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Zum Film “The red pill”


The red pill Nur selten geschieht es in Zeiten, die ihren Fokus und ihre Dynamiken so sehr auf Extreme verlagert haben wie unsere – zusätzlich forciert von Faktoren wie Sensation und Unterhaltung –, dass man eine wirklich differenzierte Studie zu sehen/zu lesen bekommt. Kontroversen sind heute meist ein Euphemismus für den Austausch von Beleidigungen; im besten Fall sind es Gefechte, in denen die Fronten so klar gezogen sind, dass man sich auch klar positionieren muss, ansonsten nimmt man nicht teil. Kontroversen, die Weltsichten tatsächlich infrage stellen und nicht dazu führen, sie zu verhärten, gibt es kaum noch; Kontroversen, die Erschütterungen sind, Anregungen; die Gebiete sind, in denen man sich nicht sofort positionieren kann oder sich in vielen Positionen wiederfindet.

Der Film der amerikanischen Filmemacherin Cassie Jaye enthält genügend Stoff für eine solche produktive Form der Kontroverse.

Worum geht es in „The red pill“?
Die zuvor vor allem in feministischen Kreisen tätige Filmregisseurin Jaye stößt im Zuge einer Recherche auf die Website von men‘s-right-Aktivist*innen. Fasziniert von dieser, ihrem feministischen Weltbild scheinbar diametral gegenüberstehenden Bewegung, will sich ein genaueres Bild machen: wie ticken diese Menschen, die davon überzeugt sind, dass Männerrechte nicht genug gewürdigt werden. Sie besucht einige Aktivist*innen, führt Gespräche mit ihnen, hört sich an, was sie bewegt und wie sie dazu kamen, Männerrechtsbewegungen zu gründen – und dokumentiert alles mit der Kamera, schneidet zusätzlich Live-Berichterstattungen, Bilder, Atmosphärisches mit ein. Sie besucht auch Feminist*innen, Genderaktivist*innen und -forscher*innen und hört sich ihre Meinungen zu den Motivationen und Aussagen der Männerrechtsbewegung an. Bald beginnt sie zwischen all den Motivationen und Kritikpunkten die Orientierung zu verlieren – und stellt sich selbst ungewohnte Fragen: inwiefern kann Feminismus als Ideologie gesehen werden? Was lässt man außen vor, wenn man die Männerrechtsbewegung und ihre Themen ignoriert? Zwischen diesen Fragen und ihren eigenen Überzeugungen werfen sich Grauzonen auf …

Direkt vorweg: man darf sich die Aktivist*innen der men‘s-right-Bewegungen nicht wie Al Bundys „No Ma’am“-Männer-Haufen, eine Gruppe Stammtisch-Misogyniker oder eine Horde Machotypen, Verherrlicher von männlichen Tugenden vorstellen. Sie proklamieren (in der Mehrzahl) nicht, dass Männer ihre Männlichkeit wiederfinden/darauf stolz sein sollen oder etwas in der Richtung, noch sind sie eine schlichte Kontrabewegung, deren Ziel die Aufweichung von feministischen Aussagen und Ideen ist. Es sind Aktivist*innen, denen es darum geht, die andere Seite sichtbar zu machen. Es sind Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, die sich in Feldern bewegen, in denen Männerrechte nach wie vor vernachlässigt werden und die, von ihrer Warte aus, mit einer Gesellschaft ringen, in der zu wenig Räume für eine differenzierte Betrachtung von Männern als Opfer, als Leidtragende, als des Mitgefühls für wert erachtete Individuen existieren.

Mir ist bewusst, dass das alles erstmal empörend klingt. Warum beschweren sich diese Menschen – von denen man weiß (oder annimmt?), dass sie auf Grund ihres Geschlechts zu den Privilegierten zu zählen sind – über irgendetwas, das sie betrifft, während sie sich für die Rechte von Menschen einsetzen könnten, die über Jahrhunderte unterdrückt wurden und nicht die Rechte und Privilegien besaßen, die Männer aufgrund ihres Geschlechts seit jeher hatten (teilweise wohlgemerkt nur, wenn sie in die richtigen Verhältnisse hineingeboren wurden)? Im Großen und Ganzen ist diese Empörung natürlich berechtigt. Aber wie sieht es auf der Mikroebene aus? Wie, wenn man den Blick auf einen bestimmten Aspekt wirft?

