner-Eschenbach und v.a. gibt.

Davon abgesehen ist die Durchmischung wie gesagt gut: es gibt Anrührendes und Witziges, Charmantes und Weises, manchen Klassiker und ein paar unbekanntere Verse. Die Postkarten lassen sich größtenteils gut und sauber vom Heftrahmen lösen und das Papier hat eine schöne, stabile Dicke; auch die Oberflächen der Karten fühlen sich schön an. Die durchgehende Farbgestaltung in Gelb und Blautönen empfinde ich als gelungen.

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Ein Buch über das Leben, was es ist, wie man es führt


Maschinen wie ich

Man nennt sie Uchronien, oder, einfacher, Was-wäre-wenn-Geschichten. Was wäre geschehen, wenn Antonius die Schlacht bei Actium gewonnen hätte? Was wäre geschehen, wenn Wilhelm der Eroberer bei Hastings verloren hätte? Was wäre geschehen, wenn die Nazis den 2. Weltkrieg gewonnen hätten? – dies drei Beispiele für Fragestellungen, mit denen sich sogar die Geschichtswissenschaft beschäftigt (wenn auch meist nur, um ex negativo darauf hinzuweisen, warum die faktischen Ereignisse die Weltgeschichte auf eine bestimmte Art beeinflusst haben). Johannes Dillinger hat ein interessantes Buch über Uchronien in Geschichtswissenschaft, Film und Literatur verfasst, das ich jeder Person, die das Thema interessiert/fasziniert, empfehlen kann.

Allerdings findet Dillinger nur wenige der von ihm angeführten literarischen Werke wirklich bemerkenswert. Und in der Tat ist die Uchronie dort eher selten anzutreffen (sie ist auch abzugrenzen von Utopien und Dystopien, die in der Zukunft und nicht in alternativen Zeitlinien spielen und von Filmen und Büchern, die trotz einer Abänderung der Vergangenheit keinen Fokus auf die historischen Entwicklungen abseits ihres Plots legen). Meist sind dann auch nicht gut durchdacht und die historische Plausibilität wird im Verlauf oft zugunsten der Handlung vernachlässigt.

Dennoch gibt es ein paar spannende Beispiele, am bekanntesten sind wohl Robert Harris „Vaterland“ und „The man in the high castle“ von Philip K. Dick, wobei letzteres keine Uchronie im strengen Sinne ist. Dieter Kühns Grotesken in „Ich war Hitlers Schutzengel“ wären vielleicht noch zu nennen, viele weitere Titel kann man dem Buch von Dillinger entnehmen. Das erschien 2015 und enthält daher nichts zu Ian McEwans neustem Roman „Maschinen wie ich“. Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass Dillinger auch an diesem etwas auszusetzen gehabt hätte – aber ich glaube, er hätte auch anerkennen müssen, dass McEwan in mancherlei Hinsicht eine wunderbare Uchronie verfasst hat.

Einer der Gründe, warum meiner Meinung nach „Maschinen wie ich“ eine tolle Uchronie (und ein tolles Buch) ist: McEwan übertreibt es nicht. Sein England der frühen 80er Jahre ist kein wahnwitziger Ort, in dem die historische Kurskorrektur zu einem epischen Konflikt oder einer anderen Ausnahmesituation geführt hat. Eigentlich scheint sogar alles recht gewöhnlich, sieht man von der Tatsache ab, dass der Protagonist Charles Friend sich schon auf den ersten Seiten einen humanoiden Roboter mit künstlicher Intelligenz zulegt.

Der Mensch erschafft bei McEwan also schon Maschinen nach seinem Ebenbild (sogar unterteilt in Geschlechter, die einen heißen Adam, die anderen Eve). Möglich ist das, weil der Pionier der Computerwissenschaft, Alan Turing, sich nicht 1954 infolge einer quälenden Hormonbehandlung (dieser „chemischen Kastration“ musste er sich aufgrund einer Verurteilung seiner Homosexualität als Straftat unterziehen) umbrachte, sondern stattdessen auf vielen Feldern (Quantenmechanik, Logik, Computerintelligenz) weitarbeitete und ihm mit einigen Kolleg*innen weitreichende Durchbrüche auf diesen Feldern gelangen. Er machte diese Informationen öffentlich zugänglich, damit alle von ihnen profitieren konnten. Und so führten seine Entdeckungen auch zu der ersten Konstruktion von künstlicher Intelligenz.