Männer, die dasselbe Verbrechen begangen haben, bekommen bis zu 60% längere Gefängnisstrafen als Frauen (in den vereinigten Staaten, in Europa gibt es keine Studien zu dem Thema, zumindest habe ich keine gefunden). In Sachen Vaterschaftsrecht und Mutterschaftsrecht gibt es gravierende Diskrepanzen (was, wiederum, teilweise auf patriarchale Denkweisen zurückzuführen ist). Männer verrichten nach wie vor einen Großteil der schweren Arbeiten und 97% der Arbeitstodesfälle in den Vereinigten Staaten entfallen auf Männer (in der EU entfallen 66% der nichttödlichen Arbeitsunfälle auf Männer) (auch hier ist natürlich die hohe Zahl teilweise auf die männliche Vormachtstellung in diesen Berufen zurückzuführen; aber würde sich, wenn sich das ändern würde, wirklich eine große Anzahl Frauen dazu entscheiden in Bergwerken zu arbeiten, auf dem Bau oder auf Ölplattform? Zurecht haben die feministischen Bewegungen früh für einen Zugang zu höherer Bildung, höheren Posten in Unternehmen und gleiche Gehälter gekämpft, eine Forderung, der man sich nur anschließen kann und die unbestritten umgesetzt werden muss. Aber wie steht es mit der Beteiligung an den gefährlichen Arbeiten? Gehören sie gewürdigt, gehört auch hier die Gleichberechtigung, zugunsten der Männer, umgesetzt?)

Ich glaube nicht, dass diese Themen in irgendeiner Weise mehr oder dringendere Beschäftigung verdienen als andere. Sie sind nicht komplett aus der Luft gegriffen, das ist alles. Und ich glaube, dass es wichtig ist, auf sie einzugehen, denn wenn wir über neue Formen von reflektierter Männlichkeit diskutieren und ihnen den Weg bereiten wollen, dann werden diese Aspekte eine Rolle spielen. Wenn Männer als Opfer nicht wahrgenommen werden, wenn ihnen dieser Status kategorisch abgesprochen wird oder als zweitrangig gewertet wird, dann wird das den Prozess eines solchen Diskurses, eines Neudenkens hemmen. Ich will gar nicht leugnen, dass es trotzdem schwerfällt, den Gedanken der Unverhältnismäßigkeit im Hinblick auf diese Vergleiche und Forderungen, auf die ganze Idee von Männerrechtsbewegungen, auszublenden. Ich glaube, er sollte auch nicht ausgeblendet werden, denn er ist berechtigt; aber er berechtigt nicht dazu, diese Bewegungen wiederum als unberechtigt oder nicht erwähnenswert zu betrachten.

Viele werden jetzt sagen: da hab ich eh nichts dagegen und der Feminismus hat sicher auch nichts dagegen. Das stimmt. Es gibt Überschneidungspunkte zwischen den Männerrechtsbewegungen und den Frauenrechtsbewegungen – beide wollen Gleichberechtigung und haben natürlicherweise jeweils jene Themen, bei denen dies für ihre Seite noch nicht erreicht ist, mehr auf dem Zettel als jene, bei denen sie in der privilegierten Position sind. Wer das Privileg innehat, kann sich leisten zu leugnen, dass es ein solches gibt, um Carolin Emcke zu paraphrasieren. Der Film zeigt auf, wo die blinden Flecken in einer ansonsten richtigen Denkweise liegen könnten; diese Flecken, einmal entdeckt, entstellen die Denkweise nicht; aber sie entstellen sie möglicherweise, wenn man sie nicht entdeckt.

Ja, der Film spielt in Amerika und ist auf europäische Verhältnisse nur bedingt anwendbar; überhaupt ist er vermutlich gar nicht auf irgendwelche Verhältnisse anwendbar. Er stürzt keine gesellschaftlichen Paradigmen, bringt keine revolutionäre Ideen an den Mann/die Frau, auch wenn manche Redner*innen dies implizieren. Aber er verschafft eine breitere Perspektive, beleuchtet Ränder, erweitert ohne Frage das Spektrum.