Auf der anderen Seite aber sind die neusten Errungenschaften auch der Militärdiktatur in Argentinien zugänglich, die nun, mit spezieller Raketentechnik im Rücken, keinen Grund sieht, die Falkland Inseln nicht ihrem Herrschaftsbereich einzuverleiben. Maggie Thatcher will das (wie auch in realen Historie) verhindern und entsendet die britische Flotte, was in der Folge zu turbulenten politischen Verwicklungen führt …

Während die Geschichte der britischen Politik und Gesellschaft die Story immer begleitet (und genau in dem Maße bedingt, wie es Politik in westlichen Gesellschaften meistens tut, wenn man zur Mittelschicht gehört: es ist Gesprächsthema und hin und wieder auch wichtig, aber nicht permanent) liegt der Fokus eindeutig auf den Verwicklungen, die sich für den Protagonisten Charles aus dem Kauf seines neuen Androidenbegleiters ergeben. Denn der schaltet sich sehr bald in das Leben seines neuen „Besitzers“ ein, stellt die Ehrlichkeit von dessen neuer Freundin Miranda infrage und entwickelt eine Persönlichkeit, nebst einem Interesse für Kultur und Moral. Alles kein Bein(oder Mittelhand)bruch, denkt man, aber langsam und still wird Adam zum Freund, aber auch zum Nebenbuhler, zum Gewissen und zum nervigen Mitbewohner, zum Geldverdiener und zum Katalysator verschiedenster Entwicklungen …

McEwan ist ein großartiges Buch gelungen. Selbst wenn man den uchronischen Aspekt weglässt, ist es tolles Werk über Moral, Kunst, Gefühle, kurz: über das Menschsein. Wie McEwan das beschreibt, anhand der Dreieckskonstellation von Adam, Charles und Miranda darstellt, auf allen Ebenen, ist hohe Romankunst. Es gibt in diesem Buch alles: Spannung, Intensivität, Witz und Schönheit. Und bei all dem zeigt McEwan immer wieder, dass er ein Händchen für Charaktere hat. Er spielt sie nicht gegeneinander aus, um einen billigen Punkt zu machen, sondern führt uns mitten in ihre Zwiste und Versuchungen, Ideen und Ängste.

Es wird viel verhandelt in „Maschinen wie ich“, von den hohen Fragen was Leben bedeutet und wie man es erkennt, wie man es richtig führt, bis zu Fragen, warum man Rache will und wie das Zeitgeschehen uns gleichsam angeht und nicht angeht. Alles in allem: ein Buch, in dem man sich sehr mit seinem Menschsein konfrontiert sieht. Ich wüsste nicht, was man von Kunst mehr verlangen könnte.

In einer unsicheren Welt …


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Die Welt ist unsicherer geworden. Nein, das stimmt eigentlich nicht, eigentlich ist sie sicherer geworden, zumindest für die meisten Menschen in Europa, vor allem in Westeuropa. Und doch erlebt gerade dieses Westeuropa, 70 Jahre nach dem letzten verheerenden Krieg, den eine populistische Partei anzettelte, eine neue Welle von Populismus, Antisemitismus und Extremismus.

Diese Übel wurden nicht, wie manche anmerken und propagieren (Propa(ganda)-gieren im wahrsten Sinne des Wortes), eingeschleppt. Sie haben ihren Ursprung in einem Gefühl der Machtlosigkeit, das trotz allem Wohlstand und aller Sicherheit in unseren Gesellschaften Einzug gehalten hat. Zwar leben wir in Europa in einer sicheren Welt, dank der medialen Omnipräsenz wissen wir aber, dass diese sichere Welt bereits wenige Zentimeter hinter unseren Grenzen enden kann. Und was im Moment noch draußen vor der Tür ist, kann plötzlich auch drinnen im Raum sein.