Letztlich war ich am Ende, nach viel Widerstand und viel Unbehagen, noch mehr von meiner feministischen Perspektive überzeugt – aber ebenso davon, dass sie modifiziert gehört. 90% der Morde in der Welt werden von Männern begangen – es gibt ganz klar einen engeren Zusammenhang zwischen tödlicher Gewalt und dem männlichen Geschlecht. 1 von 3 Frauen erfährt in intimen Beziehungen regelmäßig Gewalt, man(n) kann es nicht oft genug sagen. Aber ich hätte vor diesem Film nicht gewusst, dass 1 von 4 Männern ebenfalls in intimen Beziehungen Gewalt erfährt. Gewalt ist kein rein männliches Phänomen und sollte nicht als ein solches bezeichnet und besetzt werden, auch wenn seine offensichtlichsten Auswüchse meist männlich geprägt sind und zu dieser Sicht verleiten (diese Auswüchse sollen auch nicht kaschiert werden). Und ja, es gibt viele Männer in Machtposition, die ihre Macht zu Unterdrückung von Frauen missbrauchen; trotzdem berechtigt das nicht zu allgemeinen Aussagen über Männer, was Macht und Gewalt angeht. Eine männliche Geste, die einem missfällt, sollte, auch wenn wir uns in patriarchalen Strukturen befinden, nicht automatisch als Machtgeste gedeutet werden. Wir alle sind Ausdruck der Strukturen, in denen wir uns bewegen – aber genauso Ausdruck unser selbst. Diese Unterscheidung zu vergessen oder gar aufzuheben wäre fatal.

„The red pill“ ist von einigen Stellen als Propaganda-Film bezeichnet und ihm ist vieles vorgeworfen worden, einiges davon zu Unrecht (und wohl ohne die genaue Kenntnis des Inhalts), so wie manches, das in Teilen durchaus greift (bspw. ist ein Teil des Einstiegs durchaus heftig und sehr problematisch und viel zu lang, bis fast zum Schluss, bleibt der Hintergrund unaufgelöst). Es liegt mir auch fern, die darin geäußerten Meinungen allesamt als gut zu bezeichnen oder ihnen zuzustimmen (es gibt auch hier Meinungen, die einfach an jeglichem vernünftigen Diskurs vorbeigehen, Argumente, die einfach nicht ins Gewicht fallen, Themen wie rape-culture, die zwar angeschnitten, aber nicht integriert werden). Aber in der Art wie dieser Film Menschen unterschiedlichster Hintergründe und Motivationen zu Wort kommen lässt und sich nicht auf die polemischen, sondern die produktiven Aussagen und Ideen konzentriert und sie verfolgt, in seiner Art, die Dinge und Stimmen einfach zu zeigen, leistet er etwas, das ich schon lange nicht mehr erlebt habe: er diktiert keine Sicht, er wirft die Zuschauer*innen ultimativ auf sich selbst zurück. Und zwingt sie dazu, sich mit den eigenen Ansichten – die vielleicht teilweise im Gehirn nur noch reproduziert, aber nicht mehr mit Umsicht zusammengesetzt werden – auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung mag letztlich wiederum dazu führen, dass man viele der im Film geäußerten Meinungen als verfehlt betrachtet, Positionen findet und definieren kann, von denen aus sie angreifbar sind. Aber die Auseinandersetzungen mit den eigenen Überzeugungen schaden nie – und dazu lädt dieser Film auf vielschichtige Weise ein. Und allein deshalb ist er sehenswert. Weil er hadert, weil er sich vielem aussetzt. Wie schrieb eine kanadische Autorin unlängst: „Wir müssen aufhören, Kunstwerke nur danach zu bewerten, ob man ihnen zustimmen kann oder nicht. Wenn es je einen Holzweg gab, dann ist es dieser. Die Frage ist nicht, wie wir sie bewerten, was also wir mit ihnen machen. Sondern wie sie auf uns wirken.“