Wir leben also tatsächlich in einem “Königreich der Angst”. Noch nie konnte die Menschheit vor so vielen Dingen gleichzeitig Angst haben und noch nie konnte diese Angst gleichsam so signifikant und gleichsam irrational sein. Wir wissen Bescheid über das, was überall auf der Welt passiert und kennen auch die Gründe, warum es passiert – und warum auch wir davon betroffen sind/sein werden. Und doch sind die wenigsten Menschen in der Lage, etwas zu ändern oder sie zögern oder sie verdrängen schlicht, dass etwas getan werden müsste.

Tief drin kann der Mensch auf Angst nur auf zweierlei Weisen reagieren: Flucht oder Angriff. Resignation oder Wut. Und so nehmen einerseits die Schuldzuweisungen zu, andererseits die Ignoranz – die sich auch beide noch bedingen. Wie kann dieser Teufelskreis bezwungen werden?

Martha Nussbaum zeigt in ihrem großartigen Buch, wie die Mechanismen der Angst unser Denken und Handeln, unsere Politik und unser Weltbild durchdringen. Und sie zeigt auch auf, wie wir unseren Fokus verschieben und unser Denken und Fühlen neu ausrichten können. Jede/r sollte dieses Buch lesen!

Eine wichtige Schrift, die Rassismus auf den Punkt bringt


How to be an antiracist

„Genauso funktionieren rassistische Ideen und Mechanismen – und generell jede Form der Intoleranz: Wir werden dahingehend manipuliert, dass wir die Menschen als das Problem sehen und nicht die Politik, die sie hereinlegt.“

Es gleicht einem schweren Urteil, wenn man heute jemandem unterstellt, eine Aussage oder eine Handlung sei „rassistisch“. Als Feststellung kann eine solche Aussage kaum gelten – fast immer wird sie als Angriff, zumindest als Feindseligkeit ausgelegt. Anders gesagt: ein unaufgeregter, neutraler Diskurs über Rassismus ist kaum möglich. Das ist auf der einen Seite nachvollziehbar, schließlich reden wir von massiver Ungerechtigkeit, jahrhundertelanger Unterdrückung und fortdauernder Marginalisierung. Andererseits wäre ein halbwegs sachlicher Diskurs über Rassismus wichtig, damit es nicht einfach nur um Schuldige und Opfer, sondern um die Möglichkeit einer anderen Gesellschaft gehen kann.

Erstmal ist Rassismus kein Schimpfwort, sondern die geäußerte, verinnerlichte oder zumindest unbewusst angenommene Überzeugung, dass es so etwas wie Merkmale gibt, die bestimmte Menschengruppen teilen und – dies der verwerfliche Aspekt des Ganzen, der Rassismus zu einem Übel macht – das man von diesen Merkmalen und der Zugehörigkeit zu jener Menschengruppe Rückschlüsse auf den Charakter und Status eines einzelnen Menschen ziehen kann.

Es gibt diese Überzeugung in verschiedenen Ausprägungen: es gibt vehemente Verfechter und es gibt Gesellschaften in denen bestimmte Formen des Rassismus sehr präsent sind, geradezu verankert, so zum Beispiel in großen Teilen der Gesellschaft der Vereinigten Staaten von Amerika. Aber letztlich hat fast jeder Mensch hier und da rassistische Tendenzen. Sie gehören zu den normalen Vorurteilen, dem schematischen Denken, mit denen wir die Welt einteilen, erklären. Teilweise beruhen Vorurteile auf eigenen Erlebnissen, die wir haben, teilweise bekommen wir sie anerzogen, von den Eltern oder den Gesellschaften, in denen wir leben – zumindest werden wir mit einigen so oft konfrontiert, dass wir sie teilweise übernehmen, wenn wir nicht das Glück haben, Erfahrungen zu machen, die den uns umgebenden Meinungen widersprechen. Wir sind also alle, auf gewisse Weise, Rassisten/Rassistinnen. Leugnen ist dabei der erste Schritt in die falsche Richtung.