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Zu Ron Padgetts Gedichten


Die schönsten Streichhölzer der Welt besprochen beim Signaturen-Magazin.de

Zu Mascha Kalékos Gedichtband “Verse für Zeitgenossen”, neu aufgelegt bei dtv


Verse für Zeitgenossen besprochen beim Signaturen-Magazin.de

Top Ten Thursday: 10 Bücher, die verfilmt werden sollten


Top -10- Bücher, die ich verfilmen würde

1. Die amerikanische Nacht – Marisha Pessl
2. Die Erben des Imperiums – Timothy Zahn
3. Galapagos – Kurt Vonnegut
4. Von Neun bis Neun – Leo Perutz
5. Schwarz – Stephen King
6. Gefährliche Laster – Garth Ennis
7. Das Word heißt Vollkommenheit – Elizabeth A. Lynn
8. Gegen die Welt – Jan Brandt
9. Die Nacht auf dem Rücken – Julio Cortazar
10. Pas de Deux – Philippe Djian

Seitenfetzer

Top Ten ThursdaySalvete, homines!

Das Thema des heutigen Top Ten Thursday, der von Steffis Bücher Bloggeria organisiert wird, hat mich dazu animiert, mal wieder mitzumachen. Deswegen lasst uns gleich beginnen mit den (fast zehn) Büchern, die ich als Film sehen möchte.

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Poesie.Meditation: Nachruf auf Lars Gustafsson


Heute erschienen: die neuste Poesie.Meditation, gleichzeitig ein Nachruf auf Lars Gustafsson.

 

Poesie. Meditationen – Folge 13: Lob der Elegie und Nachruf auf Lars Gustafsson

Eine verpasste Chance, aber ein guter Film: Star Wars Episode VII


Ich kann mich immer noch nicht so ganz damit abfinden, dass Disney sie alle zu Legenden erklärt hat: Kyle Katarn, Grand Admiral Thrawn, Mara Jade, Wedge Antilles (in sehr stark erweitertem Gewand), Jaina und Jacen Solo, Ysanne Isard undundund. Als großer Fan der erweiterten Star Wars Buch- und Comicwelt hätte ich mir sehr gewünscht, dass einige dieser Figuren in die neue Star Wars Trilogie Einzug halten und zumindest einige herausragende Plots oder Entwicklungen für eine Anleihe in Erwägung gezogen werden (letzteres ist in sehr kleinen Teilen geschehen, vielleicht ja sogar noch ein bisschen mehr, wir werden sehen, remember they’re comming soon: Episode VIII & IX).

Aber, es sollte anders kommen: Disney wollte zurück zu den Anfängen und alles auf Anfang setzen. Gleichzeitig fanden bei dem neuen Film aber Elemente wie Nostalgie, Schemata und Selbstironie fast schon im Übermaß Verwendung.
Es war klar, dass vielen Leuten nicht gefallen konnte, nicht zuletzt George Lucas, der dem “Retrofilm” quasi seinen Segen entzog. Zu wenig Innovation oder zu viel Innovation (zu viel Unvertrautes/Unlogisches), beides Dinge, die man dem Film vorwerfen kann und vorgeworfen hat.
Es gibt ja auch schwer zu entkräftende Mängel, die auch noch aus einer Ecke kommen, in der ich mich selbst zu Hause fühle, nämlich der Ecke eben jener Leute, die all die verpassten Chancen sehen, die einem dieser Film geradezu ins Gesicht reibt, an jeder Stelle, wo man sich denkt: man!!!!! da hättet ihr es doch so machen können! Und das ist ja wohl sowas von glatt, unlogisch, schlampig, bequem – man!!!

Ich bin ein großer Fan der Originaltrilogie und habe mittlerweile Episode IV schon an die 9-10x gesehen. Was immer wieder aufkommt, wenn ich den Film anderen Leuten, die ihn noch nicht kennen (ja, solche Leute gibt es!), vorführe, ist eine tiefe Unbehaglichkeit, sobald mich Leute auf Lücken in der Handlung, auf die Dialoge, die Accessoires, den Pathos und viele andere Kleinigkeiten hinweisen. Früher dachte ich mir: ich will das nicht hören! Aber jetzt bin ich mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem ich freudig bemerkt habe: es macht mir nichts aus, es bleibt ein geiler, großartiger Film, egal was daran bekrittelt wird.

Womit das zusammenhängen mag, mögen andere darlegen; vielleicht gibt es dafür eine Erklärung, aber auch die würde mich, genauso wie die Logiklöcher in Star Wars IV, V und VI, nicht sonderlich interessieren. Ich bin ein großer Fan des Gefühls, das Star Wars transportiert, das Epische, das es andeutet und anfüllt, teilweise märchenhaft, dann wieder menschlich und wie unkontrolliert dazwischen hin und her pendelnd. Diese Filme haben ihre Macken – aber es sind keine Fehler, es sind Features. Und eingedenk dieser Tradition, kann ich auch nur den neuen Star Wars Film beurteilen, wie ich seine Vorgänger beurteilt habe: mit den Augen für das Furiose, Magische, Fetzig-Heroische, Komische und teilweise leicht mit Absurdität gewürzte und dann wieder bewegende. Space Opera halt.

Damit will ich nicht negieren, was es an diesem Film alles auszusetzen gibt. Darunter fallen für mich (hier wird es etwas SPOILERIG!):

– Kylo Ren. Ich habe diesen Charakter zwar auch schon verteidigt und bin der Meinung, wir sollten abwarten, was wir noch über seine Hintergrundgeschichte erfahren, aber wirklich überzeugt hat er mich nicht. Disney wollte wohl eine “etwas andere” Sith-Figur konstruieren – glaubhaft sind Motivation und Charakterbild bisher aber nicht vermittelt worden, es bleibt ein diffuses Zerrbild, in dem alle Anspielungen, sowie seine Handlung und Aussagen, hängenbleiben und sich nicht ganz fügen.
– Lichtschwertkämpfe. Sind realistischer geworden, weniger wie eine Choreographie, was eine nicht zu verachtende Idee ist. Dennoch wird hier viel Star Wars Feeling verschenkt.
– Anführer Snoke. Find ich ehrlich gesagt ziemlich schlimm, fast schon eine Witzfigur. Hoffentlich kommt da noch was, um das zu ändern.
– Hux. Nicht ganz so schlimm wie Snoke, aber nah dran. Kein Wunder, bei dem Namen. Wo sind Bösewichte, die das Bekämpfen lohnen? Wie ein anderer Rezensent schon anmerkte: bei der ersten Ordnung geht es teilweise etwas zu sehr zu wie im Kindergarten. Aber abseits seiner Kabeleien mit Kylo finde ich, dass Hux mit seiner Manie durchaus eine Chance zum labilen Bösewicht hat. Seufz. Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass die erste Ordnung nicht mehr so wunderbar abgründig, stoisch, bedrohlich und klinisch glatt ist, wie das Imperium und seine Anführer, sondern dem völlig unverständlichen Trend zum Opfer fällt, dem Diabolischen etwas Groteskes und Absurdes beizumischen, um weitere Komik zu erzeugen, was in Star Wars auf der dunklen Seite der Macht nur in kleinen Dosen funktionieren kann, behaupte ich jetzt mal.
– Einige Fragen sitzen einem wirklich auf der Leber: Was ist aus Leas Machtanlagen geworden? Wieso hat die Republik nie etwas gegen die erste Ordnung unternommen? Woher zum Teufel kommt der oberste Anführer?
Bisher ist das Auslassen dieser Fragen nur verschenktes Potential, aber es könnte, wenn es ignoriert und nicht mehr angesprochen wird, zu einem Makel werden, der ewig einen Schatten auf die Verbindung zwischen Episode VI und VII wirft, sie quasi negiert und damit die Gesamtheit der Star Wars Filme zersplittert, was sehr schade wäre, denn wenn Disney eine Aufgabe hat, die sie erfüllen müssen, dann ist es diese!!