„Leugnen ist der Herzschlag des Rassismus, der quer durch alle Ideologien, Races und Nationen pulsiert. Er schlägt in uns. Viele, die Trumps rassistische Ideen anprangern, leugnen ihre eigenen.“

Wie können wir der Falle entgehen, einen Rassismus gegen den anderen auszuspielen und wirklich antirassistisch werden, also uns von Vorstellungen lösen, die glauben, ein Individuum über seine Hautfarbe, seine sexuelle Orientierung, seine Herkunft, sein Geschlecht, etc. definieren zu können, nicht über seine individuellen Meinungen und Handlungen?

Nun, hier in Ibram X. Kendis Buch finden wir eine Anleitung zu genau diesem Thema. Es ist eine persönliche Geschichte vor dem Hintergrund des Rassismus in den Vereinigten Staaten, aber auch ein Leitfaden für die Bekämpfung rassistischen Denkens und Handelns, spezifisch und generell.

„Ich glaube nicht mehr länger, dass eine schwarze Person nicht rassistisch sein kann. Ich lasse nicht mehr jede meiner Handlungen davon bestimmen, wie ein imaginärer »weißer« oder »schwarzer Richter« sie beurteilen würde, versuche nicht mehr, weiße Menschen davon zu überzeugen, dass ich ein gleichwertiger Mensch bin, und Schwarze Menschen davon, dass ich eine Race gut vertrete. Ich schere mich nicht länger darum, wie die Handlungen anderer Schwarzer Menschen auf mich zurückfallen, denn keiner von uns ist ein Repräsentant von Race, und kein Individuum ist verantwortlich für die rassistischen Vorstellungen eines anderen.“

Eine sehr menschliche Adaption der Gestalt Jesu und seines Wirkens


Die Passion

Mit ihrem neusten Werk, das will ich direkt vorwegnehmen, ist Amélie Nothomb meiner Ansicht nach ein berührendes, intimes Portrait einer eigentlich überlebensgroßen, vollständig mythologisierten Figur geglückt. Jesus von Nazareth, der, ganz gleich ob er nun eine historische Person oder eine Metapher war (letzteres würde die Glaubwürdigkeit seiner Lehre nicht untergraben, ja, vielleicht sogar stärken), vielen als Erlöser gilt, als Inbegriff der Weisheit, des Glaubens und der Liebe, als menschgewordener Gott.

Genau so und doch ganz anders stellt ihn Nothomb dar, ja ich wage zu behaupten, in ihrem Buch „Die Passion“ ist Jesus menschlicher als in jeder anderen Darstellung (zumindest unter denen, die mir bekannt sind), ohne das die Autorin seine göttliche Abstammung und Mission negiert. Aber sie lässt die Passions- und darüber hinaus die Lebensgeschichte von Jesus in einem ganz neuen Licht erscheinen, ihn selbst zu Wort kommen, nicht nur als Sprachrohr Gottes.

Das Buch beginnt mit dem Prozess gegen Jesus, in dem all die Leute, an denen er Wunder gewirkt hat, Zeugnis gegen ihn ablegen:

„Der nun sehende Blinde klagte über die Hässlichkeit der Welt, der einst Aussätzige beschwerte sich, dass die Almosen ausblieben, der Fischereiverband vom See Genezareth warf mir vor, ich hätte ein paar Fischer bevorzugt behandelt, und Lazarus schilderte, wie grauenhaft es sich anfühlt, wenn einem der Leichengeruch an der Haut klebt.“

Nicht Dankbarkeit, sondern Misstrauen und Unverständnis schlagen ihm entgegen und er nimmt dies zwar hin, aber in seinem Innern, das er auf den folgenden 120 Seiten offenlegt, hadert er mit dieser Entwicklung, die er als unausweichlich ansieht, deren Wucht und Absurdität in ihm aber trotzdem Zweifel, Scham und Widerstände schüren.

„Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd. Trotzdem begreife ich nicht, was in sie gefahren ist, dass sie mich derart mit Schmähungen überhäuften. Und dieses Unverständnis betrachte ich als Scheitern, ja als Verfehlung.“

Wir erleben im Folgenden einen Jesus Christus, der zwar in seiner Weisheit und seinem Plädoyer für Liebe und das einfache Leben sehr seinem Vorbild aus der Bibel gleicht, aber ungleich zerrissener ist, was seine Erfahrungen auf der Erde und sein Schicksal angeht. Er rekapituliert sein Wirken und erzählt von den Menschen, die seinen Weg begleitet haben, vom widerspenstigen Judas, seinem Ziehvater Joseph, seiner großen Liebe Maria Magdalena, seiner Mutter Maria – und seine Betrachtungen dieser Begegnungen sind voller Eingeständnisse.

„Meine Mutter ist auch ein viel besserer Mensch als ich. Das Böse ist ihr fremd, sie erkennt es nicht einmal, wenn sie darauf stößt. Ich beneide sie um dieses Unwissen. Mir ist das Böse nicht fremd. Um es bei anderen zu erkennen, muss ich es notwendig in mir tragen.“

Trotz dieser Entzauberung ist Nothombs „Passion“ ein zutiefst spirituelles, emphatisches Werk. Der große Unterschied zur biblischen Geschichte ist, dass Jesus keineswegs den Geist über den Körper stellt, sondern dem Körper (diesem Motiv, das Nothoms Werk wie kein zweites durchzieht) sogar besondere Bedeutung und Schönheit beimisst. So sieht er zum Beispiel die beste Entsprechung der Erfahrung von Gott nicht im Glauben oder der rein geistigen Liebe, sondern in körperlichen Empfindungen, allen voran im Durst.

 „Es ist kein Zufall, dass ich mir diese Weltgegend ausgesucht habe: Politisch zerrissen war mir nicht genug, ich brauchte ein durstiges Land. Nichts ist der Empfindung, die ich erwecken will, ähnlicher als der Durst. […] Es gibt Menschen, die glauben, keine Mystiker zu sein. Sie irren sich. Wer einmal wahrhaft gedürstet hat, hat diesen Status schon erreicht. Wenn ein Dürstender den Wasserbecher an die Lippen setzt – dieser unbeschreibliche Moment ist Gott. […] Versucht, diese Erfahrung zu machen: Nachdem ihr ausdauernd gedürstet habt, trinkt ihr den Becher nicht auf einen Zug aus. Nehmt einen einzigen Schluck, den ihr für ein paar Sekunden im Mund behaltet. Ermesst das Entzücken. Dieses Wunder ist Gott.“

Und auch die Liebe, körperlich wie seelisch, bringt er mit dem Trinken zusammen:

„Liebe fängt immer damit an, dass man mit jemandem etwas trinkt. Vielleicht, weil keine andere Empfindung so wenig enttäuscht. […] Wer jener, die er bald lieben wird, zu trinken anbietet, verspricht, dass der Genuss nicht hinter der Erwartung zurückbleiben wird.“

Die Passion, das körperliche Leiden, bei dem wir ihn als Leser*innen am Ende des Buches begleiten, empfindet er zwar als seine Aufgabe, aber eine widersinnige. Er glaubt nicht das darin etwas Heilsames liegt und ertappt sich selbst über das ganze Buch immer wieder bei dem Wunsch, mit Maria Magdalena fortzugehen und ein normales, unscheinbares Leben fern seiner Bestimmung zu führen. Seinem Vater, Gott, wirft er vor, dass er seine eigene Kreation, die Menschen, nie wirklich verstanden hat, gar nicht verstehen könne, weil er keinen Körper habe. Und auch die Kreuzigung und ihre fatale Wirkung wirft er ihm vor.

„Denn was mein Vater mir auferlegt, zeugt von einer so tiefen Verachtung des Körpers, dass davon für immer etwas zurückbleiben wird.“

Man könnte die Figur, die Nothomb kreiert hat, als eine Art Verschmelzung des biblischen Jesus mit Epikur bezeichnen, mit einem Schuss mittelalterlicher Mystik. Sie ist in keinem Moment eine Parodie oder negative Verzerrung des biblischen Jesus, richtet aber seinen Fokus neu aus, verlagert seine Sicht, sodass er als Mensch unter Menschen etwas mehr von der menschlichen Seite der Geschichte versteht und nicht allein die göttliche Perspektive vertritt.

Er beschreibt die Menschheit als genau jene Mischung aus Abgründen und Tugenden, die sie ist. Menschen sind eigensinnig, misstrauisch, schwerfällig, auch dumm und kleinlich, aber eben auch selbstlos, spontan, können überraschen und sich überwinden.

„Eine merkwürdige Art, die mein Vater da erschaffen hat: auf der einen Seite Niedertracht mit Meinungen, auf der anderen Großherzigkeit, die nicht denkt.“

Gläubige werden/würden wohl dennoch Anstoß nehmen dieser Jesus-Figur, allein schon deshalb, weil er seinen Vater für fehlbar und in mancherlei Hinsicht für unwissend hält. Aber das Plädoyer, welches dieses Buch vorbringt, zeichnet dennoch ein wunderbar genaues Bild einer Menschheit, die immer hin und her gerissen ist zwischen spirituellen und körperlichen Bedürfnissen. Ein Bild auf dem sich sehr viel leichter ein Glaube aufbauen lässt als auf der unfehlbaren Gestalt der Bibel, denn es hat ein durch und durch menschliches Antlitz.

Ein Roman zwischen magischem und historischem Realismus


Der Wassertänzer

Eines der Bücher die mich in den letzten Jahren nachhaltig beeindruckt haben, war Ta-Nehisi Coates Essaysammlung „We were eight years in power – Eine amerikanische Tragödie“; acht Texte aus der und über die Zeit der Obama-Präsidentschaft. Ich hatte das Gefühl einige Aspekte der schizophrenen US-Gesellschaft endlich verstanden zu haben; oder, besser gesagt: verstanden zu haben, was dort schieflief und warum trotzdem niemand etwas tat.

Für mich stand nach der Lektüre fest, dass Coates zu den Schriftsteller*innen gehört, von denen ich alles lesen will. Also besorgte ich mir den Roman „Der Wassertänzer“ – und der Stil darin überraschte mich. Ich hatte mit einer klaren, relativ schnörkellosen Sprache gerechnet, aber Coates legte einen ganz anderen Ton an den Tag, als in seinen Essays: filigraner, vielfältiger. Was zu einem Roman auch viel besser passt.

Erzählt wird die Geschichte von Hiram Walker, einem Sklavenjungen, der allerdings auch der Sohn des Besitzers der Plantage ist, auf der er aufwächst. Von Anfang sitzt er somit zwischen Stühlen, bewegt sich zwischen den Welten der Weißen und Schwarzen. Er besitzt ein fotographisches Gedächtnis (eine starke Metapher in diesem Kontext, nach dem Motto: gegen das Vergessen) und, wie sich später herausstellt, auch einige weitere, nahezu übernatürliche besondere Fähigkeiten. Mit diesen wird er, nach seiner Flucht von der Plantage, zu einer wichtigen Figur im Underground der Anti-Sklaverei-Bewegung …

Coates Roman ist ein fesselndes, differenziertes Werk, das gut die Balance hält zwischen historischen und phantastischen Elementen. Vor allem gelingen ihm plastische Figuren, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Viele Motive lassen sich auch als übergreifende Metaphern interpretieren und der Romankosmos hat, gegen Ende, in vielerlei Hinsicht die Wucht einer Saga oder Legende. Ein sehr lesenswertes Buch auf jeden Fall!