Gegen andere Sachen kann man sich sträuben, muss man aber nicht und sie sind nicht wirklich unlogisch (siehe dazu auch die beiden Links am Ende des Textes), sondern lediglich sehr schwer zu verdauen oder eben: Space Opera. Dass der Millennium-Falcon aus dem Hyperraum durch einen Planetenschild springt ist natürlich kaum zu glauben, selbst wenn man es exakt berechnen würde. Aber hier sollte man das tun, was Filme doch so wichtig und gut macht: Sich zurückfallen lassen und es genießen. Die Wirklichkeit schreibt uns oft genug vor, was unmöglich ist und es gibt sehr viele unmöglich-unlogische Dinge, die nicht halb so ergötzlich sind wie Han Solos “aber es würde dir nicht gefallen”. Hier hat J.J. Abrams sich halt mal eben schnell über alle Logik hinweggesetzt und war innovativ. Und war George Lucas das nicht auch als er die Lichtschwerter erfand, obgleich wahrscheinlich viel gegen ihre Machbarkeit spricht? Zugegeben, Lichtschwerter sind eine weitaus größere, genialere Erfindung. Aber dennoch.
Und in Sachen Todesstern (SPOILER!): Ehrlich gesagt ist es ziemlich glaubwürdig, dass Nachfolger des Imperiums noch mal einen Todesstern bauen. Was denn sonst? Sie wollen nach wie vor die Galaxis beherrschen. Und außerdem hat es sich doch bewährt, hat immerhin die Republik vernichtet, scheint also keine so dumme Idee gewesen zu sein. Und gut geschützt war dieser Todesstern auch. Lediglich Hans und Chewies Idee konnte von innen ein Loch in die Verteidigung brechen. Von innen! Ist bis dato bei keinem Todesstern so gewesen.

Vieles an dem Film hat mir sehr gefallen, hat mich mitgerissen, ich bin beglückt aus dem Kino gekommen und das kommt nicht mehr so häufig vor. Eine lose Liste von tollen Dingen.

– Klare Nummer 1! Harrisson Ford. Ja, es ist halt nur noch einmal so und blablabla. Hier bin ich einmal unverständnisvoll und muss allen sagen, die finden, dass er schlecht spielt: wenn euch seine pure Spiellaune, mit einem guten, realistischen Ansatz an Alter, nicht umgehauen hat, dann weiß ich nicht, welchen Film ihr gesehen habt.
– Die neuen Charaktere. Da ist noch Luft nach oben, aber sie gefallen auch mir sehr gut. Ein bisschen zu einförmig noch an manchen Stellen, aber das waren Han Solo (raubeiniger, angebender Kerl), Luke Skywalker (Bauerntölpel, der ganz gut Raumschiffe fliegen kann) und Prinzessin Lea (schnippische Amazone mit Anführer-Qualitäten) ja auch, bevor Episode V und schließlich Episode VI ihren Charakter brachen und noch mal neu beleuchteten. Potential ist da.
– Dialoge. Lange nicht mehr so bei einem Film dabei gewesen, um keine Zeile zu verpassen. Nicht immer alles Gold, aber alles glänzt und die Dynamik und das Tempo, die damit einhergehen, das ist wirklich noch mal Star Wars Episode IV!
– Feeling. Es ist da! Star Wars Feeling!
– BB8. Ein cooler, neuer Droide. Dafür ausnahmsweise sogar mal: danke Disney!
– Spannung. Ich verstehe nicht, wie man den Film nicht spannen finden kann. Es ist zwar einiges Retro dran, ohne Frage und dass es mit der Starkillerbasis gut ausgeht wussten wir wohl alle. Aber dennoch nimmt dieser Film ein paar mehr Wendungen als Episode IV und streut hier und da einige Innovationen ein, sodass man verunsichert ist, ob denn wirklich alles glatt gehen wird. Und es gibt so viele Fragen die aufgeworfen werden, dass man sich doch die ganze Zeit fragt, welche noch beantwortet werden und welche nicht!!
– Lose Enden. So viel auf das man gespannt sein darf. Ich brenne darauf, mehr über Ray und Luke und die Republik, ja sogar über die erste Ordnung, Kylo Ren und Snoke zu erfahren. Und noch viel mehr.

Ja, es ist nicht der Film, der es hätte werden sollen. Der liegt irgendwo im Land der platonischen Ideen und vor ihm verblassen alle möglichen Filme zu mageren Abbildungen, Absonderungen. Ich verstehe den Frust. Und das Vermissen. Was ich nicht verstehe, sind die teilweise harschen Urteile. Urteilen ist so leicht. Legitim, aber doch sehr leicht. Und Star Wars war schon immer leicht zu verurteilen, als nerdig und was sonst noch alles. Aber es bleibt, was es immer war, auch, man mag es kaum glauben, in der Disney-Ära: großes Kino!

 

Links:

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